{"id":3388,"date":"2020-09-17T10:47:55","date_gmt":"2020-09-17T08:47:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3388"},"modified":"2020-09-17T10:55:27","modified_gmt":"2020-09-17T08:55:27","slug":"spuren-entdecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/spuren-entdecken\/","title":{"rendered":"Spuren entdecken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu 1. Mose 2,4b-15 |verfasst von Udo Schmitt|<\/strong><\/p>\n<p>Wo ist das Paradies?<\/p>\n<p>Die Bibel sagt, es war einmal ein Garten zwischen vier Fl\u00fcssen. Zwei davon kennen wir, Euphrat und Tigris. Die anderen zwei sind nicht sicher zu identifizieren, der eine vielleicht in Asien, der andere in Afrika. Also: Der genaue Ort ist unbekannt. Immerhin so viel ist klar: Das Paradies ist eine Flusslandschaft. Dort gibt es Wasser. Reichlich Wasser und gr\u00fcne Wiesen, gr\u00fcne B\u00e4ume. Und wir mitten drin. So hat alles angefangen.<\/p>\n<p>Wo ist das Paradies?<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren haben deutsche Arch\u00e4ologen sich Hilfe geholt von Buschm\u00e4nnern, drei an der Zahl, die sie baten, Fu\u00dfspuren aus der Steinzeit f\u00fcr sie zu deuten. Die Zeitungen berichteten davon und auch im Fernsehen erschien dazu eine Dokumentation. Die Fu\u00dfspuren hatten sich in alten H\u00f6hlen erhalten, seit vielen Jahren schon sind sie bekannt. Aber die Forscher aus unseren Breitengraden hatten schlicht keine Ahnung, wie sie diese Spuren lesen sollten. Sie hatten \u00fcber seltsame Rituale und T\u00e4nze spekuliert. Alles falsch. Tats\u00e4chlich hatten ein junger und ein alter Mensch hier etwas Schweres getragen und daher r\u00fchrte der schleppende Gang.<\/p>\n<p>Eine Sache hat mich ber\u00fchrt, es war nur eine Kleinigkeit. Ein kindliches Staunen. Eine der besuchten H\u00f6hlen lag in S\u00fcdfrankreich. Und als die drei Spurenleser dahin kamen, staunten sie \u00fcber das, was sie sahen. Nicht in der H\u00f6hle. Sondern drau\u00dfen drum herum. Es regnete, die Wiesen waren feucht, die B\u00e4ume waren voller gr\u00fcner Bl\u00e4tter und Wasser floss in kleinen B\u00e4chen hier und dort. So etwas hatten sie noch nie gesehen \u2013 sie kannten ja nur die W\u00fcsten und Steppen in ihrer Heimat Namibia. Es muss ihnen vorgekommen sein wie das Paradies.<\/p>\n<p>Wo ist das Paradies?<\/p>\n<p>Wenn wir es richtig betrachten, dann k\u00f6nnen wir sie noch erkennen, die Spuren lesen, die das Paradies hinterlassen hat. Der Garten Eden, von Gott selbst angelegt. Fremde Blicke, eingeflogen vom anderen Ende der Erde k\u00f6nnen uns die Augen \u00f6ffnen: Was habt ihr es doch gut! Ihr lebt ja wie im Paradies. Wie Gott in Frankreich. Oder Jesus im Rheinland. \u201eAch, das!\u201c, sagt man sich und winkt ab. Wasser. Wasser haben wir genug. \u201eKenn ich schon!\u201c Nichts Neues.<\/p>\n<p>Ja, wir haben gut reden. Hier im Bergischen Land. Doch die W\u00fcste w\u00e4chst. Weltweit. Immer mehr Gegenden bleiben ohne Regen. Auch in Deutschland. Als der trockenste Ort hierzulande gilt die Gemeinde Artern an der Unstrut in Nordth\u00fcringen. Dort hat es seit drei Jahren kaum geregnet. Es ist dort so trocken wie in der mongolischen Steppe. Es sterben B\u00e4ume und Tiere, Fl\u00fcsse und B\u00e4che trocknen aus. Die Bauern haben nichts mehr zu ernten.<\/p>\n<p>Vielleicht war das der Trick, als wir Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden, dass wir auf der Suche nach Neuem, nach Erkenntnis und Gewinn, verlernt haben, schlicht und einfach verlernt haben, es zu sehen. Das Gl\u00fcck. Den Garten Gottes. Vielleicht ist ja das Paradies immer noch da, und wir mitten drin, wir erkennen es nur nicht mehr. K\u00f6nnen die Spuren nicht lesen, in unserem Leben. Wie gut wir es doch haben (k\u00f6nnten), und wie gut es Gott mit uns meint \u2013 noch immer. Und trotz allem, was war. Dieser kleine blaue Planet. Kein Paradies. Und doch\u2026 Noch immer zeigt er Z\u00fcge g\u00f6ttlicher G\u00e4rtnert\u00e4tigkeit.<\/p>\n<p>Wo ist die H\u00f6lle?<\/p>\n<p>Wenn man in die Zeitungen schaut und die Nachrichten sieht aus aller Welt, dann ist auch die H\u00f6lle mitten unter uns. An Euphrat und Tigris bl\u00fchen keine B\u00e4ume. Es bl\u00fcht Hass und Gewalt, Bluttat und Verbrechen. Fl\u00fcchtlinge fliehen in vollgepferchten Booten, dem Kentern nahe, dem Ertrinken nahe, dem Tode nahe. Fliehen, auch wenn sie ahnen, dass sie nicht willkommen sein werden in den anderen L\u00e4ndern, egal wo \u2013 auf dieser Welt.<\/p>\n<p>Wir Menschen sind es, die Menschen t\u00f6ten, Menschen vertreiben und Menschen abweisen, wieder nach Hause schicken. Wir Menschen sind es, die diese Erde ausquetschen, auspressen, nach Gewinnmaximierung strebend auch die letzte Ressource verschwenden. Wir hinterlassen unseren Enkeln und Urenkeln nicht G\u00e4rten und bl\u00fchende Landschaften, sondern W\u00fcsten und verbrauchte Seelen.<\/p>\n<p>\u201eDie H\u00f6lle, das sind die anderen\u201c, hat der franz\u00f6sische Philosoph Sartre gesagt. Nein, nicht die anderen, wir \u2013 wir sind es selbst. Die H\u00f6lle ist mitten unter uns. Wir bereiten sie uns selbst.<\/p>\n<p>Wo ist das Paradies?<\/p>\n<p>Schon jetzt und hier beginnt der Weg zur\u00fcck, der Weg zum Paradies. Wenn wir aufh\u00f6ren auf Kosten anderer zu leben. Wenn wir nicht verbrauchen und vernichten und vergiften, was uns nicht geh\u00f6rt. Sondern unseren Kindern und Enkeln. Und deren Kindern und Enkeln. Wir haben diesen kleinen, blauen Planeten nur als G\u00e4rtner gepachtet von Gott, geborgt von zuk\u00fcnftigen Generationen. Deren Gl\u00fcck und Gedeihen k\u00f6nnen wir vernichten, wenn wir so weitermachen wie bisher. Wir m\u00fcssen umkehren. Und unsere ganze Cleverness und unsere ganze Phantasie nicht darauf verschwenden reich zu werden oder ber\u00fchmt, sondern dazu einsetzen, die Erde wieder instand zu setzen.<\/p>\n<p>Schon jetzt und hier beginnt der Weg zur\u00fcck, der Weg zum Paradies. \u00c4u\u00dferlich und innerlich. Und schon jetzt und hier entscheidet sich, wie es werden wird f\u00fcr uns. Wir sollen tun, was gut ist: f\u00fcr uns, f\u00fcr andere, f\u00fcr diese Welt. So wie Gott es uns geboten hat. Dies zu beachten, ist nicht blo\u00df trockener Gesetzesgehorsam. Wir werden sauberes Wasser erleben, frische Luft atmen, Blumen am Rande dieses Weges sehen k\u00f6nnen, Wachstum und Gedeihen. Wenn wir denn wollen. Und die Augen aufmachen. Dann werden auch wir etwas sp\u00fcren von der Liebe und W\u00e4rme, die Gott zu dieser Welt hatte, als er sie erschuf \u2013 und uns mitten darin. Aus der chassidischen Mystik \u00fcberliefert uns Martin Buber diese Mahnung: \u201eWenn ein Mensch die ganze Lehre und alle Gebote erf\u00fcllt hat, aber die Wonne und das Brennen hat er nicht gehabt: wenn der stirbt und hin\u00fcbergeht, \u00f6ffnet man ihm das Paradies, aber weil er in der Welt die Wonne nicht gef\u00fchlt hat, f\u00fchlt er auch die Wonne des Paradieses nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn wir die Augen \u00f6ffnen und die Spuren sehen, die Gott hinterlassen hat \u2013 nicht nur auf dieser Erde, sondern auch in uns \u2013 wenn wir uns an diese Spuren halten und ihnen folgen, dann werden wir ihn finden, den Weg der zu Freude und Wonne f\u00fchrt, zu Gl\u00fcck und Gelingen, den Weg zur\u00fcck zum Paradies.<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p>\u201eMorgenlicht leuchtet\u201c (HuE 438, EG 455),<\/p>\n<p>\u201eWir haben Gottes Spuren festgestellt\u201c (HuE 230, RWL 648),<\/p>\n<p>\u201eWenn ich, o Sch\u00f6pfer, deine Macht\u201c (EG 506),<\/p>\n<p>\u201eEinst schuf Gott einen Garten\u201c (HuE 346),<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du, wie viel Sternlein stehen\u201c (HuE 367, EG 511),<br \/>\n\u201eDie Steppe wird bl\u00fchen\u201c (HuE 11).<\/p>\n<p><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu 1. 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