{"id":3565,"date":"2020-10-27T10:34:28","date_gmt":"2020-10-27T09:34:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3565"},"modified":"2020-10-27T10:34:28","modified_gmt":"2020-10-27T09:34:28","slug":"shalom-friede-friede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/shalom-friede-friede\/","title":{"rendered":"\u201eShalom\u201c \u2013 Friede, Friede?"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Jeremias 29, 1. 1. 4-7; 10-14 | verfasst von Reiner Kalmbach |<\/h3>\n<p>Die Gnade Gottes, unseres Vaters, die Liebe Jesu, unseres Herrn und die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen.<\/p>\n<p>Manchmal m\u00f6chte man fast erschrecken angesichts der Aktualit\u00e4t eines uralten Textes aus dem Alten Testament. Da ist nichts verstaubt, nichts \u201el\u00e4ngst vergangen\u201c, das spricht uns an, immer noch und immer wieder.<\/p>\n<p>Ein Wort, eine Botschaft des grossen Propheten Jeremias, gerichtet an die Verschleppten in Babylon. Dieses kleine Detail ist f\u00fcr unser Verst\u00e4ndnis sehr wichtig: die Botschaft richtet sich, zuallererst, an das j\u00fcdische Volk. Und das ist nicht nur geschichtlich gemeint, das ist nach wie vor brandaktuell. Mir ist dieses Detail deshalb so wichtig, weil es uns den Weg weist, um unsere eigene Rolle in dieser Geschichte zu erkennen und zu verstehen.<\/p>\n<p>Textlesung: Jeremias 29, (1) 4-7; 10-14<\/p>\n<p><strong>In der Fremde<\/strong><\/p>\n<p>Seit \u00fcber 30 Jahren lebe und arbeite ich in Argentinien. Und hier verfasse ich auch diese Predigt, in meiner Muttersprache. Nun versuche ich mich in den deutschen oder europ\u00e4ischen Kontext hineinzudenken und sehe alles klar vor mir: Migranten, Fl\u00fcchtlinge, aus \u201ealler Herren L\u00e4nder\u201c\u2026, vermutlich mussten viele von ihnen ihre Heimat gerade wegen dieser \u201eHerren\u201c verlassen. Hundertausende, Millionen\u2026, in der Fremde. Und dann steht da, in Luthers \u00dcbersetzung: \u201esuchet der Stadt Bestes!\u201c Da scheint es doch zwingend notwendig zu sein, diesen \u201eFremden\u201c den Integrationsgedanken nahe zu bringen, \u201e\u2026die sollen sich gef\u00e4lligst anpassen\u2026\u201c.<\/p>\n<p>Sollen wir des Propheten Wort so verstehen? Schliesslich sind <em>wir<\/em> ja die Herren im Haus.<\/p>\n<p>Und dann sehe ich die argentinische Geschichte und Gegenwart: ein typisches Immigrantenland. 90% der Bev\u00f6lkerung sind Nachkommen europ\u00e4ischer Einwanderer. Selbst unsere \u201eEvangelische Kirche am R\u00edo de La Plata\u201c ist eng mit dieser Geschichte verbunden. Viele kamen, um hier ein neues Leben aufzubauen. Hunger, Krieg, oft genug auch religi\u00f6se oder politische Intoleranz haben diese Menschen in die Fremde getrieben. Nun sind sie hier, die meisten schon in der vierten und f\u00fcnften Generation. Haben sie \u201eder Stadt Bestes\u201c gesucht?, am Aufbau einer neuen und gerechteren Welt mitgearbeitet? Wenn ich mir die aktuelle wirtschaftliche und soziale Situation anschaue, kann ich mich der Zweifel nicht erwehren.<\/p>\n<p>Aber noch einmal: die Botschaft des Propheten richtet sich in erster Linie an seine Landsleute in der Fremde. Also an Juden. Sie kamen ganz einfach unter die R\u00e4der der politischen und milit\u00e4rischen Maschinerie einer Grossmacht, wurden verschleppt und m\u00fcssen nun in einem fremden Land und unter einer fremden Kultur ausharren\u2026, abwarten?, auf gepackten Koffern sitzen\u2026?<\/p>\n<p>Nein, da gibt es ganz klare Anweisungen. Sie sollen eigentlich genau das tun, was wir von \u201eunseren\u201c Ausl\u00e4ndern erwarten: sich integrieren, sich in der Masse aufl\u00f6sen, unsichtbar werden, so wie wir\u2026, stimmt das? Suchen wir wirklich das Beste, wenn wir uns ein und unterordnen, uns mit dem Strom mitziehen lassen, alle in die gleiche Richtung?, tun wir damit der \u201eStadt\u201c einen Gefallen?<\/p>\n<p><strong>Der Stadt Bestes suchen<\/strong><\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren unternahm ich mit einer Gruppe von jungen Leuten eine Deutschlandreise. F\u00fcr alle Teilnehmer war es das erste Mal, dass sie die ehemalige Heimat ihrer Vorfahren betraten. Bei einem Spaziergang durch die engen Gassen einer mittelalterlichen Stadt in S\u00fcddeutschland, hat pl\u00f6tzlich eine der Jugendlichen gefehlt. Also gingen wir den gleichen Weg zur\u00fcck. Da sass sie auf der Treppe eines Hauseingangs und weinte. Mit dem Finger zeigte sie auf eine im Boden eingelassene Bronzetafel. Darauf stand der Name einer j\u00fcdischen Familie und das Datum ihrer Hinrichtung in Bergen Belsen. Ihr Professor an der Uni in Argentinien tr\u00e4gt denselben Nachnamen. Ein paar Tage sp\u00e4ter besuchten wir einen alten j\u00fcdischen Friedhof in einem kleinen Dorf auf der Schw\u00e4bischen Alb.<\/p>\n<p>Ja, das j\u00fcdische Volk hat, durch die Jahrhunderte hindurch, immer wieder und in so vielen L\u00e4ndern \u201eder Stadt Bestes\u201c gesucht. Was w\u00e4re die deutsche Kultur und Musik, die Wissenschaft, ohne die Geschichte der Juden?! Sie haben mitgearbeitet, mitgebaut, mitgeforscht und sogar in den Kriegen mitgek\u00e4mpft. Sie haben der Stadt, dem Land\u2026 Bestes gesucht. Und dabei haben sie ihre eigene Identit\u00e4t nicht verleugnet, sie waren immer Juden <em>und\u2026<\/em> mussten deshalb leiden.<\/p>\n<p>Und gerade darum geht es in der Botschaft des Propheten: sie sollen H\u00e4user bauen, Familien gr\u00fcnden, am sozialen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen. Sie sollen sogar f\u00fcr das Wohlergehen des Landes und ihrer Herren zu Gott beten. Aber keine Integration!, im Sinne einer Vermischung. Die Bewahrung der eigenen Identit\u00e4t ist oberstes Gebot! Ja mehr noch: sie sollen die Zeit des Exils nutzen, um sich auf ihre Wurzeln und ihren Glauben zu besinnen.<\/p>\n<p>Denn: das Exil ist eben, wie es das Wort selbst beschreibt: zeitlich begrenzt. Siebzig Jahre, das sind ungef\u00e4hr drei Generationen. In gewissem Sinne sind die Adressaten Jeremias in derselben Lage wie ihre Vorfahren in \u00c4gypten, die sich dort mehrten und zu einem grossen Volk heranwuchsen. Die Exilanten sollen sich in Babel nicht durch geringe Geburtenzahl schw\u00e4chen, damit sie nicht in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen, sondern erkennbar bleiben.<\/p>\n<p>Dieses sich nicht integrieren, im Sinne einer Assimilierung, hat ja ein Ziel: Gott will sein Volk wieder heimf\u00fchren, nach Jerusalem.<\/p>\n<p>Aber das ist noch nicht alles: am Schluss weitet sich die Verheissung auf die gesamte j\u00fcdische Diaspora aus: \u201eaus allen V\u00f6lkern und aus allen Orten.\u201c<\/p>\n<p>Und \u00fcber dieser ganzen Geschichte schwebt ein Begriff, ein Wort, das \u201egr\u00f6sste\u201c Wort:<\/p>\n<p><strong>Shalom: Friede, f\u00fcr sie, Friede f\u00fcr uns!<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch weiss wohl, was ich f\u00fcr Gedanken \u00fcber euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nichts des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.\u201c Shalom ist das Leitwort des ganzen Abschnitts. Shalom ist weit mehr als ein innerer oder jenseitiger Frieden, Shalom ist ganzheitlich zu verstehen, allumfassend und meint: Heil, Wohlergehen, Wohlstand, von allem das Beste, auch politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Im Grunde geht es um <em>Gerechtigkeit.<\/em> Jeremias warnt vor falschen \u201eShalom-Aussichten\u201c, leeren Versprechungen, die ausschliesslich auf das \u201eJetzt\u201c abzielen. Jeremias klagt an, dass das eben in Jerusalem geschehen ist, und zwar gerade von den religi\u00f6sen Autorit\u00e4ten, den Priestern und Propheten. Ein solcher Missbrauch geschieht, wenn mit der frommen Rede vom Shalom Korruption und Ungerechtigkeiten zugedeckt werden. Wer Shalom ruft, wo kein Shalom ist, l\u00fcgt.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich steht die Aufforderung der \u201eStadt Bestes\u201c zu suchen, in einem ganz anderen Licht da.<\/p>\n<p>Der \u201eStadt Bestes\u201c suchen kann z.B. Widerstand bedeuten, Kampf gegen die Ungerechtigkeit, die Stimme erheben, das B\u00f6se beim Namen nennen.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, ob die Juden in Babel den Mut hatten, auf diese Art der Stadt Bestes zu suchen. Aber sie haben die Zeit des Exils genutzt, um sich auf ihre Wurzeln, ihre Werte zu besinnen. Viele Schriften im Alten Testament sind w\u00e4hrend dieser Zeit entstanden: wer seine Vergangenheit nicht kennt hat auch keine Zukunft. In diesem \u201esich besinnen\u201c erkennen die Juden im Exil, dass ihr Gott sie nie verlassen hat, dass er seine Verheissungen stets erf\u00fcllt hat. Nun erkennen sie, dass sie sich auf das Wort ihres Gottes verlassen d\u00fcrfen. Und damit er\u00f6ffnet sich ihnen eine ganze neue Hoffnung f\u00fcr die Zukunft. Gott wird die Seinen in ihre Heimat zur\u00fcckf\u00fchren. Ihr Gott, der nur Gutes f\u00fcr sein Volk bereit hat, ihr Gott, der wie ein Sch\u00e4fer seine Herde aus allen Teilen der Welt zusammenruft, und alle kommen und ER wird mitten unter ihnen wohnen\u2026 Shalom.<\/p>\n<p>Und wir, wo kommen wir Christen darin vor? Wann und wo gibt es f\u00fcr uns Shalom?<\/p>\n<p>Mein Grossvater war ein unglaublich \u201eunbequemer\u201c Mensch, sehr direkt, konnte seinen Mund nicht halten, musste \u00fcberall anecken, militanter Sozialist und frommer Pietist. F\u00fcr ihn war dies \u00fcberhaupt kein Widerspruch. Den Mund halten um des lieben Friedens willen? Niemals!, \u201egegen die Str\u00f6mung rudern\u2026aufbegehren!\u201c, hat er immer gesagt.<\/p>\n<p>Kurz vor seinem Tod habe ich ihn noch zu den Osterm\u00e4rschen begleitet. Unbequem und mit einem herrlichen Humor ausgestattet, hat er einen tiefen Frieden ausgestrahlt. Immer wieder habe ich mich gefragt, woher er diese Kraft sch\u00f6pft, diese Freude\u2026, ein Mensch der zwei Mal seine Heimat verlassen musste und jedes Mal in der \u201eFremde\u201c neu angefangen hat. Einmal begleitete ich ihn zum Friedhof. Wir setzten uns auf eine Bank und er rauchte seine Pfeife. Dann stellte ich ihm alle diese Fragen. Am Ende des breiten Mittelwegs erhob sich ein grosses Kreuz mit dem Gekreuzigten. Mein Grossvater deutete mit der Hand auf ihn: \u201eDort ist der grosse Friedensbringer, ER gibt mir die Kraft.\u201c Shalom.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Reiner Kalmbach, Pfarrer<\/p>\n<p>Evang. Kirche am R\u00edo de la Plata (EKaLP)<\/p>\n<p>und<\/p>\n<p>Vereinigte Lutherische Kirche (IELU)<\/p>\n<p>San Carlos de Bariloche \/ San Martin de los Andes<\/p>\n<p>Patagonien, Argentinien<\/p>\n<p>Mail: reiner.kalmbach@gmail.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Jeremias 29, 1. 1. 4-7; 10-14 | verfasst von Reiner Kalmbach | Die Gnade Gottes, unseres Vaters, die Liebe Jesu, unseres Herrn und die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen. Manchmal m\u00f6chte man fast erschrecken angesichts der Aktualit\u00e4t eines uralten Textes aus dem Alten Testament. 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