{"id":3521,"date":"2020-10-13T17:06:41","date_gmt":"2020-10-13T15:06:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3521"},"modified":"2020-10-13T17:28:51","modified_gmt":"2020-10-13T15:28:51","slug":"beim-namen-rufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/beim-namen-rufen\/","title":{"rendered":"Beim Namen rufen"},"content":{"rendered":"<h3>19. Sonntag nach Trinitatis | Johannes 1,35-51 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anders Kj\u00e6rsig |<\/h3>\n<p><strong>Beim Namen rufen<\/strong><\/p>\n<p>Ist man zu nichts nutze, hat man keinen Namen. Es w\u00e4re korrekter, die Reihenfolge in diesem Satz umzukehren: Hat man keinen Namen, ist man zu nichts nutze. Wenn man keinen Namen hat, ist keiner da, der einen ruft, und man kann nichts vollbringen. Dann ist man nur einer von vielen, Teil der Menge ohne sonderlichen Wert. Ein Thema, das Kierkegaard in seinem ganzen Werk besch\u00e4ftigt hat.<\/p>\n<p>Ohne Name auch keine Vergangenheit, keine Erz\u00e4hlung und keine Liebe. Wir finden das u.a. in Ludvig Holbergs Theaterst\u00fcck <em>Jeppe vom Berge<\/em>. Jeppe kennt das mit Namen und der Vergangenheit. Nicht zuletzt in der Szene, wo er zum Tod durch den Strang verurteilt wird. Hier ruft er nach all den Tieren und Menschen, die seinem Leben einen Wert gegeben haben. Wie ein zweiter Adam nennt er jeden einzelnen beim Namen: Da sind der Sohn Hans, die Tochter Martha und die Ehefrau Nille. Da sind der Schuster Jakob und nicht zu vergessen der Hund namens Krabask.<\/p>\n<p>Aber Jeppe wei\u00df auch, dass man an seinem eigenen Namen zweifeln kann. Das zeigt sich, als er sich pl\u00f6tzlich in dem Bett des Barons wiederfindet. Hier ist keiner mehr, der nach ihm ruft. Er kann kaum noch nach sich selbst rufen. Er ist anonym. Nicht einmal Nille ruft nach ihm.<\/p>\n<p>Das ist ein unheimliches Erlebnis. Man stelle sich vor, man hat nicht mehr das Gef\u00fchl, am Leben zu sein als der, der man nun einmal ist.\u00a0 Das ist schlimmer als der Tod \u2013 was deutlich in der Kom\u00f6die von Holberg zutage tritt. Die Angst und die Leere, die Jeppe erf\u00e4hrt, ist psychologisch und existenziell weit mehr ersch\u00fctternd als die ganze Szene mit der Verurteilung, der Hinrichtung und dem Misthaufen.<\/p>\n<p>Der Mensch wohnt in seinem Namen, deshalb ist er sowohl Verlust als auch Nutzen. Dieser Gedanke findet sich in der Version der Geschichte von der Berufung im Johannesevangelium. Hier werden verschiedene Menschen berufen: Andreas, Simon Petrus, Philipp und Nathanael.\u00a0 Menschen, die im Prinzip alles M\u00f6gliche hei\u00dfen k\u00f6nnten, es aber nicht tun. Jeder einzelne Mensch wird namentlich genannt, wird herausgehoben aus der Menge und erh\u00e4lt im selben Augenblick eine Richtung und Orientierung. Folge mir, hei\u00dft es. Oder richtiger: Simon Petrus &#8211; auch Kefas genannt &#8211; folge mir; Philipp aus Betsaida &#8211; folge mir; Nathanael, der Israelis ohne Fehl \u2013 folge mir. Erst der Name &#8211; dann die Richtung?<\/p>\n<p>Nun kann man mit einem gewissen Recht fragen, ob da eine spezielle theologische Pointe darin liegt, dass der Name genannt wird, ehe die Richtung abgesteckt wird. Ist es der Gedanke Grundtvigs: <em>Mensch zuerst, und dann Christ, <\/em>der hier im Hintergrund steht? Oder ist das blo\u00df eine alte stilistische Form, dass man immer den Namen nennt, ehe man die Richtung vorgibt und einen Befehl gibt? Im Prinzip k\u00f6nnte Gott ja jedem Menschen irgendeine Richtung anweisen, ohne notwendigerweise den Namen des Betreffenden zu nennen. Er ist trotz allem Gott und kennt insoweit das Innere des Menschen besser als der Mensch selbst und braucht deshalb nur zu befehlen.<\/p>\n<p>Aber das tut er bekanntlich nicht. Personifiziert in Jesus Christus \u2013 Gottes eigenem Namen \u2013 ruft er, ehe er befiehlt. Das gibt zu denken. Gott nennt uns beim Namen, ehe wir zunutze sein k\u00f6nnen. Oder Gott nennt und beim Namen, weil er uns braucht. Nicht damit wir ein spezielles St\u00fcck Arbeit verrichten sollen oder weil er uns pr\u00fcfen will. Er ruft einzig und allein, weil er uns liebt, weil er jeden einzelnen Menschen liebt, ganz gleich welchen Namens und ob er zu etwas zunutze ist.<\/p>\n<p>Der fr\u00fch verstorbene d\u00e4nische moderne Lyriker Michael Strunge bringt dieselbe grenzenlose Liebe in einem Gedicht aus seiner letzten Gedichtsammlung <em>Mit Fl\u00fcgeln bewaffnet<\/em> zum Ausdruck, wobei er sich auf sein eigenes allzu kurzes Leben bezieht und den Gott, der trotz allem Schmerz und Tod unsere Namen umf\u00e4ngt:<\/p>\n<p>Keine Zelle wird jemals<\/p>\n<p>unter irgendeiner Form<\/p>\n<p>verloren gehen<\/p>\n<p>vom Universum.<\/p>\n<p>ich werde dich nie vergessen.<\/p>\n<p>Ich liebe dich bis hinein in die Kniee der Sterne.<\/p>\n<p>Sehr lieben ist auch weit lieben, lieben bis an das Ende der Zeiten und in alle Ewigkeit.\u00a0 So stark ist nur die Liebe, die in der Liebe Gottes ruht und gr\u00fcndet. Nicht eine Zelle f\u00e4llt auf die Erde, ohne genannt zu werden. Gott ruft, damit wir nicht fallen, damit wir nicht angst und einsam werden und im Bett landen wie Jeppe, wo man kaum wei\u00df, ob man lebendig oder tot ist. Er ruft uns, wenn da sonst niemand ist, der uns ruft. Selbst wenn Nille nicht mehr ruft, ruft Gott. Der Name, den wir in der Taufe bekommen haben, ist der Name, denn er noch immer nennt.<\/p>\n<p>In einem anderen Gedicht aus derselben Gedichtsammlung sp\u00fcrt man die N\u00e4he, die zwischen Gott und dem Menschen ist:<\/p>\n<p>Und Gott ist ein kleines pl\u00f6tzliches Gedicht,<\/p>\n<p>das von einer Hand zur anderen geht<\/p>\n<p>durch einen Handdruck<\/p>\n<p>in einem Abteil in Ostdeutschland.<\/p>\n<p>Gott ist eine Z\u00e4rtlichkeit einer Adresse warm in der Hosenasche.<\/p>\n<p>So nahe ist Gott am menschlichen Dasein. Seine Stimme wohnt in unserem Namen, und seinen Namen k\u00f6nnen wir festhalten, indem wir die Hand in die Hosentasche stecken. So wie er uns ruft, so k\u00f6nnen wir ihn anrufen. Wir werden ja auf einen Namen und in einem Namen getauft. Wir werden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft, und das bedeutet, dass wir wohlgemerkt unbesorgt in unserem eigenen Namen wohnen k\u00f6nnen, ganz gleich wie wir hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke findet sich u.a. auch in einem anderen Gedicht Strunges wieder mit dem Titel: <em>Gott wei\u00df, wer wir sind<\/em>. Hier erlebt man die doppelte Position des modernen Menschen: Einerseits navigiert er in einer relativen und chaotischen Welt, die sich schneller ver\u00e4ndert, als die Zeit verbrennen kann. Andererseits die Erfahrung von Gottes Gegenwart als eine Realit\u00e4t selbst in einer Welt, die unmittelbar weltlich und gottverlassen aussieht, eine Welt, die sinnlos und ohne Tr\u00e4ume zu sein scheint. Das Gedicht lautet so:<\/p>\n<p>Gott wei\u00df, wer wir sind<\/p>\n<p>mit unseren Uhren<\/p>\n<p>und unseren K\u00fcssen und steifen Blicken.<\/p>\n<p>Wir bewegen uns durch die Welt,<\/p>\n<p>und alles l\u00f6st sich auf.<\/p>\n<p>Die Begierde will alles in Tr\u00e4umen festhalten,<\/p>\n<p>und man sieht, dass es zersplittert<\/p>\n<p>wie d\u00fcnnes Glas und Knochen.<\/p>\n<p>Bei Strunge ist Gott die ewige unverg\u00e4ngliche Instanz, durch die wir sind \u2013 wir, die wir uns mit unserem dynamischen Verhalten durch die Welt bewegen und den Bedingungen der Verg\u00e4nglichkeit unterworfen sind. Hier, wo sich alles aufl\u00f6st, dr\u00e4ngt sich die Welt in einem solchen Ma\u00dfe auf, dass man sie nicht unmittelbar erfassen kann, gewaltig und wahnsinnig. Die Hauptperson des Gedichts sp\u00fcrt deshalb keine Vers\u00f6hnung mit der Welt. Vielmehr erscheint sie fremd und zusammenhanglos. Nur Gott ist. Er ist der einzige, der derselbe bleibt mitten in diesen Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Dies ist die Erfahrung, zu der Strunge gelangt. Trotz all der Dinge, die ihn umgeben, Uhren, K\u00fcsse und steife Blicke, trotz der Illusion, die zersplittert wie d\u00fcnnes Glas und Knochen, h\u00e4lt der dennoch fest an Gott, der wei\u00df, wer er ist, und der seinen Namen kennt.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass zwischen dem, wovon Johannes spricht, und den Erfahrungen Strunges ein gro\u00dfer Unterschied besteht. Gott ruft uns, damit wir nicht uns selbst \u00fcberlassen bleiben. Er ruft uns und nennt uns bei Namen, auch wenn der Schmerz und der Tod sich melden. Andreas, Simon Petrus, Philipp und Nathanael, Jeppe, Strunge \u2013 alle Namen wo auch immer. Gott liebt uns ja bis in die Kniee der Sterne, und weiter kann man wohl nicht gehen. Deshalb h\u00f6ren den Bericht von der Berufung. Er erinnert uns an die Stimme Gottes, die Stimme, an der wir im Gottesdienst festhalten, indem wir den Namen des Herrn loben und preisen. Amen.<\/p>\n<p>Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p>5881 Sk\u00e5rup Fyn<\/p>\n<p>Emal: ankj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19. Sonntag nach Trinitatis | Johannes 1,35-51 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anders Kj\u00e6rsig | Beim Namen rufen Ist man zu nichts nutze, hat man keinen Namen. Es w\u00e4re korrekter, die Reihenfolge in diesem Satz umzukehren: Hat man keinen Namen, ist man zu nichts nutze. 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