{"id":3501,"date":"2020-10-07T10:23:19","date_gmt":"2020-10-07T08:23:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3501"},"modified":"2020-10-07T10:24:30","modified_gmt":"2020-10-07T08:24:30","slug":"sag-uns-wos-lang-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sag-uns-wos-lang-geht\/","title":{"rendered":"Sag uns, wo\u2019s lang geht!"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Predigt zu Deuteronomium 30,11\u201314| verfasst von Thomas Bautz|<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Braucht der Mensch \u2013 ben\u00f6tigen wir \u2013 eine h\u00f6here Instanz, die uns sagt oder zeigt, \u201ewo\u2019s lang geht? Es scheint, dass ein Rechtssystem urspr\u00fcnglich von den G\u00f6ttern stammen muss. F\u00fcr die Babylonier waren ihre Gesetze g\u00f6ttlichen Ursprungs (Codex Hammurapi). Obwohl das Rechtssystem auf Gehei\u00df Hammurapis aufgezeichnet wurde, wird die Gesetzessammlung auf die G\u00f6tter zur\u00fcckgef\u00fchrt, denn sie haben ihn berufen, um Gerechtigkeit sichtbar zu machen, Ruchlose und B\u00f6se zu vernichten, \u201evom Starken den Schwachen nicht entrechten zu lassen\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> \u2013 \u201eto stop the mighty exploiting the weak \u2026, to improve the welfare of my people.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Hammurapi, ein aufrichtiger, gottesf\u00fcrchtiger F\u00fcrst, regierte als 6. K\u00f6nig der ersten Dynastie von Babylonien (1792\u20131750 v.d.Z.) als K\u00f6nig von Sumer und Akkad.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die alten Griechen ist der Nomos (das Gesetz) g\u00f6ttlich. F\u00fcr die gro\u00dfen Epiker Homer (8.\/7. Jh. v.d.Z.) und Hesiod (vor 700 v.d.Z.) sind Dichtkunst, Philosophie und Gesetze g\u00f6ttlichen Ursprungs. &nbsp;Die f\u00fcr das individuelle und das gesellschaftliche Leben grundlegenden Wegweisungen und Regeln sind ein Geschenk der G\u00f6tter, auch wenn sie sich allm\u00e4hlich mit nat\u00fcrlichen Eigenschaften des Menschen decken. Es bedarf einer Ordnung schaffenden Autorit\u00e4t. Diese manifestiert sich in Homer und Hesiod. Es ist Homers Dichtung, die in Freiheit und Form, Spontanit\u00e4t und Gestalt die geistige Einheit der Griechen geschaffen und erhalten hat. Grieche sein hie\u00df gebildet sein, Basis der Bildung war Homer. Die Meinung teilt noch Platon (Politeia 10, 606 e), der zwar am Wahrheitsgehalt der homerischen Epen, nicht aber an Homers umfassender Bildung und Autorit\u00e4t als Dichter zweifelt.<\/p>\n<p>Sieht man die Bedeutung des ius divinum f\u00fcr das Rechtssystem insgesamt und als Gegen\u00fcber zum Naturrecht im Alten Orient wie im Alten Griechenland relativ gelassen und rational an, ergeben sich f\u00fcr die g\u00f6ttliche Entstehung der Tora mit der Gestalt des Mose als Empf\u00e4nger und Tradent historisch enorme Probleme. Neuere Untersuchungen datieren jede ausgestaltete Moseerz\u00e4hlung eher ins 8. Jh. v. d.Z. Es ergibt sich eine erhebliche zeitliche Differenz zu den berichteten, erz\u00e4hlten \u201eEreignissen\u201c, f\u00fcr deren \u00dcberbr\u00fcckung man kaum noch eine m\u00fcndliche und schriftliche \u00dcberlieferungsgeschichte zu rekonstruieren vermag.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Man kann aber \u00fcber Jahrhunderte hinweg beobachten, dass der Mose, wie er in der hebr\u00e4ischen Bibel dargestellt wird, den historischen Mose bei weitem dominiert.<\/p>\n<p>Vielleicht hat sich gerade wegen historischer Unsicherheiten ein Mose als Symbolgestalt entwickelt, woraus dann eben auch die Tora in ihrer nicht zu \u00fcberbietenden Bedeutung hervorgegangen ist. F\u00fcr das Judentum sind die g\u00f6ttlichen Weisungen, Gebote, Regeln, Gesetze mehr als ein Rechtssystem. Die Tora bedeutet elementare Weisung, ja, das Leben selbst. Es mag vielleicht kaum eine Religion und Kultur geben, die bis in unsere Zeit derart untrennbar mit ihrem&nbsp; Recht verbunden ist, wie es in Israel der Fall ist. Die Tora dient als Gotteslehre der Aufrechterhaltung des Bundes mit JHWH und wird mit der Weisheit identifiziert, die dem Menschen als Gesch\u00f6pf geschenkt ist.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Die Tora ist \u201eIdentit\u00e4tszentrum\u201c nicht nur des antiken Judentums, sondern auch des modernen. Das Judentum ist keine \u201eGesetzesreligion\u201c oder gar eine \u201eReligion der Werkgerechtigkeit\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Die Tora ist die ganze \u201eBandbreite\u201c der biblischen Gesetze, die \u201eSumme aller Gebote\u201c. Wenn man sie sein Leben lang studiert, festigen sie den Bund mit Gott.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Das Torastudium bereitet nicht nur Kopfschmerzen, sondern auch Freude und regt den Geist an. Den Sch\u00fclern stehen die rechtlichen Auslegungen der schriftlichen Tora au\u00dferdem zur Verf\u00fcgung; darin spiegeln sich die unterschiedlichen Meinungen der Rabbiner, Weisen und Gelehrten wider. Historisch ist die Halacha ein Teil des Talmuds. Sie geh\u00f6rt zur so genannten m\u00fcndlichen \u00dcberlieferung. \u201eHalacha\u201c ist ableitbar vom hebr\u00e4ischen Verb \u201ehalach\u201c und bedeutet \u201egehen\u201c; man kann also lernen, \u201ewo\u2019s lang geht\u201c!<\/p>\n<p>Im Laufe der Entwicklung meinte \u201eTora\u201c lediglich eine \u201eEinzelweisung\u201c, bis daraus die Bezeichnung f\u00fcr die \u201egesamte Willensoffenbarung Jahwes an Israel\u201c wurde, \u201etrotz ihrer vielf\u00e4ltigen Inhalte als eine Einheit verstanden. (\u2026) als etwas Unteilbares und Ganzes gesehen\u201c, alle Teile einander zugeordnet.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Das Deuteronomium hat das israelitische Kultwesen theologisiert, weil sich einzelne Kult\u00fcbungen von \u201eden kompliziert gewordenen politischen und wirtschaftlichen Lebensbereichen isoliert\u201c haben. Folglich wird nicht nur der ganze Kultbereich, sondern das gesamte private und \u00f6ffentliche Leben&nbsp; Israels \u201etheologisch einheitlich\u201c umfasst. Dabei ist die \u201eJahweoffenbarung\u201c \u201eso allgen\u00fcgsam, da\u00df sie Israel jedes Suchens, Fragens oder Zweifelns enthebt (Dt 30,11\u201314).\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Inwiefern l\u00e4sst sich das Leben mit der Tora und nach ihren Verordnungen mit Leichtigkeit verbinden, wenn wir als Nichtjuden (goj\u00edm) ihr Befolgen doch recht schwer finden? Das betrifft h\u00e4ufig bereits die Gesetze unseres Landes, die uns in der Regel wesentlich vertrauter sind. Wir befolgen sie, weil es uns abverlangt wird; weil sie n\u00fctzlich sind; weil sie das Miteinander in fast allen Lebensbereichen regeln; weil wir teilweise durch Gesetze gesch\u00fctzt sind; weil wir auf ihrer Grundlage versuchen k\u00f6nnen, ggf. unser Recht einzuklagen. Wir haben also ein recht pragmatisches Verh\u00e4ltnis zur Gesetzgebung.<\/p>\n<p>Auch die Haltung gegen\u00fcber der Tora beinhaltet einen gewissen Pragmatismus; es kommt aber im Wesentlichen noch hinzu, was dem Nichtjuden fremd ist: die Motivation besteht in der Liebe und Dankbarkeit gegen\u00fcber JHWH, dem sich die Geschichte Israels \u00fcberhaupt erst verdankt. Die vielen Forderungen sind \u201eAppelle zu einer t\u00e4tigen Dankbarkeit und werden vom Dt als leicht erf\u00fcllbar angesehen.\u201c Man befolgt das Gebot als \u201eErwiderung der Israel zugewandten g\u00f6ttlichen Liebe.\u201c Mit der Tora \u201eist das Verh\u00e4ltnis zwischen Israel und Jahwe ganz klar geworden.\u201c Es w\u00e4re unsinnig, \u201ewenn sich Israel diese Offenbarung wieder zum Problem werden lie\u00dfe.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>\u201eDenn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu schwer (ungew\u00f6hnlich) f\u00fcr dich und ist nicht fern.\u201c \u201eGanz nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Leichtigkeit des Umgangs mit der Tora und die innere Verbundenheit mit ihr zeigt sich auch bei dem erst seit dem Mittelalter bestehenden Feiertag der \u201eSimchat Tora\u201c, Freude an der Tora, in diesem Jahr am 10.\/11. Oktober. Zus\u00e4tzlich zum Vorlesen der Tora entstand der Brauch, in einer Prozession die Torarollen durch die Synagoge zu tragen. Seit der fr\u00fchen Neuzeit wird dazu getanzt und gesungen, und die Prozessionen k\u00f6nnen entsprechend lange dauern. \u201eSimchat Tora\u201c ist sehr beliebt bei Kindern, wird aber auch bei weniger religi\u00f6sen Juden gern wahrgenommen.<\/p>\n<p>Was den Gebrauch der Tora im privaten und \u00f6ffentlichen Leben im Gegen\u00fcber zur Gesetzgebung des Staates Israel betrifft, also die Verbindung von religi\u00f6sem und profanem Recht, d\u00fcrfte das Verh\u00e4ltnis sicher eng mit der Tatsache verkn\u00fcpft sein, dass in Israel keine Trennung zwischen Staat und Religion besteht, wodurch h\u00e4ufig Kontroversen und Konflikte entstehen.<\/p>\n<p>Der j\u00fcdische Staat ist im Grunde ein Staat des j\u00fcdischen Volkes, ein Nationalstaat, aber religi\u00f6se Aspekte sind zweifellos auch ein Teil dieser Definition. Religi\u00f6se Institutionen wie Oberrabinat, die Lokalrabbinate, die religi\u00f6sen R\u00e4te, das religi\u00f6s-staatliche Schulsystem sind Staatsorgane. Wichtige Lebensbereiche (Heirat, Scheidung, Friedhofspflege) werden von religi\u00f6sen Institutionen verwaltet. Es gibt staatlich-religi\u00f6se Gesetze in gewissen Lebensbereichen, und das Staatsbudget finanziert die religi\u00f6sen Institutionen und Dienste (z.B. Synagogen, Moscheen, staatliche und nicht-staatliche religi\u00f6se Schulen, Friedh\u00f6fe, religi\u00f6se B\u00e4der). In Israel gibt es keine Staatskirche oder eine &#8222;offizielle&#8220; Religion wie in England oder Norwegen, aber die j\u00fcdische Religion hat doch im rechtlichen und symbolischen Sinne eine Dominanz gegen\u00fcber anderen Religionen wie Islam und Christentum.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Wahrscheinlich verweist das Neben- und Miteinander von religi\u00f6sen und profanen Gesetzen (ius divinum und ius naturale) auf M\u00f6glichkeiten fruchtbarer Anwendung f\u00fcr die B\u00fcrgergemeinschaft.<\/p>\n<p>Verschiedene Auffassungen von Naturrecht werden bei Platon heftig diskutiert. Im fiktiven Dialog und l\u00e4ngstem Sp\u00e4twerk: Nomoi (Gesetze) reflektiert man die bestm\u00f6gliche Staatsform und welche Gesetzgebung n\u00f6tig sei, um die Gemeinschaft der B\u00fcrger zu regeln und ihnen die g\u00fcnstigsten Lebensverh\u00e4ltnisse zu gew\u00e4hrleisten. Dazu verleiht man der Tugend (aret\u00e9) der B\u00fcrger als oberstes Staatsziel Priorit\u00e4t.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Bei allem Disputieren flackert aber mitunter die Einsicht auf, dass der Mensch doch von (einem) Gott abh\u00e4ngig bliebe.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Gotthold Ephraim Lessing hat in der kurzen Abhandlung <em>Von der Erziehung des Menschengeschlechts<\/em> argumentiert, der Mensch h\u00e4tte sich auch ohne Religion zum ethisch und moralisch verantwortlichen Wesen entwickelt. Aber die Religion sei eben historisch fr\u00fcher dagewesen:<\/p>\n<p>\u201eAlso gibt auch die Offenbarung dem Menschengeschlecht nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst \u00fcberlassen, nicht auch kommen w\u00fcrde: sondern sie gab und gibt ihm die wichtigsten dieser Dinge nur fr\u00fcher.\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Dieser Gedanke ist nicht ganz so spekulativ, wie er anmutet; das erkennt man am Umkehrschluss: Trotz Religion entwickeln sich Menschen nicht konsequent oder zufriedenstellend dahingehend, dass sie keiner Gesetze bed\u00fcrfen, seien sie nun religi\u00f6sen Ursprungs oder seien sie von vornherein profan. In Demokratien sind alle Bereiche des \u00f6ffentlichen und privaten Lebens durch Gesetze geregelt, man versucht es zumindest. Denn gesetzlichen Vorschriften kann man zuwider handeln.<\/p>\n<p>Ob wir nun davon ausgehen, dass ein Rechtssystem g\u00f6ttlichen Ursprungs ist (ius divinum), oder ob wir vorauszusetzen, dass Gesetze f\u00fcr die Gemeinschaft und f\u00fcr das private Leben durch die Natur des Menschen begr\u00fcndet werden k\u00f6nnen und m\u00fcssen (Naturrecht, ius naturale), wir sind gen\u00f6tigt, die Notwendigkeit des Rechtes anzuerkennen. Der Charakter des Naturrechts muss nicht zwangsl\u00e4ufig einen Bezug auf eine g\u00f6ttliche Dimension (\u201eGott\u201c) ausschlie\u00dfen. Davon zeugt die Pr\u00e4ambel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland:<\/p>\n<p>\u201eIm Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und Menschen \u2026 hat sich das deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcberwiegend wird der Gottesbezug als Ausdruck der Demut interpretiert. Die Pr\u00e4ambel und das Grundgesetz selbst wurden vom Parlamentarischen Rat 1948\/49 unter dem Eindruck der Herrschaft der Nationalsozialisten ausgearbeitet. Dem Parlamentarischen Rat erschien es ratsam, die Abkehr von totalit\u00e4ren Staatsformen, die die staatliche Macht als \u201eabsolut\u201c betrachten und als Selbstzweck begreifen, hervorzuheben. Dies wird durch eine Bezugnahme auf etwas, das \u00fcber dem Staat und den Menschen steht, erreicht; daher der Begriff \u201eGott\u201c. Zugleich soll der Gottesbezug betonen, dass die staatliche Ordnung von Menschen gemacht ist und daher nicht perfekt, sondern f\u00fcr Fehler anf\u00e4llig ist. Insgesamt soll die Begrenztheit menschlichen Tuns verdeutlicht werden.<\/p>\n<p>Es herrscht Einigkeit, dass aus dem Gottesbezug kein christlicher Staat und kein staatliches Ziel zur Durchsetzung christlicher Lehren folgen. Wird dieses offene Verst\u00e4ndnis des Gottesbezugs zugrunde gelegt, besteht daher kein Widerspruch zur religi\u00f6s-weltanschaulichen Neutralit\u00e4t des Staates und der Religionsfreiheit aus Art. 4 Abs. 1 GG.<\/p>\n<p>Gesetze machen keine besseren Menschen, aber sie bieten die M\u00f6glichkeit, das Recht einzuklagen; leider bleibt das h\u00e4ufig reine Theorie: Recht haben, ist eine Sache \u2013 Recht bekommen, eine andere! Diese Aussage wird als allgemeine Erfahrung, mitunter gar als dubiose Lebensweisheit gehandelt, ein Satz, der nicht nur dem Munde einfacher B\u00fcrger entf\u00e4hrt, sondern durchaus auch Polizisten, denn Organe der Exekutive sind \u00e4hnlich entt\u00e4uscht und fassungslos, wenn z.B. Teile der Verfassung immer wieder mit F\u00fc\u00dfen getreten werden. Dennoch dienen Gesetze der Orientierung und setzen Grenzen.<\/p>\n<p>Gesetze werden ausgehebelt, unwirksam, fragw\u00fcrdig, wenn ihre praktische Anwendbarkeit vom Kapital gewisser Beschuldigter de facto abh\u00e4ngig ist. Ungleichbehandlung f\u00fchrt zu Frustrationen, dem Gef\u00fchl und Wissen von Ungerechtigkeit. Gesetze werden auch missbraucht, indem sie einseitig durch Parteinahme ausgelegt und zugunsten einer Partei angewandt werden. Die Gesetzgebung deckt sich h\u00e4ufig nicht mit der Rechtspraxis und Rechtsprechung.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Das Rechtssystem ist in sich schon \u00fcberlastet, weil man f\u00fcr alles und jedes eine gesetzliche Regelung haben will; so hat sich ein Dschungel von Verordnungen, Vorschriften, Regeln entwickelt, die zudem noch auslegungsbed\u00fcrftig sind. Kommt es zum Rechtsstreit, zeigt die unterschiedliche Argumentation der anwaltlichen Vertretung, wie kompliziert die Gesetzeslage in schwierigen F\u00e4llen sein kann. Das best\u00e4tigen faktisch Berufungsverfahren oder gar der Rechtsweg durch mehrere Instanzen. Es ist auch auff\u00e4llig, dass das Bundesverfassungsgericht immer mehr beansprucht wird, dass den Richtern dieses obersten Gremiums bei ihrer Rechtsprechung enorme Entscheidungen abverlangt werden. Scheint diese Ver\u00e4nderung die Komplexit\u00e4t und Kompliziertheit unseres Rechtssystems widerzuspiegeln, oder hat das Vertrauen vieler B\u00fcrger in die Gesetzgebung nachgelassen \u2013 oder beides?<\/p>\n<p>Betrachten wir die Bedeutung der Tora und fragen nach ihrer Erf\u00fcllbarkeit. Die N\u00e4he des Wortes (der Tora) \u201ein deinem Munde und Herzen\u201c (Dtn 30,14) verweist weniger auf die Komplexit\u00e4t des Rechts, sondern eher auf seine grundlegende Absicht, Israels ganze Identit\u00e4t zu umspannen. Deshalb kann Mose geradezu versichern: die Tora ist nicht unausf\u00fchrbar und nicht unerreichbar. Bei Fehlschl\u00e4gen oder Verfehlungen werden diese fast ausnahmslos auf Israels Unf\u00e4higkeit zur\u00fcckgef\u00fchrt, denn die Tora und damit JHWH selbst sind pr\u00e4sent und haben Israel erm\u00e4chtigt, das Recht umzusetzen in die Praxis, in die jeweilige Lebenssituation.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Die Lebenswirklichkeit in politischer, wirtschaftlicher und religi\u00f6ser Hinsicht ist aber h\u00e4ufig derart \u00fcberm\u00e4chtig, dass sie das Handeln (Tun) im Sinne der Tora erschweren, manchmal gar verhindern. Dann werden Menschen aufgerieben zwischen Sollen, Wollen und K\u00f6nnen. Da ist eine kasuistische Ethik verfehlt, die meint, f\u00fcr jeden Fall (Kasus) das richtige Handeln festlegen zu k\u00f6nnen. Es bedarf einer Konfliktethik und Verantwortungsethik, um in Krisensituationen und eskalierender Gewalt zu versuchen, einigerma\u00dfen angemessen zu agieren. Faktisch sto\u00dfen Menschen dann an ihre Grenzen, besonders wenn sie mit v\u00f6llig sinnloser Gewalt und Zerst\u00f6rung konfrontiert werden und erleben m\u00fcssen, wie Menschenrechte zertreten werden: Soldaten und Zivilisten, M\u00e4nner, Frauen, Kinder \u2013 abgeschlachtet, gefoltert, beliebig erschossen.<\/p>\n<p>Solch ein Wahnsinn tobt in vielen L\u00e4ndern, und keine Gesetze werden dem Herr. Erschreckend ist, dass L\u00e4nder der UN oder der EU erst dann Soldaten zur Hilfe entsenden, wenn bereits Tausende im Krisengebiet ermordet wurden. Das l\u00e4sst sich mehrfach belegen. Die UN-Charta ist in dieser Hinsicht eine Farce, weil sie nicht erf\u00fcllt, was sie zu garantieren vorgibt, z.B. die Einhaltung oder das Einklagen der Menschenrechte. Au\u00dferdem hebelt sie die Handlungsf\u00e4higkeit des UNO-Sicherheitsrates aus, indem sie es durch Vetorecht und durch Berufung auf die Klausel der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten eines souver\u00e4nen Staates m\u00e4chtigen Nationen erm\u00f6glicht, hilfreiche Resolutionen zu blockieren.<\/p>\n<p>Die Ursachen f\u00fcr all das Unrecht, die Menschenverachtung und Unmenschlichkeit sind offenbar so komplex und ohne Kenntnis historischer Hintergr\u00fcnde sowie heutiger politischer, wirtschaftlicher Umst\u00e4nde nicht ann\u00e4hernd zu verstehen. Uns bleibt \u2013 nicht ohne Schaudern \u2013 die Dankbarkeit f\u00fcr Rechte, die uns das Grundgesetz garantiert, wof\u00fcr man in gewissen L\u00e4ndern bei Inanspruchnahme aber ins Gef\u00e4ngnis geht und einem Folter droht: z.B. Meinungs- und Pressefreiheit, Recht auf Leben, Freiheit der Person, Glaubensfreiheit, Demonstrationsrecht u.a.<\/p>\n<p>Unser Grundgesetz in Deutschland stellt zwar ein Naturrecht dar, aber die Aufnahme \u201eGottes\u201c in die Pr\u00e4ambel signalisiert doch, wie wir darlegten, die Anerkenntnis, dass es einen h\u00f6heren Gesetzgeber gibt, von dem etwa die Torafr\u00f6mmigkeit Israels zeugt. Das Grundgesetz hat nicht den Stellenwert der Tora, aber wir k\u00f6nnten lernen, unserem Gesetzeskorpus auch mit mehr Wertsch\u00e4tzung zu begegnen. Und m\u00f6ge uns offenbar werden, \u201ewo\u2019s jeweils lang geht\u201c!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Pfarrer Thomas Bautz<\/p>\n<p>Bonn<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:thomas.bautz@ekir.de\">thomas.bautz@ekir.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Horst Klengel: K\u00f6nig Hammurapi und der Alltag Babylons (1991): Die Gesetze Hammurapis (184\u2013264): Prolog und Epilog, 189\u2013192: 190; cf. (op.cit.): Einleitung (9\u201332): Hammurapi, der \u201eLandesvater\u201c, 11\u201313.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> M.E.J. Richardson: Hammurabi\u2019s Laws. Text, Translation and Glossary (2000): Prologue, S. 28\u201341: 29\u201331.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Jan Gertz: Mose (2008, 2017, 2020), bibelwissenschaft.de.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Cf. Roland Gradwohl:&nbsp; Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 3 (1988): Gottes Weisung ist nicht im Himmel (Dtn 30,11\u201314), S. 110\u2013120: 115; Stefan Krauter: Gesetz \/ Tora (NT) (2013, 2017, 2018), bibelwissenschaft.de.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Krauter: Gesetz \/ Tora (NT) (2013, 2017, 2018), bibelwissenschaft.de.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 3 (1988): Gottes Weisung ist nicht im Himmel, 112\u2013113.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Gerhard von Rad: Theologie des Alten Testaments. Band 1: Die Theologie der geschichtlichen \u00dcberlieferungen Israels (8. Aufl. 1982): (IV.) Die Gottesoffenbarung am Sinai (5.) Das Deuteronomium, 232\u2013244: 235; cf. Das Deuteronomium eingel., \u00fcbers. u. erkl. v. Eduard K\u00f6nig, Kommentar zum Alten Testament. Bd. III (1917): Denn diese Summe von Geboten (\u201ekollektiv\u201c), die ich dir heute gebe, ist weder zu schwer f\u00fcr dich noch ist sie fern. A.D.H. Mayes: Deuteronomy. Based on the Revised Standard Version, New Century Bible Commentary (1979, 1981), 370.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> von Rad: Theologie des Alten Testaments. Bd. 1 (1982), 241.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> von Rad: Theologie des Alten Testaments. Bd. 1 (1982), 243\u2013244.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Cf. Gradwohl: Bibelauslegungen aus j\u00fcdischen Quellen 3 (1988), 110; \u201ezu schwer\u201c mag sich darauf beziehen, was menschliches Begreifen \u00fcbersteigt, besonders das m\u00e4chtige Handeln Gottes: Ryan O\u2019Dowd: The Wisdom of Torah: Epistemology in Deuteronomy and the Wisdom Literature, FRLANT 225 (2009): (Ch. 5) Re-Actualization in Future Covenants (Dtn 27\u201334): (3.1.1) Human Responsibility and Divine Intervention in Dtn 30, S. 94\u2013102: 98; Mayes: Deuteronomy. (1981), 370: In Dt 30,11 wird best\u00e4tigt, was schon gezeigt wurde: die Tora, wonach Israel leben soll und kann, weil JHWH sie ihr offenbart hat und sie dadurch leicht zug\u00e4nglich ist. Cf. Peter C. Craige: The Book of Deuteronomy, The New International Commentary on the Old Testament (1976, 1989), 364 \u2013 365: Dieses Gebot ist weder zu schwierig f\u00fcr dich, noch \u00fcbersteigt es dein Begreifen (Verst\u00e4ndnis; \u201egrasp\u201c).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Cf. <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/internationales\/asien\/israel\/45108\/staat-und-religion\">https:\/\/www.bpb.de\/internationales\/asien\/israel\/45108\/staat-und-religion<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Cf. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nomoi\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nomoi<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Cf. Ottomar Wichmann: Platon. Ideelle Gesamtdarstellung und Studienwerk (1966): Die Gesetze (1.) Sinn und Bedeutung der Gesetzgebung, 536\u2013546: 539 \u2013540 u. passim.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Gotthold Ephraim Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts und andere Schriften, Reclam-Ausgabe (1980): Die Erziehung (\u2026): \u00a7 4, S. 8; Textgrundlage: Lessings Werke. Vollst\u00e4ndige Ausgabe (1925): Sechster Teil.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Es gibt eine recht&nbsp;verbreitete&nbsp;Straftat, die einflussreiche und sogar angesehene Personen begehen, indem sie mit Betr\u00e4gen bis in Millionenh\u00f6he Steuern hinterziehen. Durch korruptionsanf\u00e4llige Politiker wird der Steuerbetrug mitunter noch gedeckt. Einkommensteuererkl\u00e4rungen von Leuten, die ein geringes oder ein mittleres&nbsp;Einkommen haben und nicht alles korrekt deklariert haben, werden vom Finanzamt mit Akribie gepr\u00fcft und erforderliche Nachzahlungen beim Steuerzahler gnadenlos eingetrieben. Wenn man eine hohe R\u00fcckzahlung nicht sofort leisten kann, muss man z.B. sein Auto verkaufen; eine Ratenzahlung ist einfach nicht vorgesehen. Andere&nbsp;Ungerechtigkeiten, Unstimmigkeiten und Widerspr\u00fcche in der Rechtspraxis findet man z.B. im Immobilienrecht, Mietrecht, Arbeitsrecht, Verbraucherrecht usw. Der Leser wird selbst gen\u00fcgend Bespiele aus Erfahrung kennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Cf. O\u2019Dowd: The Wisdom of Torah: Epistemology in Deuteronomy and the Wisdom Literature (2009), 98\u201399.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Predigt zu Deuteronomium 30,11\u201314| verfasst von Thomas Bautz| &nbsp; Liebe Gemeinde! Braucht der Mensch \u2013 ben\u00f6tigen wir \u2013 eine h\u00f6here Instanz, die uns sagt oder zeigt, \u201ewo\u2019s lang geht? Es scheint, dass ein Rechtssystem urspr\u00fcnglich von den G\u00f6ttern stammen muss. 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