{"id":3383,"date":"2020-09-17T10:41:33","date_gmt":"2020-09-17T08:41:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3383"},"modified":"2020-09-18T16:42:51","modified_gmt":"2020-09-18T14:42:51","slug":"kirche-ist-nicht-fuer-alle-da","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/kirche-ist-nicht-fuer-alle-da\/","title":{"rendered":"Kirche ist nicht f\u00fcr alle da"},"content":{"rendered":"<p><strong>Tag des Apostels und Evangelisten Matth\u00e4us \u2013 21.9.2020 | Predigt zu Matth\u00e4us 9.9-13 | verfasst von Rudolf Rengstorf|<\/strong><\/p>\n<p><em>Jesus sah einen Menschen am Zoll sitzen, der hie\u00df Matth\u00e4us; und er sprach zu ihm: Folge <\/em><em>mir! Und er stand auf und folgte ihm.<\/em><\/p>\n<p><em>Und es begab sich, als er zu Tisch sa\u00df im Hause, siehe, da kamen viele Z\u00f6llner und S\u00fcnder und sa\u00dfen zu Tisch mit Jesus und seinen J\u00fcngern. Als das die Pharis\u00e4er sahen, sprachen sie zu seinen J\u00fcngern: Warum isst euer Meister mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern?<br \/>\nAls das Jesus h\u00f6rte, sprach er: Nicht die Starken bed\u00fcrfen des Arztes, sondern die Kranken.<br \/>\nGeht aber hin und lernt, was das hei\u00dft (Hos 6,6): \u00bbBarmherzigkeit will ich und nicht Opfer.\u00ab<br \/>\nIch bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern S\u00fcnder. (Matth. 9.9-13)<\/em><\/p>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p>Jesus war daran gelegen, das alte Israel mit seinen zw\u00f6lf St\u00e4mmen in seiner Gesellschaft wieder aufleben zu lassen. Deshalb war es ihm so wichtig, zw\u00f6lf J\u00fcnger zu berufen. Als Nachfolger der alten Stammv\u00e4ter sollten sie f\u00fcr das erneuerte Gottesvolk stehen.<\/p>\n<p>Nun sollte man annehmen, f\u00fcr diese Ehrenposten als Apostel und Nachfolger der hochangesehenen V\u00e4ter des Volkes, habe Jesus sich umgesehen nach Pers\u00f6nlichkeiten, die hohes Renommee und vorbildliche Fr\u00f6mmigkeit vorzuweisen hatten. Doch nichts davon war in der Truppe zu erkennen, die Jesus gefunden und berufen hat. Samt und sonders waren das M\u00e4nner, zu denen niemand aufblickte. Fischer, die von der Hand in den Mund lebten und den Sabbath nicht einhielten, weil die Fische das ja auch nicht tun. Zeloten, die im Kampf mit der r\u00f6mischen Besatzungsmacht zum Leben im Untergrund gezwungen waren. Ja, und dann die Z\u00f6llner. Das waren \u2013 anders als heute \u2013 keine korrekten Beamten mit Pensionsanspruch. Das waren kleine Unternehmer, an die die R\u00f6mer das Recht auf Steuereintreibung verpachtet hatten und die daf\u00fcr sorgen konnten, dass sie auf ihre Kosten kamen und noch mehr. Entsprechend verhasst waren sie bei ihren Landsleuten.<\/p>\n<p>Matth\u00e4us war einer von ihnen. Erstaunlich, dass er auf sein eintr\u00e4gliches Gesch\u00e4ft verzichtete und dem Ruf Jesu ohne Umschweife folgte. Ob er sein Sch\u00e4fchen schon ins Trockene gebracht hatte? In seinem Haus finden wir sie dann alle wieder, die Z\u00f6llner und S\u00fcnder. Keiner von ihnen z\u00e4hlte richtig mit und keiner von ihnen rechnete mehr mit Gott. Das hatten sie lange aufgegeben. \u2013 die Gauner und Betr\u00fcger, die zwielichtigen Gestalten aus dem Untergrund, Habenichtse, Frauen mit zweifelhaftem Ruf. Das war die Gesellschaft Jesu. Mit ihnen sa\u00df er an einem Tisch, an dem sie gemeinsam essen und trinken und sich buchst\u00e4blich einverleiben: F\u00fcr diesen Mann bin ich etwas wert. Er bringt Gott in mein Leben. Und der bleibt an meiner Seite, komme, was wolle.<\/p>\n<p>Dieser Gemeinschaft mit Z\u00f6llnern und S\u00fcndern stehen drau\u00dfen andere gegen\u00fcber, die das alles sehr kritisch betrachten. Pharis\u00e4er werden sie genannt. In den Evangelien erscheinen die zumeist in recht unvorteilhaftem Licht, das sie als kleinkarierte Fr\u00f6mmler und Heuchler zeigt. Die wird es vereinzelt auch unter ihnen gegeben haben. In der Regel aber waren das sehr ehrenhafte Leute \u2013 die Pharis\u00e4er. Angeh\u00f6rige des B\u00fcrgertums, denen das Wohl des Gemeinwesens am Herzen lag. Zukunft haben wir nur \u2013 davon waren sie \u00fcberzeugt \u2013, wenn wir uns konsequent an den Willen Gottes halten, nach seinen Geboten leben, unsere Pflichten in Beruf und Familie gewissenhaft erf\u00fcllen und uns f\u00fcr Gerechtigkeit und klare Ordnungen einsetzen.<\/p>\n<p>Von Jesus, dem Wanderprediger, hatten sie erwartet, dass er sich ihnen anschloss, sich f\u00fcr ihre Ziele engagierte und mitarbeitete an der Verbesserung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. Stattdessen hielt er sich bei den Menschen auf, die nichts Anst\u00e4ndiges zustande brachten und sich nicht scherten um das, was den Juden heilig war. Ausgerechnet mit denen setzte er sich an einen Tisch und tat dabei so, als habe Gott seine Freude an solchem Gesindel. Und sie, die Pharis\u00e4er lie\u00df er allein bei ihren Anstrengungen f\u00fcr ein Leben, dem es um nichts anderes als um den Willen Gottes ging. Da w\u00fcrde man doch wohl mal fragen und seine Vorbehalte anmelden d\u00fcrfen!<\/p>\n<p>Wo wir wohl stehen zwischen denen da drinnen mit Jesus und denen da drau\u00dfen? F\u00fcr mich jedenfalls ist das keine Frage: Selbstverst\u00e4ndlich reihe ich mich in die Gruppe der Gottesf\u00fcrchtigen ein und lasse mich auch dadurch nicht abschrecken, dass die Pharis\u00e4er im Neuen Testament einen so schlechten Ruf haben. Und ich bin sicher: Die meisten von denen, die sich an die Kirche halten und da auch reingehen, stehen auch mit den Pharis\u00e4ern da drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Und Jesus? Er stellt sich solcher Kritik \u2013 ohne zu fackeln: Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken, sagt er. Wie ein Arzt zu den Kranken geht, so geht er zu denen, die darunter leiden, dass sie nicht so k\u00f6nnen, wie sie wollen, deren Lebenswille und Leistungskraft gebrochen oder in zerst\u00f6rerische Bahnen gelenkt ist. Er geht zu ihnen, damit der Kontakt zu Gott, dem Grund und der Quelle ihres Lebens, wiederhergestellt wird und sie erfahren, dass einer da ist, der sie h\u00e4lt, tr\u00f6stet und st\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Das ist eine klare Platzanweisung f\u00fcr seine Kirche. H\u00f6rt auf damit, vor allem Volkskirche sein zu wollen, die f\u00fcr alle da und offen ist. Ihr seid nicht f\u00fcr alle da und m\u00fcsst nicht so tun, als seien alle irgendwie krank. Nein, krank ist, wer ohne Hilfe nicht mehr zurechtkommt. Und Gott sei Dank sind da auch die Gesunden, die hervorragend allein zurechtkommen und enorm viel leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jesus l\u00e4sst die Kritiker nicht links liegen, h\u00f6rt ihnen zu, erkennt sie an und hat ihnen etwas zu sagen. Und mit ihnen den Starken und Gesunden bei uns, den Leistungstr\u00e4gern und den Erfolgreichen, ob sie nun drau\u00dfen stehen oder ob sie drinnen sind, n\u00e4mlich: &#8222;Geht hin und lernt, was das hei\u00dft, wenn geschrieben steht: &#8222;Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit, spricht der Herr, und nicht am Opfer.&#8220;\u201c<\/p>\n<p>Was ist das f\u00fcr ein Opfer, das die Rechtschaffenen und Leistungstr\u00e4ger bringen? Ist das die Anstrengung, mit der sie sich ein gutes standing vor Gott und den Menschen verschaffen wollen? Geht es ihnen nicht vor allem um die Erhaltung des status quo, sprich des Wohlstandes? Und was geh\u00f6rt dazu, die Erhaltung des materiellen Wohlstandes zum obersten Prinzip einer Gesellschaft zu erheben, die an sich alles dem humanen Wohl unterordnen m\u00fcsste, siehe Grundgesetz! Geh\u00f6rt zu ihrem Opfer nicht alles, was das Herz hart macht gegen\u00fcber der Not anderer Menschen?<\/p>\n<p>Gott will das nicht. Die Botschaft Jesu wie auch seiner hebr\u00e4ischen Bibel ist hier eindeutig: Gott will Barmherzigkeit. Das ist ein hilfreicher Kompass f\u00fcr Christen in den politischen Auseinandersetzungen um die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen. Wer erst abwarten will, dass auch die anderen europ\u00e4ischen L\u00e4nder etwas tun, stellt sich damit dem Gebot der Barmherzigkeit in den Weg und hat kein Recht, sich als christlicher Politiker zu bezeichnen.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr unsere Gemeinden hei\u00dft das: Wir stellen nicht nur Forderungen an die da oben. Wir sorgen daf\u00fcr, dass unsere Kirchen mit ihren Gottesdiensten mit allem Drumherum und die Gemeindeh\u00e4user mit ihren Veranstaltungen, Aktionen und Initiativen un\u00fcbersehbare Orte der Barmherzigkeit sind. Orte, an denen sich Gottesdienstordnungen, musikalische Arbeit, alles Predigen, alle seelsorgerliche und p\u00e4dagogische Arbeit immer der Frage stellen m\u00fcssen: Kommen die Menschen, die keiner haben will, hier vor, sind sie uns willkommen, k\u00f6nnen sie unter uns aufatmen? Das allein ist das G\u00fctesiegel einer christlichen Gemeinde. Amen.<\/p>\n<p><strong>Lied nach der Predigt: 294,1+4<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><u>F\u00fcrbittengebet<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Lasst uns beten:<\/p>\n<p>Lasst uns Gott bitten um seinen Frieden,<\/p>\n<p>dass er uns dem Frieden auf Erden n\u00e4her bringt<\/p>\n<p>und die M\u00e4chtigen in der Welt anstiftet,<\/p>\n<p>gemeinsam an L\u00f6sungen zu arbeiten,<\/p>\n<p>mit denen alle leben k\u00f6nnen \u2013<\/p>\n<p>F\u00fcr uns alle, dass wir mutig und konsequent eintreten<\/p>\n<p>f\u00fcr das, was dem Frieden, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Sch\u00f6pfung dient.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr lasst uns beten und sprechen:<\/p>\n<p>Herr, erbarme dich!<\/p>\n<p>Lasst uns Gott bitten um seine Barmherzigkeit,<\/p>\n<p>die t\u00e4glich neu ist und ohne Ende:<\/p>\n<p>dass auch wir Erbarmen haben<\/p>\n<p>mit uns selbst,<\/p>\n<p>dass wir uns gnadenlosen Anforderungen<\/p>\n<p>&#8211; woher sie auch kommen \u2013 nicht unterwerfen<\/p>\n<p>dass wir Erbarmen haben mit denen,<\/p>\n<p>die wir lieb haben:<\/p>\n<p>mit Kindern und Eltern und Lebenspartnern,<\/p>\n<p>dass wir aufh\u00f6ren,<\/p>\n<p>sie nach unserem Bild formen zu wollen<\/p>\n<p>und einander Raum und Freiheit und Ruhe lassen<\/p>\n<p>und dass wir Erbarmen haben mit denen,<\/p>\n<p>die uns b\u00f6se gemacht, verletzt und gekr\u00e4nkt haben:<\/p>\n<p>dass wir uns nicht gnadenlos verh\u00e4rten<\/p>\n<p>und ein Herz haben, das gr\u00f6\u00dfer ist als alle<\/p>\n<p>Rechtsanspr\u00fcche<\/p>\n<p>daf\u00fcr lasst uns beten: Herr, erbarme dich!<\/p>\n<p>Lasst uns bitten um Gottes Reich:<\/p>\n<p>dass es kommt und sich ank\u00fcndigt darin,<\/p>\n<p>dass Nothelfer in aller Welt Auftrieb bekommen<\/p>\n<p>Kranke und Gefangene nicht allein bleiben,<\/p>\n<p>Trauernde und Verzweifelte den Kopf heben<\/p>\n<p>und etwas \u00fcber ihr Leid hinaussehen k\u00f6nnen,<\/p>\n<p>Gescheiterte und Abgeschriebene etwas mitbekommen von der Wertsch\u00e4tzung Gottes<\/p>\n<p>Sterbende Hoffnung haben<\/p>\n<p>und Zweifelnde glauben k\u00f6nnen<\/p>\n<p>daf\u00fcr lasst uns beten: Herr, erbarme dich!<\/p>\n<p>Nimm dich unser gn\u00e4dig an, rette und erhalte deine Kirche.<\/p>\n<p>Dir allein geb\u00fchrt unsere Anbetung,<\/p>\n<p>dem Gott, den wir nie fassen k\u00f6nnen,<\/p>\n<p>zu dem wir aber beten wie Jesus:<\/p>\n<p>Vater unser im Himmel<\/p>\n<p>Superintendent i.R. Rudolf Rengstorf<\/p>\n<p>Hildesheim<\/p>\n<p>E-Mail: Rudolf.Rengstorf@online.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag des Apostels und Evangelisten Matth\u00e4us \u2013 21.9.2020 | Predigt zu Matth\u00e4us 9.9-13 | verfasst von Rudolf Rengstorf| Jesus sah einen Menschen am Zoll sitzen, der hie\u00df Matth\u00e4us; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. 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