{"id":3496,"date":"2020-10-07T10:07:51","date_gmt":"2020-10-07T08:07:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3496"},"modified":"2020-10-07T10:21:45","modified_gmt":"2020-10-07T08:21:45","slug":"herzenssache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/herzenssache\/","title":{"rendered":"Herzenssache"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu 5. Mose 30,11-14| verfasst von Dr. Sven Keppler |<\/strong><\/p>\n<p><strong>I. <\/strong>Ihr Lieben, ein Bund ist nicht starr f\u00fcr alle Ewigkeit. Nicht unver\u00e4nderlich. In Stein gemei\u00dfelt. Sondern ein Bund soll lebendig sein. Sich weiterentwickeln. Er ist nicht im Himmel f\u00fcr die Ewigkeit geschrieben. Er ist auch nicht abgeguckt von dem, was irgendwo auf der Welt immer schon gilt. Sondern wenn Menschen hier und jetzt einen Bund schlie\u00dfen, dann z\u00e4hlt, was sie auf dem Herzen haben. Dann ist der Bund so lebendig, wie das Herz schl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Auch Gott schlie\u00dft mit Menschen keinen Bund, der ewig unver\u00e4nderlich ist. Sondern er hat seinen Bund immer wieder erneuert. Mit Noah. Mit Abraham. Mit Mose am Sinai. Und als Israel vom Sinai her an den Rand des Landes kommt, in dem sie wohnen sollen, da erneuert Gott seinen Bund mit diesen Menschen. Die Worte Gottes, die davon \u00fcberliefert sind, stehen gegen Ende des 5. Buches Mose, im 30. Kapitel. Sie sind der heutige Predigttext:<\/p>\n<p><em>Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen m\u00fcsstest: Wer will f\u00fcr uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir\u2019s h\u00f6ren und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen m\u00fcsstest: Wer will f\u00fcr uns \u00fcber das Meer fahren und es uns holen, dass wir\u2019s h\u00f6ren und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.<\/em><\/p>\n<p><strong>II. <\/strong>Ein guter Bund ist ein Neuanfang. Nach einem Umbruch. Nach einer Krise. Eine neue Chance. Nicht nur eine Neuauflage des Alten.<\/p>\n<p>Der erste Bund, von dem die Bibel berichtet, ist so ein Neuanfang. Nach einer \u00f6kologischen Katastrophe von globalem Ausma\u00df. Starkregen. Sturmfluten. Steigender Meeresspiegel. Siedlungsgebiete sind verloren. Arten ausgestorben. In der biblischen Urgeschichte hei\u00dft diese Katastrophe \u201edie Sintflut\u201c. Viele andere Kulturen berichten ebenfalls von ihr. Und in den alten Erz\u00e4hlungen gibt es kein Vertun: Die Ursache der Krise ist der Mensch.<\/p>\n<p>Vieles davon kommt mir bekannt vor. Nur das Entscheidende kann ich mir heute kaum vorstellen. Die Bibel erz\u00e4hlt vom Ende der Krise. Von ihrer \u00dcberwindung. Eine Gruppe von Menschen hat die Katastrophe \u00fcberstanden. Das Wasser geht zur\u00fcck. Das Land wird wieder bewohnbar. F\u00fcr die \u00fcberlebenden Tiere beginnt ein Aufzuchtprogramm. Und Noah, der Anf\u00fchrer der Geretteten, baut dankbar einen Altar.<\/p>\n<p>Der Neuanfang beginnt mit einem Bund f\u00fcr das Leben. Zwischen Gott und den Menschen. Die Macht, der sich alles Leben verdankt \u2013 diese Macht verb\u00fcndet sich mit ihren Gesch\u00f6pfen. Um das Leben zu sch\u00fctzen. Der Bund Gottes mit Noah ist nicht von Gleich zu Gleich. Nicht auf Augenh\u00f6he. Die alten Texte erz\u00e4hlen, dass Gott von sich aus diesen Bund aufrichtet. Er verpflichtet sich, das Leben niemals verloren zu geben: <em>Solange die Erde steht, soll nicht aufh\u00f6ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. [Gen 8,22]<\/em><\/p>\n<p>Der Bund ist realistisch. Er verlangt nichts Unm\u00f6gliches. Gott nimmt hin, dass Menschen sind, wie sie sind. Uners\u00e4ttlich. Eigenn\u00fctzig. Kurzsichtig. Dass Menschen die Quelle vergessen, der ihr Leben entspringt. Und dass sie die Grundlagen ihres Lebens nicht bewahren k\u00f6nnen. In Gottes \u00f6kologischem Bund gibt es nur eine Forderung: Gottes Bundesb\u00fcrger sollen das Leben achten. Sie sollen nicht das Blut ihrer Mitmenschen vergie\u00dfen. Und das Blut der Tiere nicht essen. Denn das Blut ist das Zeichen des Lebens. Der Noahbund ist nicht von Gleich zu Gleich. Gott gibt unendlich viel mehr. Er schenkt eine Auferstehung aus Ruinen. Und Freir\u00e4ume zum Leben. Unter dem Bundeszeichen des Regenbogens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>III. <\/strong>Ein guter Bund kann Krisen \u00fcberstehen. Er verkraftet es, wenn die Bundesb\u00fcrger ihren Aufgaben nicht gewachsen sind. Ein guter Bund ist nicht nur ein einmaliger Neuanfang. Sondern wenn er scheitert, kann er auch selbst erneuert werden. Weil seine Basis stark genug ist. Mose hat das erlebt.<\/p>\n<p>Ganz Israel steht damals vor einem Neuanfang. Vor \u00fcber 3.000 Jahren war das. Zuvor hat Israel unter der Herrschaft einer der beiden damaligen Superm\u00e4chte gestanden: \u00c4gypten. Aber diese Herrschaft hat es abgesch\u00fcttelt.<\/p>\n<p>Es will einen eigenen Bundesstaat gr\u00fcnden. Aus 12 St\u00e4mmen. Israel schlie\u00dft diesen Bund. Nicht nur untereinander. Sondern mit Gott. Gott verspricht Israel einen Neuanfang. Im eigenen Land. Im Frieden. In Wohlstand und Gesundheit. Israel verpflichtet sich im Gegenzug auf ein neues Grundgesetz. Die Pr\u00e4ambel hei\u00dft: Ich bin der Herr, Dein Gott. Die Grundrechte sind die 10 Gebote.<\/p>\n<p>Der Bund wird geschlossen. Mose geht vierzig Tage lang auf den Berg Sinai, wo er die einzelnen Gesetze empf\u00e4ngt. Als er zur\u00fcckkommt, hat Israel den Bund schon aufgek\u00fcndigt. Nicht irgendeinen Teil. Sondern die Pr\u00e4ambel, auf die alles ankommt. \u201eIch bin der Herr, Dein Gott,\u201c hei\u00dft es dort. Stattdessen haben die neuen Bundesb\u00fcrger ein Kalb aus Gold gegossen und angebetet.<\/p>\n<p>Aber ein guter Bund \u00fcbersteht auch das Scheitern. Ein guter Bund ist offen f\u00fcr einen Neuanfang. Eine \u00dcberarbeitung. Eine zweite Chance. Mose bittet Gott um diese zweite Chance. Und Gott k\u00fcndigt den Bund nicht auf. Sondern erneuert ihn: <em>Ich will meine ganze G\u00fcte vor dir vor\u00fcberziehen lassen und meinen Namen vor dir ausrufen. Ich bin gn\u00e4dig, wem ich gn\u00e4dig bin, und ich bin barmherzig, wem ich barmherzig bin. [Ex 33,19]<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><strong>IV.<\/strong> Die Bibel erz\u00e4hlt die Geschichte des Bundes zwischen Gott und den Menschen. Eine Geschichte der Krisen und Br\u00fcche. Immer wieder muss der Bund erneuert werden. In diesen Krisen wird das Bundesrecht weiterentwickelt. Die Kernfrage ist immer wieder: Wie kann der Bund bestehen bleiben, obwohl die Bundesb\u00fcrger ihren Aufgaben nicht gewachsen sind? Sie halten Gott nicht die Treue. Die Gesellschaft entwickelt sich in die falsche Richtung. Statt Einigkeit und Recht und Freiheit \u2013 Egoismus, Korruption und Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<p>Es reicht nicht aus, einzelne Gesetze zu erneuern. Der Prophet Jeremia sieht, dass ein neuer Bund bei der Haltung jedes Einzelnen ansetzen muss. Und dass dies nur gelingt, wenn Gott mit seinem Geist die Menschen erneuert.<\/p>\n<p><em>\u201eDer neue Bund, den ich mit meinem Volk schlie\u00dfen will, wird v\u00f6llig anders sein: Ich werde ihnen mein Gesetz nicht auf Steintafeln, sondern in Herz und Gewissen schreiben. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein\u201c, sagt der HERR. \u201eAlle werden dann wissen, wer ich bin, von den Geringsten bis zu den Vornehmsten. Das sage ich, der HERR. Ich will ihnen ihren Ungehorsam vergeben und nie mehr an ihre Schuld denken.\u201c [Jer 31,33-34]<\/em><\/p>\n<p>Was Jeremia hier erkannt hat \u2013 das finden wir auch in unserem Predigttext. In der Erz\u00e4hlung vom erneuerten Bund zwischen Gott und Israel. Dort hei\u00dft es: Gottes Bundesregeln sind nicht im Himmel und auch nicht jenseits des Meeres. Sie sind nicht im Himmel f\u00fcr die Ewigkeit geschrieben. Sie sind auch nicht abgeguckt von dem, was irgendwo auf der Welt gilt. Sondern wenn hier ein Bund geschlossen wird, dann z\u00e4hlt, was wir im Herzen haben. Dann ist der Bund so lebendig, wie unser Herz schl\u00e4gt. Weil Gott seinen Geist in unser Herz legt.<\/p>\n<p>So hat auch Jesus die Erneuerung des Bundes verstanden. Es kommt auf die Haltung jeder einzelnen Bundesb\u00fcrgerin, jedes einzelnen Bundesb\u00fcrgers an. Ein guter Bund sch\u00e4tzt die Menschen realistisch ein. Er kennt ihre Grenzen. Er muss eine Antwort geben auf die Krisen, die immer wieder kommen. Er muss auch im Scheitern einen Neuanfang erm\u00f6glichen. Der neue Bund, den Jesus stiftet, atmet diesen Geist. Seine Pr\u00e4ambel ist die Liebe Gottes und ein gn\u00e4diger Blick auf den Menschen. Sein Grundrecht ist die Liebe \u2013 zu Gott, zu anderen Menschen, zu Gottes Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>V.<\/strong> Vor 30 Jahren sind die Bezirke der DDR der Bundesrepublik beigetreten \u2013 als neue Bundesl\u00e4nder. Damals hat man die Regeln des Bundes nicht wirklich erneuert. Sondern auf Sicherheit gesetzt und das bew\u00e4hrte Grundgesetzt des Westens \u00fcbernommen. Aber letztlich ist die Frage bis heute offen: Wie kann so ein Bund gelingen? Als Bund von Gleichen. Auferstanden aus Ruinen. Einig in Recht und Freiheit. Und der Zukunft zugewandt!<\/p>\n<p>1989\/90 \u2013 was f\u00fcr eine Aufbruchstimmung! Endlich, nach 40 Jahren Teilung und Diktatur. Alles schien damals m\u00f6glich: Friede. Demokratie. Eine neue, partnerschaftliche Weltordnung. 30 Jahre danach sind wir im Krisenmodus. Klimawandel. Corona-Pandemie. Artensterben. \u00dcberbev\u00f6lkerung. Atomare Bedrohung. Armutsmigration. Vormarsch der Autorit\u00e4ren und Rechtspopulisten. Wo ist er geblieben, der Optimismus der Wendezeit?<\/p>\n<p>Auch der Bund mit Gott wurde immer erneuert und weiterentwickelt. Das ist eine Ermutigung, ein Vorbild, eine Orientierung daf\u00fcr, auch unseren politischen Bund zu erneuern. Jeder Bund mit Gott hatte ein eigenes Bundeszeichen. Besonders gut gef\u00e4llt mir der Regenbogen. Er erinnert an die nat\u00fcrlichen Grundlagen unseres Lebens. An das Versprechen, dass Gott uns nicht der Katastrophe \u00fcberlassen wird. Und er erinnert daran, dass die Welt bunt ist. Dass heute Menschen ganz unterschiedlicher Hautfarben zu unserer Bundesrepublik geh\u00f6ren. Ganz unterschiedlicher Herkunft. Und mit verschiedenen Identit\u00e4ten. Es ist Zeit, unseren Bund miteinander zu erneuern. Als bunte Republik Deutschland. Unter Gottes buntem Bundeszeichen. Dem Regenbogen, dessen Bild wir im Herzen tragen. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfarrer Dr. Sven Keppler<\/p>\n<p>Versmold<\/p>\n<p>sven.keppler@kk-ekvw.de<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Autor von Rundfunkandachten im WDR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu 5. Mose 30,11-14| verfasst von Dr. Sven Keppler | I. Ihr Lieben, ein Bund ist nicht starr f\u00fcr alle Ewigkeit. Nicht unver\u00e4nderlich. In Stein gemei\u00dfelt. Sondern ein Bund soll lebendig sein. Sich weiterentwickeln. Er ist nicht im Himmel f\u00fcr die Ewigkeit geschrieben. Er ist auch nicht abgeguckt von dem, was irgendwo auf der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3497,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,539,1,2,157,114,485,349,109,231],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-3496","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deuteronomium","category-18-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-at","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-30-chapter-30","category-kasus","category-predigten","category-sven-keppler"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3496","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3496"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3496\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3500,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3496\/revisions\/3500"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3497"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3496"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3496"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3496"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=3496"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=3496"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=3496"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=3496"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}