{"id":3349,"date":"2020-09-08T16:29:50","date_gmt":"2020-09-08T14:29:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3349"},"modified":"2020-09-08T16:35:44","modified_gmt":"2020-09-08T14:35:44","slug":"die-macht-des-geldes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-macht-des-geldes\/","title":{"rendered":"Die Macht des Geldes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu Lukas 19,1\u201310| verfasst von Thomas Bautz|<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Einige politische Parteien stellen f\u00fcr den Fall eines Wahlsiegs immer wieder Steuererh\u00f6hungen f\u00fcr gut Verdienende in Aussicht. Angesichts der vielen Aufgaben, die der Staat jetzt schultert, muss klar sein, dass B\u00fcrger, die etliche Hunderttausend Euro verdienen, k\u00fcnftig einen h\u00f6heren Beitrag zur Finanzierung des Gemeinwesens leisten sollten. Pragmatische Politik bedeute nicht, dass man Spitzenverdiener verschone und deshalb zus\u00e4tzliche Schulden mache. Wir br\u00e4uchten ein leistungsgerechteres Steuersystem.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Popul\u00e4rer ist die Steuererleichterung; sie ist beliebt bei allen sozialen Schichten, nat\u00fcrlich nicht nur bei den Reichen. Steuererleichterungen sind oft wenig hilfreich,\u00a0 besonders in Zeiten der Krise, erst Recht w\u00e4hrend der Corona-Krise. Doch sind Steuererh\u00f6hungen verhasst; ihre Notwendigkeit wird selten eingesehen, selbst seitens derer, deren Kapital um ein Vielfaches h\u00f6her ist, als der Staat von ihnen als Steuerabgaben einfordern w\u00fcrde. Im Klartext: es w\u00fcrde ihnen noch nicht einmal sonderlich weh tun. Sollten sie einmal freiwillig etwas zum Allgemeinwohl beitragen, wissen sie daraus einen Vorteil zu ziehen, d.h. ihrer Opferbereitschaft muss ein geh\u00f6riger Nutzen entsprechen.<\/p>\n<p>Heute gibt es schier ungeahnte M\u00f6glichkeiten, sich am Allgemeinwohl, an Firmen, Banken, B\u00f6rse, Unternehmen, politischen Institutionen oder einzelnen B\u00fcrgern zu bereichern. \u00dcbervorteilung, unlauterer Wettbewerb, Steuerhinterziehung, Korruption, bewusster Betrug und wom\u00f6glich mehr sind die Instrumentarien schamloser Geldgesch\u00e4fte.<\/p>\n<p>Es gibt Ausnahmen: sozusagen Reiche mit Herz, mit sozialem Engagement, aber die sind eher selten. Der Evangelist Lukas erz\u00e4hlt konfliktreiche Geschichten \u00fcber Reichtum und der Abh\u00e4ngigkeit davon. Manchen Reichen bot sich beruflich die M\u00f6glichkeit, sich regelm\u00e4\u00dfig zu bereichern, z.B. den Z\u00f6llnern:<\/p>\n<p>Im \u00a0r\u00f6mischen Reich wurden Steuern und Z\u00f6lle (Grenzzoll, Marktzoll) in den Provinzen nicht durch den Staat direkt eingezogen, sondern dieser verpachtete die Gebiete an einzelne Zollp\u00e4chter, die sie durch Unterbeamte (Z\u00f6llner) aus der einheimischen Bev\u00f6lkerung eintreiben lie\u00dfen. Die P\u00e4chter mussten eine festgelegte Summe an den Staat abliefern, so dass der Staat Risiken von Missernten u.a. auf diese abw\u00e4lzen konnte. Es lag somit nahe, dass die P\u00e4chter und Z\u00f6llner mehr verlangten als n\u00f6tig oder gar erlaubt war, um \u00dcbersch\u00fcsse aus den Einnahmen zu erzielen. So wurden sie gehasst und verachtet, und man versagte ihnen die b\u00fcrgerlichen Ehrenrechte, indem sie z.\u00a0B. nicht vor Gericht als Zeugen zugelassen wurden.<\/p>\n<p>Johannes der T\u00e4ufer gab den Z\u00f6llnern den Rat: \u201eFordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!\u201c (Lk 3,12.13). Die Verpflichtung, der r\u00f6mischen Obrigkeit Steuern zu zahlen, blieb f\u00fcr Juden ein \u00c4rgernis. Solche, die mit dem Eintreiben der Steuern betraut waren, wurden jeder Anerkennung f\u00fcr unw\u00fcrdig erachtet. Daher werden im Neuen Testament \u201eZ\u00f6llner und S\u00fcnder\u201c mitunter in einem erw\u00e4hnt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Gemessen an seiner grundlegenden, scharfen Kritik gegen\u00fcber den Reichen und ihrem egoistischen, gottlosen Verhalten gegen\u00fcber den Armen und Notleidenden erz\u00e4hlt Lukas aber auch die Geschichte vom reichen Oberz\u00f6llner Zach\u00e4us \u2013 eine Geschichte, die Vorbildcharakter hat oder einfach utopisch ist? Rabbi Jesus ist hier Gast, und Zach\u00e4us springt weit \u00fcber seinen Schatten. In der Forschung geht man von der M\u00f6glichkeit aus, dass es sich nicht um reine Fiktion handelt, \u201esondern im Kern eine Begebenheit aus dem Leben Jesu wiedergibt\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Der Erz\u00e4hler bringt von Anfang an eine gewisse Dramatik ins Spiel: der reiche Oberz\u00f6llner ist klein von Wuchs, begehrt aber den allseits bekannten Rabbi Jesus zu sehen, der sich gerade Jericho n\u00e4hert. Als Zugeh\u00f6riger einer verhassten Berufsgruppe kann Zach\u00e4us nicht riskieren, sich durch die wartende Menge einen Weg zu bahnen. Man w\u00fcrde ihn erkennen und wom\u00f6glich handgreiflich werden. Also steigt er auf einen Maulbeerfeigenbaum. Es bleibt offen, ob Zach\u00e4us Jesus wirklich nur beobachten will oder ob sein Interesse an dem Mann aus Nazareth einen tieferen Hintergrund hat. Als h\u00e4tte Jesus dessen wahre Absichten von vornherein erkannt, kommt er Zach\u00e4us durch Zuruf und Aufforderung entgegen: Er wolle bei seinem Hause, bei seiner Familie, einkehren und Gast sein. Der Oberz\u00f6llner folgt dieser f\u00fcr ihn v\u00f6llig \u00fcberraschenden, spontanen Selbsteinladung des Rabbis.<\/p>\n<p>Lukas sagt nicht einfach nur, der Nazarener wolle bei Zach\u00e4us einkehren, wie etwa in eine Herberge: nein, er wolle in seinem Hause, bei seiner ganzen Familie f\u00fcr einen Tag bleiben. Die Erz\u00e4hlung spart aus, wie der Gesinnungswandel bei diesem reichen Oberz\u00f6llner zustande kommt: Er will nicht nur die H\u00e4lfte seines Verm\u00f6gens (\u201eHab und Gut\u201c) den Armen geben, sondern \u201ewenn ich jemand ausgebeutet habe\u201c (\u201ewenn ich etwas von jemandem erpre\u00dft\u201c; \u201ewenn ich gegen jemanden falsch ausgesagt habe\u201c), gebe ich ihm das Vierfache zur\u00fcck (Lk 19,8).<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Man hat fast den Eindruck, als h\u00e4tte jemand \u2013 etwa ein sp\u00e4terer Redaktor \u2013 dieses Bekenntnis und Gest\u00e4ndnis des reichen Oberz\u00f6llners in die Erz\u00e4hlung des Lukas eingef\u00fcgt. Wenn Jesus der Familie des\u00a0 Zach\u00e4us zusagt: \u201eHeute ist diesem Hause Rettung (\u201eHeil\u201c) widerfahren\u201c (Lk 19,9), geschieht das unabh\u00e4ngig von der \u00fcberschw\u00e4nglichen, utopisch wirkenden Reaktion des Oberz\u00f6llners. Narrativ als \u00dcbergang dient der etwas stereotype, aber als \u201eprogrammatische Selbstaussage vertraute\u201c Satz:<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> \u201eDenn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren war\u201c (Lk 19,10).<\/p>\n<p>Zudem f\u00e4llt doch auf, dass der Gastgeber den Rabbi Jesus \u201emit Freuden empf\u00e4ngt\u201c (Lk 19,6). Das d\u00fcrfte jemandem sehr schwer fallen, der zumindest unterschwellig vorhat, ein Schuldbekenntnis und ein Gest\u00e4ndnis abzulegen, immerhin in Sachen Bereicherung, Veruntreuung, Betrug. Lukas erw\u00e4hnt mit keiner Silbe, wie es bei Zach\u00e4us zu dem Gesinnungswandel kommt. Die Erz\u00e4hlung vermittelt an dieser Stelle (Lk 19,8) eher eine Sozialutopie, w\u00e4hrend der Evangelist vielerorts im Evangelium seine strikte Haltung gegen\u00fcber Reichtum und die Spitzenverdiener mehr als deutlich werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Viele Theologen und Bibelausleger sehen den Fokus dieser Geschichte darin, dass Jesus diesem reichen Oberz\u00f6llner, der bez\u00fcglich Moral und Rechtsbeugung nicht zimperlich ist, vorbehaltlos begegnet, ihn trotz sozialer \u00c4chtung wieder in die j\u00fcdische Gemeinschaft aufnimmt. Das ist aber nichts Herausragendes. Man verkennt, dass die Evangelien h\u00e4ufig erz\u00e4hlen, dass Rabbi Jesus solche gesellschaftlichen Schranken generell durchbricht und Menschen nicht nach ihrem sozialen Status beurteilt. In beeindruckender Weise ist sein Handeln oft anst\u00f6\u00dfig und nicht gesellschaftskonform. Dennoch zieht er zu Felde gegen solche, die nicht bereit sind, ihren Reichtum zu teilen, oder auch gegen die Frommen, die meinen, \u201evor Gott\u201c viel Gutes vorweisen zu k\u00f6nnen. Deshalb wettert der Nazarener \u00f6fter gegen eine heuchlerische Fr\u00f6mmigkeit, wie er sie bisweilen bei Pharis\u00e4ern antrifft:<\/p>\n<p>Eines Tages h\u00f6ren die Pharis\u00e4er Jesu kritische Worte \u00fcber den Mammon und \u00fcber Mammonismus. Sie lieben das Geld (sind geldgierig) und lachen ihn h\u00f6hnisch aus (r\u00fcmpfen die Nase \u00fcber ihn). Doch Jesus spricht zu ihnen: \u201eIhr seid die, welche sich selbst vor den Menschen rechtfertigen. Gott aber kennt eure Herzen. Denn: Was bei Menschen hoch erhoben \u2013 eine Abscheulichkeit ist es vor Gott.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Manchmal geht beides ineinander \u00fcber: Ein junger Mann begegnet Jesus und fragt ihn, was er Gutes tun solle, um \u201eunendliches\u201c, ewiges Leben<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> zu erlangen. Der Rabbi verweist ihn an die Weisungen der Tora (Zehn Gebote, Doppelgebot der Liebe usw.; selbstbewusst entgegnet der junge Mann: \u201eAuf das alles habe ich geachtet\u201c. Jesus aber antwortet mit Bestimmtheit: \u201eWillst du vollkommen sein, so geh, verkaufe dein Hab und Gut und gib es (den) Armen. So wirst du einen Schatz in den Himmeln haben. Und auf, folge mir!\u201c Als aber der junge Mann das Wort h\u00f6rte, ging er betr\u00fcbt fort, denn er hatte viele G\u00fcter (Mt 19,16\u201322).<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Von den Nachfolgern (J\u00fcngern) des Nazareners wird sogar gefordert, vollkommen zu sein, wie ihr himmlischer Vater vollkommen ist (Mt 5,48).<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Damit ist kein \u00e4u\u00dferer Perfektionismus gemeint. Sie sollen nur eindeutig sein, so wie Rabbi Jesus keine Zwiesp\u00e4ltigkeit, sondern Eindeutigkeit verk\u00f6rpert. Das betrifft entscheidend die N\u00e4chsten- und Feindesliebe. Letztere d\u00fcrfte das Schwierigste im Reich Gottes sein. Feindesliebe als Kraft \u00a0gegen pures Streben nach Reichtum: Neid, Missgunst, Geldgier, Machtgel\u00fcste, Hass auf Kontrahenten, Konkurrenten, Widersacher in Wirtschaft, Politik, mitunter aber auch in der Familie \u2013 das sind m\u00e4chtige, fast un\u00fcberwindliche Parameter, die der Religion des Geldes<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> entstammen. Freundschaft gibt es nur unter Gleichgesinnten, notgedrungen, um mit den W\u00f6lfen einstweilen zu heulen, bis man ein noch gr\u00f6\u00dferer Wolf geworden ist, um nun die anderen zu verschlingen.<\/p>\n<p>Faktisch machen sich die Reichen eher Feinde; sie werden nicht geliebt, allenfalls gef\u00fcrchtet, wenn sie gleichzeitig noch die Rolle eines Diktators erf\u00fcllen. Wenn nun wirtschaftliche Macht, strukturelle Gewalt, wenn das gesamte soziale und politische Leben geldbestimmt sind, dann ist die Sozialutopie innerhalb der Geschichte vom reichen Oberz\u00f6llner Zach\u00e4us und Rabbi Jesus notwendig: Ein Reicher bekennt sein Unrecht und gesteht Betrug und Gesetzesbruch. Die H\u00e4lfte seines Verm\u00f6gens gibt er den Armen und Vierfaches denen, die er ausgebeutet hat. Der Inhalt der Erz\u00e4hlung ist zwar utopisch, erf\u00fcllt aber eine Vorbildfunktion.<\/p>\n<p>Weil Geld und Macht in ungeahnte Abh\u00e4ngigkeiten f\u00fchren, stellt Lukas eine enorme Forderung auf: \u201eMacht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon \u2026 Der im Kleinsten Treue ist auch im Gro\u00dfen treu; der im Kleinsten Ungerechte ist auch im Gro\u00dfen ungerecht. Wenn ihr nun beim ungerechten Mammon nicht treu werdet, wer wird euch das wahre Gut anvertrauen?\u201c \u201eIhr k\u00f6nnt nicht Gott dienen und dem Mammon.\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr den Philosophen und Soziologen Georg Simmel (1858\u20131918) bietet der Mammonismus<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> bereits 1914 eine subtilere Gefahr als jene mehr materialistischen, habs\u00fcchtigen Begleiterscheinungen der Geldwirtschaft.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Das Geld erh\u00e4lt metaphysischen, religi\u00f6sen Charakter. Geld kann unverhohlen als \u201eGott\u201c angesehen, mit \u201eGott\u201c identifiziert werden. Geld und Waren bekommen Fetischcharakter. Nicht nur Materielles wird zur Ware \u2013 auch geistige und soziale Werte und Beziehungen werden zu abstrakten Gebilden. Auch gesellschaftliches, politisches Leben. Humane Notwendigkeiten zum Schutz der Kranken, Schwachen, Notleidenden und der von Arbeitslosigkeit Bedrohten wichen l\u00e4ngst sog. Sachzw\u00e4ngen: \u201eunn\u00f6tige\u201c Kosten einsparen, Gewinne maximieren, nach M\u00f6glichkeit Subvention vom Staat erhalten. Melden eine Firma, ein Konzern Insolvenz an, werden Spitzenmanager h\u00e4ufig vorher noch mit Boni oftmals in Millionenh\u00f6he bedacht. \u2013 Geld regiert die Welt!<\/p>\n<p>Was soll man dagegen tun? Der Volksmund sagt: Reiche werden immer reicher, Arme immer \u00e4rmer. Der Evangelist Lukas \u2013 vermutlich auf Jesus von Nazareth zur\u00fcckgehend \u2013 ermahnt die Beg\u00fcterten mit ernst, unmissverst\u00e4ndlichen Worten; er versucht es auch mit der sozialutopischen Erz\u00e4hlung um den reichen Oberz\u00f6llner Zach\u00e4us, der freiwillig die H\u00e4lfte seines Verm\u00f6gens den Armen opfert. Leider wird nicht erz\u00e4hlt, wie das \u00fcberhaupt organisiert wurde. Obendrein erhielt jeder, den er ausgebeutet hat, das Vierfache von ihm. G\u00e4be es solche Wohlhabende in Wirklichkeit, br\u00e4uchte die politischen Parteien die Steuern f\u00fcr Reiche vielleicht nicht erh\u00f6hen. Aber Politik unterliegt selbst den Regeln des Kapitals.<\/p>\n<p>Wenn Regierende politische Macht missbrauchen \u2013 nicht nur Aggressoren und Diktatoren, man findet sie auch in demokratischen Regierungen \u2013, h\u00e4tten sie keine Gewalt, wenn sie nicht ihrerseits einer noch weitaus m\u00e4chtigeren Kraft huldigten: der Macht des Geldes<em>, <\/em>der monet\u00e4ren Sachzw\u00e4nge, wie sie eine kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entwickelt hat. Geld ist \u201edie universelle Gestalt des Reichtums\u201c, suggeriert und \u201eer\u00f6ffnet den scheinbar uneingeschr\u00e4nkten Zugriff der Zahlungsf\u00e4higen auf die M\u00f6glichkeiten der Welt und ist deshalb auch der universelle Gegenstand des Begehrens.\u201c<\/p>\n<p>Was \u00a0\u201eIdeologen der modernen Volkswirtschaftslehre\u201c anpreisen als kl\u00fcgste, \u201esegensreichste Erfindung der Menschheit\u201c, bedeutet aber gleichzeitig die Gestalt eines universellen Problems mit seiner Kehrseite der \u201eungeheuerlichen Armut, die nicht mehr aus den Naturbedingungen erw\u00e4chst, sondern k\u00fcnstlich produziert wird. Geld erscheint als unheimliche Macht, weil es das &#8218;abstrakte Ding&#8216; ist, gleichg\u00fcltig gegen alles Sinnliche, gegen Mensch und Natur, gegen Gef\u00fchle und pers\u00f6nliche Bindungen. Geld kann alles und nichts repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>In dieser gesellschaftlichen Abstraktion des Geldes lauert ein ungeheures Destruktionspotential, sobald sie real gegen die sinnliche Welt eingesetzt wird: \u201aAbstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, hei\u00dft Wirklichkeit zerst\u00f6ren\u2018 (Hegel). Im Geld verkehren sich gleichzeitig auf paradoxe Weise soziale und dingliche Beziehungen: In ihrem wechselseitigen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnis repr\u00e4sentieren die Menschen nicht sich selbst, sondern [\u2026] Geld.\u201c Dies absurde Verh\u00e4ltnis kann man mit Fug und Recht unter R\u00fcckgriff auf Karl Marx als <em>Fetischismus<\/em> bezeichnen.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Die Beispielerz\u00e4hlung vom Oberz\u00f6llner Zach\u00e4us lehrt uns, dass es auf Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit ankommt. Der Reiche gibt f\u00fcnfzig Prozent seines Hab und Guts den Armen \u2013 das ist unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viel, im besten Sinne des Wortes. So viel w\u00fcrde keine demokratische Regierung den Spitzenverdienern ihres Landes abverlangen. Zach\u00e4us aber handelt eben nicht nach den Gesetzen des Geldes; er unterwirft sich nicht mehr dem Mammonismus, dem es v\u00f6llig egal ist, wie die Armen ihr Dasein fristen, au\u00dfer wenn sie wie moderne Sklaven ihren reichen Herren dienen und sich dabei verwursten lassen.<\/p>\n<p>Verstehen wir die Geschichte von Zach\u00e4us einmal spielerisch: Bei Durchsicht seiner Verh\u00e4ltnisse merkt er, ihm fehlt die n\u00f6tige \u00dcbersicht; er braucht auch Aussicht auf eine alles \u00e4ndernde Einsicht, die ihm durch die Begegnung mit Rabbi Jesus zuteilwird, den er freudig in seinem Haus empf\u00e4ngt. Von nun an wird der Oberz\u00f6llner die Gefahren des Reichtums beherzigen, wenn er beruflich Aufsicht f\u00fchrt; er wird nun Vorsicht walten lassen.<\/p>\n<p>In Gesellschaft und Politik kursieren entlarvende Spr\u00fcche, die etwas Entscheidendes \u00fcber unser Verh\u00e4ltnis zum Geld aussagen; wir erfahren, wie erfinderisch manche Politiker dabei sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eOhne Moos nix los!\u201c \u201eGeld regiert die Welt.\u201c \u201eGeld stinkt nicht. (Pecunia non olet.)\u201c Letzteres Idiom ist auch von der Herkunft her vielsagend: Die Redewendung geht zur\u00fcck auf den r\u00f6mischen Kaiser Vespasian. Im alten Rom wurde Urin f\u00fcr die Ledergerbung und die W\u00e4schereinigung eingesetzt. So wurden in Rom an belebten Stra\u00dfen amphorenartige Latrinen aufgestellt, um Urin einzusammeln. Um die leeren Staatskassen zu f\u00fcllen, erhob Kaiser Vespasian auf diese \u00f6ffentlichen Toiletten eine spezielle Latrinensteuer. Vespasian rechtfertigte die Steuer vor seinem Sohn Titus, indem er ihm Geld aus den ersten Einnahmen unter die Nase hielt und fragte, ob der Geruch ihn st\u00f6re. Als er verneinte, habe Vespasian gesagt: \u201eUnd doch ist es vom Urin\u201c). Daraus wurde die Redewendung <em>Pecunia non olet<\/em>, \u201eGeld stinkt nicht\u201c.<\/p>\n<p>Was heute humorvoll anmutet, war bei Kaiser Vespasian blutiger Ernst; immerhin ging es ihm um die Staatskasse oder den Staatshaushalt. Es st\u00fcnde uns aber gut zu Gesicht, wenn wir heute getrost die Begebenheit aus der Antike bel\u00e4cheln. Bei allem Ernst heutiger Steuer- und Wirtschaftspolitik w\u00fcrde es niemand schaden \u2013 auch nicht in der sog. hohen Politik -, wenn wir mehr Humor walten lie\u00dfen und keine Partei sich wichtiger n\u00e4hme als alle anderen.<\/p>\n<p>Den Spitzenverdienern, das Wort ist im Grunde besser und konkreter als das allgemeine Wort Reiche, ist zu w\u00fcnschen, dass sie neu verstehen, was \u201eVerh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit\u201c im Vergleich zu sozial Schwachen bedeutet und worin ihr Beitrag f\u00fcr das Wohl des Gemeinwesens bestehen k\u00f6nnte. Es f\u00e4llt schwer \u2013ebenfalls B\u00fcrgern aus der Mittelschicht -, den Lebensstandard zugunsten der Notleidenden etwa zu reduzieren; denn eins gilt auch: Reichtum ist relativ, das war schon in der Antike so.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Aber noch eine tiefere Wahrheit gilt: Es gibt innere Reicht\u00fcmer, die, wenn sie nach au\u00dfen treten bzw. ihren jeweiligen Ausdruck finden, Menschen erbauen: Malerei, Poesie, Bildhauerei, Tanz, Theater, Film. Die Kunst vermag uns zu bereichern. Zwar wird sie schon l\u00e4ngst vermarktet, aber dar\u00fcber muss man wohl hinwegsehen. Dann gibt es enorme Charakterst\u00e4rken: Menschen, die unbestechlich, mutig ihrer Berufung folgen und sich unerschrocken f\u00fcr Menschen und Natur einsetzen, ihr eigenes Leben oft riskierend. M\u00f6gen wir in unserer kleinen Welt unser M\u00f6glichstes tun.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Pfarrer Thomas Bautz<\/p>\n<p>Bonn<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:thomas.bautz@ekir.de\">thomas.bautz@ekir.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bsp. <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/scholz-steuern-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/scholz-steuern-101.html<\/a> (vom 29.08.2020).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Z%C3%B6llner_(Beruf)\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Z%C3%B6llner_(Beruf)<\/a>; Ekkehard W. Stegemann\/ Wolfgang Stegemann: Urchristliche Sozialgeschichte. Die Anf\u00e4nge im Judentum und die Christusgemeinden in der mediterranen Welt (1995): (II.) Sozialgeschichte des Judentums im Land Israel und die Jesusnachfolge (4.) Jesusnachfolge im Land Israel in neutestamentlicher Zeit (4.1.2) Die Anf\u00e4nge der Jesusnachfolge im Land Israel (174\u2013189): \u00a0(c) Die soziale Einordnung der Jesusnachfolge, 177\u2013181: 178\u2013179.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Volker Hampel: Menschensohn und historischer Jesus. Ein R\u00e4tselwort als Schl\u00fcssel zum messianischen Selbstverst\u00e4ndnis Jesu (1990): (II) Die synoptische Menschensohn\u00fcberlieferung (B) Die Logien von der gegenw\u00e4rtigen Hoheit des Menschensohns (IV.) Lk 19,10; S. 203\u2013208: 203.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Das Neue Testament. \u00dcbers. v. Fridolin Stier. Aus dem Nachla\u00df hg.v. Eleonore Beck et al. (1989), S. 180; Eduard Schweizer: Das Evangelium nach Lukas, NTD 3 (1986), S. 192; Fran\u00e7ois Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III\/3, Lk 15,1\u201319,27 (2001), S. 266.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> J\u00fcrgen Becker: Jesus von Nazareth (1996): (4) Die nahende Gottesherrschaft als gegenw\u00e4rtiger Heilsbeginn f\u00fcr das verlorene Israel (4.2) Die Konstitutionsbedingungen f\u00fcr Jesu Verst\u00e4ndnis der Gottesherrschaft (122\u2013176): (4.2.4) Die Gottesherrschaft als Rettung der Verlorenen, 168\u2013176: 168.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> E. Schweizer: Das Evangelium nach Lukas (1986): Die Funktion des Gesetzes (16,14\u201318), S. 170\u2013176: 170; Das Neue Testament. \u00dcbers. v. Fridolin Stier (1989), S. 173; F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III\/3 (2001): Regeln der Treue (Lk 16,10\u201318), S. 85\u2013105: 89.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ewiges Leben ist das individuelle Pendant zum kollektiven Reich Gottes, Gottes Herrschaft, Reich der Himmel; je nach theologischem Vorverst\u00e4ndnis \u00fcberwiegt eine Polarisierung beider Dimensionen. Jesu Worte versteht man entweder pr\u00e4sentisch oder futurisch (auf Gegenwart oder auf Zukunft bezogen) und \u00fcbersieht, dass sich seine Verk\u00fcndigung oft auf Gegenwart und Zukunft beziehen, z.B.: \u201eDas Reich Gottes ist inwendig in euch oder mitten unter euch oder zu eurer Verf\u00fcgung\u201c (Lk 17,21); cf. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, EKK III\/3 (2001): Angesichts der Zukunft (17,20\u201337), S. 158\u2013184: Die Pr\u00e4senz des Gottesreichs, 164\u2013168: 166.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Das Neue Testament. \u00dcbers. v. Fridolin Stier (1989), S. 50\u201351.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Hans Weder: Die \u201eRede der Reden\u201c. Eine Auslegung der Bergpredigt heute (<sup>2<\/sup>1987): Von der N\u00e4chstenliebe zur Liebe selbst (Mt 5,43\u201348), S. 136\u2013152: 137 u. 151\u2013152.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Friedhelm Hengsbach: Kapitalismus als Religion? (2007). Christoph Deutschmann: Die Verhei\u00dfung des absoluten Reichtums. Zur religi\u00f6sen Natur des Kapitalismus (2., \u00fcberarb. Aufl. 2001); Kapitalismus als Religion, hg.v. Dirk Baecker, copyrights 9 (2003): Kapitalismus als Religion (Walter Benjamin), 15\u201318; Die Grenzen des Kapitalismus. Kapitalismus, Religion und Politik in Benjamins Fragment &#8218;Kapitalismus als Religion&#8216; (Uwe Steiner), 35\u201359; Schuldgeschichte. Benjamins Skizze \u201e Kapitalismus als Religion\u201c (Werner Hamacher), 77\u2013119; Die Verhei\u00dfung absoluten Reichtums: Kapitalismus als Religion? (C. Deutschmann), 145\u2013174; Geld und Geist: Die Metapher des Geldes und die Struktur der Offenbarung (Anselm Haverkamp), 175\u2013186; Der Kapitalismus \u2013 eine Erfindung von Theologen? (Norbert Bolz), 187\u2013207; Deus Creditor: Walter Benjamins &#8218;Kapitalismus als Religion&#8216; (Birger P. Priddat), 209\u2013247.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> E. Schweizer: Das Evangelium nach Lukas (1986): Befreiung f\u00fcr die Zukunft Gottes (16,1\u201313), S. 167\u2013170: 168.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Annette Merz: Mammon als sch\u00e4rfster Konkurrent Gottes. Jesu Vision vom Reich Gottes und das Geld, in: Severin J. Lederhilger (Hg.): Gott oder Mammon. Christliche Ethik und die Religion des Geldes (2. \u00d6kumenische Sommerakademie Kremsm\u00fcnster 2000) (2001), 34\u201390.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> G. Simmel: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen. Reden und Aufs\u00e4tze (1917), in: G. Simmel: GA 16 (1999): Deutschlands innere Wandlung. Rede, gehalten in Stra\u00dfburg, November 1914, S. 13\u201329: 17\u201318.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Robert Kurz: Weltkrise und Ignoranz. Kapitalismus im Niedergang. Ausgew\u00e4hlte Schriften, hg.v. Roswitha Scholz\/ Claus Peter Ortlieb (2013): Der strukturelle Wahn in der warenproduzierenden Moderne (68\u201387): (1.) Der Fetischismus des Geldes, 68\u201370: 68\u201369.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Stegemann: Urchristliche Sozialgeschichte (1995): (I.) Wirtschaft und Gesellschaft der mediterranen Welt im 1. Jahrhundert (3.) Schichtung und soziale Situation (3.4) Darstellung der Elite: Die Oberschichtgruppen, 75 &#8211; 80.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Lukas 19,1\u201310| verfasst von Thomas Bautz| Liebe Gemeinde! Einige politische Parteien stellen f\u00fcr den Fall eines Wahlsiegs immer wieder Steuererh\u00f6hungen f\u00fcr gut Verdienende in Aussicht. 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