{"id":3376,"date":"2020-09-16T10:26:07","date_gmt":"2020-09-16T08:26:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3376"},"modified":"2020-09-16T10:28:38","modified_gmt":"2020-09-16T08:28:38","slug":"aber-eines-genuegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/aber-eines-genuegt\/","title":{"rendered":"Aber eines gen\u00fcgt!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lukas 10,38-42 (d\u00e4nische Perikopenordnung)| von Rasmus N\u00f8jgaard|<\/strong><\/p>\n<p>Was ist das, was so gut ist, dass Maria den guten Teil erw\u00e4hlt hat? Sie hat sich Jesu zu F\u00fc\u00dfen gesetzt, um seine Worte zu h\u00f6ren, und das gen\u00fcgt, sagt Jesus. Das wird ganz deutlich im griechischen Text. W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt stellt Jesus fest: <em>Martha, du machst dir Sorgen um vieles, aber eines ist genug. Denn Maria hat den guten Teil gew\u00e4hlt, und den soll sie behalten.<\/em> Was ist das, was gen\u00fcgt, um den Hunger zu stillen und den Durst zu l\u00f6schen? Das wird uns nicht gesagt. Diese ber\u00fchmte Geschichte von Martha und Maria hinterl\u00e4sst uns mit anderen Worten etwas ratlos, denn so einfach und direkt die Geschichte erz\u00e4hlt wird, so verborgen ist ihr Sinn.<\/p>\n<p>Jesus besucht das Haus einer Frau, ihr Name ist Martha, und sie ist eine gute und f\u00fcrsorgliche Wirtin. Ihre Schwester Maria ist auch anwesend, aber w\u00e4hrend Martha viel zu tun hat, setzt sich Maria Jesus zu F\u00fc\u00dfen und h\u00f6rt auf seine Worte. Die eine arbeitet, die andere ruht sich aus, die eine ist in Bewegung, die andere ruht, die eine gibt, die andere empf\u00e4ngt. Dieser Gegensatz zwischen den beiden Frauen f\u00fchrt zu dem, was schon der Kirchenvater Augustin ein Gerichtsdrama genannt hat. Ein Drama, das \u00fcber das Schicksal und das Heil der beiden Frauen entscheiden soll. Martha selbst ist es, die die Anklage erhebt: <em>Ist es nicht falsch, dass mir Maria nicht dabei hilft, f\u00fcr dich zu sorgen?<\/em> <em>Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll. <\/em>Aber als Richter will Jesus dieses Urteil nicht akzeptieren, stattdessen weist er ihren Vorwurf zur\u00fcck und schlie\u00dft die Sache \u00fcberraschend damit, dass der den Vorwurf gegen Martha richtet. Sie macht sich unn\u00f6tige Sorgen, ihr Vorwurf ist unberechtigt, denn Maria hat sich f\u00fcr das einzig Richtige entschieden, und das soll ihr nicht genommen werden.<\/p>\n<p>Noch immer wissen wir nicht, was Maria anderes getan hat als Jesus zuzuh\u00f6ren. Aber wir bekommen einen Einblick darin, worum ist in diesem Rechtsstreit geht, wenn wir die Geschichte einbeziehen, die Jesus unmittelbar vor diesem kleinen Drama erz\u00e4hlt. Hier wird Jesus danach gefragt, wer das ewige Leben erben wird, und er antwortet mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Wer das ewige Leben erben will, muss seinen N\u00e4chsten lieben und so handeln wie der Samariter. Man sollte meinen, dass Martha geh\u00f6rt hat, wie Jesus diese Geschichte erz\u00e4hlte, und sie hat sie sich zu Herzen genommen in der Hoffnung, ebenso handeln zu k\u00f6nnen. Es ist wohl nicht ganz undenkbar, dass die Dinge so zusammenh\u00e4ngen. Vielleicht ist das geradezu der Anlass daf\u00fcr, dass Jesus das Haus von Martha besucht. Aber das erkl\u00e4rt nicht das Gericht Jesu \u00fcber Martha und Maria.<\/p>\n<p>In der Tradition haben wir immer Martha kritisiert und Maria gelobt. Martha kritisiert wegen ihrer Werkgerechtigkeit, und Maria gelobt f\u00fcr ihre Demut und Offenheit, sie ist das Vorbild der Glaubenden. Jesus fordert nicht Dienstwilligkeit, sondern Hingabe. Der Glaube ist kein Verdienst, sondern Gabe der Liebe. Schon Augustin macht darauf aufmerksam, dass das eine allzu leichtsinnige Auslegung ist. Deshalb fragt er nun: <em>Was ist nun der gute Teil, den Maria gew\u00e4hlt hat?<\/em> Und er f\u00e4hrt fort: <em>Lasst uns das untersuchen, damit auch wir unseren Hunger stillen und unseren Durst l\u00f6schen.<\/em><\/p>\n<p>Es ist f\u00fcr die fr\u00fchen christlichen Auslegungstraditionen kennzeichnend, dass sie nie die einfach ermahnende Auslegung suchen, sie begn\u00fcgen sich nie mit dem Buchstaben, sondern bem\u00fchen sich darum, den Text in lebendige Vorbilder voller Geist umzusetzen. Sie kennen gar nicht die fundamentalistische Art des Bibellesens, wie sie in neuen bibeltreuen kirchlichen Richtungen im 18. und 19. Jahrhundert modern wurde. Die Kirchenv\u00e4ter \u00f6ffnen die Texte vielmehr f\u00fcr das Licht des Heiligen Geistes, so dass die Erz\u00e4hlungen der Bibel erneuernd und magisch wirken. Und sie k\u00f6nnen wirklich Menschen verwandeln, indem sie sie aus Finsternis, Tod und Zerst\u00f6rung zu Licht, Leben und Erneuerung f\u00fchren. Im Gegensatz zu den fundamentalistischen Auslegungen, die das Licht ausschlie\u00dfen und die Buchstaben grob, hart, kleinlich und weltfremd zur\u00fccklassen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ist es von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit, dass wir Martha rehabilitieren. Das ist nicht schwer, denn sollte daran etwas falsch sein, dass man dem Sohn Gottes Jesus Christus dienen will, indem man ihm zu essen und trinken gibt? Ist das nicht dasselbe, worum wir uns in jedem Gottesdienst versammeln, wenn der Herr uns an seinen Tisch ruft? In der Gemeinschaft mit dem Herrn brechen wir das Brot und teilen den Wein. Dieselbe Gemeinschaft, zu der Martha einl\u00e4dt, wenn sie ihr Haus f\u00fcr Jesus \u00f6ffnet und sich hier als denkbar beste Wirten erweist. Wenn der \u201ebessere Teil\u201c darin best\u00fcnde, nichts zu tun, warum sind dann die N\u00e4chstenliebe und der Ruf zum Dienst sonst so wichtig f\u00fcr Jesus? Warum Kranken und Armen helfen, warum unser Haus \u00f6ffnen und andere in unser Leben aufnehmen, warum Bekannte und Fremde mit Geist und Leib umarmen, wenn nur das eine notwendig und erforderlich ist? Hier auf der Bank sitzen und Worten und T\u00f6nen zuzuh\u00f6ren? Aber das gen\u00fcgt nicht, wir m\u00fcssen sowohl zum Bad der Taufe und dem Tisch des Herrn kommen, die eine Gemeinschaft symbolisieren, hier zusammen mit der Gemeinde und dem Rest der Welt, der ganzen Sch\u00f6pfung. Es ist denn auch eine entscheidende Pointe, dass Jesus Marta nicht befiehlt, sich neben Maria zu setzen, sondern sie ihre gute Arbeit fortsetzen l\u00e4sst. Er ist hungrig und durstig, so wie die Welt voll ist von durstenden Seelen. Martha wird aber gesagt, dass sie ihre Sorgen um Maria fahren lassen soll. Denn das ist Marias eigenen Sache. Der Dienst der Maria ist nicht Marthas Anliegen.<\/p>\n<p>Hier, glaube ich, befinden wir uns am rhetorischen H\u00f6hepunkt der Geschichte, der dramatischen Wende. Das zeigt sich bis hin zu den Einzelelementen des Textes Die beiden wichtigsten Worte stehen kurz nach einander und schaffen einen dramatischen Gegensatz, griechisch <em>polla<\/em> gegen <em>henos, viel<\/em> gegen <em>eins <\/em>oder <em>viele Dinge <\/em>gegen <em>das Eine.<\/em> Martha sorgt sich viel um viele Dinge, aber nur eines, dieses Eine, ist genug. Die vielen Dinge, um die sich Martha sorgt, stehen im Gegensatz zu dem Einen, das Maria gew\u00e4hlt hat. Es sind alle die Sorgen, alle Agenda, all das, was Martha besorgen muss, ihre Ambition nicht nur f\u00fcr sich selbst, sondern auch f\u00fcr andere und besonders f\u00fcr Maria. Aber sie soll die Sorgen fahren lassen, und sie soll keine Forderungen f\u00fcr Maria aufstellen, sondern sie soll sich damit begn\u00fcgen, ihre Dinge so gut wie m\u00f6glich zu erledigen, und dann Maria ihre Dinge \u00fcberlassen. \u00a0Martha ist als Wirtin noch immer vorbildlich, und ihr Beitrag ist unverzichtbar. Sie folgt der Linie des barmherzigen Samariters.<\/p>\n<p>Wenn Jesus das Verhalten Marias f\u00fcr ausreichend erkl\u00e4rt, so bedeutet dies mit anderen Worten nicht, dass Martha etwas falsch macht. Wir haben bereits festgestellt, dass es in Ordnung ist, was Martha tut. Nur soll sie nicht dasselbe von Maria verlangen. Maria macht sich keine Sorgen. Sie h\u00f6rt zu, und hier in der Gegenwart Jesu hat sie ihren Seelenfrieden gefunden. Diese Zusammengeh\u00f6rigkeit bezeichnet Jesus als voll ausreichend. Ich glaube, dass wir alle die Erfahrung wiedererkennen, dass man alles M\u00f6gliche tut, ohne dass das ausreicht. Und dann erleben wir pl\u00f6tzlich ganz einfach, das das ausreicht. So wie etwas Salz dem Brot seinen Geschmack gibt, oder das Aufladen das Handy wieder zum Leben erweckt. Oder was die meisten von uns in der Hitze des Sommers erlebt haben: Wenn wir nicht ein Glas Wasser bekommen, dann fallen wir zusammen, werden schlapp, unnahbar, ja aggressiv. Aber ein Schluck Wasser reinigt gleichsam das Gehirn, so dass wir wieder Klarsicht, F\u00fcrsorge und Tatkraft finden. Jesus ist selbst das Bild f\u00fcr eine Quelle, die wie alle brauchen, um aus ihr zu trinken, wenn wir selbst und die Welt Weitsicht, Barmherzigkeit und Tatkraft erlangen sollen. Deshalb wird Maria ein Bild f\u00fcr den, der aus der Quelle der Liebe trinkt. Sie wird die Einsicht, dass Empfangen st\u00e4rker ist als Leistung. Den letztlich haben wir das Leben f\u00fcr nichts bekommen.<\/p>\n<p>Maria h\u00f6rt auf das Wort Gottes, das die sch\u00f6pfende Kraft besitzt, das der Ursprung ist f\u00fcr die Mannigfaltigkeit der Welt und die Verschiedenheit der Menschen, den barmherzigen Gott, der die Menschen in all ihrer Verschiedenheit segnet. Sie hat das Wort gefunden, das Gott ist, denn alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts vom dem, was ist. Im Wort war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Das ist das Ausreichende, was Maria gefunden hat, und das soll ihr nicht genommen werden. Diese Verhei\u00dfung h\u00f6re ich heute als eine Verhei\u00dfung f\u00fcr dich und mich. Das hier ist das Ausreichende, das soll dir nicht genommen werden! Davon sollst du leben, lass die Welt w\u00e4hlen, was sie will, vertraue aber darauf das diese Liebe gen\u00fcgt.<\/p>\n<p>Unsere Kirche ist nicht die Quelle selbst, aber aus ihrem himmlischen Ursprung flie\u00dft der Strom in alle Welt, auch zu uns heute, hier in unserer Kirche, so dass wir an der Quelle bleiben und von ihrem Wasser trinken k\u00f6nnen. Auch wir h\u00f6ren das Wort und essen und trinken die Mahlzeit, die der Herr uns beschert, der Herr, der wie Martha f\u00fcr uns sorgt, so dass auch wir uns heute um dieses, was allein nottut, versammeln k\u00f6nnen, das Wort Gottes zu h\u00f6ren. So dass wir Ruhe finden k\u00f6nnen, zuh\u00f6ren und uns zu Herzen nehmen k\u00f6nnen, uns erheben k\u00f6nnen und zum Geschlecht der Herrlichkeit werden k\u00f6nnen. Nicht heute, sondern wenn die Zeit des Herren kommt. Bis dahin aber leben wir geduldig und vertrauensvoll in der Hoffnung. Bis dahin m\u00fcssen wir frei von Vorurteilen handeln wie eine Martha und innere Ruhe finden wie eine Maria, weil dies das einzige ist, was nottut, die Liebe Gottes, die unsere Liebe zur Welt hervorbringt. Von Gott durch uns in die Welt.<\/p>\n<p>Martha ist gegenw\u00e4rtig und f\u00fcrsorglich, sie wei\u00df, was sie tut und bittet um Hilfe. Denn unsere H\u00e4nde werden gebraucht in einer Welt, wo Menschen leiden und gezeichnet sind an Leib und Seele. Maria hat sich hingegeben, denn in der Hoffnung ist die Not schon \u00fcberwunden. Das Licht des Heiligen Geistes verbindet Menschen mit seiner vers\u00f6hnenden Liebe. Martha lebt in der Zeit, Maria in der Ewigkeit. Aber eines verbindet sie, und das ist das Wort, Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<p>Pastor Rasmus N\u00f8jgaard<\/p>\n<p>DK-2100 K\u00f8benhavn \u00d8<\/p>\n<p>Email: rn(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lukas 10,38-42 (d\u00e4nische Perikopenordnung)| von Rasmus N\u00f8jgaard| Was ist das, was so gut ist, dass Maria den guten Teil erw\u00e4hlt hat? Sie hat sich Jesu zu F\u00fc\u00dfen gesetzt, um seine Worte zu h\u00f6ren, und das gen\u00fcgt, sagt Jesus. Das wird ganz deutlich im griechischen Text. 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