{"id":3366,"date":"2020-09-10T14:31:07","date_gmt":"2020-09-10T12:31:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3366"},"modified":"2020-09-10T14:33:15","modified_gmt":"2020-09-10T12:33:15","slug":"der-gott-der-mutlosen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-gott-der-mutlosen\/","title":{"rendered":"Der Gott der Mutlosen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Johannes 5,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Leise Christensen|<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit war ich bei einer Geburtstagsfeier \u2013 gem\u00fctlich und lustig und auch eine Herausforderung, sollte sich zeigen. Zwischen dem Hauptgericht und dem Nachtisch entstand eine Diskussion \u00fcber Weltanschauung, Krankheit und Heilung. Eine kompetente Krankenschwester war dabei, die t\u00e4glich mit Leuten zu tun hatte, die irgendwie zu Schaden gekommen waren. Und da war ein Alternativmediziner, der meinte, alle Krankheiten seien durch verdr\u00e4ngte Gef\u00fchle und Traumata aus verschiedenen Lebensphasen verursacht. Erwartungsgem\u00e4\u00df kam es zu einer heftigen Diskussion. Der alternative Mediziner meinte, selbst ein Beinbruch oder ein H\u00fcftleiden k\u00f6nne von unbehandelten Traumata aus den mehr sorglosen Jugendjahren verursacht sein, wo sich einige unangenehme Erlebnisse in den Knochen abgelagert und sie geschw\u00e4cht haben. Die Krankenschwester dagegen meinte, dass Knochenbr\u00fcche allein von Unf\u00e4llen, St\u00fcrzen und St\u00f6\u00dfen oder Knochenschwund herr\u00fchrten, ganz unabh\u00e4ngig von eventuellen psychischen Traumata aus einem fr\u00fcheren Lebensabschnitt. Die Diskussion wogte hin und her mit immer gr\u00f6\u00dferer Lautst\u00e4rke. Eine alte Frau, die ihr Leben mit harter Arbeit auf einem kleinen Bauernhof zugebracht hatte, f\u00fcnf Kinder und die Haustiere versorgt hatte, brachte sich in die Debatte und sagte, dass ihr H\u00fcftleiden von langj\u00e4hriger harter Arbeit k\u00e4me, w\u00e4hrend der alternative Medizinerr sagte, dass dies nicht geschehen w\u00e4re, wenn sie nicht ein psychisches Trauma zu einem Zeitpunkt erlitten h\u00e4tte. Und wenn die \u00e4ltere Dame dar\u00fcber nicht sprechen wollte, wolle sie auch nicht wieder gesund werden. In diesem Augenblick dachte ich, dass ich nun stattdessen etwas von meinen Hunden erz\u00e4hlen sollte, wie t\u00fcchtig sie sind, ehe tumultartige Zust\u00e4nde am Tisch entstanden.<\/p>\n<p>Dennoch f\u00e4llt mir diese Diskussion ein, wenn ich an das heutige Evangelium denke. Denn Jesus kommt zu einem Menschen, der ganze 38 Jahre lang in den S\u00e4uleng\u00e4ngen von Bethesda zugebracht hat und der gehofft hat, dass er es eines Tages sein wird, der geheilt wird, dass er es sein wird, der als erster zum Teich Bethesda kommt, wenn der Engel das Wasser in Aufruhr bringt. Bethesda bedeutet Haus der Barmherzigkeit oder der Gnade. Aber nein, er hatte keinen, der ihm half, und gel\u00e4hmt, wie er war, konnte er nicht vor allen anderen zum Wasser kommen.&nbsp; Und nur der erste wurde geheilt. Er hatte wirklich schlechte Chancen in diesem Wettrennen.&nbsp; Was f\u00fcr eine Kummerparade da im Haus der Barmherzigkeit \u2013 oder vielleicht besser der Unbarmherzigkeit. Bethesda: Lahme, Blinde, Auss\u00e4tzige, Spastiker, ja alle m\u00f6glichen Leute, die versuchten, als erste zu kommen, um geheilt zu werden. Wie grotesk, wie unbarmherzig, wie schrecklich.<\/p>\n<p>Als Jesus diesen Menschen mit seinen 38 Jahren in einer armen Lebensw\u00fcste sieht, fragt er: \u201eWillst du gesund werden?\u201c. Das ist tats\u00e4chlich eine sehr moderne Frage, die an das erinnert, was der Alternativmediziner zu der \u00e4lteren Frau mit dem H\u00fcftleiden sagte: \u201eWillst du gesund werden?\u201c Wenn du nicht von deinen schmerzenden Traumata aus der zeitweiligen W\u00fcstenwanderung deines Lebens erz\u00e4hlst, ja dann hast du keinen reellen Wunsch, gesund zu werden. Du musst damit herausr\u00fccken. Darin liegt die Heilung\u201c. Dazu kann man viel sagen (und das tat man auch bei Tische), aber das \u00e4ndert wie gesagt nichts daran, dass die Situation tats\u00e4chlich an das erinnert, was Jesus selbst dem Lahmen in Bethesda sagt: \u201eWillst du gesund werden?\u201c.&nbsp; Nat\u00fcrlich will der Mann gesund werden, ehrlich gesagt. Wenn ich sage, dass da etwas ganz Modernes in dieser Frage Jesu liegt, so deshalb, weil heute in vielem auf den einzelnen Menschen verwiesen wird. Es geht um den Willen.<em> Wollen<\/em> wir dieses und <em>wollen<\/em> wir das? Und deshalb wird vieles, sehr vieles, zu einer Frage danach: Wenn uns etwas nicht gelungen ist, dann wohl deshalb, weil wir es wohl nicht wollten. Wir haben nicht genug darauf gesetzt. Das ist immer unsere eigene Schuld. In einer Gesellschaft, die in gro\u00dfem Umfang die Verbindungen zu einem Verst\u00e4ndnis des Lebens, der Welt und des Alltags abgebrochen hat, wo der Zufall keinen Platz hat und wo Gott sich nur in eine kleinen sorgsam abgemessenen Nische des Daseins befindet, wenn \u00fcberhaupt irgendwo, da ist das meiste unsere Schuld. Wir sterben an Herzkreislauf-Erkrankungen, weil wir rauchen. Wir sterben an Krebs wegen \u00dcbergewicht und allgemein schlechten Gewohnheiten, wir bekommen Alters-Diabetes, weil wir die Kost-Vorschl\u00e4ge nicht beachtet haben und nicht genug Gem\u00fcse gegessen haben, wir haben die zehn Gebote nicht befolgt, um nicht Diabetes, Trauma und dergleichen zu bekommen. Es ist unsere eigene Schuld, wenn wir mit dem Druck am Arbeitsplatz nicht fertigwerden oder in der Schule keine eins bekommen, es ist unsere eigene Schuld, dass wir einsam und verlassen werden, weil wir nicht gut genug waren und der M\u00fche wert f\u00fcr andere. Wir bekamen nicht den guten Job, weil wir im Gespr\u00e4ch nicht attraktiv genug waren. Oder wir waren so gut darin, die Opferrolle einzunehmen, dass die anderen es nicht mehr ertrugen. Wir geben dauernd den anderen die Schuld. Usw. usw.! Ja, viel Schuld und viele Urteile lasten auf uns. Und unmittelbar sieht es so aus, dass Jesus selbst auf dieser Welle mitreitet. Willst du gesund werden? Als ob das etwas w\u00e4re, was wir selbst bestimmen. Als ob wir in dieser Sache etwas zu sagen h\u00e4tten. Als ob der Lahme am Teich von Bethesda etwas zu sagen h\u00e4tte in Bezug auf seinen lahmen K\u00f6rper. Als w\u00e4re der Wille etwas in sich selbst. Das ist er nicht. Das sagt unsere Erfahrung uns, unsere zuweilen bittere Erfahrung. Wir Menschen verlieren manchmal den Mut und werden von einer so gewaltigen Depression erfasst, dass wir uns nicht vom Stuhl erheben k\u00f6nnen und wollen. Nenne es Depression, Burnout, Minderwertigkeitsgef\u00fchl, nenne es, was du willst &#8211; die Handlungsl\u00e4hmung ist dieselbe. Die Welt und die Wirklichkeit und die Umst\u00e4nde und die Zuf\u00e4lligkeiten, es ist, wie es ist. Wir sind, wie wir sind. Das Leben geht nicht auf. Ich glaube, das ist eine sehr wichtige Einsicht. Das Leben geht nicht auf.<\/p>\n<p>Deshalb, guter Jesus, was meinst du mit dieser Frage \u2013 willst du gesund werden? Ich glaube im Grunde \u00fcberhaupt nicht, dass man sich auf die Frage selbst konzentrieren soll. Das Wichtige ist, dass Jesus einem Menschen begegnet, der nach 38 Jahren W\u00fcstenwanderung an einem Teich, merkw\u00fcrdigerweise, den Mut verloren hat, sowohl physisch wegen der L\u00e4hmung als auch existenziell wegen seiner Einsamkeit und der mangelnden mitmenschlichen Hilfe. Hier geht es um den Kern des christlichen Glaubens. Gott streckt die Hand aus zum Menschen, zu dir und zu mir in unserer existenziellen Not, in unserer Einsamkeit, unserer Verlassenheit. Es geht nicht darum, was wir glauben oder meinen oder wollen., sondern dass Gott uns will. Ungeachtet unserer Haltungen zu ihm. Gott sch\u00fcttet seine Liebe aus \u00fcber solche wir uns \u2013 nicht weil wir das verdient haben, nicht weil wir es nicht verdient haben, nicht weil wir immer den Mut aufrecht erhalten k\u00f6nnen und alles M\u00f6gliche wollen. \u2013 sondern weil wir die seinen sind. Schlichtweg. Der Gott der Mutlosen, der Gott der \u00c4ngstlichen, der Gott der Hoffnungslosen, der Gott der Schwachen, der Gott der Treulosen. Das ist unser Gott, dem wir in Jesus begegnen. Gott will uns neuen Mut geben zu sein, zu leben, zu lieben und das Leben zu lieben. Gott ist der Gott der Auferstehung, der uns mitten in dem Leben begegnet, wo wir sind \u2013 ob wir das nun gut finden oder nicht \u2013 und der f\u00fcr uns Auferstehung schafft, so wie er es an jenem Tage am S\u00e4ulengang und dem Teich von Bethesda getan hat. Im Vertrauen darauf m\u00fcssen wir das Leben wagen. Das ist unsere Hoffnung. Dass wir uns erheben, unser Bett nehmen du gehen. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Leise Christensen<\/p>\n<p>DK 8200 Aarhus N<\/p>\n<p>Email: lec(at)km.dk<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes 5,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Leise Christensen| &nbsp; &nbsp; Vor einiger Zeit war ich bei einer Geburtstagsfeier \u2013 gem\u00fctlich und lustig und auch eine Herausforderung, sollte sich zeigen. Zwischen dem Hauptgericht und dem Nachtisch entstand eine Diskussion \u00fcber Weltanschauung, Krankheit und Heilung. 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