{"id":3332,"date":"2020-09-01T11:40:00","date_gmt":"2020-09-01T09:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3332"},"modified":"2020-09-02T11:43:53","modified_gmt":"2020-09-02T09:43:53","slug":"ist-die-kirche-unsichtbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ist-die-kirche-unsichtbar\/","title":{"rendered":"Ist die Kirche unsichtbar?"},"content":{"rendered":"<h3><strong>13. Sonntag nach Trinitatis | Matth\u00e4us 20,20-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | <\/strong><strong>von Anders Kj\u00e6rsig |<\/strong><\/h3>\n<p>Vor etwa 25 Jahren begann man davon zu reden, die Kirche solle mehr sichtbar sein. Das hatte seinen Ursprung in einer Mischung von Multireligiosit\u00e4t und Reklamephilosophie. U.a. wurde ein Essay-Wettbewerb ausgeschrieben mit dem Titel: \u201eKirche, kenne deinen K\u00f6rper\u201c.<\/p>\n<p>Dieser Wettbewerb wurde gewonnen von dem nun verstorbenen Radiojournalisten und Theologen Helmuth Friis, der ein beredter und engagierter Autor war. Der Wettbewerb selbst war in vieler Hinsicht Ausdruck f\u00fcr die Vorstellung von der Sichtbarkeit. Den wer kann einen Geist sehen? Geist verlangt einen K\u00f6rper, wenn er sichtbar werden will.<\/p>\n<p>Die S\u00f6hne des Zebed\u00e4us wollen auch gerne sichtbar sein. Sie wollen eine sichtbare Position haben. Wer will das nicht gerne? Wenn man unsichtbar ist, kann niemand einen sehen, und man ger\u00e4t in Vergessenheit.<\/p>\n<p>Das galt auch f\u00fcr die Kirche. Nun sollte die Kirche nicht nur eine geistige Gemeinschaft sein, sie sollte sich vielmehr manifestieren und materialisieren und schlie\u00dflich ihren eigenen Wert legitimieren. Sie sollte sichtbar sein. Nicht als physische Kirche, Steine und Geb\u00e4ude, sondern indem sie an allen m\u00f6glichen anderen Orten als der Kirche pr\u00e4sent ist. Das war neu.<\/p>\n<p>Der verstorbene Bischof von Roskilde Jan Lindhardt ging sogleich vorbehaltlos auf die Idee ein. Er wollte Christentum und Kirche durch das Essen sichtbar machen. Sein Slogan war, dass die D\u00e4nen mit dem Magen denken. Woher er das wusste, war niemandem klar. Deshalb alliierte er sich mit der Fischindustrie und produzierte eine Reklame mit den legendarischen Gunner und Minna, die darauf abzielte, dass die D\u00e4nen zu Pfingsten Fisch essen sollten. Es sollte gerne Rotzunge sein. Man nannte Lindhardt den \u201eFischof\u201c und hielt sich die Nase zu, wenn er in den Raum kam. Aber warum das alles mit dem Essen?<\/p>\n<p>Wir wissen, Weinachten ist, wenn wir eine Gans essen, und wir wissen von Ostern, weil wir Lamm essen, sagte Lindhardt. Aber Pfingsten ist unbekannt. Daran musste man etwas \u00e4ndern. Das sollte dadurch sichtbar werden, dass die D\u00e4nen Fisch essen. Raus aus der Kirche und hin zum Fischgesch\u00e4ft. Die Kirche wurde ein Konzern. Das Projekt scheiterte. Die Leute bekamen den Fisch falsch in den Hals.<\/p>\n<p>Ich habe das mit Jan Lindhardt diskutiert und war sehr gegen diese Form von Vermarktung der Kirche. Aber er war damals ganz besessen von der Reklamebranche. Die Kirche sollte sich den Gesetzen des Marktes anpassen, und es ging nun darum, dass die Verk\u00fcndigung eine Ware ist, die man den d\u00e4nischen Gemeinden verkaufen soll, die ansonsten nichts von dem verstanden, was in der Kirche gesagt wurde.<\/p>\n<p>Die Gemeinden wurden zu Kunden, die Verk\u00fcndigung zu einer Discountware wie z.B. ein langweiliger K\u00e4se bei Netto \u2013 und der Pastor ein Regionalchef bei Netto \u2013 abgesehen vom Gehalt.<\/p>\n<p>Die Kirche wurde so zu einem Konzern, und ein Konzern hat ein Werbekonzept und eine Mission. Jan Lindhardt sagte in diesem Zusammenhang, dass die Stufen zur Kirche nicht zu hoch sein d\u00fcrfen, denn dann k\u00f6nnten die Menschen nicht hineinkommen. Und das bedeutete, dass man nichts sagen darf, schon gar nicht \u00fcber das Christentum und noch weniger etwas von der Art, was wir Verk\u00fcndigung nennen. Verk\u00fcndiung sollte die Form von Headlines haben. Noch ein Werbefeldzug.<\/p>\n<p>Man konnte in diesem Zusammenhang fragen: Kann die Stufe in eine Volkskirche nicht so niedrig werden, dass das Taufwasser ausl\u00e4uft? Was ist die Kirche dann?<\/p>\n<p>Aber Sichtbarkeit? Wo bleibt sie ab? Sollen wir stets die Kirche sichtbar machen? Das ist nun mehr als zwanzig Jahre her. Nicht in derselben Weise, m\u00f6chte ich meinen. Und dennoch. Sichtbarkeit hat sich in Aktivismus verwandelt, wo die Kirche unabl\u00e4ssig Engagements anbietet f\u00fcr dieses und jenes. Das Essen spielt noch immer eine Rolle. Es gibt noch immer gastronomische Gottesdienste: Wein und Bier sind dazugekommen. Lutherbier ist allgegenw\u00e4rtig. Pastoren essen bei den Zusammenk\u00fcnften Oliven, italienische Wurst und trinken frischgepressten Fruchtsaft. Den Becher, aus dem Jesus trank, hat man verkauft, stattdessen hat man modische Lampen am Gemeindezentrum angeschafft. Vor zwanzig Jahren gab es Br\u00f6tchen mit K\u00e4se und einen Kr\u00e4uterschnaps, dazu schwere deutsche Texte von Karl Barth. Oder auch man diskutierte Kierkegaard. Das ist heute ganz out.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht \u00e4hnelt die Volkskirche dem Wetterbericht \u2013 der muss auch in Gastronomie verpackt werden. Warum? Schwer zu sagen. Mein Vorschlag ist, dass die Bisch\u00f6fe nicht wagen, sich zu der christlichen Theologie zu bekennen, ohne das mit irgendeinem Projekt zu rechtfertigen. Sichtbarkeit ist so zu einem \u00fcbertriebenen Aktivismus geworden.<\/p>\n<p>Aktivit\u00e4ten sich an sich nicht verkehrt, das ist ein Teil der Kirchengeschichte, da gab es Vortr\u00e4ge und Musik. Aber wenn Aktivit\u00e4ten zu Aktivismus werden, hat man die Ausnahme zum Besonderen erhoben, und pl\u00f6tzlich begr\u00fcndet man das In der Welt Sein der Kirche mit allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen, ja grotesken Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>D\u00e4nisches Christentum ist nur sichtbar durch die Kirchengeb\u00e4ude, die da auf dem H\u00fcgel stehen in der Ferne und zweimal am Tag von sich h\u00f6ren lassen, wenn die Glucken l\u00e4uten. Die Kirche ist die ferne und die nahe Kirche. Und der d\u00e4nische Glaube ist sehr zur\u00fcckhaltend, diskret und braucht sich nicht aufzuspielen.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke stammt nicht von Grundtvig, sondern von S\u00f8ren Kierkegaard. Kierkegaard siedelt den Glauben im Herzen an, und das ist kennzeichnend f\u00fcr d\u00e4nisches Christentum. Der Glaube ist Innerlichkeit und nicht nach au\u00dfen gerichtet. Verborgen und unsichtbar. Das soll er auch bleiben, wenn wir die d\u00e4nische christliche Tradition und den d\u00e4nischen christlichen Glauben ernst nehmen. Davon w\u00e4re noch viel mehr zu sagen. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p>5881 Sk\u00e5rup Fyn<\/p>\n<p>Emal: ankj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. Sonntag nach Trinitatis | Matth\u00e4us 20,20-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Anders Kj\u00e6rsig | Vor etwa 25 Jahren begann man davon zu reden, die Kirche solle mehr sichtbar sein. Das hatte seinen Ursprung in einer Mischung von Multireligiosit\u00e4t und Reklamephilosophie. U.a. wurde ein Essay-Wettbewerb ausgeschrieben mit dem Titel: \u201eKirche, kenne deinen K\u00f6rper\u201c. 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