{"id":3467,"date":"2020-09-30T21:03:45","date_gmt":"2020-09-30T19:03:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3467"},"modified":"2020-09-30T21:06:48","modified_gmt":"2020-09-30T19:06:48","slug":"war-der-jesus-denn-ein-superzauberer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/war-der-jesus-denn-ein-superzauberer\/","title":{"rendered":"War der Jesus denn ein Superzauberer?"},"content":{"rendered":"<p><strong>&nbsp; Predigt zu Mk 8,1\u20139 | verfasst von&nbsp; Dietz Lange|&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Wenn Sie diese Geschichte einem 8-j\u00e4hrigen Jungen erz\u00e4hlen, werden Sie auf ungl\u00e4ubiges Staunen sto\u00dfen. \u201eVon sieben Br\u00f6tchen und zwei kleinen Fischen 4000 Leute satt machen, und dann soll da sogar noch viel mehr \u00fcbrigbleiben? Das geht doch gar nicht!\u201c Sollten Sie antworten: \u201eAber Jesus konnte das trotzdem\u201c, so wird der Junge fragen: \u201eWar der Jesus denn ein Superzauberer?\u201c Dann w\u00e4ren Sie in Verlegenheit. Sie k\u00f6nnen ja schlecht Ja sagen. Denn da w\u00fcrde Ihr kleiner Sohn denken: \u201eAlso sind all die Geschichten von Jesus blo\u00df M\u00e4rchen. Ich bin aber schon acht Jahre alt, ich glaub\u2018 nicht mehr an M\u00e4rchen.\u201c Ohnehin h\u00e4tte ein Zauberer, der vor 2000 Jahren ein Kunstst\u00fcck vollf\u00fchrt hat, f\u00fcr uns heute bestenfalls einen gewissen Unterhaltungswert. F\u00fcr eine Predigt im 21. Jahrhundert w\u00fcrde er sich nicht eignen.<\/p>\n<p>Was also will uns Markus mit dieser Geschichte sagen? Merkw\u00fcrdigerweise scheint gerade sie ihm sogar besonders wichtig zu sein. Er hatte sie n\u00e4mlich kurz zuvor schon einmal in etwas anderer Fassung erz\u00e4hlt. Da waren es sogar 5000 Leute und nur 5 Brote, und es blieben 12 K\u00f6rbe mit Brocken \u00fcbrig. Offenbar hat er dabei eine viel \u00e4ltere Erz\u00e4hlung im Sinn gehabt, die er aus dem Alten Testament kannte. Da steht n\u00e4mlich, der Prophet Elisa habe einmal 100 Leute mit 20 kleinen Gerstenbr\u00f6tchen gespeist. Markus wollte also zun\u00e4chst einmal zum Ausdruck bringen, dass Jesus viel gr\u00f6\u00dfere Vollmacht von Gott hat als fr\u00fcher der Prophet. Aber warum tut er das so, dass er das Unwahrscheinliche noch mehr auf die Spitze treibt? Nun, die Menschen alter Zeit nahmen Wundergeschichten viel lockerer als unser 8-j\u00e4hriger Junge von vorhin. Die Eltern und die Lehrer unter Ihnen wissen, dass bei Kindern in diesem Alter der Verstand so richtig erwacht und dass sie dann oft besonders kritisch sind. Andererseits waren die Leute in der Antike aber nicht d\u00fcmmer als so ein Junge, auch wenn ihre Wissenschaft noch nicht so weit war wie unsere. Sie konnten n\u00e4mlich durch solche Geschichten gewisserma\u00dfen hindurchgucken und den eigentlichen, tieferen Sinn hinter dem so unglaublich Erscheinenden entdecken. Wir modernen Menschen dagegen halten uns eher bei dem Sensationellen auf und schreien dann gleich: Fake news! Damit klappen wir dann automatisch die Augen zu vor dem, worauf es wirklich ankommt.<\/p>\n<p>Worauf kommt es denn an in dieser Geschichte? <em>Erstens<\/em>: Jesus hatte drei Tage lang gepredigt, schreibt Markus. Auch hier gilt: Bitte nicht nachrechnen: Drei mal 24 ergibt 72 Stunden \u2013 da muss er doch v\u00f6llig heiser und au\u00dferdem todm\u00fcde gewesen sein. Das ist wieder nur die Oberfl\u00e4che, ein bisschen orientalisch \u00fcbertrieben, wenn Sie wollen. Gemeint ist: Die Leute hatten Jesus lange Zeit wie gebannt zugeh\u00f6rt. Das erz\u00e4hlt Markus so ganz nebenbei. Dabei war es ja eigentlich auch f\u00fcr ihn die Hauptsache. Denn was Jesus zu sagen hatte, ging damals und geht bis heute die Menschen an. Gott r\u00fcckt uns auf den Leib. Es kommt wirklich darauf an, was wir mit unserem Leben anfangen. Da gibt es kein \u201eWeiter so\u201c: kein weiter so die Zeit im Internet vertr\u00f6deln, kein weiter so die Sch\u00f6pfung Gottes mit unserer Energieverschwendung ruinieren. Zugleich will Gott uns mit seiner Liebe auffangen und uns zu aufmerksamen und achtsamen Zeitgenossen machen.<\/p>\n<p>Es war auf jeden Fall eine leidenschaftliche Rede Jesu gewesen. Dabei konnte man nicht eben mal ein Nickerchen machen. Es muss anstrengend, ja geradezu aufw\u00fchlend gewesen sein, ihm zuzuh\u00f6ren. Nun waren die Menschen ganz erf\u00fcllt davon, aber auch ersch\u00f6pft. Da stellt Jesus ganz sachlich fest: \u201eWenn ich sie jetzt hungrig heimgehen lie\u00dfe, w\u00fcrden sie auf dem Wege verschmachten.\u201c Etwas moderner ausgedr\u00fcckt: Sie w\u00fcrden reihenweise schlapp machen. Darum jetzt das <em>Zweite<\/em>: Die Leute tun Jesus leid, und er sorgt daf\u00fcr, dass sie zu essen bekommen. Blicken wir durch die phantastischen Zahlenangaben hindurch, dann sehen wir. worauf es ankommt: Jesus l\u00e4sst es nicht dabei bewenden, von der Liebe Gottes zu <em>sprechen<\/em>; er \u00fcbt sie auch praktisch aus. Er dankt Gott, bricht das Brot und teilt es aus, hei\u00dft es da. Manche Ausleger haben gemeint, Markus wolle damit auf das Abendmahl anspielen. Das glaube ich nicht. Jesus tut einfach nur, was jeder j\u00fcdische Hausvater vor einer Mahlzeit in seiner Familie tut. Er verteilt das, was Gott seinen Leuten als Lebensunterhalt geschenkt hat. Unser Glaube ist keine Theorie, sondern er wirkt Leben, bei uns und bei anderen.<\/p>\n<p>Versteht man es so, dann begreift man, warum unsere Kirche diese Geschichte f\u00fcr das heutige Erntedankfest als Predigttext vorgeschlagen hat. Das ist ein Fest, an dem wir Gott in besonderer Weise f\u00fcr unsere Nahrung danken. Dar\u00fcber hinaus danken wir ihm f\u00fcr alles, was er uns sonst noch an Lebensnotwendigem t\u00e4glich zuteil werden l\u00e4sst: f\u00fcr nahestehende Menschen um uns herum, die uns Geborgenheit geben, f\u00fcr Lebensenergie und Gesundheit \u2013 gerade in dieser Corona-Zeit besonders wichtig \u2013 und f\u00fcr sinnvolle Arbeit, die unserem Leben einen Inhalt gibt. So bekommen auch die gro\u00dfen Zahlen unserer Geschichte pl\u00f6tzlich einen neuen Sinn. Es gibt auf Gottes Erde so unglaublich viele Menschen, und trotzdem ist f\u00fcr alle genug Nahrung da. Oder richtiger: Es w\u00e4re so, wenn wir denn f\u00fcr eine gerechte Verteilung sorgen w\u00fcrden. Es ist kein Naturgesetz, dass so viele Menschen in Afrika hungern m\u00fcssen. Wenn wir in der reichen Welt nicht aus lauter Gier viel mehr Nahrungsmittel produzierten, als wir verbrauchen k\u00f6nnen, und dann mit den \u00dcbersch\u00fcssen die M\u00e4rkte auf der S\u00fcdhalbkugel \u00fcberschwemmten und kaputt machten, w\u00fcrde es tats\u00e4chlich f\u00fcr alle reichen. Eine h\u00f6chst aktuelle politische Konsequenz, von der der Evangelist Markus noch nichts geahnt hat, die aber in seiner Geschichte schon drinsteckt.<\/p>\n<p>Dazu kommt ein <em>Drittes<\/em>. In unserer Geschichte hei\u00dft es, die Beschaffung von Nahrung f\u00fcr die vielen Leute sei deshalb so schwierig gewesen, weil man sich an einer einsamen Stelle befand. Sonst h\u00e4tte man ja eben zum B\u00e4ckerladen an der Ecke laufen und reichlich kaufen k\u00f6nnen. Das Wort, das da im griechischen Urtext f\u00fcr die \u201eeinsame Stelle\u201c steht, bedeutet auch \u201eW\u00fcste\u201c. Der Erz\u00e4hler hat sich sicher mit Absicht so ausgedr\u00fcckt. Denn die W\u00fcste erinnert an eine andere Geschichte aus dem Alten Testament, an die Wanderung des Volkes Israel durch die Sinaihalbinsel. Das war eine Hunger- und Durststrecke sondergleichen. Der alte Bericht erz\u00e4hlt davon, dass der ganze israelitische Fl\u00fcchtlingstreck gemurrt und gemeutert hat, ja sogar am liebsten in die Sklaverei in \u00c4gypten zur\u00fcckgekehrt w\u00e4re. Denn da hatte man ja jedenfalls genug zu essen gehabt. Daraufhin soll dann Gott auf Bitten des Mose Brot vom Himmel haben regnen lassen, das ber\u00fchmte Manna.<\/p>\n<p>K\u00fcmmern wir uns auch hier nicht um die Frage, wie es denn m\u00f6glich sein soll, dass es vom Himmel Brot regnet statt Regentropfen oder Tau. Das w\u00e4re wieder blo\u00df die Sensations-Oberfl\u00e4che. Von Interesse ist die Erinnerung daran, dass Gott f\u00fcr sein Volk sogar in der W\u00fcste gesorgt hat, wo au\u00dfer ein paar Kakteen und Gestr\u00fcpp gar nichts w\u00e4chst. Auch die W\u00fcste hat f\u00fcr uns eine Bedeutung angenommen, von der Markus in seiner Erz\u00e4hlung noch nichts ahnen konnte, die sich uns heute aber aufdr\u00e4ngt. Nach mehreren viel zu trockenen Sommern beginnt bei uns allm\u00e4hlich das Wasser knapp zu werden. Noch leben wir nicht in einer Steppe oder W\u00fcste, aber sie droht auf uns zuzukommen. Das w\u00e4re aber dann eine W\u00fcste, die nicht von Natur aus einfach da ist, sondern eine von uns Menschen gemachte W\u00fcste. Noch ern\u00e4hrt uns Gott reichlich trotz unserer sch\u00e4ndlichen Umwelts\u00fcnden. Aber wir sollen aus der alten Geschichte von der Speisung der 4000 nicht den Schluss ziehen, er werde schon irgendwann ein Wunder tun und uns bis dahin weiter sorglos unsere giftigen Abgase in die Luft pusten lassen. Denn wir sind ja f\u00fcr die heute drohende Versteppung selbst verantwortlich und durchaus in der Lage, sie zu verhindern. Es ist wirklich nicht selbstverst\u00e4ndlich, sondern ein Wunder, dass wir immer noch ernten k\u00f6nnen, was wir zum Leben brauchen. Daf\u00fcr wollen wir Gott von Herzen danken. Aber wenn dieser Dank ehrlich ist, dann bringt er uns zu wirklich durchgreifender F\u00fcrsorge f\u00fcr diese sch\u00f6ne Erde, auf der wir leben d\u00fcrfen. Gott hat uns ja auf ihr angesiedelt, nicht damit wir sie r\u00fccksichtslos pl\u00fcndern, sondern damit wir sie \u201ebebauen und bewahren\u201c, wie schon der kluge Erz\u00e4hler der uralten zweiten Sch\u00f6pfungsgeschichte geschrieben hat. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Predigt zu Mk 8,1\u20139 | verfasst von&nbsp; Dietz Lange|&nbsp; Liebe Gemeinde! Wenn Sie diese Geschichte einem 8-j\u00e4hrigen Jungen erz\u00e4hlen, werden Sie auf ungl\u00e4ubiges Staunen sto\u00dfen. \u201eVon sieben Br\u00f6tchen und zwei kleinen Fischen 4000 Leute satt machen, und dann soll da sogar noch viel mehr \u00fcbrigbleiben? 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