{"id":3255,"date":"2020-08-25T12:16:34","date_gmt":"2020-08-25T10:16:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3255"},"modified":"2020-08-25T12:57:45","modified_gmt":"2020-08-25T10:57:45","slug":"predigt-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-4\/","title":{"rendered":"Predigt"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Psalm 139 | verfasst von&nbsp;Pfarrer Dr. Rainer Oechslen |<\/h3>\n<p>F\u00fcr meine Predigt heute w\u00e4hle ich den Psalm 139, der mich seit vielen Jahren besch\u00e4ftigt. Der Psalm ist eine wunderbare Einheit, viel zu schade, um sie zu zerrei\u00dfen \u2013 aber auch zu lange, um sie in einem St\u00fcck auszulegen. Deshalb m\u00f6chte ich jeweils einen Abschnitt besprechen. Ich beginne mit den Versen 1 bis 4:<\/p>\n<p><em>HERR, du erforschest mich<\/em><\/p>\n<p><em>und kennest mich.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich sitze oder stehe auf, so wei\u00dft du es;<\/em><\/p>\n<p><em>du verstehst meine Gedanken von ferne. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich gehe oder liege, so bist du um mich<\/em><\/p>\n<p><em>und siehst alle meine Wege.<\/em><\/p>\n<p><em>Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,<\/em><\/p>\n<p><em>das du, HERR, nicht alles w\u00fcsstest.<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p><em>\u201eHERR, du erforscht mich\u201c,<\/em> sagt der Beter.<\/p>\n<p>Bibelkenner merken: Der Psalm stammt aus der Sp\u00e4tzeit des Alten Testaments. In fr\u00fcherer Zeit h\u00e4tten die Beter gesagt: HERR, du erforscht <strong>uns<\/strong>. Da <em>pr\u00fcfte<\/em> Gott sein <strong>Volk<\/strong>, ob es <em>in seinem Gesetz wandelte oder nicht<\/em>(2. Mose 16,4) Nun steht ein einzelner Mensch vor Gott. Und dieser einzelne ist uns Heutigen nah. Vorsichtiger gesagt: Er ist mir nah.<\/p>\n<p>In der Mitte meines Lebens, als ich 40 wurde, w\u00fcnschte ich mir eine Auszeit und fuhr ohne gro\u00dfe Vorbereitung nach Mittelamerika. In Quetzaltenango, im Hochland von Guatemala, wollte ich ein wenig Spanisch lernen. Dort, am Fu\u00df des Vulkans Santa Maria, kam ich nach der aufregenden Reise \u00fcber New York nach Guatemala-Stadt und mit dem Bus hinauf in die Berge wieder zur Ruhe. So dachte ich. Tats\u00e4chlich schlief ich eine Woche lang erst um f\u00fcnf oder sechs Uhr morgens ein. Alles, was in meinem Leben nicht in Ordnung war, ging mir durch den Kopf; alle meine Fehler standen um mein Bett herum. Ich wurde konfrontiert mit meiner dunklen Seite. Gott hat mich erforscht.<\/p>\n<p>Ich vermute: Jetzt, da ich an der Schwelle des Alters stehe, erforscht Gott mich wieder. Und ich frage mich: Will ich das wirklich, dass der Herr <strong>alles <\/strong>von mir wei\u00df, dass er <em>meine Gedanken von ferne<\/em> versteht? Sollte nicht besser manches verborgen bleiben? In einem anderen Psalm steht ein Satz, den ich sehr gut verstehe: \u201e<em>Wohl dem, dem die S\u00fcnde bedeckt ist.\u201c <\/em>(Psalm 32,1) Das ist die eine Seite.<\/p>\n<p>Es gibt auch eine andere. Eine Studentin schrieb mir: \u201eIch finde es immer entlastend, dass der Herr sowieso schon alles wei\u00df.\u201c Der Satz passt zu ihr, zu der Freude und Freundlichkeit, die sie ausstrahlt. Sie hat recht: Der Vers von dem guten Hirten, \u201eder mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt\u201c (EG 593,1) klingt kindlich \u2013 und ist doch Trost auch f\u00fcr Erwachsene, die wissen, dass sie nicht immer liebenswert sind.<\/p>\n<p>Lesen wir weiter in Psalm 139:<\/p>\n<p><em>Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,<\/em><\/p>\n<p><em>und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fchre ich gen Himmel, so bist du da;<\/em><\/p>\n<p><em>Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.<\/em><\/p>\n<p><em>N\u00e4hme ich Fl\u00fcgel der Morgenr\u00f6te<\/em><\/p>\n<p><em>und bliebe am \u00e4u\u00dfersten Meer,<\/em><\/p>\n<p><em>so w\u00fcrde auch dort deine Hand mich f\u00fchren<\/em><\/p>\n<p><em>und deine Rechte mich halten.<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Die Fl\u00fcgel der Morgenr\u00f6te \u2013 <\/em>wer es noch nicht bemerkt h\u00e4tte, der w\u00fcsste es jetzt: Die Psalmen sind Dichtung. Sie sind Poesie, die uns den Blick \u00f6ffnet f\u00fcr ein Leben, das in der Sprache der Wissenschaft allein nicht beschrieben werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wissenschaft w\u00fcrde fragen \u2013 und hat tats\u00e4chlich immer wieder so gefragt: Wie ist es m\u00f6glich, dass der gro\u00dfe Gott, der die Sterne geschaffen hat und das Weltall lenkt, auf mein Leben achthat? Wie ist es m\u00f6glich, dass er meine kleinen Sorgen kennt? M\u00f6gen mir meine Sorgen gro\u00df erscheinen, f\u00fcr ihn sind sie winzig. Mag ich hundert Jahre alt werden, in der Geschichte der Welt ist das weniger als ein Wimpernschlag.<\/p>\n<p>In der Sprache der Philosophie wird die Frage so gestellt: Der Gott, der die gro\u00dfen Gesetze der Natur gegeben hat, wie kann der Einzeldinge kennen? Gen\u00fcgt es nicht, dass die Welt seinen Gesetzen folgt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Sprache des Glaubens antworten wir: Gott ist nicht nur unendliche Weisheit, er ist auch unendliche Liebe. Mit jedem Atemzug nehmen wir die Liebe des Gottes in uns auf, der das Leben gewollt hat, der das Leben auch heute will. N\u00e4hmen wir <em>Fl\u00fcgel der Morgenr\u00f6te <\/em>und fl\u00f6gen wir<em> ans \u00e4u\u00dferste Meer, <\/em>wir w\u00fcrden doch immer bleiben in der Welt, die Gott zur Erl\u00f6sung, zur Vollendung bestimmt hat. Und weil wir immer in Gottes Welt bleiben, deshalb sind auch unsere Krankheiten, unser Kummer, unsere Sorgen zur Erl\u00f6sung, ist unser Leben zur Vollendung bestimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht beten wir: \u201e<em>Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute<\/em>\u201c, und denken dabei nur an unser Marmeladebrot und die Tasse Kaffee zum Fr\u00fchst\u00fcck. In Wahrheit aber beten wir darum, dass Gott alle Menschen und seine ganze Sch\u00f6pfung mit allem Notwendigen versorgt und mitten in dieser Welt auch uns nicht verkommen l\u00e4sst, euch nicht und mich auch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht kann ich es mit einem Gleichnis sagen: Liebe ist ein gro\u00dfes Gef\u00fchl, weit und tief wie ein Ozean. Aber Liebe ist nicht nur ein Gef\u00fchl. Sie zeigt sich in Taten und kann sich \u00e4u\u00dfern auch in der kleinen Geste, mit der du deiner Geliebten einen Regenschirm in die Hand dr\u00fcckst, wenn sie aus dem Haus geht. So ist Gott: weit und tief wie ein Ozean und gegenw\u00e4rtig in dem Igel in meinem Garten, der mir Freude macht und den ich nun f\u00fcttere, damit er gut durch den n\u00e4chsten Winter kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lesen wir weiter:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Denn du hast meine Nieren bereitet<\/em><\/p>\n<p><em>und hast mich gebildet im Mutterleibe.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich danke dir daf\u00fcr, dass ich wunderbar gemacht bin;<\/em><\/p>\n<p><em>Wunderbar sind deine Werke;<\/em><\/p>\n<p><em>Das erkennt meine Seele.<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Ich war noch am Anfang meines Studiums, als ein Buch erschien, das meine Freunde und mich sehr erregte: \u201eGottesvergiftung\u201c von Tilmann Moser. Der Psychotherapeut Moser lehnte sich auf gegen einen Gott, der alles sieht und alles wei\u00df. So ein Gott macht krank, meinte Moser. Dieser Gott verhindert, dass Menschen den aufrechten Gang lernen, sich in Selbstvertrauen entfalten. Moser schrieb: \u201eWas meinst du, wieviel Drohung und Unentrinnbarkeit unter der Oberfl\u00e4che dieser Lobpreisung liegen? \u2026 Sind Menschen je warmherziger zur Selbstaufgabe ermuntert worden?\u201c Gott, der gro\u00dfe Bruder, der uns beobachtet, soll endlich wegschauen, damit die Menschen zu sich selbst finden. Das ist Mosers Forderung.<\/p>\n<p>Neu war Mosers Aufschrei nicht. Schon Hiob sagte in seiner Verzweiflung: \u201e<em>Was ist der Mensch, dass du ihn gro\u00df achtest und dich um ihn bek\u00fcmmerst? Jeden Morgen suchst du ihn heim und pr\u00fcfst ihn alle Stunden. Warum blickst du nicht einmal von mir weg und l\u00e4sst mir keinen Atemzug Ruhe?<\/em>\u201c (Hiob 7,17-19)<\/p>\n<p>In den Versen aus Psalm 139 aber schaut nicht Gott auf den Menschen. Der Beter schaut auf Gott, der ihn gemacht hat. In einer Art Vision sieht der Beter, wie Gott ihn als Embryo geformt hat und ruft aus: \u201e<em>Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin.<\/em>\u201c Ich wei\u00df nicht, wie ein Mensch mehr Selbstvertrauen gewinnen kann als durch die Erfahrung: Ich bin ein Wunder. Seelsorge besteht nicht nur darin, dass ein Mensch von seinen dunklen Seiten reden darf. Seelsorge hei\u00dft auch: den niedergedr\u00fcckten und entt\u00e4uschten Menschen von dem Wunder ihrer Existenz erz\u00e4hlen. Ich habe in meinem Freundeskreis ein paar \u00c4rzte. Sie alle haben auch nach vielen Jahren in ihrem Beruf nicht aufgeh\u00f6rt, \u00fcber das Wunder des Lebens zu staunen. So staunt auch der Beter dieses Psalms: Es ist ein Wunder, dass es mich gibt.<\/p>\n<p>Lesen wir noch einmal weiter:<\/p>\n<p><em>Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler t\u00f6ten!<\/em><\/p>\n<p><em>Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!<\/em><\/p>\n<p><em>Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen,<\/em><\/p>\n<p><em>und verabscheuen, die sich gegen dich erheben.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich hasse sie mit ganzem Ernst;<\/em><\/p>\n<p><em>sie sind mit zu Feinden geworden.<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Wer jetzt meinen w\u00fcrde, dass dieser Abschnitt doch nicht in den wunderbaren Psalm 139 geh\u00f6rt, der h\u00e4tte den Psalm noch nicht verstanden.<\/p>\n<p>Ich will es zuerst sagen mit den Worten von Otmar Keel, einem Kenner des Alten Testaments, dem ich viel verdanke: \u201eDer Beter von Psalm 139 kann im Gegensatz zu vielen sonnt\u00e4glichen Kirchg\u00e4ngern, den engen Zusammenhang zwischen Gottverbundenheit und Politik nicht \u00fcbersehen. Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft verderben die Verbundenheit mit Gott. Das Bewusstsein davon und die Angst davor brechen hier allerdings wie ein Vulkan \u00fcber eine friedliche Landschaft herein.\u201c<\/p>\n<p>Wir in dieser Kirche geh\u00f6ren zur Gattung der sonnt\u00e4glichen Kirchg\u00e4nger. Uns ist dennoch klar, glaube ich, was Keel meint. Mit meinen Worten: Wer erkannt hat, dass er von Gott wunderbar gemacht ist, wer verstanden hat, dass Gottes Liebe diese Welt durchwirkt und sie versorgt, der kann sich nur auflehnen gegen alle, die diese Welt verkommen lassen.<\/p>\n<p>Eine Freundin schrieb mir vor einigen Tagen einen langen Brief. Bis vor einem Jahr hat sie mit ihrer Familie in Beirut gelebt. Auch ich habe sie dort einmal besucht. Jetzt schreibt sie: \u201eUnsere Jungs habe ich meist bei der Antonius-Kirche getroffen, auf deren Hof sie spielten, 200 m Luftlinie von dem unseligen \u201aWarenhaus 12\u2018 mit seinen Tonnen von Ammoniumnitrat entfernt. Die Explosion h\u00e4tte uns alle aus n\u00e4chster N\u00e4he getroffen \u2026 Die Ohnmacht, dass keiner Verantwortung \u00fcbernimmt, keiner aus der politischen Elite auch nur eine Geste der Solidarit\u00e4t vollbringt \u2013 die Hoffnung auf Gerechtigkeit weicht, der Wunsch nach Rache w\u00e4chst.\u201c<\/p>\n<p>Ich denke, ich muss diesem Brief nichts hinzuf\u00fcgen. Auch Hass ist nicht nur ein Gef\u00fchl. Es ist&nbsp; in der Sprache der Bibel die klare politische Ablehnung von Leuten, die ein ganzes Land zugrunde richten.<\/p>\n<p>Der Psalm ist noch nicht zu Ende. Die wichtigsten Verse kommen am Schluss:<\/p>\n<p><em>Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;<\/em><\/p>\n<p><em>Pr\u00fcfe mich und erfahre, wie ich\u2019s meine.<\/em><\/p>\n<p><em>Und siehe, ob ich auf b\u00f6sem Wege bin,<\/em><\/p>\n<p><em>und leite mich auf ewigem Wege.<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Wir sind am Ziel des Psalms angelangt. Das Ziel hei\u00dft: Gott, lass mich nicht bei denen sein, die diese Welt zugrunde richten. Lass mich zu denen geh\u00f6ren, die die Wunder deiner Sch\u00f6pfung bestaunen und bewahren. Pr\u00fcfe meine Worte und Taten. Zeige mir das B\u00f6se, das ich getan habe \u2013 nicht damit ich mit schlechtem Gewissen herumlaufe, sondern damit ich k\u00fcnftig deinen Weg gehe, den Weg, der bestehen bleibt, den <em>ewigen Weg<\/em>.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfarrer Dr. Rainer Oechslen (<a href=\"mailto:rainer.oechslen@elkb.de\">rainer.oechslen@elkb.de<\/a>)<\/p>\n<p>Sudetenstra\u00dfe 4, 91578 Leutershausen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Psalm 139 | verfasst von&nbsp;Pfarrer Dr. Rainer Oechslen | F\u00fcr meine Predigt heute w\u00e4hle ich den Psalm 139, der mich seit vielen Jahren besch\u00e4ftigt. 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