{"id":3160,"date":"2020-08-12T14:54:59","date_gmt":"2020-08-12T12:54:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3160"},"modified":"2020-08-19T09:55:02","modified_gmt":"2020-08-19T07:55:02","slug":"respekt-und-dankbarkeit-gegenueber-israel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/respekt-und-dankbarkeit-gegenueber-israel\/","title":{"rendered":"Respekt und Dankbarkeit gegen\u00fcber Israel"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt \u00fcber R\u00f6mer 11, 25-32 | verfasst von Benedict Schubert |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>im 12. Jahrhundert entstand in unserer Stadt die erste j\u00fcdische Gemeinde. Die j\u00fcdischen Familien lebten nicht in einem Getto, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft mit den christlichen. Vor den T\u00fcren unserer Kirche lag auch der j\u00fcdische Friedhof. Das Zusammenleben war nicht spannungsfrei, zumal die Bettelorden ab Ende des 13. Jahrhunderts ihre antij\u00fcdische Propaganda verst\u00e4rkten. Als sich 1348 die Pest von S\u00fcdeuropa aus ausbreitete, kam es schliesslich in verschiedenen St\u00e4dten Europas zu \u00abPestpogromen\u00bb: Den j\u00fcdischen Menschen wurde unterstellt, sie seien an der Seuche schuld, deshalb wurden sie vertrieben, verfolgt, vernichtet.<\/p>\n<p>Im Dezember 1348 hatte die Pest Basel zwar noch nicht erreicht, doch die Panik hatte die Stadt schon ergriffen. Es herrschte ohnehin schon eine unverhohlene Judenfeindschaft, die klare wirtschaftliche Gr\u00fcnde hatte. Zum einen hatte sich ein Grossteil des Basler Adels bei j\u00fcdischen Kreditgebern schwer verschuldet, zum anderen hatten die privilegierten Achtburger, nichtadelige Basler Patrizier, das Bankgesch\u00e4ft aufgenommen und waren Konkurrenten der j\u00fcdischen Geldverleiher geworden. In der Weihnachtszeit wurde der j\u00fcdische Friedhof verw\u00fcstet. Am 16. Januar kam es zum eigentlichen Pogrom. Aufgehetzte Banden sperrten alle Juden, die sie festnehmen konnten, in eine eigens daf\u00fcr errichtete Holzh\u00fctte auf einer Insel im Rhein; die H\u00fctte wurde angez\u00fcndet, alle verbrannten oder erstickten. Kinder blieben verschont, aber zwangsgetauft und in Kl\u00f6ster verschleppt. Einzelne Erwachsene entgingen dem Tod, weil sie in letzter Minute konvertierten. Das sollte sie schliesslich aber auch nicht retten; als die Pest 1349 in Basel ausbrach, wurden sie trotzdem verhaftet und gefoltert. Durch Folter k\u00f6nnen Menschen bekanntlich dazu gebracht werden, irgendetwas zu gestehen. Deshalb gestanden die Gefolterten auch das ihnen vorgeworfene Giftkomplott und wurden deswegen hingerichtet. Ende 1349 war die j\u00fcdische Gemeinde in Basel ausgel\u00f6scht. Damit galten die j\u00fcdischen Guthaben und Pfandrechte als erloschen, Besitz und H\u00e4user waren in christliche H\u00e4nde \u00fcbergegangen. Der Rat beschlagnahmte die Synagoge und den Friedhof; Grabsteine wurden als T\u00fcrschwellen oder zur Ausbesserung der Stadtmauer verwendet, ein Grabstein wurde mit der Inschrift nach unten als Bodenplatte im Basler M\u00fcnster verlegt.<\/p>\n<p>Als wenige Jahre sp\u00e4ter, 1356, das grosse Erdbeben Basel traf, war das in den Augen Einzelner Gottes Strafe f\u00fcr diese Schandtat gegen\u00fcber Seinem Volk. Doch schon um 1360 liessen sich doch wieder j\u00fcdische Familien in Basel nieder. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind unklar; die These, sie seien gerufen worden, weil die Stadt Geldverleiher brauchte, ist offenbar widerlegt. Ebenso unklar ist, weshalb diese zweite j\u00fcdische Gemeinde sich knapp vierzig Jahre sp\u00e4ter erneut aufl\u00f6ste. Vier Jahrhunderte lang blieb es j\u00fcdischen Menschen verwehrt, sich in Basel niederzulassen. Erst 1805 wurde schliesslich die dritte, immerhin bis heute bestehende israelitische Gemeinde in Basel gegr\u00fcndet. Wir leben in unmittelbarer und weitgehend guter Nachbarschaft miteinander. J\u00fcdische Freunde stellen uns gegen\u00fcber jedoch besorgt fest, dass auch hier antisemitische \u00dcbergriffe am Zunehmen sind.<\/p>\n<p>Ich habe an dieses \u00e4usserst dunkle Kapitel in der Geschichte unserer Stadt erinnert, weil es exemplarisch zeigt: Das Verh\u00e4ltnis zum Volk Israel, das Verh\u00e4ltnis zum Volk und zum Glauben von Jesus Christus ist belastet \u2013 und zwar seit den Anf\u00e4ngen der Kirche, seit viel L\u00e4ngerem als seit der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, deren Ende vor 75 Jahren wir dieses Jahr erleichtert gefeiert haben.<\/p>\n<p>Wir wollen also in selbstkritischer, dem\u00fctiger Nachdenklichkeit den Text aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde an Rom lesen, der uns am heutigen Israelsonntag als Predigttext vorgeschlagen ist. Es ist der vorletzte Abschnitt von Kapitel 11, mit dem Paulus den Gedankengang abschliesst, dem die drei Kapitel 9\u201311 des R\u00f6merbriefs gewidmet sind. Paulus ringt mit der Frage, wie er es einordnen soll, dass die Jesusbewegung innerhalb des Volkes Israel eine Minderheit geblieben ist. Weshalb hat sein eigenes Volk zur\u00fcckgewiesen, was ihnen Jesus als Evangelium verk\u00fcndete, n\u00e4mlich die Nachricht von der grossz\u00fcgigen, weiten, grenzenlos inklusiven Gnade und Liebe Gottes? Weshalb verschloss sich die Mehrheit seiner Glaubensgeschwister dem, wie Jesus die befreiende Schrift und die Tradition Israels deutete und praktisch umsetzte? Die Frage ist f\u00fcr Paulus besonders dringend: Er selbst hat schliesslich die buchst\u00e4blich umwerfende Erfahrung gemacht, dass er zwar ebenfalls \u00fcberzeugt war, die j\u00fcdische Gemeinde m\u00fcsse sich durch strikte Abgrenzung rein erhalten. Doch dann machte die Begegnung mit dem Auferstandenen ihn zu einem, der erleichtert und begeistert weitersagte, dass in Jesus Christus niemand, <em>weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier, weder Mann noch Frau<\/em> (Gal 3,27) vom heilenden Raum des Gottesfriedens, des Schalom ausgeschlossen bleiben muss, sondern dass es von \u00fcberall her Zugang gibt.<\/p>\n<p>Warum verweigert sein Volk sich dieser Botschaft? Der Kern der Antwort, die Paulus findet, besteht in der Einsicht, dass Gott selbst Sein Volk sozusagen hat am Wegrand Halt machen und ausweichen lassen, damit die Heiden \u2013 die ausgeschlossenen, unreinen V\u00f6lker \u2013 an ihm vorbei einziehen k\u00f6nnen in die Gemeinschaft mit Gott. Und so lese ich nun 11, 25-32<\/p>\n<p><em><sup>25 <\/sup>Ich will euch, Br\u00fcder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst f\u00fcr klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. <sup>26<\/sup> Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): \u00bbEs wird kommen aus Zion der Erl\u00f6ser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob.<sup>27<\/sup> Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre S\u00fcnden wegnehmen werde.\u00ab<\/em><\/p>\n<p><em><sup>28<\/sup> Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erw\u00e4hlung sind sie Geliebte um der V\u00e4ter willen. <sup>29<\/sup> Denn Gottes Gaben und Berufung k\u00f6nnen ihn nicht gereuen.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>30<\/sup> Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. <sup>32<\/sup> Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.<\/em><\/p>\n<p><em>* * * * *<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>Gottes Gaben und Berufung k\u00f6nnen ihn nicht gereuen. Verl\u00e4sslichkeit und Treue geh\u00f6ren wesentlich zu Gott. Das, was wir sehen und erleben, k\u00f6nnte uns zwar manchmal auf schmerzliche Weise vermuten lassen, Gott handle willk\u00fcrlich. Doch dagegen bekennt Paulus, bekennen wir mit ihm: Gott ist kein unberechenbarer Despot. Gott ist nicht unzuverl\u00e4ssig. Wir sind es. Gott muss mit unserem Wankelmut umgehen. Wir tun heute dies, aber morgen genau das Gegenteil. Auf uns ist oft viel weniger Verlass, als wir selbst es gerne h\u00e4tten. Wer von Euch, wenn Ihr am Abend auf Euren Tag zur\u00fcckschaut, wird nicht regelm\u00e4ssig besch\u00e4mt zugeben m\u00fcssen: Ich habe nicht so gehandelt, wie ich selbst, wie meine N\u00e4chsten und wie Gott es eigentlich h\u00e4tten erwarten d\u00fcrfen. W\u00e4hrend wir immer wieder M\u00fche bekunden mit der Treue und der Verl\u00e4sslichkeit, k\u00f6nnen Gottes Gaben und Berufung ihn nicht gereuen. Das, was er in uns gelegt hat, was er mit uns angefangen hat, was er mit uns vorhat \u2013 das wird er auch zu seinem guten Ende bringen (vgl. Phil 1,6).<\/p>\n<p>Auf diese Weise den Glauben bekennen, heisst immer, dem scheinbar Naheliegenden zu widersprechen. Wenn ein Glaubensbekenntnis bloss best\u00e4tigt, was ist und was alle f\u00fcr wahr und wirklich halten, dann ist es eine Banalit\u00e4t. Umgekehrt ist ein Glaubensbekenntnis aber auch nicht eine dreist absurde Behauptung. Indem Paulus tr\u00f6stlich und kl\u00e4rend die Verl\u00e4sslichkeit Gottes bekennt, antwortet er auf das, was er in Vers 25 \u00abGeheimnis\u00bb nennt. Als Fremdwort \u00abMysterium\u00bb haben wir das griechische \u03bc\u03c5\u03c2\u03c4\u03ae\u03c1\u03b9\u03bf\u03bd in unseren Wortschatz aufgenommen. Es ist eine Art von Geheimnis, das ich von mir aus nicht entschl\u00fcsseln kann; es muss mir gezeigt, es muss mir \u00aboffenbart\u00bb werden. Diejenige, die das Geheimnis (wie der Apostel) schon kennt, muss es mir mitteilen. Erst wenn ich zum Geheimnistr\u00e4ger gemacht bin, kann ich weitergeben, was f\u00fcr alle anderen verborgen bleibt. Paulus will das Geheimnis von Gottes guten Pl\u00e4nen der Gemeinde unbedingt mitteilen: <em>Ich will es Euch nicht verhehlen<\/em>. Aus sich heraus w\u00e4re sie nie in der Lage, drauf zu kommen. <em>Ihr sollt Euch nicht f\u00fcr klug halten<\/em> \u2013 oder wie die BasisBibel reizvoll \u00fcbersetzt: <em>Denn ihr sollt euch nicht selbst einen Reim auf die Sache machen.<\/em><\/p>\n<p>Von sich aus kann niemand darauf kommen. Das Mysterium, das Paulus nun doch in Worte zu fassen versucht, ist Gottes Geheimnis. Gott aber beh\u00e4lt es nicht f\u00fcr sich, sondern legt es offen, Gott offenbart es. Im Fachwort nennen wir diese Erfahrung \u00abApokalypse\u00bb. Und wenn Euch nun dazu das letzte Buch der Bibel mit seinen Visionen in den Sinn kommt, macht ihr eine hilfreiche und erhellende Assoziation. Paulus teilt an unserer Stelle mit der Gemeinde in Rom seine Tiefenschau der Wirklichkeit teilt. Ebenso offenbart in der Apokalypse der Seher Johannes den Gemeinden in Kleinasien die Einsichten, die Gott ihn hat gewinnen lassen. Johannes weiss sehr wohl, dass die sichtbare, unmittelbar erlebte Wirklichkeit der Gl\u00e4ubigen \u00e4usserst bedr\u00fcckend und be\u00e4ngstigend ist. Doch er hat eine Art von befreiend tr\u00f6stlichem Durchblick erhalten. Hinter und \u00fcber dem dunkel gewaltt\u00e4tigen Vordergrund dessen, was den Gemeinden aktuell zugemutet wird, sieht Johannes Gott am Werk. Gott ist daran, seiner Gemeinde <em>aus allen St\u00e4mmen, Nationen und Sprachen <\/em>(Offb 7,9) den Lebensraum zu schaffen, das \u00abHimmlische Jerusalem\u00bb, durch das das Wasser des Lebens fliesst, und die B\u00e4ume <em>tragen zw\u00f6lfmal im Jahr Frucht<\/em>, ihre <em>Bl\u00e4tter zur Heilung der V\u00f6lker <\/em>sind jederzeit greifbar (22,2). Paulus sieht wie ganz Israel und die F\u00fclle der Heiden Gottes Barmherzigkeit erfahren.<\/p>\n<p>Was der Seher Johannes seinen Gemeinden und der Apostel Paulus jener in Rom offenbaren, wird sich erst in Zukunft ganz erf\u00fcllen. Eine solch hoffnungsvolle Zukunftsschau ist angreifbar f\u00fcr den Vorwurf, es werde bloss billiger Trost gespendet. Es werde das Blaue vom Himmel versprochen, doch daf\u00fcr gebe es im gegenw\u00e4rtigen Jammertal der Welt weder Anzeichen noch Belege. Dieser Vorwurf ist tats\u00e4chlich nicht zu entkr\u00e4ften, sondern begleitet alle, die sich seit Paulus und Johannes bem\u00fchen, auf ihre Weise Gottes Mysterium weiterzugeben. Ich komme noch einmal darauf zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst erlaubt mir aber noch eine Bemerkung dazu, wie sich Paulus denn das Geheimnis offenbart hat. Er berichtet nicht wie Johannes von n\u00e4chtlichen Visionen, sondern legt die Schrift aus \u2013 und das war ja das, was wir heute das Alte Testament nennen. Zun\u00e4chst deutet er die Kommunikationsst\u00f6rung zwischen Jesus und seinem Volk mit dem biblischen Begriff der \u00abVerstockung\u00bb. An mehreren Orten erscheint dieses Motiv in der Schrift: Gott redet, und das Volk h\u00f6rt und versteht nichts. Ausdr\u00fccklich erh\u00e4lt beispielsweise Jesaja in seiner Berufung den Auftrag: <em>Geh hin und sprich zu diesem Volk: H\u00f6ret und versteht\u2019s nicht; seht und merket\u2019s nicht! Verfette das Herz dieses Volks und ihre Ohren verschliesse und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch h\u00f6ren mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen<\/em> (Jes 6, 9f).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Jesaja noch ersch\u00fcttert fragte, wie lange Gott diesen Zustand anhalten lassen werde, bekennt Paulus: Wir alle m\u00fcssen das aushalten, <em>bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen<\/em> ist. Eben: Israel muss am Wegrand sitzen bleiben. Aushalten l\u00e4sst sich dies, weil dennoch nicht in Frage gestellt ist: <em>Ganz Israel wird gerettet werden<\/em>. Dieses Vertrauen begr\u00fcndet der Apostel mit zwei kurzen Zitaten, einem aus Jesaja und einem aus Jeremia. Er verkn\u00fcpft sie zu einem Versprechen an das Gottesvolk, auf das sich aber auch die Gemeinde in Rom und die ganze Welt verlassen k\u00f6nnen: Einmal wird die Trennung zwischen Israel und dem Gottesvolk aus den V\u00f6lkern aufgehoben sein.<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten an diesem Punkt eine Reihe von kritischen R\u00fcckfragen stellen. Ob es legitim sei, beispielsweise, auf diese Weise zwei kurze Texte je aus ihren Zusammenh\u00e4ngen zu reissen, um sie zu einer neuen Aussage zu kombinieren. Ob Jesaja oder Jeremia jeweils wirklich das gemeint haben, was Paulus von ihnen \u00fcberliefert. Ob die Rede von einer von Gott gewollten und bewirkten Verstockung nicht zu riskant sei.<\/p>\n<p>Solche Fragen m\u00fcssen in Kommentaren diskutiert werden. Ich beobachte: Das Neue Testament zitiert an verschiedenen Stellen die Schrift. Oft verbinden sich diese Zitate mit Deutungen, die uns aus heutiger Sicht mutig, wenn nicht abenteuerlich vorkommen. Mit all denen, die vor uns die Bibel als Kanon akzeptiert haben, verlassen wir uns aber darauf: Genau in einem so kreativen, lebendigen, begeisterten Umgang mit dem Geschriebenen wie Paulus, Johannes oder viele seither ihn gewagt haben, l\u00e4sst Gott sich als lebendige Stimme vernehmen \u2013 und wir erleben Apokalypse, Offenbarung. Uns wird ein Geheimnis er\u00f6ffnet, das es uns erlaubt, Erfahrungen auszuhalten, die wir sonst \u00fcberhaupt nicht h\u00e4tten einordnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bevor ich schliesse, noch dies: Ich habe vorhin angemerkt, dass diejenigen sich angreifbar machen, die sich darauf verlassen, dass Gott ihre kleine oder auch die grosse Geschichte der Welt an ein gutes Ende bringe. Sich auf ein solches Bekenntnis einzulassen und es sich anzueignen, braucht tats\u00e4chlich Mut. Bewahrheiten oder aber als T\u00e4uschung erweisen wird es sich erst dann einmal. Um es in alter Sprache zu sagen: Wir alle werden erst dann einmal herausfinden, ob wir in den Himmel kommen, oder ob alles im finsteren Nichts endet. Ich f\u00fcr mein Teil bin \u00fcberzeugt: Ich lebe besser, leichter und erf\u00fcllter mit der Hoffnung darauf, dass die Vision vom himmlischen Jerusalem wahr ist.<\/p>\n<p>Und zuletzt: Es bleibt mir unverst\u00e4ndlich und ist meines Erachtens ungeheuerlich, dass Menschen, und ausdr\u00fccklich auch Christinnen und Christen angesichts unseres und vergleichbarer Texte ihren j\u00fcdischen Nachbarinnen und Zeitgenossen anders begegnen als mit tiefem Respekt und allergr\u00f6sster Dankbarkeit.<\/p>\n<p>Pfr. Dr. Benedict Schubert, geb. 1957, reformierter Pfarrer an der Peterskirche in Basel nach mehreren Jahren im Dienst der evangelisch-reformierten Kirche in Angola und bei mission 21 \u2013 evangelisches missionswerk basel, sowie Lehrauftrag im Fach aussereurop\u00e4isches Christentum an der Universit\u00e4t Basel; mit seiner Frau zusammen leitet er das \u00abTheologische Alumneum\u00bb, ein Wohnheim f\u00fcr Studierende aller Fakult\u00e4ten.<\/p>\n<p>Basel<\/p>\n<p><a href=\"about:blank\">benedict.schubert@erk-bs.ch<\/a><\/p>\n<p>Die Predigt wird in einem Taufgottesdienst gehalten. Zu Beginn des Gottesdienstes begr\u00fcsse ich die Gemeinde in der Regel mit dem Wochenspruch. Das will ich so tun:<\/p>\n<p>Seit dem 16. Jahrhundert wird dieser Sonntag als \u00abIsraelsonntag\u00bb begangen \u2013 in Erinnerung an die Zerst\u00f6rung des Tempels in Jerusalem und als Anlass, um \u00fcber unsere Beziehung zum Volk Israel nachzudenken. Das Wort zur Woche stammt aus Psalm 33:<\/p>\n<p><em>Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk,<br \/>\ndas er zum Erbe erw\u00e4hlt hat!<\/em> (Ps 33,12)<\/p>\n<p>Wohl ergangen ist es dem Volk Israel ja wahrhaftig nicht, diesem von Gott ausgesonderten, f\u00fcr ihn reservierten Volk. In der Tora wird schon \u00fcberliefert, dass Gott dieses Volk nicht ausgew\u00e4hlt habe, weil es besonders gross und stark war. Es sei im Gegenteil das kleinste unter allen V\u00f6lkern \u2013 doch, und darauf kommt alles an, es ist von Gott geliebt. Das gilt, und Israel bekennt es \u2013 auch wenn in seiner Geschichte es oft den Anschein machte, als sei es von Gott vergessen und aufgegeben.<\/p>\n<p>Dass wir von Jesus geh\u00f6rt und in ihm erfahren haben, dass Gott seine Liebe auch auf die V\u00f6lker ausgeweitet hat, ist Gute Nachricht. Im Blick auf die Geschichte Israels sollten wir sie aber nicht als Garantie f\u00fcr ein einfaches und st\u00f6rungsfreies Leben verstehen.<\/p>\n<p>Verlassen d\u00fcrfen wir uns darauf: in Jesus Christus hat Gott sich auch mit uns Heiden verb\u00fcndet. Das feiern wir heute sichtbar in der Taufe von Florentina und Niko.<\/p>\n<p>Corona verbietet es uns, so viel und so frei zu singen, wie wir das sonst gerne tun. Als Eingangslied singen wir Strophen aus dem Psalmlied \u00abNun danket Gott, erhebt und preiset\u00bb (RG 66 \/ EG 290), als Schlusslied \u00abAmen, Lob, Preis und Herrlichkeit\u00bb nach einer Luther-Melodie (RG 351, im EG nicht vorhanden). Zwischen dem ausf\u00fchrlich eingeleiteten Predigttext und der Predigt als Bitte um den Geist ein Lied aus der amerikanischen Tradition \u2013 weil der eine Taufvater Amerikaner ist: Spirit Divine.<\/p>\n<p>Folgende Taufansprache habe ich entworfen (Gotte und G\u00f6tti sind die Dialektbezeichnungen f\u00fcr die Paten&#8230;):<\/p>\n<p>Wenn ich jetzt dann gleich Florentina und Niko je etwas Wasser auf die Stirn tr\u00e4ufle und dazu die Taufformel ausspreche, sieht das im besten Fall r\u00fchrend aus, im schlimmsten etwas ungelenk. Ihr werdet Erinnerungsfotos machen und das damit festhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch nur mit dem Vertrauen Eures Herzens k\u00f6nnt Ihr erkennen, dass in der Taufe nicht bloss etwas R\u00fchrendes passiert, sondern etwas Grosses und \u00fcberaus Starkes:<\/p>\n<p>Florentina und Niko werden in den Bund mit Gott hineingenommen. Von jetzt an wird nichts und niemand mehr ihnen weismachen k\u00f6nnen, sie seien nicht geliebt, sie seien nicht gemeint, sie seien nicht geachtet.<\/p>\n<p>Ihr als Eltern und Gotte und G\u00f6tti werdet nat\u00fcrlich alles daransetzen, dass Eure Kinder immer und immer wieder h\u00f6ren, wie sch\u00f6n es ist, dass es sie gibt. Ihr werdet Ihnen hoffentlich vermitteln, dass sie ein grosses Geschenk sind, und Eure Phantasie wird Euch immer wieder auf neue Ideen bringen, wie Ihr Eure Kinder ermutigen, f\u00f6rdern, wertsch\u00e4tzen k\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Ihr k\u00f6nnt Eure Kinder aber nicht davor bewahren, dass sie auch anderes zu h\u00f6ren bekommen. Es kann sein, dass sie verspottet werden, dass sie ausgeschlossen sind von einem Kreis, dem sie gerne angeh\u00f6ren w\u00fcrden. Es kann sein \u2013 und das erleben nicht wenige ja als besonders belastend \u2013 dass sie eine innere Stimme h\u00f6ren m\u00fcssen, die ihnen vorwirft, sie seien und k\u00f6nnten nichts wenn ihnen \u2013 wie das uns allen ja passiert \u2013 ein Fehler unterl\u00e4uft, wenn sie ein Ziel nicht erreichen, in einem Projekt scheitern.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen, dass sie selbst sich in solchen Situationen sagen k\u00f6nnen, oder dass jemand es ihnen dann sagt:<\/p>\n<p>Gott selbst hat sich mit Dir verb\u00fcndet. Du stehst unter Gottes Schutz und Segen.<\/p>\n<p>Gott war es, der Dich gewollt und geschaffen hat. Gott hat Dich nach seinem Bild entworfen und Du wirst so herauskommen, wie Gott selbst es sich in seiner Liebe vorstellt.<\/p>\n<p>In Jesus geht Gott Dir voraus. Du musst Dir den Weg nicht selbst bahnen, die Spur ist gelegt, die Dich in ein erf\u00fclltes, vom Licht durchschienenes Leben f\u00fchrt. Jesus weicht auch dann nicht von Deiner Seite, wenn Du durch ein dunkles Tal musst \u2013 und am Ende wird er Dich durch die Nacht des Todes ins Licht des Lebens f\u00fchren.<\/p>\n<p>Gottes belebende Kraft ist um Dich und in Dir. Du wirst nicht nur mit dem auskommen m\u00fcssen, was Du in Dir findest an Glauben, an Hoffnung und an Liebe. Du darfst darauf z\u00e4hlen und immer darum bitten, dass Dir so viel zufliesst, dass es f\u00fcr Dich und f\u00fcr viele reicht.<\/p>\n<p>All das, was Gott Seinem Volk zugesagt hat, seine grossen Versprechen, seine Liebeserkl\u00e4rungen, seine befreienden Weisungen darfst Du auf Dich beziehen, f\u00fcr Dich in Anspruch nehmen. Du geh\u00f6rst dazu.<\/p>\n<p>Das ist das Grosse und Starke, was in der Taufe geschieht.<br \/>\nBringt also Eure Kinder!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber R\u00f6mer 11, 25-32 | verfasst von Benedict Schubert | Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Br\u00fcder, im 12. 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