{"id":3219,"date":"2020-08-20T10:27:25","date_gmt":"2020-08-20T08:27:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3219"},"modified":"2020-08-20T10:27:25","modified_gmt":"2020-08-20T08:27:25","slug":"heiliger-abend-24-12-2008","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/heiliger-abend-24-12-2008\/","title":{"rendered":"Heiliger Abend, 24.12.2008"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Matth\u00e4us 1:1-25| verfasst von Katharina Roos|<\/h3>\n<p>Seltsam sind die irdischen Umst\u00e4nde der Geburt des himmlischen Kindes. Seltsam ist auch der Bericht, den der Evangelist Matth\u00e4us im 1. Kapitel seines Werkes davon gibt. Kaum zu glauben, dass man ein Evangelium derart spr\u00f6d beginnen lassen kann! Mit einer langen, langen Liste von M\u00e4nnernamen. Der und der zeugte XY, XY zeugte den und den. Der und der&#8230;usw., usw. So geht das bald eine Seite lang. Der Evangelist selbst sagt: \u00fcber drei mal vierzehn Generationen. Von Abraham bis David, von David bis zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft und von da bis zu Jesus Christus. Nur kommt, wer versucht mitzuz\u00e4hlen, bei dieser Rechnung nicht wirklich mit. Und wenn man die Namen mit den beim Evangelisten Lukas genannten vergleicht, muss man feststellen, dass sie schon bei Jesu Gro\u00dfvater nicht mehr \u00fcbereinstimmen.<br \/>\nWas f\u00fcr einen Reim soll man sich auf das alles machen? Nicht so ernst nehmen? Zumal in der heiligen Nacht einfach mit einem seligen L\u00e4cheln dr\u00fcber schmunzeln? Im Grunde kann es uns hier und heute herzlich egal sein, wie die Vorfahren von Jesus alle hie\u00dfen. Wir k\u00f6nnen die Namen eh nicht mehr einordnen.<br \/>\nAu\u00dfer vielleicht\u00a0<em>Abraham<\/em>, den Stammvater aller Glaubenden. Mit ihm hat es begonnen, vor Urzeiten, dass Menschen mehr suchten als das t\u00e4gliche \u00dcberleben. Und dann kennen wir sicher auch\u00a0<em>David<\/em>, den gro\u00dfen K\u00f6nig Israels. \u201aDer Messias wird aus dem Hause Davids kommen\u2018, so war es wiederholt von den Propheten geweissagt worden. Darum war dem Evangelisten der Nachweis wichtig, dass Jesus in direkter Linie vom K\u00f6nig David abstammt. Seiner Messiasw\u00fcrde steht zumindest von daher nichts entgegen.<\/p>\n<p>Doch Moment &#8211; ganz so gerade ist die Abstammungslinie dann doch nicht. Schlie\u00dflich ist Josef ja eigentlich gar nicht der Vater. Es hei\u00dft doch, Jesus sei mit Hilfe des heiligen Geistes von der Jungfrau Maria geboren. Was also soll die lange, lange Liste der V\u00e4ter und Vorv\u00e4ter des\u00a0<strong>Josef\u00a0<\/strong>am Anfang des Evangeliums von Jesus, Mariensohn? Vielleicht ist das sogar das seltsamste an dieser Geschichte. Oder sollte der Evangelist Matth\u00e4us das mit der Jungfrauengeburt gar nicht so w\u00f6rtlich gemeint haben? So jedenfalls hat er&#8217;s aufgeschrieben (Mt 1, 18-25):<\/p>\n<p><em>Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, f\u00fcrchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn geb\u00e4ren, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren S\u00fcnden. Das ist aber alles geschehen, damit erf\u00fcllt w\u00fcrde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht:\u201eSiehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn geb\u00e4ren, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben&#8220;, das hei\u00dft \u00fcbersetzt: Gott mit uns. Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Und er ber\u00fchrte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist alles einfach merkw\u00fcrdig und ungekl\u00e4rt. Zumindest f\u00fcr einen Normalmenschen wie Josef. Maria ist halt pl\u00f6tzlich schwanger. So viel ist sicher. Und ebenso, dass er selbst nicht der Vater sein kann. Schlie\u00dflich ist Josef ein ehrbarer und frommer Mann. Er hat sich den vorehelichen Regeln entsprechend verhalten. Wie es also zu dieser Schwangerschaft gekommen ist, bleibt Marias Geheimnis. Steckt eine Aff\u00e4re, ein Seitensprung dahinter? Oder ist sie Opfer sexueller Gewalt geworden? Vielleicht gar durch die r\u00f6mischen Besatzungssoldaten? So etwas kam ja nicht selten vor.<\/p>\n<p>Beim Evangelisten Matth\u00e4us bleibt Maria stumm. Und so ist Josef auf seine menschlichen Fantasien geworfen. Als Mann seiner Zeit wird er die Geschichte fast automatisch ihr anlasten. Was genau vorgefallen ist, interessiert da nicht wirklich. Sie, die Frau, hat sich entehrt dadurch, dass sie als Verlobte schwanger wurde, noch ehe sie in sein Haus \u00fcbersiedelte. Er h\u00e4tte nun alles moralische Recht der damaligen Welt, sie, die Treulose, an den Pranger zu stellen und fortzuschicken.<\/p>\n<p><em>Josef aber,\u00a0<\/em>so hei\u00dft es,\u00a0<em>war fromm.\u00a0<\/em>Gott sei dank! Sein Empfinden f\u00fcr Gerechtigkeit ist tiefer gegr\u00fcndet als in der fragw\u00fcrdigen patriarchalen Moral seiner Zeit. Er will seine Maria nicht durch einen Ehebruchsprozess der Schande preisgeben. Er will ihr eine \u00f6ffentliche Dem\u00fctigung ersparen. Aber Josef, der Gerechte, f\u00fchlt sich auch dem Gesetz verpflichtet. Was auch immer vorgefallen ist, eine Ehe kommt dem Gesetz nach nun nicht mehr in Frage. Das ist sein Zwiespalt. Seine L\u00f6sung: Er\u00a0<em>gedachte, sie heimlich zu verlassen.<\/em><\/p>\n<p>Nur ist der Herr der Gerechtigkeit selten f\u00fcr Hintenruml\u00f6sungen. Und so kommt es des Nachts zu einer himmlischen Intervention. Ganz unaufdringlich, zart und fl\u00fcchtig. Ein Traum ist es, der in Josef die Wende bewirkt. Viele h\u00e4tten ihn im hellen Licht des Tages mit dem letzten Schlaf aus den Augen, aus dem Sinn gewischt. Aber so einer ist der fromme Josef nicht, gott sei Dank! Er schenkt seinem n\u00e4chtlichen Traum Beachtung.<\/p>\n<p>Wir wollen mal annehmen, dass der Traum nicht so spr\u00f6d und theologisch daherkam, wie Matth\u00e4us das berichtet. Der Engel h\u00e4lt bei ihm eine kleine theologische Vorlesung, inklusive Schriftbeweis. Der wirkt zwar ein bisschen hingedreht. Schlie\u00dflich sind\u00a0<em>Jesus<\/em>\u00a0(\u00fcbersetzt kommt das ungef\u00e4hr auf\u00a0<em>Gotthilf<\/em>\u00a0heraus) und\u00a0<em>Immanuel<\/em>\u00a0schon zwei verschiedene Namen.<\/p>\n<p>Aber ich will in der heiligen Nacht nicht so kleinlich sein. Und lieber dieser himmlischen Stimme noch ein wenig hinterhertr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Es spricht mich an, wie der Engel das Geheimnis der Schwangerschaft Marias l\u00fcpft und doch respektvoll in der Schwebe l\u00e4sst.\u00a0<em>Was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist.\u00a0<\/em>Wer kann, mag das nat\u00fcrlich im Sinn der Jungfrauengeburt verstehen. Ich denke, Matth\u00e4us hat das so gesehen und hatte keine Schwierigkeiten damit. Heute mag das anders aussehen. Ich gebe gern zu, dass ich gro\u00dfe Schwierigkeiten habe, im Wortsinn an die Jungfrauengeburt zu glauben. Und so bin ich dankbar, dass der Evangelist mir hier Freiheit l\u00e4sst. Freiheit zur Interpretation.<br \/>\n<em>Was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist.\u00a0<\/em>Was auch immer gewesen sein mag, wie es zu dieser Schwangerschaft kam, Josef wird aufgefordert, darin das Wirken des lebendigen Gottes zu glauben. Der auf krummen Wegen gerade gehen kann. Der eine zwielichtige, vielleicht auch schlimme Geschichte zum Beginn von etwas Heilvollem werden lassen kann. Ja, das ist schon zum Wundern, dass der gro\u00dfe Gott die Geschichte seiner Menschwerdung derart unkonventionell beginnt!<\/p>\n<p>Aber es hat Methode. Schlie\u00dflich habe ich Ihnen vorhin im Blick auf den Stammbaum Jesu etwas vorenthalten. Unter all den vielen, vielen M\u00e4nnernamen sind auch vier Frauen als Vor<strong>m\u00fctter<\/strong>\u00a0Jesu erw\u00e4hnt:\u00a0<em>Tamar<\/em>,\u00a0<em>Rahab<\/em>,\u00a0<em>Ruth<\/em>\u00a0und die Frau des Uria,\u00a0<em>Batseba<\/em>. Nun muss man wissen, dass keine dieser Stammm\u00fctter den Konventionen entsprach. Alle vier waren Ausl\u00e4nderinnen. Und alle vier wurden unter merkw\u00fcrdigen Umst\u00e4nden schwanger.\u00a0<em>Tamar<\/em>\u00a0sorgte mit List und T\u00fccke daf\u00fcr, dass ihr Schwiegervater Juda ihr ein Kind verschaffte. Die Kanaan\u00e4erin\u00a0<em>Rahab<\/em>\u00a0war eine mutige Prostituierte mit dem richtigen Riecher f\u00fcr die israelitischen Kundschafter.\u00a0<em>Ruth<\/em>\u00a0war eine moabitische Witwe und frei genug war, sich fern der Heimat erst an die j\u00fcdische Schwiegermutter und Freundin und dann an den starken Mann dieser j\u00fcdischen Familie zu binden. Und schlie\u00dflich die sch\u00f6ne\u00a0<em>Batseba<\/em>, die hatte eine dubiose Liebesaff\u00e4re mit dem K\u00f6nig David und erk\u00e4mpfte dann mit Esprit und Beharrlichkeit f\u00fcr Salomo, den zweiten Sohn aus dieser Verbindung, die Thronfolge.<\/p>\n<p>Und dann als f\u00fcnfte im Bunde\u00a0<em>Maria<\/em>, die zur Unzeit schwangere. Sie passt in diese Reihe. Wenn der gro\u00dfe Gott die Erde ber\u00fchrt, liebt er es, Konventionen zu sprengen. Und er liebt und w\u00e4hlt sich offenbar gern geistreiche Menschen, die sich &#8211; auch unter heiklen Umst\u00e4nden &#8211; nicht so leicht verunsichern und absch\u00fctteln lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt zuletzt auch\u00a0<em>Josef<\/em>. Er ist einer, der in seiner Gewissensnot die leise werbende Stimme des Engels h\u00f6ren kann.\u00a0<em>Josef, du Sohn Davids, f\u00fcrchte dich nicht, Maria, deine Frau zu dir zu nehmen&#8230;\u00a0<\/em>Und Josef, der Gerechte, schenkt dieser Stimme Glauben. Das ist wunderbar. Josef wagt es zu glauben, dass gerade hier, in diesem ganzen Scherbenhaufen seiner irgendwie von Anfang an verkorksten Ehe, dass da Gott zu finden ist. Ausgerechnet da. Und dass Gott ihm helfen wird, dieses sein Leben anzunehmen, egal was die Leute denken. Weil Gott es im Zweifelsfall wichtiger findet, dass die Liebe unter den Menschen geboren wird als dass dem Gesetz und der Moral Gen\u00fcge getan wird. Und darum sagt der fromme und gerechte Josef \u201eJa&#8220; und steht zu seiner Maria mit dem Kind in ihrem Bauch.<\/p>\n<p>Josef wagt sein mutiges Ja, weil er verstanden hat, welche Botschaft in diesem Kind steckt. Es hei\u00dft Jesus &#8211; Gott hilft. Genau. Wie verdreht auch immer die Umst\u00e4nde sind. Gottes Macht zu helfen, kann immer noch gr\u00f6\u00dfer sein.<\/p>\n<p>Und es hei\u00dft Immanuel &#8211; Gott ist mit uns. Genau. Wie schr\u00e4g auch immer die anderen das finden, die keine Ahnung, nur Vergn\u00fcgen am Skandal haben. Schwerer wiegt das f\u00fcr einen wie Josef: Gott ist mit uns. Das ist wahrlich wunderbar.<\/p>\n<p>So gesehen ist der Unterschied zwischen den Namen Jesus, Gotthilf, und Immanuel v\u00f6llig irrelevant. Was dagegen wichtig ist: Ob Menschen wie Josef; ob Menschen wie wir das glauben k\u00f6nnen: Gott hilft. Gott ist mit uns. Auch wenn die Umst\u00e4nde unseres Lebens verquer sind. Auch wenn vieles nicht glatt l\u00e4uft. Auch wenn da manche Scherbenhaufen zu beklagen sind. Gott hilft. Gott ist mit uns. Immer noch und immer wieder. Denn seine Macht ist gro\u00df und er \u00fcbt sie immer wieder \u00fcberraschend anders aus als wir denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wie ich dem so nachtr\u00e4ume, merke ich, dass ich den Evangelisten Matth\u00e4us f\u00fcr den seltsam spr\u00f6den und unkonventionellen Beginn seines Evangeliums recht dankbar bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"fuss\">\nPfarrerin Katharina Roos<\/p>\n<p>E-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:katharina.roos@t-online.de\">katharina.roos@t-online.de<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Matth\u00e4us 1:1-25| verfasst von Katharina Roos| Seltsam sind die irdischen Umst\u00e4nde der Geburt des himmlischen Kindes. Seltsam ist auch der Bericht, den der Evangelist Matth\u00e4us im 1. Kapitel seines Werkes davon gibt. Kaum zu glauben, dass man ein Evangelium derart spr\u00f6d beginnen lassen kann! Mit einer langen, langen Liste von M\u00e4nnernamen. 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