{"id":3224,"date":"2020-08-20T10:55:45","date_gmt":"2020-08-20T08:55:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3224"},"modified":"2020-08-20T10:55:45","modified_gmt":"2020-08-20T08:55:45","slug":"wahrer-mensch-und-wahrer-gott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wahrer-mensch-und-wahrer-gott\/","title":{"rendered":"Wahrer Mensch und wahrer Gott"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christmette, 24.12.2014 | Predigt zu Matth\u00e4us 1:1-25| verfasst von Wolfgang Schmidt |<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>in diesem Jahr pr\u00e4sentiert uns der Predigttext einmal eine andere Weihnachtsgeschichte: kein<br \/>\nOchs und kein Esel, keine vergebliche Herbergssuche in Bethlehem, keine Hirten<br \/>\nauf dem Feld, denen die Engel Frieden verk\u00fcnden. Das alles erz\u00e4hlt ja die<br \/>\nvertraute Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium.<\/p>\n<p>Heute h\u00f6ren wir die Geburt Jesu einmal auf andere Weise: So wie Matth\u00e4us sie erz\u00e4hlt. Und das ist gut so. Sonst vergessen wir wom\u00f6glich einmal, dass die Bibel kein Buch ist, das<br \/>\nvon Anfang bis Ende in einem Zug durchgeschrieben wurde, sondern dass sie eine<br \/>\nSammlung ist, eine Sammlung von Glaubenszeugnissen verschiedener Menschen zu verschiedenen<br \/>\nZeiten. Die Evangelisten erz\u00e4hlen auf unterschiedliche Weise, je nachdem, wie<br \/>\nsie es selbst erz\u00e4hlt bekamen, je nachdem was ihnen selbst oder ihrer Gemeinde<br \/>\nwichtig ist an ihrem Glauben und daran, was sie mit Gott erleben. Die Bibel ist<br \/>\neine Schatztruhe. Und wenn man immer nur den selben Schatz herausholt, wird es<br \/>\nauf die Dauer uninteressant.<\/p>\n<p>So heben wir heute einen anderen Schatz: die Geschichte von Jesu Geburt, wie Matth\u00e4us sie uns erz\u00e4hlt. Sie ist ein kunstvolles Ineinander von irdischen und himmlischen F\u00e4den, die zu einem sinnvollen Ganzen zusammen gef\u00fcgt werden. Es geht um die gro\u00dfe Frage \u201eWer ist<br \/>\nJesus?&#8220;; in welcher Tradition steht dieses Kind, wo geh\u00f6rt er hin?<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick scheint bei Matth\u00e4us nun auch wirklich alles anders zu sein. Beginnt Lukas seine Weihnachtsgeschichte mit dem Gebot des Kaisers Augustus, \u201eein jeder ziehe in<br \/>\nseine Vaterstadt&#8220;, so dreht es sich bei Matth\u00e4us zu Beginn um Josef und seine<br \/>\ngest\u00f6rte Beziehung zu Maria. Dort also Weltgeschichte &#8211; hierFamiliengeschichte. Dort die gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeit &#8211; hier die fast intime Privatsph\u00e4re eines Paares. So mag es auf den ersten Blick scheinen.<\/p>\n<p>Doch in Wirklichkeit hat diese Paarbeziehung eine Vorgeschichte. Ein Stammbaum geht voran, der Stammbaumdes Josef! Auch das Lukas-Evangelium kennt ja \u00a0einen solchen Stammbaum in s einem dritten Kapitel. Dort wird Josef in eine direkte Abstammungslinie mit Adam gesetzt, dem ersten Menschen! Oder um es klar zu sagen: Der Vater Jesu ist vor allem anderen<br \/>\nein Mensch: ein Adamskind, wie wir alle. Anders bei Matth\u00e4us! \u201eDies ist das<br \/>\nBuch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.&#8220;<br \/>\nSo beginnt das Evangelium. 17 Verse lang werden Namen genannt (ich habe Ihnen<br \/>\ndas beim Lesen erspart), wer wen mit wem gezeugt hat, bis am Ende Josef geboren<br \/>\nwurde, der Vater Jesu. Abraham und David sind f\u00fcr Matth\u00e4us die entscheidenden<br \/>\nVorfahren in der Geburtsgeschichte! Der Vater Jesu ist Abrahams Sohn und Davids<br \/>\nSohn!<\/p>\n<p>Matth\u00e4us ist kein Historiker, kein Geschichtsschreiber. Er will keine Tatsachen festhalten. Er<br \/>\nwill ausdr\u00fccken, was er glaubt. Und er glaubt eben daran dass dieser Jesus, der<br \/>\nin heiliger Nacht geboren wird, nicht aus dem luftleeren Raum kommt. Die Geburt<br \/>\ndes Kindes in Heiliger Nacht ist eingebettet in eine Geschichte. Die Geburt<br \/>\ndieses Kindes ist eingebettet in die Geschichte seines Volkes, er ist Teil der<br \/>\nreligi\u00f6sen Hoffnungen und Erwartungen, die man in diesem Volk hegte und<br \/>\npflegte. Er ist Davids Sohn. An diesen gro\u00dfen K\u00f6nig der j\u00fcdischen Geschichte<br \/>\nhatte man im Volk Israel immer schon die Hoffnungen auf einen Erl\u00f6ser gekn\u00fcpft:<br \/>\nwie der kleine David den gro\u00dfen Goliath besiegt, so wird der Erl\u00f6ser den Tod<br \/>\nund das B\u00f6se besiegen. Die Hoffnungen, die man jahrhundertelang auf einen richtete,<br \/>\nder wie David kommt, das B\u00f6se zu besiegen und in Gerechtigkeit zu regieren &#8211; diese<br \/>\nHoffnungen sieht Matth\u00e4us nun erf\u00fcllt. Jesus ist es! Der neue David, der Retter<br \/>\nIsraels! Ein Davids-Sohn!<\/p>\n<p>Aber eben darin zugleich auch ein Abrahams-Sohn, wie Matth\u00e4us weiter herausstellt. Und das ist wichtig!<br \/>\nAbraham gilt als Stammvater aller, die sich zu dem einen Gott bekehren. Damit weitet<br \/>\nMatth\u00e4us den Blick: nicht allein Davids Sohn ist Jesus. Vielmehr ist er als<br \/>\nMessias Israels auch Abrahams Sohn und damit \u00fcber Israel hinaus Heiland auch f\u00fcr<br \/>\nalle anderen, die sich zu Gott bekennen, Heiland f\u00fcr die V\u00f6lker, wie es in<br \/>\nGenesis 12 hei\u00dft: \u201eUnd in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf<br \/>\nErden.&#8220; Das Partikulare und das Universale, eine Frage, die heute bis in die<br \/>\nPolitik hinein emotional diskutiert wird, ist hier in den ersten Worten des<br \/>\nMatth\u00e4us schon zusammengehalten.<\/p>\n<p>Und so steht also am Anfang der matth\u00e4ischen Weihnachtsgeschichte nun doch nicht die Privatssph\u00e4re eines Paares, sondern eine weitreichende Vorgeschichte. Matth\u00e4us steckt den<br \/>\nRahmen ab f\u00fcr die Geburt Jesu: Jesus ist Mensch, wahrer Mensch mit V\u00e4tern und Vorv\u00e4tern<br \/>\nund -m\u00fcttern. Mit der Geschichte eines Volkes, aus dem er kommt und zugleich mit<br \/>\nHoffnungen und Erwartungen, die weit \u00fcber dieses Volk hinaus reichen zu allen<br \/>\nV\u00f6lkern: Jesus ist aus dem Geschlechte Davids und damit zugleich aus dem<br \/>\nGeschlechte Abrahams. Das ist der Sinn dieses Stammbaum vom Anfang: Jesus<br \/>\nChristus, Mensch geboren, Retter Israels und der V\u00f6lker.<\/p>\n<p>Doch diese gesamte Abstammungslinie, die Matth\u00e4us bis dahin nun so kunstvoll entwickelt hat, scheint durch die Geschehnisse pl\u00f6tzlich in Frage gestellt. Josef wird gewahr, dass das Kind nicht von<strong>\u00a0<\/strong>ihm sein kann! Er ist der leibliche Vater nicht! Und wenn das Kind nicht von ihm<br \/>\nist, dann ist ja auch die gesamte Genealogie dahin. Dann flie\u00dft auch in Jesu<br \/>\nAdern kein Abrahams- und kein Davidsblut. Dann ist er ein Niemand!<\/p>\n<p>Doch wie sich nun erweisen wird, ist Jesu Herkunft noch von ganz anderer Seite her inspiriert. Aus der Kraft Gottes heraus hat Maria das Leben in ihrem Leib empfangen. Im<br \/>\nGlaubensbekenntis sagen wir: \u201eGeboren von der Jungfrau Maria.&#8220; Doch sowenig<br \/>\nMatth\u00e4us ein Ahnenforscher sein will, so wenig will er ein Biologe sein. Zu<br \/>\nlange und zu oft haben sich Menschen mit ihren medizinischen Anfragen an die<br \/>\nJungfrauengeburt aufgehalten und dabei am Kern des Ganzen vorbei geschaut.<\/p>\n<p>Es<strong>\u00a0<\/strong>ist wie bei dem Stammbaum: Der Kern ist weder die Ahnenforschung noch die Biologie!Vielmehr geht es im Kern darum, was Matth\u00e4us damit ausdr\u00fccken will: Sein Glauben, der im Sinnbild der Jungfrauengeburt seinen st\u00e4rksten Ausdruck findet &#8211; ein Sinnbild, das wir<br \/>\n\u00fcbrigens zur damaligen Zeit Land auf Land ab in hellenistischen und \u00e4gyptischen<br \/>\nreligi\u00f6sen Texten finden. Denken wir nur an Herkules, Sohn des Zeus und der<br \/>\nAlkmene. Und was ist dieser Glauben? Die Sache Gottes offenbart sich in Zeit<br \/>\nund Raum, bekommt Hand und Fu\u00df! Das will der Evangelist ausdr\u00fccken! Die Sache<br \/>\nGottes geht der Menschheit ein, geht ihr in Fleisch und Blut \u00fcber. In-carnatus:<br \/>\nein-gefleischt! Jesus: der eingefleischte Gott! Oder anders: Gott macht sich uns<br \/>\nMenschen verwandt! In diesem Jesus ist Gott in einzigartiger Weise mit uns! Man<br \/>\nwird ihm den Namen Immanuel geben, was \u201eGott mit uns&#8220;, hei\u00dft. Das will Matth\u00e4us<br \/>\nsagen! In diesem Mensch Jesus wohnt Gott! In ihm ist er in die Welt gekommen,<br \/>\num uns ganz nah zu sein, ganz fassbar, ganz konkret nah zu sein. Nicht Prinzip,<br \/>\nnicht fernes Wesen, nicht im Himmel, nicht im Jenseits, sondern mitten unter<br \/>\nden Menschen, mitten unter uns! Das ist die Botschaft des heiligen Abends. Wie<br \/>\nh\u00e4tte Matth\u00e4us das besser ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, als in der damals g\u00e4ngigen<br \/>\nVorstellung von der Jungfrauengeburt? In\u00a0<em>dieser<\/em>\u00a0Schwangerschaft ist Gott<br \/>\nam Werk!<\/p>\n<p>Solche Zusammenh\u00e4nge sind Josef aber zun\u00e4chst noch v\u00f6llig unbekannt. Was soll er mit dieser Frau machen, die von einem anderen schwanger ist? Das ist die Frage, die ihm schlaflose<br \/>\nN\u00e4chte bereitet. Er dankt daran, sie heimlich zu verlassen. Und mit ihm, w\u00e4re<br \/>\ndann auch der ganze sch\u00f6ne Stammbaum dahin, den Josef in die Geburtsgeschichte<br \/>\nJesu einzubringen hat. Kind Gottes w\u00e4re Jesus , nicht aber aus der Abstammungslinie<br \/>\nDavids und Abrahams. Und so bedarf es eines Traumes, der das Dilemma l\u00f6st und<br \/>\nbeide Str\u00e4nge, die so wichtig sind f\u00fcr das, was Jesus ist, endg\u00fcltig zusammenbringt.<br \/>\nNimm die Frau zu dir! Versto\u00dfe sie nicht! Und Josef tut, was der Engel ihm im<br \/>\nTraum einfl\u00fcstert. Und so gelingt es, die beiden F\u00e4den doch noch zusammen zu<br \/>\nbringen: die Traditionslinie, die er in seiner Ahnentafel einbringt und die<br \/>\nbesondere Beziehung des Neugeborenen zum g\u00f6ttlichen Geist. So kommt durch die<br \/>\nTreue des Josef zu Maria in Jesus beides zusammen: der Davids- und Abrahamssohn<br \/>\nmit dem Gottessohn.<\/p>\n<p>Am Anfang der Offenbarungsgeschichte steht ein Akt tiefen Vertrauens. Josef steht zu Maria.<br \/>\nJesus wird damit sein Kind obwohl er doch nicht der leibliche sohn ist. Jesus<br \/>\nwird so eingef\u00fcgt in die Verwandschaft des Josef, in die Kette der Generationen<br \/>\n&#8211; Davids Sohn, Abrahams Sohn, wahrer Mensch &#8211; und ist und bleibt doch zugleich<br \/>\nmehr und anderes: Er ist unmittelbar zu Gott. Damit kl\u00e4rt Matth\u00e4us die Herkunft<br \/>\nJesu und bewahrt doch zugleich das Geheimnis dieser Herkunft. \u00dcberall wo Gott<br \/>\nim Spiel ist, muss ein unaufkl\u00e4rbarer Rest bleiben. Gott wird immer, muss immer<br \/>\nvom Mantel des Geheimnisses eingeh\u00fcllt bleiben, sonst ist er nicht Gott. Und so<br \/>\nunternimmt Matth\u00e4us im ersten Kapitel seines Evangeliums die gro\u00dfe Aufgabe, das<br \/>\nUnvereinbare zu vereinbaren: Jesu Herkunft zu kl\u00e4ren und doch zugleich<br \/>\ngeheimnisvoll zu verh\u00fcllen: wahrer Mensch und wahrer Gott.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, obwohl Ochs und Esel dieser Geschichte fehlen, obwohl von der Krippe und vom Stall weit und breit nichts zu sehen ist und auch die Hirten nicht darin vorkommen &#8211;<br \/>\nes ist eine Weihnachtsgeschichte, die uns Matth\u00e4us erz\u00e4hlt: die Geschichte von<br \/>\neinem Gott der nicht fern ist -irgendwo, irgendwie &#8211; sondern dem Menschen nahkommt.<br \/>\nEiner der den Graben zwischen dort und hier, Jenseits und Diesseits an einer<br \/>\nStelle \u00fcberbr\u00fcckt. Und diese Stelle hei\u00dft Jesus Christus. Auf den m\u00fcssen wir<br \/>\nschauen, wenn wir von Gott etwas wissen wollen. Auf den m\u00fcssen wir h\u00f6ren, wenn<br \/>\nwir suchen was heilsam ist. Auf den d\u00fcrfen wir uns verlassen, wenn es im Hier<br \/>\neinmal zu Ende geht. An dieser einen Stelle hat Gott den Graben zwischen dort<br \/>\nund hier \u00fcberbr\u00fcckt. Und wie das eben so ist: jede Br\u00fccke hat zwei Enden, eins<br \/>\ndort und eins hier: Wahrer Gott und wahrer Mensch. An Weihnachten feiern wir<br \/>\nallj\u00e4hrlich die Einweihung dieser Br\u00fccke.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"fuss\">\nPropst Wolfgang Schmidt<br \/>\nJerusalem<br \/>\nE-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:propst@redeemer-jerusalem.com\">propst@redeemer-jerusalem.com<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christmette, 24.12.2014 | Predigt zu Matth\u00e4us 1:1-25| verfasst von Wolfgang Schmidt | Liebe Gemeinde, in diesem Jahr pr\u00e4sentiert uns der Predigttext einmal eine andere Weihnachtsgeschichte: kein Ochs und kein Esel, keine vergebliche Herbergssuche in Bethlehem, keine Hirten auf dem Feld, denen die Engel Frieden verk\u00fcnden. 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