{"id":3259,"date":"2020-08-25T08:39:00","date_gmt":"2020-08-25T06:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3259"},"modified":"2020-08-25T12:56:43","modified_gmt":"2020-08-25T10:56:43","slug":"es-gibt-keine-hintertuer-zu-einem-menschenherzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/es-gibt-keine-hintertuer-zu-einem-menschenherzen\/","title":{"rendered":"Es gibt keine Hintert\u00fcr zu einem Menschenherzen"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Jona 2 und Matth\u00e4us 12,31-42 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Peter Fischer-M\u00f8ller | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Tage mit den hellen N\u00e4chten sind nun bald vorbei in diesem Jahr. Um zehn Uhr ist es dunkel, und es wird erst wieder hell um vier Uhr. Als Kind habe ich den Sommer mit seinen hellen N\u00e4chten geliebt, und mir wurde immer etwas mulmig, wenn wir hier zum Ende des Monats August kamen und es deutlich wurde, dass die N\u00e4chte nun nur noch dunkler und l\u00e4nger wurden \u2013 und das w\u00fcrde so weitergehen bis hin zu Weihnachten. Ich hatte n\u00e4mlich Angst vor der Dunkelheit.<\/p>\n<p>Die habe ich nicht mehr \u2013 aber daf\u00fcr kann ich \u2013 wie die meisten Erwachsenen \u2013 N\u00e4chte erleben voller dunkler Gedanken und unruhiger Tr\u00e4ume, N\u00e4chte, die sich anf\u00fchlen, als w\u00e4re man von einem gewaltigen Meerestier verschluckt, N\u00e4chte, wo man sich einsam f\u00fchlt und Angst hat und keinen rechten Sinn in irgendetwas finden kann.<\/p>\n<p>Nach so einer Nacht kommt das Morgengrauen wie eine Befreiung. Das ist, wie wenn man von dem n\u00e4chtlichen Wal-Fisch auf den Strand gespuckt wird und einem ein neuer Tag geschenkt wird, wo wir einander sehen und miteinander reden und uns \u00fcber das Leben freuen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hier sind auf dem Trockenen, noch ein Tag ist und geschenkt.<\/p>\n<p>Man kann das als ein Zeichen sehen, das wir erhalten, ein Zeichen daf\u00fcr, dass Gott existiert, ein Zeichen f\u00fcr die Gnade und Liebe Gottes.<\/p>\n<p>Wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln, so eben um einander zu helfen und Hilfe von Gott zu erhalten, diese Zeichen zu deuten. Wenn wir uns gerade am Sonntag versammeln, so deshalb, weil der Sonntag der Tag der Auferstehung ist, weil Jesus am Ostersonntag von den Toten auferstand, erl\u00f6st wurde, nicht nur von der Sorge und Unruhe der Nacht, sondern von der Finsternis des Todes, ein Zeichen daf\u00fcr, dass uns nun nichts von jemals von der Liebe Gottes trennen wird. Es ist Sonntag, wir leben und existieren. Hier in der Kirche \u00fcben wir uns darin, die allt\u00e4glichen Zeichen zu deuten.<\/p>\n<p>Hole Luft, sp\u00fcre die Bewegung der Brust auf und nieder! Jeden einzigen Morgen, jeder einzige Atemzug ist in Wirklichkeit ein kleines Wunder!<\/p>\n<p>Aber oft sind wir gleichsam blind gegen\u00fcber den Lebenszeichen Gottes.<\/p>\n<p>Dass wir am Leben sind und vielleicht sogar gesund sind und Arbeit haben und genug zu essen haben und ein Dach \u00fcber dem Kopf und Menschen um uns herum, die uns lieben \u2013 das sehen wir so leicht als das Selbstverst\u00e4ndlichste von der Welt. Als etwas, zu dem wir berechtigt sind und auf das wir Anspruch haben.<\/p>\n<p>Schwarzseher sind wir vielleicht nicht, aber vielen von uns f\u00e4llt es leichter, die Fehler zu sehen als das Phantastische. Die Zeitungen sind voll von all dem, was nicht in Ordnung ist, all dem, was in der Welt schiefl\u00e4uft. Und wir fragen uns selbst und einander: Warum l\u00e4sst Gott das zu? Warum greift er nicht ein? Sind hier nicht deutliche Zeichen daf\u00fcr, dass es gar keinen Gott gibt? Aber steht es wirklich so schlimm? Sind da nicht bessere Geschichten zu erz\u00e4hlen? Eine Reihe von wohlt\u00e4tigen Organisationen und Leute von er Entwicklungshilfe wollen uns dazu helfen. Sie haben eine Kampagne ins Leben gerufen: \u201eDie besten Nachrichten der Welt\u201c. Sie beginnt hier im September, und da erfahren wir unter anderem, dass die Armut in der Welt faktisch r\u00fcckl\u00e4ufig ist und dass mehr Kinder al je zuvor eine Ausbildung erhalten. Und dass es etwas n\u00fctzt, den Notleidenden und sozial Benachteiligten zu helfen und Entwicklungshilfe zu geben.<\/p>\n<p>Dass es Mitgef\u00fchl und Freigiebigkeit gibt, die kleine Lichter in der Welt anz\u00fcnden, Lichter g\u00f6ttlicher Gegenwart vielleicht. Aber wagen wir es, daran zu glauben?<\/p>\n<p>Die schlauen Leute im Evangelium von heute wollten auch gerne klare Zeichen haben, an die sie sich halten konnten. Ja, am liebsten h\u00e4tten sie Beweise. Beweise daf\u00fcr, worum es Jesus eigentlich ging. Denn es war nat\u00fcrlich ganz in Ordnung \u2013 wie sie gesehen hatten \u2013 dass ein Blinder wieder sehen konnte, aber vielleicht war das ja nur ein Zufall, vielleicht nur ein smarter Trick. Vielleicht war an dem, was Jesus da betrieb, in Wirklichkeit etwas unheimlich.<\/p>\n<p>Aber Jesus antwortet, dass sie kein anderes Zeichen bekommen als das des Propheten Jona. Und was ist das f\u00fcr ein Zeichen?<\/p>\n<p>Jona kennen wir aus dem Alten Testament. Eine herrliche Geschichte, zweitausendf\u00fcnfhundert Jahre alt.<\/p>\n<p>Der Name Jona bedeutet: \u201eGott hat gn\u00e4dig gehandelt!\u201c Aber gerade mit der Gnade Gottes hat Jona in Wirklichkeit seine Schwierigkeiten.<\/p>\n<p>Jona erwacht pl\u00f6tzlich an einem Morgen und ist sicher, dass Gott mit ihm geredet hat. Gott will ihm zu der gro\u00dfen b\u00f6sen Stadt Ninive schicken, um das Gericht \u00fcber die dortige Bev\u00f6lkerung zu verk\u00fcnden.<\/p>\n<p>Aber Jona hatte Angst, Angst davor, so scharfe Worte so schlimmen Leuten zu verk\u00fcnden. Deshalb steckte er seine Finger in die Ohren, nahm ein Schiff und fuhr in die andere Richtung.<\/p>\n<p>Da kam ein gewaltiger Sturm auf. Die Seeleute waren sich dar\u00fcber klar, dass sich ein Unheil anbahnte, und sie warfen das Los, um den Schuldigen zu finden. Das Los fiel auf Jona, den die deshalb \u00fcber Bord warfen. Aber Gott zeigte sich gn\u00e4dig, er rette Jona vor dem Ertrinken, er lie\u00df ihn von einem Wal schlucken. Und er durfte innen im Bauch des Wals drei Tage und drei N\u00e4chte sitzen, ehe der ihn an Land spuckte.<\/p>\n<p>Dann endlich zieht Jana nach Ninive. \u201cIhr seid b\u00f6se und gottlose Leute. In vierzig Tagen ist eure Stadt zerst\u00f6rt!\u201c ruft er. Und dann geschieht ganz \u00fcberraschend, dass die Leute tats\u00e4chlich zuh\u00f6ren. Die Einwohner Ninives bekehren sich. Gott beschlie\u00dft, die Stadt zu verschonen. Und Jonas wird w\u00fctend. Wieso wird er losgeschickt, um Gericht zu verk\u00fcnden, wenn das Gericht dann doch nicht stattfindet? Wozu Gott sagt, dass die Welt ja nicht Jona geh\u00f6rt und dass Gott das Recht hat, so inkonsequent und barmherzig zu sein, wie es ihm gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Als Jona sich am allermeisten aufregt, l\u00e4sst Gott eine \u00d6lpflanze wachsen, so dass sie Jona etwas Schatten geben kann da drau\u00dfen in der sengenden Sonnenhitze. Gott will sich auch Jano gegen\u00fcber gn\u00e4dig erweisen &#8211; aber auch hart. Er l\u00e4sst die \u00d6lpflanze eingehen, so dass Jona wieder der Sonnenhitze ausgesetzt ist, und als er seine Not klagt, sagt Gott zu ihm: Siehe, das ist ein Zeichen mehr f\u00fcr dich. So sollte es nach deinem Wunsch der Stadt Ninive ergehen, sie sollte nur untergehen, vertrocknen, aber ich wollte, dass Menschen in der Stadt bl\u00fchen sollen, und dabei hast du mir geholfen. Daf\u00fcr sei dir gedankt!<\/p>\n<p>Die Geschichte von Jona ist eine Geschichte dar\u00fcber, wie Gott in unserem Leben stets am Werke ist. Wir k\u00f6nnen es nur nicht immer sehen. Deshalb ist Jesus in die Welt gekommen.<\/p>\n<p>\u201eUnd siehe, hier ist mehr als Jona!\u201c sag t Jesus von sich selbst. Wie ist das nun zu verstehen? K\u00f6nnen wir fragen.<\/p>\n<p>Ja, mit dem Kommen Jesu in die Welt hat sich etwas mit Gott selbst ereignet.<\/p>\n<p>In der Erz\u00e4hlung von Jona ist Gott eine kommandierende Stimme, die den Gang des Geschehens bestimmt, die den Sturm schafft und den Wal Jona verschlucken l\u00e4sst und den Wal nach Ninive schwimmen l\u00e4sst. Hier ist Gott gleichsam eine Naturkraft.<\/p>\n<p>Im Evangelium ist Gott ein Mensch geworden. Jesus begegnet Menschen in Augenh\u00f6he, isst zusammen mit ihnen, teilt ihre Sorgen und N\u00f6te und h\u00f6rt auf das, mit dem sie allein nicht fertigwerden.<\/p>\n<p>In Jesus hat Gott wirklich Menschen gezeigt, was in dem Namen Jona lag, seine Gnade, seine geduldige, vergebende Liebe. Aber auch wenn das ein Zeichen ist, das mehr ist als Jona, so ist es noch immer kein Beweis. Denn wenn es um Gnade geht, um Liebe und Vergebung, dann kann es keine Beweise geben. Das wissen wir von uns selbst. Wie in aller Welt soll ich meine Liebe zu einem anderen Menschen beweisen k\u00f6nnen? Ich kann liebe Worte sagen und Blumen schenken, aber das alles kann ja auch falsch sein und ein Betrug. Es gibt keine Hintert\u00fcr zu einem Menschenherzen, wir k\u00f6nnen nicht hinter die Worte und die Zeichen blicken, hier gibt es keine Beweise.<\/p>\n<p>Und eben hier geht Jesus im heutigen Evangelium aufs Ganze. Er wird w\u00fctend und ungeduldig. Er schmeichelt sich nicht ein bei seinen Zuh\u00f6rern. Und das k\u00f6nnte uns sehr wohl von den St\u00fchlen rei\u00dfen, wenn wir wirklich zuh\u00f6ren. Denn was sagt er da? Dass es Gottesl\u00e4sterungen gibt, f\u00fcr die es keine Vergebung gibt. Und dass lauter b\u00f6se Dinge aus dem Munde von b\u00f6sen Menschen kommen. So etwas ist nicht besonders angenehm zu h\u00f6ren. Es ist in der Tat unangenehm. Aber h\u00f6re einmal auf deine eigene Erfahrung und dein eigenes Gewissen. Dann wissen wir, dass er Recht hat. Wenn wir nicht an Vergebung glauben, dann gibt es in Wirklichkeit keine Vergebung.&nbsp; Dann sind wir noch immer einander Feinde und nicht imstande, miteinander Frieden zu schlie\u00dfen. Unser Leben wird dann ein harter, gnadenloser und trauriger Ort sein.<\/p>\n<p>Wenn das B\u00f6se uns ergreift, dann werden wir auch b\u00f6se in unserem Mund. Denkt nur daran, wie Erbstreitigkeit, Scheidungen und Geldstreitigkeiten unser Leben verpesten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hier ist es in der Tat an der Zeit, den Kurs zu \u00e4ndern, indem man den Glauben an das Gute, die Vergebung und die Gnade Gottes findet. Das ist in der Tat das einzige, was uns befreien und retten kann.&nbsp; Es geht also nicht darum, dass wir aus Versehen etwas sagen, und Gott dann so b\u00f6se oder ver\u00e4rgert oder beleidigt wird, dass es kein Zur\u00fcck mehr gibt.<\/p>\n<p>Es geht nur darum, ob wir unsere eigenen Ohren verschlie\u00dfen oder ob wir h\u00f6ren wollen.<\/p>\n<p>Gottes Gnade ist eine Realit\u00e4t in unserem Leben \u2013 auch wenn wir das nicht immer sehen k\u00f6nnen. Es ist ja ganz unglaublich: Ganz gleich wie selbstgef\u00e4llig und gottlos wir uns verhalten und ausgedr\u00fcckt haben, wir d\u00fcrfen einen weiteren Tag leben. Das ist in sich selbst ein Zeichen, ein Zeichen daf\u00fcr, dass wir\u2013 wie Jona \u2013 von Gott nicht aufgegeben sind. Er bleibt in der Tat dabei zu glauben und zu hoffen, dass wir ihm geh\u00f6ren wollen, dass wir daran glauben wollen, dass es Vergebung gibt f\u00fcr das, was wir \u2013 und andere \u2013 falsch machen, und Hoffnung f\u00fcr uns auch da, wo alles hoffnungslos aussieht.<\/p>\n<p>Auf das Evangelium h\u00f6ren hei\u00dft h\u00f6ren, dass es eine Alternative gibt zu Finsternis und Bosheit. Die Geschichte Jesu ist das endg\u00fcltige Zeichen daf\u00fcr, dass es Sinn macht zu glauben, zu hoffen und zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>In der Alten Kirche war Jona im Bauch des Walfischs eines der beliebtesten Motive.&nbsp; F\u00fcr die Christen war eben dieses Bild ein Zeichen, das sie an ihren Gr\u00e4bern und S\u00e4rgen anbrachten. Um einander von der Auferstehung Jesu zu erz\u00e4hlen und von dem Weg, den er auch f\u00fcr uns bereitet hat aus der Finsternis und dem Tode in das Licht und die Liebe Gottes. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bischof Peter Fischer-M\u00f8ller<\/p>\n<p>Roskilde<\/p>\n<p>Email: pfm(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Jona 2 und Matth\u00e4us 12,31-42 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst&nbsp;von Peter Fischer-M\u00f8ller | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | &nbsp; Die Tage mit den hellen N\u00e4chten sind nun bald vorbei in diesem Jahr. Um zehn Uhr ist es dunkel, und es wird erst wieder hell um vier Uhr. 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