{"id":3211,"date":"2020-08-19T09:30:46","date_gmt":"2020-08-19T07:30:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3211"},"modified":"2020-08-19T11:19:31","modified_gmt":"2020-08-19T09:19:31","slug":"wider-das-denken-die-und-wir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wider-das-denken-die-und-wir\/","title":{"rendered":"Wider das Denken: \u201cDie und Wir\u201c!"},"content":{"rendered":"<h3>11. Sonntag nach Trinitatis |\u00a0Lukas 7,36-50 \u2013 5. Mose 30,15-20; R\u00f6mer 10,4-13 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst\u00a0von Jens Torkild Bak | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man kann sich viele Gedanken machen \u00fcber die sogenannte S\u00fcnderin im Hause des Pharis\u00e4ers Simon. Sicher ist, dass sie sich stark von der \u00fcbrigen Gesellschaft unterscheidet. Aber nicht sie ist die Hauptperson, sondern Simon, und dies ist er wegen seines Hasses auf die Frau. Warum Hass? Allzu selten stellen wir diese Frage. Woher kommt dieser Hass? Der Grund daf\u00fcr, dass wir diese Frage so selten stellen oder eher sie f\u00fcr naiv halten, liegt vielleicht darin, dass wir in einer Kultur leben, die in dem Gegensatz \u201eDie und Wir\u201c denkt und starke innere Werte mit der Furcht vor der Umwelt verbindet. Warum kann Simon nicht genug haben an dem, was ihm geh\u00f6rt, an der Freude \u00fcber das Gesetz und dessen Verhaltensregeln, die f\u00fcr ihn die Wahrheit repr\u00e4sentieren? Woher kommt der Hass gegen den anderen? Jesu Tagesordnung ist eine ganz andere.<\/p>\n<p>Der englische Historiker und Autor James Hawes ver\u00f6ffentlichte 2017 eine Geschichte Deutschlands, die nicht nur an der Spitze der Bestsellerliste in der Sunday Times stand, sondern auch wegen einigen markanten Pointen viel beachtet wurde, nicht zuletzt in Deutschland, was ja verst\u00e4ndlich ist. \u201eThe Shortest History of Germany\u201c hie\u00df sie, oder \u201eDie k\u00fcrzeste Geschichte Deutschlands\u201c in der deutschen Ausgabe., die nach einem Jahr erschien. Vor den Sommerferien hatte ich das Gl\u00fcck, sie von einem deutschen Bekannten geschenkt zu bekommen.<\/p>\n<p>James Hawas ist \u00fcbrigens mit einer Deutschen verheiratet und allein schon deshalb mit Deutschland vertraut. Er beginnt seine Geschichtserz\u00e4hlung (die in hohem Ma\u00dfe an unsere eigene d\u00e4nische Geschichte erinnert, was hier im Jubil\u00e4um der Wiedervereinigung mit Nordschleswig ganz deutsch wurde) 500 Jahre vor Christi Geburt und endet erst mit Angela Merkel und der Gegenwart. Dabei ist n\u00e4mlich der Grundgedanke der, die Geschichte in einer langen Perspektive zu sehen und hierbei zu entdecken, wie Ereignisse, die zeitlich weit zur\u00fcckliegen, noch immer die Gegenwart bestimmen und formen. Das ist eine sehr, sehr faszinierende Perspektive, die ich hier nicht im Einzelnen entfalten will. Ich will nur auf einige Pointen des Buches verweisen \u2013 vielleicht die Pointen, die den Rezensenten in der \u201eZeit\u201c zu der Bemerkung veranlasst haben, der Autor habe mit seinem Buch \u201eFurore\u201c gemacht!<\/p>\n<p>Erstens sagt Hawas, kann es nicht verwundern, dass es so schwierig war und weiter ist nach dem Fall der Mauer, Ost- und Westdeutschland zu vereinen. Diese Schwierigkeit geht auf das R\u00f6mische Reich zur\u00fcck, dem es nie gelang, dauerhaft \u00f6stlich der Elbe Fu\u00df zu fassen. Und so wird es weiterhin sein, denn durch Deutschland zieht sich eine historisch bedingte Grenze zwischen zwei ganz unterschiedlichen Kulturen und Einfl\u00fcssen. Und diese Grenze verl\u00e4uft an der Elbe. Das vereinte Deutschland war allein das Projekt Bismarcks aus dem Jahre 1871, ein Projekt, das im zwanzigsten Jahrhundert denn auch zu zwei gro\u00dfen Katastrophen f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Zweitens \u00fcberlegt Hawes, wer die Leute waren, die Hitler und sein Hassregime an die Macht gebracht haben. Und Hawes hat sich in diesem Zusammenhang mit dem konfessionellen Hintergrund der Anh\u00e4nger Hitlers besch\u00e4ftigt. Gemessen an der Lage im Jahre 1932, so notiert er sich, hat Hitler in den Gebieten Deutschlands mit \u00fcberwiegend katholischer Pr\u00e4gung eine Unterst\u00fctzung von 17% der Bev\u00f6lkerung, in \u00fcberwiegend protestantischen Gebieten dagegen waren es 83%. Das tut weh, wenn man das als Lutheraner liest. Auch wenn die Wirklichkeit hinter den Zahlen sicherlich mehr komplex ist, als die nackten Zahlen angeben, wenn man es n\u00e4her analysiert, stellt dieser Befund dennoch die These infrage, dass Christentum und Politik nichts miteinander zu tun h\u00e4tten. Worum es hier geht: Hawes deutet an, dass das Luthertum die lutherische Kultur gepr\u00e4gt hat in einem Denken des \u201eDie und Wir\u201c und einer Vorstellung, Opfer (feindlicher) Kr\u00e4fte zu sein, die uns die Wahrheit rauben wollen. Kann das auch eine unabsichtliche Voraussetzung gewesen sein f\u00fcr den Hass, von dem der Nationalsozialismus lebte?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stellen sich hier mehrere Fragen, z.B. diese: Liegt ein Teil der Erkl\u00e4rung auch in einer besonders lutherischen Kultur der Pflicht uns des Gehorsams? Was w\u00e4re geschehen, wenn der Papst zusammen mit seinen lutherischen Br\u00fcdern unter Pastoren, Pr\u00f6psten und Bisch\u00f6fen bei Hitler vorstellen geworden w\u00e4ren am Tag nach dessen ber\u00fchmter Rede im Reichstag im Januar 1939 \u2013 wo er die Ausrottung der Juden in Europa und den Tod f\u00fcr jeden Geistlichen ank\u00fcndigte, der sich ihm widersetzte, und wenn sie ihm gesagt h\u00e4tten: <em>Dann musst du mit uns anfangen! <\/em>Eingedenk der Worte Jesu in der Bergpredigt: <em>F\u00fcrchtet nicht die, die den Leib t\u00f6ten, aber nicht die Seele t\u00f6ten k\u00f6nnen \u2026<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr den Pharis\u00e4er Simon ist der Glaube in der Praxis eine Sammlung von Verhaltensregeln, die einzuhalten sind; wenn das nicht geschieht, wird man ausgesto\u00dfen, aus der Gemeinschaft versto\u00dfen, aus dem Kollektiv, der Gesellschaft. In besonderen F\u00e4llen droht Steinigung \u2013 davon lesen wir an einigen Stellen &#8211; als der sichtbare und konsequente Ausdruck des Zorns und der Strafe Gottes.<\/p>\n<p>F\u00fcr Jesus ist der Glaube ein pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und dem Einzelnen, und das demonstriert er, indem er sich physisch an die Seite der S\u00fcnderin gegen Simon. den W\u00e4chter der Moral, stellt. Nicht dass die S\u00fcnderin keine S\u00fcnderin ist, das ist sie gewiss. Aber dar\u00fcber hat Simon nicht hasserf\u00fcllt zu urteilen. Das ist allein eine Sache zwischen ihr und Gott. Gott allein ist der, der einen Menschen richtet und \u2013 in seiner Gnade \u2013 wiederaufrichtet. Da geht weder Simon noch irgendeinen anderen Menschen etwas an. Mit Jesus ist die Zeit der Gesetzesreligion vorbei \u2013 verstanden als gesellschaftliche Praxis, die Gott f\u00fcr eine bestimmte Gesellschaftsordnung in Anspruch nehmen will. Diese Ordnung ist vorbei und ersetzt durch die Zeit der Gnade. Wie Paulus das in der Epistel dieses Sonntags zum Ausdruck bringt: Jesus ist das Ende des Gesetzes. Klar \u2013 f\u00fcr den, der Gott als ein Regelwerk betrachtet, dem man folgen muss, wird das Gottesverh\u00e4ltnis des Christen, das aus Glaube und Vertrauen lebt, gleichbedeutend mit Atheismus und Unglaube.<\/p>\n<p>Aber ist das nicht zu billig, das mit dem \u201eEnde des Gesetzes\u201c? So werden der Pharis\u00e4er Simon und viele andere fragen.<\/p>\n<p>Nein, es wird unter allen Umst\u00e4nden nie leicht, ein Mensch zu sein in dieser Welt, wo die Zeit, oder wie die Alten sagen w\u00fcrden: die Verg\u00e4nglichkeit, \u00fcber uns herrscht.<\/p>\n<p>Ein jeder, der in der Welt lebt und handelt, wei\u00df, dass die Zeit der Gott ist, der einen Strich zieht f\u00fcr uns und sagt: zu sp\u00e4t, verkehrt, verloren und \u00fcberhaupt nicht gut genug. So hat dieser Gott sicher oft zu unserer S\u00fcnderin gesprochen, so wie er oft zu uns allen gesprochen hat. Haben wir die Zeit zum Gott, brauchen wir keinen weiteren richtenden Gott mehr.<\/p>\n<p>Wenn es also in dieser Welt dennoch Freude, Dankbarkeit, Liebe und sogar ein wenig Seelenfrieden gibt, so ist das ausschlie\u00dflich ein Werk der Gnade. Wenn der S\u00fcnder und die S\u00fcnderin eine Chance haben, so ist dies das Werk der Gnade. Wenn der Mensch eine Chance hat, ist dies das Werk der Gnade. Oder: das Werk der Ewigkeit.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich schade f\u00fcr den Pharis\u00e4er Simon. Er denkt so, wie er erzogen ist und wie man unter dem herrschenden Wahrheitsregime denkt. Und er erlebt eine \u00dcberraschung in dem Wort Jesu von Liebe und Vergebung \u2013 und durch den Rollentausch, der sich in den Worten Jesu vollzieht. Wenn die S\u00fcnderin wegen ihres guten Werkens hervorgehoben wird, w\u00e4hrend er, Simon der Reine, wegen seiner Hartherzigkeit gescholten wird.<\/p>\n<p>In der ersten Lesung dieses Sonntags aus dem 5. Buch Mose konfrontiert der eifrige Gott des Gesetzes uns mit dem Leben und dem Gl\u00fcck einerseits und dem Tod und dem Ungl\u00fcck andererseits. Wenn du auf die Befehle von Gott deinem Herrn h\u00f6rst, geht es dir gut. Wenn nicht, gehst du zugrunde. Das ist eine sehr einfache Logik, aber ein furchtbares Regime, wenn man damit leben muss. Das Leben wird Gesetz, Regeln, Verurteilung, Furcht, Angst und scheel\u00e4ugige Pharis\u00e4er. Das har Paulus begriffen: Der Gott des Gesetzes schafft Menschen des Gesetzes, eifrige Paragraphenreiter.<\/p>\n<p>In seiner Offenbarung in Christus erweist Gott sich als der, der alles in der Perspektive des Menschen sieht. Und da macht sich eine unfassbare Gro\u00dfz\u00fcgigkeit breit, wenn weder die Zeit noch das Gesetz l\u00e4nger Gott sind \u2013 sondern Gott selbst sich als Liebe offenbart. Wenn zu sp\u00e4t nicht mehr zu sp\u00e4t ist in der Perspektive der Ewigkeit. Wenn der Richter zum Verteidiger geworden ist, und der Mensch sich selbst im Spiegel der Gnade sieht, der unsere verlorene M\u00f6glichkeit wiedergewonnen zur\u00fcckgibt.<\/p>\n<p>Auf Golgatha wendet Gott in der Gestalt Jesu Christi, wenn man so sagen darf, das Gesetz gegen sich selbst. Er will nicht Hass, sondern Vers\u00f6hnung, und das ist im Christentum das Fundament, auf dem die Hoffnung beruht, die Hoffnung f\u00fcr den einzelnen Menschen, f\u00fcr das Leben zwischen uns und f\u00fcr die Welt. Wo sich der Hass der Selbstgerechtigkeit dadurch auszeichnet, immer sich selbst zu retten, wer oder wie viele auch daf\u00fcr geopfert werden m\u00fcssen, und wie viele hasserf\u00fcllte Verdrehungen der Wahrheit dabei auch erforderlich sind, so handelt Gott in der Gestalt Jesu von\u00a0 Nazareth in Solidarit\u00e4t mit der S\u00fcnderin und dem verletzlichen Menschenleben und opfert sich f\u00fcr jeden von uns, ohne sich vor dem Leid, den Abwegen und dem Schmerz des Lebens zu verstecken und vor allem ohne einen S\u00fcndenbock zu finden. Das eben ist das Lehrst\u00fcck vom Unterschied zwischen Jesus und dem Pharis\u00e4er Simon, f\u00fcr uns alle ein gutes Lehrst\u00fcck. Einen frohen Sonntag. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dompropst Jens Torkild Bak<\/p>\n<p>DK-6760 Ribe<\/p>\n<p>Email: jtb(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis |\u00a0Lukas 7,36-50 \u2013 5. 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