{"id":3479,"date":"2020-09-30T17:59:00","date_gmt":"2020-09-30T15:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3479"},"modified":"2020-10-01T18:01:08","modified_gmt":"2020-10-01T16:01:08","slug":"ist-das-nicht-alles-heuchelei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ist-das-nicht-alles-heuchelei\/","title":{"rendered":"Ist das nicht alles Heuchelei?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu Markus 8, 1-9 |verfasst von Pastorin Susanna Kschamer aus Kosel (Schleswig-Holstein)|<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gnade unseres Herren Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>wie sch\u00f6n, dass wieder Erntedank ist. Wie sch\u00f6n, dass Sie so zahlreich gekommen sind und dass wir zusammen feiern k\u00f6nnen. Wenn auch in diesem Jahr nicht in der liebevoll geschm\u00fcckten Kirche, daf\u00fcr aber mit einem sch\u00f6n gestalteten Altar hier auf der Wiese. Herzlichen Dank an die K\u00fcsterin und alle anderen Helfer!<\/p>\n<p>Und hier drau\u00dfen k\u00f6nnen wir singen, singen von unserer Freude \u00fcber die Ernte und \u00fcber die Natur. Als Dank f\u00fcr all die guten Lebensmittel, die wir nun essen d\u00fcrfen! Sch\u00f6ne und vertraute Lieder. Das \u201eBunt sind sch\u00f6n die W\u00e4lder.\u201c klingt noch in meinem Herzen nach. Und ich freue mich schon auf \u201eWir pfl\u00fcgen und wir streuen\u201c mit allen f\u00fcnf Strophen nach der Predigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch so ganz unbefangen kann ich das nicht. Nicht wenn ich ernst nehme, dass dieser Dank an Gott geht und dass es hier schon deshalb nicht um sch\u00f6nen Schein gehen darf. Auch den Bauern und B\u00e4uerinnen und all den anderen Menschen gegen\u00fcber, die daf\u00fcr arbeiten, dass wir einen gut gef\u00fcllten Tisch haben, w\u00e4re folkloristische Heuchelei nicht angemessen. Und ebenso wenig kann ich unbefangen in einen Jubel \u00fcber die Natur ausbrechen.<\/p>\n<p>Da gibt es so vieles, was nicht gut ist: Viele unserer Landwirte f\u00fchlen sich von Politik und Gesellschaft im Stich gelassen und geben dem mit gr\u00fcnen Kreuzen auf den \u00c4ckern und Trecker-Demonstrationen Ausdruck. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in Folge dessen eine Stunde zu sp\u00e4t bei einer Besprechung in Pl\u00f6n ankam.<\/p>\n<p>Die Art und Weise, wie wir Menschen im gro\u00dfen Stil Nahrungsmittel anbauen \u2013 industrialisiert und globalisiert \u2013 tr\u00e4gt wesentlich zum Artensterben und damit zur Gef\u00e4hrdung allen Lebens auf der Welt bei. Zus\u00e4tzlich zur Ver\u00e4nderung des Klimas durch den hohen CO<sub>2<\/sub> \u2013 Aussto\u00df.<\/p>\n<p>Oft werden Nahrungsmittel unter schlimmen Arbeitsbedingen hergestellt. Durch die Corona \u2013 Epidemie sind wir auf die Zust\u00e4nde in gro\u00dfen fleischproduzierenden Betrieben aufmerksam gemacht worden. In S\u00fcdeuropa wird unser Obst und Gem\u00fcse oft unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen von Arbeiterinnen und Arbeitern ohne Aufenthaltsstatus produziert. Das macht Fleisch, Obst und Gem\u00fcse f\u00fcr uns billig und verdirbt die Preise f\u00fcr die, die es im Interesse von Menschen und Natur besser machen wollen.<\/p>\n<p>Aber kann man die Preise so erh\u00f6hen, ohne dass die Menschen mit bescheidenem Einkommen in Schwierigkeiten kommen und die \u00c4rmsten leer ausgehen? Gute L\u00f6sungen sind nicht in Sicht. Wie k\u00f6nnen wir in dieser schwierigen Situation alle satt machen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Frage stellen die J\u00fcnger in unserem Predigttext, den wir eben als Evangelium geh\u00f6rt haben: \u201eWoher nehmen wir Brot hier in der Ein\u00f6de, dass wir sie s\u00e4ttigen?\u201c. Auch da war die Lage nach menschlichem Ermessen aussichtslos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich lese den Predigttext noch einmal, diesmal in der Neuen Genfer \u00dcbersetzung:<\/p>\n<p>In jenen Tagen war wieder einmal eine gro\u00dfe Menschenmenge \u00b4bei Jesus`. Da die Leute nichts zu essen hatten, rief Jesus seine J\u00fcnger zu sich und sagte:<\/p>\n<p>\u201eMir tun diese Menschen leid. Seit drei Tagen sind sie nun schon bei mir und haben nichts zu essen. Wenn ich sie hungrig nach Hause gehen lasse, brechen sie unterwegs vor Ersch\u00f6pfung zusammen; au\u00dferdem sind einige unter ihnen von weit her gekommen.\u201c<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger erwiderten: \u201eWo soll man denn hier in dieser einsamen Gegend genug Brot bekommen, um sie alle satt zu machen?\u201c<\/p>\n<p>Doch Jesus fragte sie: \u201eWie viele Brote habt ihr?\u201c \u2013 \u201eSieben\u201c, antworteten sie.<\/p>\n<p>Da forderte er die Menge auf, sich auf dem Boden zu lagern. Er nahm die sieben Brote, dankte Gott daf\u00fcr und brach sie in St\u00fccke. Dann gab er sie seinen J\u00fcngern zum Verteilen, und die J\u00fcnger teilten sie an die Menge aus.<\/p>\n<p>Sie hatten auch noch ein paar kleine Fische. Jesus lie\u00df sie ebenfalls verteilen, nachdem er Gott daf\u00fcr gedankt hatte.<\/p>\n<p>Und die Leute a\u00dfen und wurden satt. Am Schluss sammelte man auf, was \u00fcbriggeblieben war \u2013 sieben K\u00f6rbe voll.<\/p>\n<p>Die Zahl derer, die an der Mahlzeit teilgenommen hatten, belief sich auf ungef\u00e4hr viertausend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drei Tage waren die Menschen nun schon bei Jesus, ihre mitgebrachten Vorr\u00e4te werden aufgebraucht gewesen sein. Und selbst wer genug Geld dabei hatte, h\u00e4tte in dieser Gegend nichts kaufen k\u00f6nnen. Jeder Appell an die Selbstverantwortung der Menschen w\u00e4re nur zynisch gewesen. Man h\u00e4tte ihnen nur den Vorwurf machen k\u00f6nnen, dass sie zu lange bei Jesus geblieben sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jesus ging die Angelegenheit an die Nieren &#8211; im griechischen Wort, was hier mit \u201eleid tun\u201c und bei Luther mit \u201emich jammert\u201c \u00fcbersetzt wurde, steckt das Wort f\u00fcr Eingeweide.<\/p>\n<p>Das Wohlergehen, Gesundheit und zum Teil sogar das Leben von Menschen stehen hier auf dem Spiel. Und damit auch die von Jesus verk\u00fcndigte gute Botschaft. Er wendet sich an die J\u00fcnger, aber die sind ratlos. Doch nun wird nicht lang und breit dar\u00fcber geredet, wie aussichtslos die Lage ist und was man alles nicht tun kann, obwohl man gerne w\u00fcrde. Oder dar\u00fcber, was andere schon l\u00e4ngst h\u00e4tten getan haben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Jesus konzentriert sich auf das, was da ist: und das sind sieben Brote. Er \u00fcberl\u00e4sst deren Verteilung nicht dem Zufall. Die Menschen sollen sich auf den Boden setzten \u2013 den Boden der Tatsachen.<\/p>\n<p>Und Jesus dankt!&nbsp; Auch diese offensichtliche Mangelsituation hindert ihn nicht daran. Mir scheint der Dank ist es, der f\u00fcr das Wunder Raum schafft. F\u00fcr die L\u00f6sung des Problems, die vorher niemand sehen konnte. Und \u00fcber deren genaues Zustandekommen ja auch die Bibel nicht berichtet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann geht es pragmatisch und organisiert weiter: die Brote werden verteilt und die sp\u00e4ter dazugekommenen Fischlein auch.&nbsp; Die Reste werden sorgsam in K\u00f6rben verstaut.<\/p>\n<p>Nun sind alle Menschen satt \u2013 der Magen ist satt von Brot und Fisch und das Wort von Worten Jesu. Und nun entl\u00e4\u00dft sie Jesus wieder in ihr selbstverantwortetes Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mir macht diese Geschichte Mut zum Danken und Loben. Zu einem ehrlichen Danken und Loben f\u00fcr das, was da ist. Ohne im gleichen Moment an alles denken zu m\u00fcssen, war nicht optimal ist. Zur Hoffnung auf L\u00f6sungen, die mir im Moment nicht vor Augen stehen. Man mag sie als Wunder bezeichnen. Zum Gebet daf\u00fcr. Und zum Tun dessen, was ich tun kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hoffentlich habe ich Sie und Euch damit angesteckt und motiviert, nun mit mir zusammen fr\u00f6hlich \u201eWir pfl\u00fcgen und wir streuen\u201c zu singen.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Susanna Kschamer, geb. 1964<\/p>\n<p>Gemeindepastorin in Kosel (Schleswig-Holstein)<\/p>\n<p><a href=\"mailto:s.kschamer@kirche-kosel.de\">s.kschamer@kirche-kosel.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Predigt wird beim Erntedankfest auf den Wiesen vor den beiden Kirchen, die zu unserer Gemeinde geh\u00f6ren, gehalten. Wegen der Corona \u2013 Pandemie feiern wir in diesem Jahr nicht in den Kirchen, damit genug Menschen teilnehmen k\u00f6nnen und damit wir singen d\u00fcrfen. Wer nicht zum Gottesdienst kommen mag, findet die Predigt als Text oder Audiodatei auf unserer Website, kann sie \u00fcber unseren Telefondienst \u201eBei Anruf Predigt\u201c h\u00f6ren oder sie sich als Predigtbrief zusenden lassen.<\/p>\n<p>Der Predigttext wird in der Luther\u00fcbersetzung als Evangelium gelesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Markus 8, 1-9 |verfasst von Pastorin Susanna Kschamer aus Kosel (Schleswig-Holstein)| &nbsp; &nbsp; Die Gnade unseres Herren Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. &nbsp; Liebe Gemeinde, &nbsp; wie sch\u00f6n, dass wieder Erntedank ist. 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