{"id":3386,"date":"2020-09-17T10:45:16","date_gmt":"2020-09-17T08:45:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3386"},"modified":"2020-09-17T10:46:20","modified_gmt":"2020-09-17T08:46:20","slug":"mit-verantwortung-versorgt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/mit-verantwortung-versorgt\/","title":{"rendered":"Mit Verantwortung versorgt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu Gen 2,4b-15| verfasst von Pfarrer Dr. Christoph Kock |<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><strong> F\u00fcr alles ist gesorgt<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Herzlichen Gl\u00fcckwunsch zum Abitur! Endlich hat Lena ihr Zeugnis in H\u00e4nden. Klar, freut sie sich. Aber die Feier f\u00e4llt im Corona-Jahr anders aus als bei ihren Geschwistern. L\u00e4ngst abgesagt ist der Gottesdienst im Dom, der Empfang im Stadttheater, der Abiball in der Festhalle. Schade. Immerhin gibt es ein kleines Programm auf dem Schulhof. Lena durfte zwei G\u00e4ste mitbringen. Als sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Hause kommt, ahnt Lena nicht, was sie erwartet: Ihre Familie hat Freunde und Verwandte zu einem kleinen Gartenfest eingeladen. Das geht ja gerade wieder. W\u00e4hrend sie ihr Zeugnis bekommen hat, haben ihr Vater, ihr Bruder und zwei Freundinnen Zuhause alles vorbereitet. Lena hat nichts mitbekommen. Alles hat gepasst: Deko, Essen und Trinken, nette Menschen und sogar Sonnenschein und blauer Himmel. Eine gelungene \u00dcberraschung: Ihre ganz pers\u00f6nliche Abi-Feier. F\u00fcr alles ist gesorgt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Endlich wieder Besuch. Hildegard ist schon aufgeregt. Heute hat sich ihre Freundin und ehemalige Nachbarin angek\u00fcndigt. Sie haben sich neun Wochen nicht gesehen. Kurz nach ihrem Einzug ins Pflegeheim begann der Lockdown. Nachmittags sitzen sie sich im Garten gegen\u00fcber, nat\u00fcrlich mit Abstand. Ihre Freundin muss einen Mundschutz tragen. Das Gespr\u00e4ch ist etwas m\u00fchsam, aber Hildegard hat daran gedacht, ihr H\u00f6rger\u00e4t einzusetzen. \u201eUnd\u201c, traut sich ihre Freundin irgendwann zu fragen, \u201evermisst du deine Wohnung?\u201c Hildegard \u00fcberlegt. \u201eManchmal schon. Aber du wei\u00dft doch selbst: Ich bin kaum noch zurechtgekommen. Ohne die Hilfe von dir und von den anderen Nachbarn h\u00e4tte ich schon viel fr\u00fcher umziehen m\u00fcssen. Auch wenn Besuch in den letzten Wochen sch\u00f6n gewesen w\u00e4re. Ich bin immer noch erleichtert, dass ich mich um nichts mehr k\u00fcmmern muss. Das hab ich selbst zuletzt doch gar nicht mehr geschafft: einkaufen, kochen, putzen. F\u00fcr alles ist hier gesorgt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Feierabend im Homeoffice. Heute nach drei Videokonferenzen. Zum Schluss konnte sich Jonas kaum noch konzentrieren. H\u00f6chste Zeit, sich zu bewegen. Jonas schaut aus dem Fenster. Es ist grau und windig. Er schnappt sich seine Jacke und verl\u00e4sst die Wohnung.<\/p>\n<p>Jonas l\u00e4uft um den See. Ein ehemaliges Baggerloch als Naherholungsgebiet: Surfen, Baden, Tauchen, Naturschutz \u2013 alles an einem Rundweg. Jonas f\u00e4llt der Blumenstreifen auf: Roter Klatschmohn, blaue Ringelblumen. Eine gelbe Pflanze, die er nicht kennt. Lebensraum f\u00fcr Bienen und andere Insekten. Gr\u00e4ser bewegen sich im Wind, der kleine Wellen auf die Wasseroberfl\u00e4che zeichnet. Im Hintergrund ziehen zwei Surfer ihre Bahnen. Jonas geht mit z\u00fcgigen Schritten. Immer wieder brechen die Wolken auf, das Abendlicht taucht den Weg in ein sanftes Rot. Als Jonas den See verl\u00e4sst, sieht er zehn St\u00f6rche auf einer Wiese umherstolzieren. So viele waren es noch nie. Jonas ist froh, dass er rausgegangen ist. F\u00fcr alles ist gesorgt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Als Gott angefangen hat<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Einfach losgehen k\u00f6nnen. Einfach wohnen k\u00f6nnen. Einfach feiern k\u00f6nnen. Weil f\u00fcr alles gesorgt ist.<\/p>\n<p>So wie im Paradies. Wo alles angefangen hat. Wie alles angefangen hat, wird unterschiedlich erz\u00e4hlt. In der Bibel beginnt eine Anfangsgeschichte im ersten Buch Mose so:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.<\/p>\n<p>Und alle die Str\u00e4ucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;<\/p>\n<p>aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tr\u00e4nkte das ganze Land.<\/p>\n<p>Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.<\/p>\n<p>Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.<\/p>\n<p>Und Gott der HERR lie\u00df aufwachsen aus der Erde allerlei B\u00e4ume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und B\u00f6sen.<\/p>\n<p>Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bew\u00e4ssern, und teilt sich von da in vier Hauptarme.<\/p>\n<p>Der erste hei\u00dft Pischon, der flie\u00dft um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold;<\/p>\n<p>und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham.<\/p>\n<p>Der zweite Strom hei\u00dft Gihon, der flie\u00dft um das ganze Land Kusch.<\/p>\n<p>Der dritte Strom hei\u00dft Tigris, der flie\u00dft \u00f6stlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat.<\/p>\n<p>Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>III. Erdling mit Aufgabe<\/strong><\/p>\n<p>In der W\u00fcste beginnt das Paradies mit Wasser. Weil es den Boden fruchtbar macht. Ohne Wasser w\u00e4chst nichts. Kein Baum, kein Strauch, kein Feld, kein Garten. Auch jenseits der W\u00fcste ist das einleuchtend, nach dem dritten Hitzesommer in Folge. So f\u00e4ngt es an: Ein Strom tr\u00e4nkt das ganze Land.<\/p>\n<p>Und dann kommt Gott. Wie ein Handwerker? Wie eine K\u00fcnstlerin? Wie dem auch sei, Gott fasst an und macht den Menschen aus Staub von der Erde. Von der Erde, hebr\u00e4isch Adamah, ist der Mensch, der Adam, genommen, der die Adamah bebauen wird. Ein Erdling ist der Mensch. Kommt von der Erde, von der er sich ern\u00e4hren wird. Damit er lebt, haucht Gott ihm den Lebensatem in die Nase. Fertig. Fast sieht man, wie sich Gott die dreckigen Finger am Overall abwischt und sein Werk betrachtet.<\/p>\n<p>Aber damit ist die Arbeit noch nicht getan. Der Mensch braucht Raum zum Leben und Gott wird zur G\u00e4rtnerin. \u201eUnd Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.\u201c Nach der Aufz\u00e4hlung von B\u00e4umen, die Gott dort wachsen l\u00e4sst, und den Wegen, die das Wasser jenseits des Gartens nimmt, wird wiederholt, was wichtig ist: \u201eUnd Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.\u201c<\/p>\n<p>Das Paradies, der Garten Eden. F\u00fcr alles ist gesorgt. Der Mensch bekommt Raum, um zu leben und zu arbeiten. Am Anfang steht eine doppelte Aufgabe: Den Garten zu bebauen und zu bewahren. Der Garten Eden ist kein Schlaraffenland, in dem der Mensch faul herumliegt und ihm die Nahrung in den Mund f\u00e4llt. Gott hat sein Werk getan. Jetzt bekommt der Mensch zu tun. Den Garten zu bebauen zu bewahren. Zur F\u00fcrsorge Gottes geh\u00f6rt, dass der Mensch Verantwortung bekommt.<\/p>\n<p>Das ist erst der Anfang. Die Geschichte geht weiter. Tiere kommen dazu. Erstaunlicherweise im Paradies nicht als Nahrung. Daf\u00fcr reicht der Garten. Der Mensch kommt als Mann und Frau in den Blick. Schlie\u00dflich als sterbliches Wesen, dessen Leben bedroht und gef\u00e4hrdet ist. Warum der Mensch jenseits von Eden lebt, das Paradies verloren ist. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Erinnerung an den Anfang begleitet den Menschen. Wie im Paradies. Ob Urlaub am blauen Strand, der Schlaf auf einer Matratze oder der Geschmack einer Nachtischcreme. Das Wort ist schnell zur Hand, in Produktnamen gezw\u00e4ngt. Die Erinnerung hat ein langes Echo. Mit Sehnsucht verbunden. Mit jenem Ort, an dem das Leben angefangen hat. Erinnerung an sorgenfreien Genuss \u2013 ohne Reue, aber mit Verantwortung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Bebauen und bewahren<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>\u201eUnd Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.\u201c F\u00fcr alles ist gesorgt. Auch f\u00fcr eine Aufgabe. Der Mensch braucht und bekommt etwas zu tun. So ist es gar nicht so erstaunlich, dass Hildegard ab und zu Zeit in der K\u00fcche des Wohnbereichs verbringt. \u201eKartoffelsch\u00e4len kann ich noch\u201c, wird sie ihrer Freundin beim n\u00e4chsten Besuch erz\u00e4hlen. \u201eDas ist sch\u00f6n, wenn wir dabei zusammensitzen.\u201c Lenas Geschwister, Eltern und Freundinnen waren an diesem Tag gut besch\u00e4ftigt. Aber, da waren sich alle einig, die Arbeit hat sich gelohnt. Lena wird sich gerne an ihre Abifeier erinnern. Und Jonas? Der hat nicht nur den Klatschmohn und die Ringelblumen gesehen, sondern auch den Burgerking-M\u00fcll und die Wodkaflaschen am Trampelpfad zum Ufer. \u00dcbriggeblieben vom letzten Wochenende. Schade, das st\u00f6rt irgendwie. Als er einmal fr\u00fch morgens seine Runde um den See macht, trifft er einen Mann mit einem M\u00fcllsack, der solche Spuren mit einer Zange aufsammelt. Freiwillig, wie er erf\u00e4hrt. Und schon seit vielen Jahren. Einer, der was tut. Der sich Sorgen macht und Verantwortung \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p>Zur Erinnerung ans Paradies geh\u00f6rt, dass der Mensch viel verlieren kann. Gut, wenn mir das bewusst wird. Wenn ich mich dar\u00fcber \u00e4rgere, wie sorglos und gleichg\u00fcltig andere handeln. Besser noch, wenn ich etwas dagegen tue. M\u00fcll sammeln. M\u00fcll vermeiden, vor allem den aus Plastik. Menschen am Niederrhein engagieren sich gegen den Kiesabbau in ihrer Region. \u201eEden\u201c hei\u00dft ihr Verein. Sie wollen Lebens- und Kulturraum bewahren, stellen Abbaupl\u00e4ne \u00f6ffentlich in Frage. Zeigen auf, was alles verschwinden soll. Landschaft, die abgebaggert wird, ist verloren. Wie viele Seen sinnvoll sind?! Unbequemer Protest geh\u00f6rt zur Verantwortung. Manchmal auch ein Kompromiss. Da kann und muss noch viel passieren. M\u00fcll, Kies, Klimawandel \u2013 f\u00fcr die Zukunft gibt es alle H\u00e4nde voll zu tun. Freitags und an den anderen Wochentagen. Eigentlich schon von Anfang an:<\/p>\n<p>\u201eUnd Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lieder:<\/p>\n<p>EG 455 (Morgenlicht leuchtet)<\/p>\n<p>EG 395 (Vertraut den neuen Wegen)<\/p>\n<p>EG 432 (Gott gab uns Atem)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfarrer Dr. Christoph Kock<\/p>\n<p>Wesel<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:christoph.kock@ekir.de\">christoph.kock@ekir.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Christoph Kock, geb. 1967, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit 2007 Pfarrer an der Friedenskirche in der Evangelischen Kirchengemeinde Wesel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Gen 2,4b-15| verfasst von Pfarrer Dr. Christoph Kock | F\u00fcr alles ist gesorgt Herzlichen Gl\u00fcckwunsch zum Abitur! Endlich hat Lena ihr Zeugnis in H\u00e4nden. Klar, freut sie sich. Aber die Feier f\u00e4llt im Corona-Jahr anders aus als bei ihren Geschwistern. 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