{"id":3560,"date":"2020-10-21T15:15:45","date_gmt":"2020-10-21T13:15:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3560"},"modified":"2020-10-21T15:15:45","modified_gmt":"2020-10-21T13:15:45","slug":"wann-wird-es-fuer-uns-sonntag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wann-wird-es-fuer-uns-sonntag\/","title":{"rendered":"Wann wird es f\u00fcr uns Sonntag?"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Mk 2,23-28 | verfasst von Manfred Gerke |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde, eines Tages kamen unter einem gro\u00dfen Baum, so erz\u00e4hlt die afrikanische Sage, die Tiere zusammen, weil auch sie, wie die Menschen, einen Sonntag haben wollten. Der K\u00f6nig der Tiere, der L\u00f6we, erkl\u00e4rte: \u201eDas ist ganz einfach. Wenn ich eine Gazelle verspeise, dann ist f\u00fcr mich Sonntag.\u201c \u2013 Das Pferd meinte: \u201eMir gen\u00fcgt schon eine weite Koppel, dass ich stundenlang austraben kann, dann ist f\u00fcr mich Sonntag.\u201c \u2013 Das Schwein grunzte: \u201eEine richtige Dreckmulde und ein Sack Eicheln m\u00fcssen her, dann ist f\u00fcr mich Sonntag.\u201c \u2013 Das Faultier g\u00e4hnte: \u201eIch brauche einen dicken Ast, um zu schlafen, wenn es f\u00fcr mich Sonntag werden soll.\u201c \u2013 Der Pfau stolzierte um den Kreis, zeigte sein pr\u00e4chtiges Federkleid und stellte h\u00f6flich, aber bestimmt fest: \u201eNur ein Satz neuer Schwanzfedern! Er gen\u00fcgt f\u00fcr einen Sonntag.\u201c<\/p>\n<p>So erz\u00e4hlten und erkl\u00e4rten die Tiere stundenlang. Alle W\u00fcnsche wurden erf\u00fcllt. Aber es wurde unter ihnen kein Sonntag. Da kamen Menschen vorbei und wunderten sich: \u201eJa, wisst ihr denn nicht, dass es nur Sonntag wird, wenn man mit Gott wie mit einem Freund spricht?\u201c \u2013 Kluge Menschen waren das, die den Tieren weiterhalfen auf ihrer Suche nach dem Sonntag, ihnen die Richtung wiesen, eine Antwort gaben auf ihre Frage: \u201eWann wird es f\u00fcr uns Sonntag?\u201c Wenn man mit Gott wie mit einem Freund spricht.<\/p>\n<p>Wann wird es f\u00fcr uns Sonntag? Genau um diese Frage geht es auch in unserem heutigen Predigttext aus <strong>Markus 2, Vers 23 bis 28<\/strong>. Eine spannende Szene, die uns in der Lesung bereits vor Augen gef\u00fchrt wurde. -Der Sabbatgottesdienst in der Synagoge von Kapernaum ist zu Ende. Jesus verl\u00e4sst mit seinen J\u00fcngern den Versammlungsraum und schl\u00e4gt den Weg zum Zollamt ein.<\/p>\n<p>Rabbi Rafael und Rabbi Benjamin schauen ihnen zu. \u201eSie gehen nicht nach Hause\u201c, stellt Rabbi Rafael fest. \u201eEr wird doch nicht mit seinen Sch\u00fclern eine Reise unternehmen!\u201c sagt Rabbi Benjamin erschreckt. \u201eNeunhundert Schritte darf er am Sabbat machen!\u201c \u201eNeunhundert gro\u00dfe. Tausendf\u00fcnfhundert kleine.\u201c \u201eIch will sehen, wohin sie gehen.\u201c \u201eIch komme mit.\u201c<\/p>\n<p>Kurz nach dem Zollamt f\u00fchrt der Feldweg mitten durch ein Weizenfeld. Im Vorbeigehen rei\u00dfen die J\u00fcnger \u00c4hren ab, zerreiben sie zwischen den H\u00e4nden, blasen die Spreu weg und stecken die K\u00f6rner in den Mund. Rafael und Benjamin beobachten alles genau vom Rand des Feldes aus. \u201eJesus!\u201c ruft Rafael. \u201eSiehst du nicht, was deine J\u00fcnger machen?\u201c Jesus wendet sich um. Er bemerkt die K\u00f6pfe der beiden gelehrten Pharis\u00e4er \u00fcber den Rand des Feldes und l\u00e4chelt.<\/p>\n<p>\u201eWenn ich recht sehe\u201c, sagt er, \u201estecken sie sich K\u00f6rner in den Mund.\u201c \u201eDu siehst recht\u201c, ruft Benjamin. \u201eAber warum verbietest du es ihnen nicht? Das ist am Sabbat verboten!\u201c \u201eVerboten? Eine \u00c4hre abzuzupfen und die K\u00f6rner zu essen?\u201c \u201eSo steht es im Gesetz, das uns Mose von Gott gegeben hat!\u201c ruft Rabbi Rafael. \u201eSechs Tage in der Woche hast du Zeit, um deine Arbeit zu tun. Der siebte Tag aber soll ein Ruhetag sein. An diesem Tag sollst du nicht arbeiten, auch nicht deine Kinder, deine Sklaven, dein Vieh oder der Fremde, der bei dir lebt. In sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde und das Meer geschaffen mit allem, was lebt. Am siebten Tag ruhte er.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine \u00c4hre abzuzupfen und K\u00f6rner zu essen, wenn man Hunger hat, ist keine Arbeit\u201c, meint Jesus. \u201eDoch\u201c, antwortet Benjamin. \u2013 Jesus l\u00e4sst seine J\u00fcnger stehen und geht den Weg zur\u00fcck bis an den Rand des Feldes. \u201eIhr seid Schriftgelehrte\u201c, sagt er zu den beiden. Rafael und Benjamin nicken stolz. \u201eHabt ihr noch nie gelesen\u201c, fragt Jesus, \u201ewas David getan hat, als er und seine M\u00e4nner hungrig waren und etwas zu essen brauchten? Wie er in das Haus Gottes ging und von den heiligen Broten a\u00df, die dort auf dem Altar lagen und die nur Priester essen d\u00fcrfen? Auch seinen Begleitern hat David zu essen gegeben. Gott hat den Sabbat f\u00fcr den Menschen gemacht und nicht den Menschen f\u00fcr den Sabbat. So ist der Menschensohn auch Herr des Sabbats.\u201c<\/p>\n<p>Jesus geht zu seinen J\u00fcngern, und gemeinsam wandern sie weiter. Die beiden Rabbis aber stapfen ver\u00e4rgert nach Kapernaum zur\u00fcck. Nein, da sind sie sich einig: So wird der Sabbat, die gute Gabe Gottes, kaputtgemacht, entheiligt, entw\u00fcrdigt. Der Sabbat soll f\u00fcr die Menschen ein Tag der Ruhe und Freude sein, an dem sie essen und trinken und ihren Sch\u00f6pfer segnen, einen Tag, der durch sch\u00f6ne Kleider zu ehren ist.<\/p>\n<p>Einen Tag der Ruhe \u2013 das hei\u00dft: einen Tag ohne Arbeit. Einen Tag ohne Last. Einen Tag ohne Druck und Zwang f\u00fcr alle: f\u00fcr Erwachsene und Kinder, f\u00fcr Herren und Knechte, ja auch f\u00fcr Mensch und Vieh. Der Sabbat \u2013 ein besonderer Tag, ein Tag, an dem sie sich erinnern an Gottes gute Sch\u00f6pfung, erinnern an die Freiheit, als der Herr sie herausf\u00fchrte aus \u00c4gyptenland. Ein Tag des Bekenntnisses, ein Zeichen, dass der HERR, und niemand sonst, ihr Gott ist.<\/p>\n<p>Doch diese gute Gabe, dieser besondere Tag musste gesichert werden, gesichert gegen Aush\u00f6hlung und Missbrauch. Und so hatte man im Laufe der Zeit viele Gesetze formuliert, um den Sabbat zu sch\u00fctzen. 39 verbotene Arbeiten zum Beispiel werden aufgez\u00e4hlt: Ernten, Worfeln, Dreschen, Mahlen, Sieben, Kneten, Backen, Kochen, Scheren vom Schaf, Verarbeiten der Wolle durch Hecheln, Spinnen, F\u00e4rben, Weben, die Jagd, das Schlachten\u2026 und Vieles mehr.<\/p>\n<p>Allerdings, es gab auch unterschiedliche Meinungen und Auslegungen. Die einen behaupteten: \u201eDenn nicht einen Reis, nicht einen Zweig, ja auch nicht einmal ein Blatt abzuschneiden oder irgendeine Frucht zu pfl\u00fccken ist erlaubt.\u201c Andere meinten: \u201eEs ist erlaubt, am Sabbat mit der Hand Fr\u00fcchte zu zerreiben, um sie zu essen, aber das mit Werkzeug zu tun, ist verboten.\u201c In einem waren sich aber alle einig: Lebens- und Kriegsgefahr verdr\u00e4ngten das Sabbatgebot und alle Anweisungen.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei: Unsere beiden Schriftgelehrten \u00e4rgern sich \u00fcber Jesus und seine J\u00fcnger. Sie zerbrechen die Sicherungen des Sabbats, machen Gottes gute Gabe kaputt! Doch Jesus verteidigt sie: Er erinnert an David. Auf der Flucht vor Saul, gejagt und in Todesgefahr kam er am Haus Gottes vorbei \u2013 und a\u00df die Schaubrote, die eigentlich nur Priester essen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Indem Jesus an David erinnert, wird ganz deutlich: Hier ist einer in der Spur Davids. Hier ist mehr als David. Hier spricht und handelt der Messias Gottes. Nein, er macht nicht Gottes gute Gabe kaputt, sondern er stellt sich ganz auf die Seite der Menschen. Denn der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht \u2013 und nicht umgekehrt! Eine Gabe f\u00fcr den Menschen \u2013 und nicht gegen ihn. Ein Geschenk Gottes, das unser Leben reich macht und nicht beschneidet oder zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Und dann stellt Jesus ganz klar: Er, der Menschensohn, ist der Herr, der Herr auch \u00fcber den Sabbat. Nicht gegen den Sabbat, nicht um ihn zu zerst\u00f6ren. Im Gegenteil: In seiner N\u00e4he k\u00f6nnen Menschen aufatmen, sich entfalten, leben, die Ruhe Gottes finden, Sabbat feiern.<\/p>\n<p>Vom Sabbat damals zum Sonntag heute: Was wir da geh\u00f6rt haben, entspricht ganz und gar nicht mehr heutigem Lebensstil und heutiger Lebensgewohnheit. Der Sonntag ist Teil des Wochenendes, ein freier Tag, nicht mehr und nicht weniger. Ein Tag, den jeder so gestaltet, wie es ihm gerade passt. Wenn wir eine Umfrage machten, w\u00fcrden wir vielleicht folgende Antworten h\u00f6ren:<\/p>\n<p>Frank K., 18 Jahre: \u201eKlar, samstags geht normalerweise die Post ab. Irgendwo ist dann immer was los. Da wird gefeiert \u2013 mit Freunden. Wegen Corona k\u00f6nnen wir zwar nicht in die Disco. Dann machen wir eben woanders Party. Am Sonntag jedenfalls schlafe ich aus, bis 12, 1, manchmal noch l\u00e4nger. Das brauche ich.\u201c<\/p>\n<p>Silvia F., 35 Jahre: \u201eSonntags fr\u00fchst\u00fccken wir ganz in Ruhe mit unseren Kindern. Wir stehen sp\u00e4ter auf, decken sch\u00f6n den Tisch und nehmen uns viel Zeit.\u201c<\/p>\n<p>Hanna S., 56 Jahre: \u201eSonntagsmorgens haben wir immer Besuch. Da kommen die Kinder und Enkel. Manche bleiben bis zum Mittag. Sch\u00f6n, dass man sich mal wiedersieht!\u201c<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte noch beliebig fortfahren. Nicht um das schlechtzumachen. Das alles kann ich gut verstehen. Dar\u00fcber will ich nicht urteilen und meine Nase r\u00fcmpfen. Heute gibt es keine festen Regeln mehr, wie man richtig Sonntag feiert. Jeder gestaltet ihn so, wie es ihm gut passt.<\/p>\n<p>Doch ich merke: Es geht uns wie den Tieren, von denen ich eingangs erz\u00e4hlte, die zusammenkamen, weil sie einen richtigen Sonntag haben wollten, und die sich alle etwas anderes darunter vorstellen. Da kamen Menschen vorbei und wunderten sich: \u201eJa, wisst ihr denn nicht, dass es nur Sonntag wird, wenn man mit Gott wie mit einem Freund spricht?\u201c<\/p>\n<p>Und ich sp\u00fcre, eigentlich m\u00f6chte ich jetzt wie die Pharis\u00e4er predigen und Regeln aufstellen, was wir machen m\u00fcssen, um den Sonntag zu sch\u00fctzen, auch und gerade Zeit zu haben f\u00fcr Gott, Zeit zu haben, um mit ihm wie mit einem Freund zu reden. Doch ich will einen anderen Weg gehen und den Ratschlag Saint-Exup\u00e9rys befolgen. \u201eWenn du ein Schiff bauen willst\u201c, so hat er gesagt, \u201edann trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen. Sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.\u201c<\/p>\n<p>Und das m\u00f6chte ich: in uns diese Sehnsucht wecken nach dem Sabbat Gottes, einem Sonntag, der unser Leben reich macht, uns erf\u00fcllt. Und deshalb erz\u00e4hle ich weiter, was ein Austauschsch\u00fcler in einem Brief begeistert berichtet hat.<\/p>\n<p><em>Ich habe hier in unserem Club einen pr\u00e4chtigen Spieler aufgetan, der auch sehr gut Schach spielt. Er wohnt jenseits des Sees und kommt immer mit einem Boot zu den Rugby-Trainings. Einmal nahm er mich nach dem Training mit zu sich nach Haus. Inzwischen haben wir uns angefreundet. Ich war jetzt schon oft bei Bergers, so hei\u00dfen seine Leute. Auch vorgestern war ich mit ihm im Boot r\u00fcbergefahren. Wir sa\u00dfen auf dem Balkon und spielten Schach.<\/em><\/p>\n<p><em>Mir war schon aufgefallen, dass sein Bruder nicht herausschaute, sondern irgendetwas in der Wohnung machte. Dann kam sein Vater, ein Busfahrer, nach Hause und begr\u00fc\u00dfte uns. Ich merkte, dass irgendetwas in der Luft lag und war abgelenkt beim Spiel. Schlie\u00dflich fragte ich Ben.<\/em><\/p>\n<p><em>Er erz\u00e4hlte mir, dass sie heute Sabbat h\u00e4tten. \u201eSabbat? Mitten in der Woche?\u201c \u201eNa, nein, heute ist doch schon Freitag. F\u00fcr uns ist der Sabbat das Ende der Woche, und er geht von Freitagabend bis Samstagabend.\u201c \u201eJa, und was feiert ihr da?\u201c \u201eDu wirst lachen: wir feiern die Erschaffung der Welt, den heutigen Tag und die kommende Welt in einer Person.\u201c \u201eWas verstehst du unter der kommenden Welt?\u201c \u201eNun ja, wir sind \u00fcberzeugt, dass eines Tages alle Menschen sich gegenseitig akzeptieren, dass sie lernen werden, gerecht und treu miteinander umzugehen, dass es eine menschliche Welt geben wird.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eAber das kommt nie, eher kommt der Untergang dieser hasserf\u00fcllten Gattung Mensch. Das lehrt doch die Geschichte.\u201c \u201eDie Geschichte mag das lehren. Aber wir haben andere Lehrer. Wir h\u00f6ren auf Mose und unsere Meister&#8230;\u201c Wir palaverten noch \u00fcber alles M\u00f6gliche. Jedenfalls befand ich mich mitten im Sabbat. Wir waren n\u00e4mlich ins Wohnzimmer gegangen. Der Raum war jetzt ganz aufger\u00e4umt, blitzblank sozusagen, zwei Kerzen standen auf einem wei\u00dfgedeckten Tisch, um den Platz der Mutter lagen Blumen, kleine Becher standen neben der Teetasse, vor dem Platz des Vaters verdeckte ein gesticktes Tuch etwas.<\/em><\/p>\n<p><em>Marc pflaumte mich von der Seite an: \u201eChris, wie gef\u00e4llt dir meine Welt?\u201c Ich z\u00f6gerte: \u201eDeine Welt?\u201c Da sagte Ben: \u201eJeden Sabbat \u00fcbernimmt es einer aus der Familie, die Wohnung sch\u00f6n herzurichten. Der Sabbat, das ist f\u00fcr uns der 7. Tag der Sch\u00f6pfung. So sch\u00f6n wie die Welt war, als Gott sie schuf, wird sie auch wieder werden. Und unsere H\u00e4user sollen an jedem Sabbat den Schmuck der geordneten Welt Gottes widerspiegeln. Deshalb Marcs Frage. Und eines Tages wird die ganze Welt so sein.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Schon eine ganze Weile klingelte das Telefon. Mich machte das nerv\u00f6s. Aber niemand k\u00fcmmerte sich darum. \u201eAuch ohne Telefon?\u201c \u201eNein, warum? Nur am Sabbat ohne Telefon. Bis morgen Abend existiert f\u00fcr uns kein Telefon und kein Fernsehen, kein Radio und keine Arbeit. Wir sind frei. Deshalb liegt auch auf Vaters Stuhl ein dickes Kissen, wie auf einem Thron. Wie K\u00f6nige sind alle heute. Wie der Mensch von Gott gemeint ist: Nicht Arbeitstier, Sklave, Ausgebeuteter; nicht mehr R\u00e4dchen in einer Fabrik oder Verwaltung, nicht mehr H\u00f6riger einer Rundfunkanstalt oder Fernsehstation.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Der Vater kam herein. Er hatte einen breiten Schal \u00fcber den Schultern. Er sagte zu mir: \u201eSie sind ja von den Kindern schon eingef\u00fchrt worden, wie ich h\u00f6re. M\u00f6gen Sie teilnehmen an unserem Sabbatmahl. Jeder, der mag, ist geladen, mit uns zu feiern.\u201c Die Mutter begr\u00fc\u00dfte mich und ging auf ihren Platz, sie z\u00fcndete die beiden Kerzen auf dem Tisch an. Dann sangen sie ein Lied. Der Vater nahm eine Flasche mit Wein, schenkte uns die kleinen Becher voll und sprach einen Segensspruch dabei. Wir tranken uns zu mit \u201elech\u00e1jim\u201c (\u201ezum Leben\u201c). <\/em><\/p>\n<p><em>Danach nahm er die Decke vor seinem Platz hoch. Darunter lagen Zopfbrote. Auch hier sprach er einen Segen, brach St\u00fccke von dem Brot und gab sie an uns. \u2013 Was mir in Erinnerung ist, ist die Ruhe. Hin und wieder das leer vor sich hin klingelnde Telefon, der Glanz der Kerzen, die Gespr\u00e4che \u00fcber alles M\u00f6gliche, was in der Woche passiert war. Bis sp\u00e4t in die Nacht sa\u00df die Familie zusammen. Sie sprachen \u00fcber Gott und die Welt. Am liebsten w\u00e4re ich gar nicht zu Bett gegangen.<\/em><\/p>\n<p><em>Am n\u00e4chsten Morgen wachte ich sehr sp\u00e4t auf. Die Familie war schon in der Synagoge gewesen. F\u00fcr mich stand Fr\u00fchst\u00fcck da. Bens Schwester Rebecca war Krankenschwester. Sie hatte gestern Dienst. Ich fragte: \u201eAm Sabbat?\u201c \u201eNa, warum nicht? Unsere Meister sagen: Menschen helfen geht \u00fcber Sabbat halten.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>Der Vater traf Essensvorbereitungen. Marc las in irgendeinem Religionsbuch. Die Mutter kn\u00fcpfte einen Vorhang aus Wollf\u00e4den. Pl\u00f6tzlich las Marc etwas aus seinem Buch vor und protestierte gegen die Auffassung des Schriftstellers. Die ganze Familie geriet in Eifer. Die Diskussion wurde erst durch den Wunsch nach Mittagessen beendet.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Kinder deckten den Tisch. Die Mutter holte eine Art Plumpudding aus der W\u00e4rmekiste. Den hatte sie schon am Tag vorher gemacht und ihn dann einfach warmgestellt. Denn auch sie sollte an diesem Tage K\u00f6nigin sein, frei von Arbeit. Ich w\u00fcrde mir selbst solchen Pudding nicht machen. Aber dort hat er mir phantastisch geschmeckt. Es war, als h\u00e4tte ich ein St\u00fcck Sabbat gegessen. Am liebsten h\u00e4tte ich meine Clubkameraden am Nachmittag versetzt, so gern h\u00e4tte ich den Sabbat mit zu Ende gefeiert. Aber wir mussten f\u00fcr das Sonntagsmatch trainieren, und sie w\u00fcrden mich nicht verstehen.<\/em><\/p>\n<p>Und er schlie\u00dft seinen Bericht mit den Worten: <em>Das ist mir klar geworden: Wenn solche Leute von Sch\u00f6pfung oder von der kommenden Welt reden, dann wissen die, was sie meinen. So hautnah ist mir das alles noch nie gewesen. Von denen wird diese Welt richtiggehend gefeiert, und sie f\u00fchlen sich f\u00fcr ihre Verbesserung pers\u00f6nlich verantwortlich.<\/em><\/p>\n<p>Ja, so kann Sabbat sein! So kann unser Sonntag sein! K\u00f6nnen Sie die Begeisterung des Jugendlichen nachvollziehen? Er hat Sabbat gefeiert, jedenfalls zum Teil mitgefeiert. Und erlebt, wie sch\u00f6n das ist. Der Sabbat \u2013 ein besonderer Tag. Ein Tag sogar ohne Telefon und Fernseher. Ein Tag mit Gespr\u00e4chen und Zeit. Ein Tag, an dem die Wohnung besonders hergerichtet ist, ein Hinweis auf die neue Welt Gottes. Ein Tag, an dem wir wie K\u00f6nig und K\u00f6nigin sein k\u00f6nnen \u2013 sogar die Hausfrau. Ein Tag f\u00fcr Gott.<\/p>\n<p>Wann wird es Sonntag? So fragten sich die Tiere. \u201eWenn man mit Gott wie mit einem Freund spricht.\u201c So antworteten kluge Menschen. \u2013 Mit Gott wie mit einem Freund reden \u2013 ja das k\u00f6nnen wir heute schon, am Sonntag. Und das werden wir einmal in seinem Reich, in seiner Herrlichkeit. So ist der Sonntag ein Vorspiel, ein Anspiel der zuk\u00fcnftigen Herrlichkeit, der endg\u00fcltigen Freiheit in Gottes neuer Welt. Und schon heute, schon jetzt k\u00f6nnen wir ein St\u00fcck davon erfahren.<\/p>\n<p>Heute m\u00f6chte ich, dass Musikanten<br \/>\ndurch alle H\u00e4user gehen<br \/>\nund dass Kerzen<br \/>\nneben den T\u00fcren brennen,<br \/>\nals Zeichen des Gl\u00fccks.<\/p>\n<p>Heute m\u00f6chte ich, dass alle Mauern<br \/>\ndie Farben des Regenbogens widerspiegeln<br \/>\nund dass Tulpen<br \/>\nan den Fenstern stehn,<br \/>\nwie Kelche von Licht.<\/p>\n<p>Heute m\u00f6chte ich, dass Eltern und Kinder<br \/>\nausgehen und zusammenkommen.<br \/>\nHeute m\u00f6chte ich, dass Lieder<br \/>\nin allen Kirchen ert\u00f6nen<br \/>\nund dass Fr\u00f6hlichkeit alle Gesichter erleuchtet.<br \/>\nHeute ist Sonntag.<\/p>\n<p>Heute singe ich f\u00fcr Dich, lieber Gott,<br \/>\nund ich schenke Dir meine Zeit.<br \/>\nEs ist ein Tag f\u00fcr Dich.<\/p>\n<p>Heute, mitten unter meinen Freunden,<br \/>\nh\u00f6re ich Dein Wort. Es sagt uns,<br \/>\nwie wir Menschen gl\u00fccklich werden.<\/p>\n<p>Heute feiern wir ein Fest.<br \/>\nEs ist Sonntag,<br \/>\nein Tag f\u00fcr Dich, lieber Gott.<br \/>\n(Charles Singer)<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Gebet:<\/strong><\/p>\n<p>Danke, Herr, f\u00fcr Dein Wort. Du schenkst uns den Sonntag, einen Tag der Ruhe und Besinnung,<br \/>\neinen Tag der Erinnerung an Deine Sch\u00f6pfung und Befreiung, einen Tag, der hinweist auf Deine Herrlichkeit, einen Tag, an dem wir mit Dir reden k\u00f6nnen wie mit einem Freund. Wir danken Dir.<br \/>\nHerr, Du wei\u00dft auch, wie schwer es in unserer Zeit ist, diesen Tag recht zu begehen. Du wei\u00dft um die vielen Angebote und M\u00f6glichkeiten. Du wei\u00dft um die Verpflichtungen und Aktivit\u00e4ten. Und wir sind da mitten drin, kommen oft nicht aus der eigenen Haut, finden nicht den Weg zur Stille und zu Dir. Hilf uns, nimm uns bei der Hand, dass wir uns Zeit nehmen f\u00fcr Dich, dass wir bei Dir auftanken und Kraft bekommen, dass wir an Deiner Seite aufleben und Erf\u00fcllung finden.<br \/>\nHerr, wir bitten Dich, schenk, dass wir und viele Menschen zur Besinnung finden, innehalten, auf Dich h\u00f6ren und das Angebot annehmen und mit Dir reden wie mit einem Freund.<br \/>\nWir bitten Dich f\u00fcr alle Kranken und Schwachen, f\u00fcr alle, die unter Corana leiden und verzweifeln. Wir bitten Dich f\u00fcr unsere von Krieg und Leid gezeichnete Welt. Wir bitten Dich um Frieden im Nahen Osten und allen Krisengebieten der Erde. Wir bitten Dich um Frieden und Gerechtigkeit \u2013 und wenn Du willst, gebrauche uns dabei. Amen.<\/p>\n<p><strong>Eingangsspruch:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong>1 Mose 2,3<\/p>\n<p><strong>Lesung:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong>Mk 2,23-28<\/p>\n<p><strong>Lieder:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong>300; 168; 225; 322; 395<\/p>\n<p>Pastor i.R. Manfred Gerke,<br \/>\nImmanuel-Kant-Stra\u00dfe 5,<br \/>\n26789 Leer<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:manfred.gerke@ewe.net\">manfred.gerke@ewe.net<\/a><\/p>\n<p>Seit Juni 2017 bin ich Pastor i. R. und wohne in Leer. Von 1977 bis 2017 war ich aktiv in der Ev.-ref. Kirchengemeinde Stapelmoor, zun\u00e4chst als Vikar, dann als Pfarrer. Verschiedene Schwerpunkte kennzeichneten meinen Dienst: Zun\u00e4chst war ich im Synodalverband ehrenamtlich Jugendpfarrer, dann zehn Jahre verantwortlich f\u00fcr die Ausbildung und Begleitung von Lektoren und \u00c4ltestenpredigern in der Ev.-ref. Kirche und achtzehn Jahre Pr\u00e4ses in unserem Synodalverband. Im Auftrag der EKD habe ich in den Jahren 2017 bis 2020 fast zwanzig Monate in der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde auf den Balearen mitgearbeitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Mk 2,23-28 | verfasst von Manfred Gerke | Liebe Gemeinde, eines Tages kamen unter einem gro\u00dfen Baum, so erz\u00e4hlt die afrikanische Sage, die Tiere zusammen, weil auch sie, wie die Menschen, einen Sonntag haben wollten. Der K\u00f6nig der Tiere, der L\u00f6we, erkl\u00e4rte: \u201eDas ist ganz einfach. Wenn ich eine Gazelle verspeise, dann ist [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3547,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37,541,1,157,114,561,349,327,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-3560","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-markus","category-20-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-02-chapter-02-markus","category-kasus","category-manfred-gerke","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3560","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3560"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3560\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3561,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3560\/revisions\/3561"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3547"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3560"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3560"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3560"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=3560"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=3560"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=3560"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=3560"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}