{"id":3592,"date":"2020-10-24T15:49:56","date_gmt":"2020-10-24T13:49:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3592"},"modified":"2020-10-28T15:53:58","modified_gmt":"2020-10-28T14:53:58","slug":"predigt-zu-mt-1026-33","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-mt-1026-33\/","title":{"rendered":"Predigt zu Mt. 10,26-33"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zum Reformationstag 31.10.20 | verfasst von Uwe Tatjes |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>in Berlin stehen Leute singend und schreiend &#8211; und bei einigen kann man das eine vom anderen nicht unterscheiden &#8211; auf der Strasse und haben einige Polizisten eingekesselt. Sie halten Schilder hoch wie \u201eMasken t\u00f6ten\u201c, \u201eKeine Diktatur\u201c, \u201eDenkpflicht statt Maskenpflicht\u201c. Eine Teilnehmerin hat sich einen durchsichtigen Plastikeimer \u00fcber den Kopf gest\u00fclpt, darauf steht geschrieben: \u201eAbsolut sicher gegen das Verdummungsvirus.\u201c<\/p>\n<p>Es geht bizarr zu. Sp\u00e4ter auch ruppig. Es kommt zu Ausschreitungen.<\/p>\n<p>Leute ohne Maske st\u00fcrmen Einkaufscenter, wollen maskenfrei shoppen gehen. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit dem Sicherheitspersonal.<\/p>\n<p>Im Tivoli Einkaufscenter in Spreitenbach nahe Z\u00fcrich feiert man das f\u00fcnfzigj\u00e4hrige Jubil\u00e4um. Die Leute tragen zwar Masken. Aber Abstand h\u00e4lt hier niemand. Das w\u00e4re aufgrund des grossen Andrangs auch schwer. Als Rabattlose wie Konfetti in die Menge rieseln st\u00fcrzen die Menschen ohne jede R\u00fccksicht oder Abstand darauf wie eine ausgehungerte Meute.<\/p>\n<p>Auf YouTube finde ich ein Video, in dem es heisst: \u201eSei Du die zweite Welle, setz Dir die Krone auf. Surfe auf der Welle der Freiheit, brich aus dem Kerker aus. Das Virus der Liebe infiziert Dein Herz, die Pandemie der Wahrheit t\u00f6tet Angst und Schmerz\u201c<\/p>\n<p>Eine junge Freundin aus Stockholm ruft mich an. Sie hatte Corona. Sie gilt als genesen, aber sie klagt: \u201eManchmal stehe ich im Treppenhaus und ich schaffe es einfach nicht hoch, weil mir die Luft fehlt. Und immer \u00f6fter m\u00f6chte ich etwas sagen, aber ich bekomme die Worte nicht heraus. Der Arzt sagt, das seien Sp\u00e4tfolgen. Vielleicht geht es wieder weg. Aber weisst Du, ich habe jetzt echt Angst.\u201c<\/p>\n<p>Die Corona-Pandemie hat unsere Gesellschaft voll auf dem falschen Fuss erwischt. Eine Krankheit, die fern scheint, ein Erreger, den man nicht sieht, bis die Krankheit einem dann doch auf die Pelle r\u00fcckt, sei es durch Massnahmen, die mein Leben beschneiden oder dadurch, dass Corona auf einmal bei Menschen stattfindet, die ich kenne. Und immer diese diffuse Angst, es selber nicht zu bekommen. Viele Menschen \u00fcberfordert das auch. Sie leiden unter dem Abstand, der pl\u00f6tzlich das Gebot der Stunde ist. Sie leiden unter der Einsamkeit oder dem unter der Angst, durch Corona Arbeit oder Perspektiven zu verlieren. Manche fl\u00fcchten sich in wirre Theorien, verweigern sich allen Schutzma\u00dfnahmen, sind nicht bereit R\u00fccksicht zu nehmen. Sie sehen Corona als harmlose Grippe, als Erfindung, als eine Erz\u00e4hlung, um den Menschen Freiheiten zu nehmen.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall, auf so was waren wir nicht vorbereitet. Dass das Leben aus der Bahn und in Schieflage ger\u00e4t. Das Sicherheiten wegbrechen und uns schlagartig bewusst wird, wie schnell sich eine Situation, ja, das ganze Leben \u00e4ndern kann. Dass wir Dingen ausgesetzt sind, die jenseits unserer Verf\u00fcgbarkeit liegen und tiefe \u00c4ngste in uns ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>F\u00fcr manchen schmeckt es in diesen Zeiten nach Krise oder gar Weltuntergang. F\u00fcr andere nach Umbruch und Revolution. Diffuse \u00c4ngste und wilde Tr\u00e4ume vermischen sich. Was man n\u00fcchtern betrachtet wohl sagen kann, ist: Corona setzt eine Z\u00e4sur. Die Welt wird nach Corona anders sein, als sie es vor Corona war.<\/p>\n<p>Welt in Bewegung. Menschen auf der Strasse. Da schliesst sich &#8211; nicht nur heute &#8211; am Reformationstag doch die Frage an, wo denn die Kirche ist. Kirche, wo bist Du? Auch das ist nicht so klar. Klar ist, dass Kirche keine so grosse Rolle spielt in diesen Zeiten. Massnahmen nehmen auf die Bed\u00fcrfnisse der Kirche keine grosse R\u00fccksicht. In einer Umfrage las ich, dass den Kirchen kein grosser Beitrag zur L\u00f6sung der Coronakrise zugetraut wird und man sie in der Krise nicht besonders wahrnimmt. Verunsicherung macht sich breit. Was kann \u00fcberhaupt noch laufen? Wie erreichen wir die Menschen? Und: wenn wir nicht stattfinden, wird man uns dann \u00fcberhaupt vermissen?<br \/>\nDa ist der Reformationstag eine gute Gelegenheit, wo die Kirche denn stehen sollte. Und das f\u00fchrt uns zur\u00fcck in die Ursprungszeit der Reformation, einer Zeit voller Umbr\u00fcche und \u00c4ngste, auch religi\u00f6ser Verunsicherung, in der der junge Augustinerm\u00f6nch Martin Luther danach fragt, was die Grundlage des christlichen Glaubens sein kann und dabei auf die Bibel st\u00f6sst. H\u00f6ren wir also, was die Bibel uns zu sagen hat: Ich lese aus Matth\u00e4us 10, 26-33<\/p>\n<p><em>26 Darum f\u00fcrchtet euch nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.<\/em><\/p>\n<p><em>27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verk\u00fcndigt auf den D\u00e4chern.<\/em><\/p>\n<p><em>28 Und f\u00fcrchtet euch nicht vor denen, die den Leib t\u00f6ten, doch die Seele nicht t\u00f6ten k\u00f6nnen; f\u00fcrchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der H\u00f6lle. 29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge f\u00fcr einen Groschen? Dennoch f\u00e4llt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gez\u00e4hlt. 31 Darum f\u00fcrchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.<\/em><\/p>\n<p><em>32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.<\/em><\/p>\n<p>Die Botschaft, die Jesus seinen J\u00fcngern gibt, l\u00e4sst sich kurz und knapp zusammenfassen. F\u00fcrchtet euch nicht. Standpunkt der Kirche und Botschaft k\u00f6nnen nur Vertrauen sein. Ein Vertrauen, das keine R\u00fcckversicherung braucht, ein Vertrauen, das sich auf Gottes Zuwendung alleine st\u00fctzt. Auf den Zuspruch, den die Bibel gibt. Den Zuspruch, den uns Jesus heute morgen als lebendiges Wort Gottes zusagt.<br \/>\nEntgegen allen \u00c4ngsten, allen Verschw\u00f6rungstheorien und Spekulationen, die in geschlossenen Zirkeln, hinter vorgehaltener Hand oder in geheimen Kreisen ausgebr\u00fctet und in die \u00d6ffentlichkeit getragen werden, steht das demonstrative Vertrauen der Christen. Nicht die Kirche als Institution ist es, die dieses Vertrauen begr\u00fcndet, nicht irgendwelches religi\u00f6se Geheimwissen, keine besonderen heiligen Zauberkr\u00e4fte oder Rituale, sondern alleine Gott in seiner Zuwendung zur Welt begr\u00fcndet dies Vertrauen.<\/p>\n<p>Und in aller Verunsicherung und H\u00e4rte, vor die eine besondere Situation und Krise wie die Erfahrung und Corona uns stellt, k\u00f6nnte das auch genau der Beitrag der Kirche in dieser Zeit sein: Vertrauen zu haben, zu leben, auszustrahlen.<\/p>\n<p>Dass es kein naives Vertrauen ist, kein Schulterklopfen oder \u201eEs wird schon gut\u201c, das ist auch hinreichend deutlich. Es wird uns nicht gesagt, dass es uns nicht treffen kann. Die H\u00e4rten der Zeit treffen uns als Christen so wie alle anderen. Es gibt keine Garantie, als Christ kein Corona zu bekommen. Wie die ganze Gesellschaft wird auch die Kirche durch Corona betroffen und ver\u00e4ndert. Wir erleben diese Zeit als eine dunkle Erfahrung. Etwas, in dem uns Gott selbst als dunkel und abgewandt vorkommen kann. Hier ist es vielleicht angemessen, den alten, fast vergessenen Begriff der Gottesfurcht zu bem\u00fchen. Als Christen f\u00fcrchten wir allein Gott. Nicht in dem Sinne, dass er uns Angst macht, sondern in dem Sinne, dass er der Andere ist, unverf\u00fcgbar bleibt. Aber sich in Christus gerade verf\u00fcgbar macht, ansprechbar, sich einl\u00e4sst auf unsere Welt, auch auf unser Leid und unsere H\u00e4rten. Ihm bleibt, gerade in dem Sinne aller Dunkelheiten, Krisen und \u00c4ngste nichts verborgen. Er ist gleichzeitig der Geheimnisvolle, der Unverf\u00fcgbare und doch der, der uns zugewandt ist und bleibt, der Mensch wird und unserer Hoffnung in Jesus ein Gesicht gibt. Wir m\u00fcssen und k\u00f6nnen nicht alles verstehen. Wir k\u00f6nnen aber darauf vertrauen, dass Gott auch in dem, was wir nicht verstehen, immer noch der Gott ist, der sich uns zuwendet. Oder wie es Luther einmal sagt, dass, wenn wir dieses zugewandte Gesicht Gottes einmal nicht mehr sehen, es nur so ist, als habe sich eine dunkle Wolke zwischen sein Gesicht und uns geschoben. Wir werden auch als Christen weiter zweifeln und leiden, hadern und suchen, was uns als Kompass bleibt, ist das Vertrauen in den, der als Gekreuzigter der Retter ist. Er, der am Kreuz selbst ganz aus dem Vertrauen stirbt und lebt: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? (Mk 15,34) Vater ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde. (Lk 23,46)<\/p>\n<p>Als Christen f\u00fcrchten wir alleine Gott, nicht das, was uns Angst macht. Auch in den dunklen Erfahrungen bezeugen wir Gott als den, der zugewandt ist, dem wir vertrauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das also ist und bleibt das Fundament unseres Glaubens: Das Vertrauen in den Gott, der Mensch geworden ist und sich selbst ans Kreuz gegeben hat.<\/p>\n<p>Aus diesem Vertrauen w\u00e4chst dann alles andere. Zum einen: Jesus sendet seine J\u00fcnger. Sie sollen seine Botschaft bezeugen. Draussen in der Welt. F\u00fcrchtet euch nicht. Vertrauen kann man nicht befehlen. Darum sollen die J\u00fcnger es auch bezeugen. Oder einfacher gesagt, von dem reden, was sie selbst erfahren haben und woraus sie leben: Vertrauen. Jesus gibt den J\u00fcngern kein Handbuch mit. Keine auswendig gelernten S\u00e4tze, die sie auf den Pl\u00e4tzen oder an den Haust\u00fcren aufsagen k\u00f6nnen. Die man von der Kanzel spricht. Aus dem Vertrauen zu Gott wachsen auch die Worte, die passen. Die gesagt werden k\u00f6nnen. Oder m\u00fcssen. Gott traut uns zu, so aus dem Vertrauen zu leben, dass wir die richtigen Worte finden. Die richtigen Dinge zu tun. Nat\u00fcrlich h\u00e4tten wir es lieber, wenn wir genau w\u00fcssten, was wir tun oder reden sollen. Aber so einfach macht es uns Jesus nicht. So wie er in die Welt mit all ihren Unsicherheiten und Fragen, mit ihren Zweifeln und N\u00f6ten eingegangen ist, so sollen wir das auch tun. Nicht wegschauen, wo es dunkel ist. Nicht sch\u00f6nreden, was uns Not macht. Wir m\u00fcssen das nicht. Wir kennen auch die dunklen Seiten. Aber auch da beim Vertrauen bleiben. N\u00f6te und Frage mit aushalten, mit anderen nach Antworten suchen. Erinnert ihr euch, wie das im Fr\u00fchjahr war? Niemand von uns hat sich vorstellen k\u00f6nnen, dass Kirche pl\u00f6tzlich nicht mehr stattfindet. Im ersten Moment haben all die Einschr\u00e4nkungen sprachlos gemacht. Aber dann haben wir doch auch in der Gemeinde schnell Wege und M\u00f6glichkeiten gefunden, Menschen auch in dieser Situation zu begleiten und anzusprechen. Richtig kreativ ist es da an vielen Stellen geworden. So konnten wir unser Vertrauen, dass Gott immer noch da ist, auch hier bezeugen.<br \/>\nDas andere ist f\u00fcr mich: Als Christen kennen wir die dunklen Seiten der Welt und des Lebens. Wir kennen die Erfahrung, dass uns Gott fern scheint. Aber wir leben aus dem Vertrauen, dass Gott uns zugewandt ist. Dass eines Tages alles ans Licht kommt, dass uns eines Tages der Sinn von allem aufgeht. Darum beteiligen wir uns als Christen nicht an Spekulationen. Wir glauben nicht daran, dass dunkle M\u00e4chte diese Welt steuern, sondern der Gott, der uns zugewandt ist. Wir machen also nicht mit bei Verschw\u00f6rungstheorien. Wir nehmen \u00c4ngste ernst und h\u00f6ren Menschen zu. Was wir geben k\u00f6nnen als Christen ist, dass wir aus dem Vertrauen leben. Wir laufen auch in dunklen Momenten nicht weg. Wir bleiben n\u00fcchtern und aufmerksam. Wir wissen um die Endlichkeit des Lebens, auch um die Endlichkeit kirchlicher Strukturen. Das schreckt uns nicht. Mit dem Vertrauen als Kompass machen wir uns auf die Suche nach neuen Wegen, die Gott uns weist. Reformation heisst dann: Immer wieder aus dem Vertrauen leben. Und Kirche reformiert sich da, wo sie aus dem Vertrauen zu Gott alleine lebt. F\u00fcrchtet euch nicht.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum Reformationstag 31.10.20 | verfasst von Uwe Tatjes | Liebe Gemeinde, in Berlin stehen Leute singend und schreiend &#8211; und bei einigen kann man das eine vom anderen nicht unterscheiden &#8211; auf der Strasse und haben einige Polizisten eingekesselt. Sie halten Schilder hoch wie \u201eMasken t\u00f6ten\u201c, \u201eKeine Diktatur\u201c, \u201eDenkpflicht statt Maskenpflicht\u201c. 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