{"id":3163,"date":"2020-08-12T12:44:21","date_gmt":"2020-08-12T10:44:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3163"},"modified":"2020-08-19T09:49:05","modified_gmt":"2020-08-19T07:49:05","slug":"paradoxe-intervention","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/paradoxe-intervention\/","title":{"rendered":"Paradoxe Intervention"},"content":{"rendered":"<h3><strong>\u00a0R\u00f6mer 11, 25-32 | verfasst von Christine Hubka |<\/strong><\/h3>\n<p><em>Vorbemerkung: Corona bedingt sollen in der evang. Kirche in \u00d6sterreich die Gottesdienste eher kurzgehalten und m\u00f6glichst auch nur wenig gesungen werden. Daher ist auch die Predigt entsprechend dem Gesamtrahmen kurz.<\/em><\/p>\n<p>25 Ich will euch, Br\u00fcder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst f\u00fcr klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): \u00bbEs wird kommen aus Zion der Erl\u00f6ser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre S\u00fcnden wegnehmen werde.\u00ab<\/p>\n<p>28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erw\u00e4hlung sind sie Geliebte um der V\u00e4ter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung k\u00f6nnen ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. R\u00f6 11, 25-32<\/p>\n<p>Ich wei\u00df Bescheid. Du wei\u00dft Bescheid. Wir wissen Bescheid.<\/p>\n<p>N\u00e4mlich wer gut ist und wer b\u00f6se ist.<\/p>\n<p>Wer t\u00fcchtig. Wer flei\u00dfig. Wer ehrlich ist.<\/p>\n<p>Wessen Ungl\u00fcck unverschuldet ist. Und wer selbst schuld ist an seinem Elend.<\/p>\n<p>Wir wissen Bescheid \u00fcber M\u00e4nner \u2013 die weinen nicht.<\/p>\n<p>Und \u00fcber Frauen \u2013 die k\u00f6nnen halt nicht einparken.<\/p>\n<p>Wir wissen Bescheid \u00fcber Polizist*nnen. Die sind brutal. \u00dcber Strafgefangene. Das sind b\u00f6se Menschen. \u00dcber Lehrer*innen. Die wollen nur lange Ferien haben. Und nat\u00fcrlich wissen wir Bescheid \u00fcber die Alten und die Jungen.<\/p>\n<p>Das besonders in diesen Tagen.<\/p>\n<p>Und weil die Menschen schon immer und \u00fcberall Bescheid wussten, ruft der Apostel Paulus denen, die anderen die Welt erkl\u00e4ren zu: Haltet euch nicht selbst f\u00fcr klug.<\/p>\n<p>Wie gut tut es mir, das einmal zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Auch wenn\u2019s mich nat\u00fcrlich genauso trifft, wie die anderen. Ich hab ja auch meine fixen Vorstellungen und gepflegten Vorurteile im Gep\u00e4ck.<\/p>\n<p>Allerdings, was Paulus dann schreibt, fordert wohl auch die tats\u00e4chlich Klugen, nicht nur die, die sich f\u00fcr klug halten.<\/p>\n<p>Das ist verwickelt und verschwurbelt.<\/p>\n<p>Am ehesten kann ich das mit dem Begriff der paradoxen Intervention beschreiben. F\u00fcr alle, die jetzt \u00fcberlegen, was das genau ist:<\/p>\n<p>Als Lehrerin hatte ich manchmal mit einer sehr unruhigen Gruppe zu tun. Sie waren wie aufgezogen. Konnten nicht stillsitzen, schon gar nicht zuh\u00f6ren. Also: Es war einfach laut in der Klasse. Zu laut.<\/p>\n<p>Und statt ihnen zum x-ten Mal zu sagen: Ruhe jetzt, hab ich sie aufgefordert, so laut sie k\u00f6nnen zu schreien. Auf einmal war es mucksm\u00e4uschenstill.<\/p>\n<p>Das ist eine paradoxe Intervention.<\/p>\n<p>Und in diese Stille hinein hab ich gefragt, was denn los ist. Was sie so aufregt.<\/p>\n<p>Und dann gab\u2019s ein feines Gespr\u00e4ch in Zimmerlautst\u00e4rke.<\/p>\n<p>Ein wenig erinnert mich die Argumentation des Paulus an so eine paradoxe Intervention. Er behauptet ja, dass Gott es selbst drauf angelegt hat und gef\u00f6rdert hat, dass sein erw\u00e4hltes Volk sich dem Evangelium von Jesus Christus verschlie\u00dft. Gott selbst h\u00e4tte das provoziert, was Paulus Ungehorsam nennt. Damit Gottes Barmherzigkeit und Erbarmen umso deutlicher wird.<\/p>\n<p>Also das Ziel der ganzen Geschichte ist es, ein Exempel zu statuieren.<\/p>\n<p>Mit diesem Begriff aus der Zeit der p\u00e4dagogischen Steinzeit verbinde ich eher drakonische Strafen.<\/p>\n<p>Hier geht es um ein Exempel in die Gegenrichtung. Je gr\u00f6\u00dfer und meinetwegen skandal\u00f6ser der Ungehorsam, desto erstaunlicher, desto unerwarteter, desto verbl\u00fcffender die Gnade.<\/p>\n<p>Stellt euch eine Gerichtsverhandlung vor, wo dem Angeklagten eine hohe Haftstrafe droht. Die ganze Verhandlung hindurch wird ans Licht gezerrt, was er alles verbrochen hat. Und dann kommt der Moment der Urteilsverk\u00fcndigung: Der Richter erhebt sich. Alle stehen. Zitternd erwartet der Angeklagte das Urteil. Die Presseleute haben ihr Tablett bereit, um das Urteil ganz schnell an die Redaktion zu schreiben. Der Richter spricht: Der Angeklagte kann nach Hause gehen. Und er begr\u00fcndet das so: Weil seine Schuld so gro\u00df ist, musste das gr\u00f6\u00dfte Ma\u00df an Gnade angewendet werden.<\/p>\n<p>Darauf l\u00e4uft die Argumentation des Paulus hinaus.<\/p>\n<p>Und bevor sich jemand moralisch entr\u00fcsten kann, knallt er den Welterkl\u00e4rern und Bescheid-Wissern hin: Das alles geschieht, damit ihr endlich auch merkt, wieviel Gnade Gott f\u00fcr euch aufbieten musste, bis ihr dorthin kamt, wo ihr heute seid. Am Beispiel der anderen kann man es halt besser sehen als im eigenen Leben.<\/p>\n<p>Das ist eine Aufgabe nicht nur f\u00fcr einen Gottesdienst. Das ist eine Lebensaufgabe, wie mir scheint: immer wieder nachzusehen, nachzuforschen, wo hat mich Gottes Gnade herausgeholt, freigesprochen, wieder neu ins Leben zur\u00fcckgebracht.<\/p>\n<p>Wohl denen, die sich nicht dar\u00fcber \u00e4rgern, dass Gott den anderen gn\u00e4dig ist. Denn ich sehe leider, dass Gnade und Erbarmen derzeit nicht sehr hoch in Kurs stehen hierzulande.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.<\/p>\n<p>Pfrn.i.R. Dr. Christine Hubka; Wien; <a href=\"mailto:christine.hubka@gmx.at\">christine.hubka@gmx.at<\/a>;<\/p>\n<p>Aktuell in der Gef\u00e4ngnisseelsorge t\u00e4tig. Autorin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0R\u00f6mer 11, 25-32 | verfasst von Christine Hubka | Vorbemerkung: Corona bedingt sollen in der evang. Kirche in \u00d6sterreich die Gottesdienste eher kurzgehalten und m\u00f6glichst auch nur wenig gesungen werden. 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