{"id":3614,"date":"2020-11-04T18:29:01","date_gmt":"2020-11-04T17:29:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3614"},"modified":"2020-11-04T18:31:07","modified_gmt":"2020-11-04T17:31:07","slug":"die-wuerde-des-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-wuerde-des-menschen\/","title":{"rendered":"Die W\u00fcrde des Menschen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Matth\u00e4us 18,1-14 (d\u00e4nische Perikopenordnung)| verfasst von Christiane Gammeltoft Hansen|<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wo sitzt die W\u00fcrde des Menschen?<\/p>\n<p>Matth\u00e4us meint offenbar nicht, dass sie in der Hand liegt oder in den Beinen, wo man doch auf diese K\u00f6rperteile nach seiner Meinung verzichten kann. Aber irgendwo muss die menschliche W\u00fcrde ja liegen.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt die W\u00fcrde in der Farbe? Es gibt jedenfalls Menschen, die auf Grund ihrer Farbe \u2013 der Hautfarbe \u2013 f\u00fcr ihr Recht k\u00e4mpfen, gleichberechtigt zu sein mit allen anderen. Die f\u00fcr ihre W\u00fcrde k\u00e4mpfen. Sie erleben, dass ihre Hautfarbe ein Problem ist. Dass da Leute sind, die eben wegen ihrer Hautfarbe das Schlimmste von ihnen erwarten \u2013 \u00dcberfall, Gewalt und Unehrlichkeit. Es ist nur eine Farbe, aber offenbar mehr als das, wenn die Vorurteile ihr Leben beeintr\u00e4chtigen. Dann rufen sie laut, pochen auf ihr Recht und fordern Gleichbehandlung.<\/p>\n<p>Es kann auch vorkommen, dass die W\u00fcrde in der Ideologie sitzt, in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, die nicht versteinert ist, sondern weich wie ein K\u00f6rper. Es gibt Leute, die unter gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen leben, wo sie die Erfahrung machen, dass ihnen die W\u00fcrde genommen wird. Dass ihre Bewegungsfreiheit und Redefreiheit sich darauf beschr\u00e4nkt, sich zu f\u00fcgen.&nbsp; Aber sie sind Tr\u00e4umer. Sie tr\u00e4umen von mehr, als es das \u201eJetzt\u201c hergibt, gegen das sie sich wenden. Sie springen in der Zeit voraus und weigern sich, die Zukunft dem Gegner zu \u00fcberlassen. Sie widersprechen den Unterdr\u00fcckern, fordern Freiheit, Gleichheit, Respekt, und dies auch wenn sie Gefahr laufen, dadurch ihre eigene Freiheit zu verlieren.<\/p>\n<p>Oder vielleicht sitzt die W\u00fcrde im Geld? Diejenigen, die kein Geld haben, erz\u00e4hlen jedenfalls von einem Leben, in dem sie ungerecht behandelt werden. Sie k\u00e4mpfen damit, ob das Geld reicht, w\u00e4hrend die Umwelt meint, es liege an ihrem Willen. Wenn sie sich nur mehr M\u00fche g\u00e4ben, w\u00fcrden sie sich nicht in dieser Mangellage befinden.<\/p>\n<p>Es geht darum, wie man uns begegnet \u2013 mit Haut und Haar, Status oder Mangel an demselben. Es geht auch darum, wie wir anderen begegnen. Geschieht das in einer Annahme oder einer Zur\u00fcckweisung? Erwarten wir von denen, die gefallen sind, dass sie sich selbst wieder erheben, oder reichen wir ihnen eine Hand und helfen ihnen ein St\u00fcck auf dem Weg, wie ein Hirt sein Schaf zur\u00fccktr\u00e4gt?<\/p>\n<p>Der d\u00e4nische Philosoph L\u00f8gstrup hat einmal gesagt: \u201eDer einzelne Mensch hat nie mit einem anderen Menschen zu tun, ohne dass er etwas vom Leben des anderen in seiner Hand hat\u201c. Wir tragen mit am Leben von einander. Und wir haben eben dazu die H\u00e4nde.<\/p>\n<p>Schlage die Hand ab, sagt Matth\u00e4us in einer seiner harten Ausf\u00e4lle. Er sagt das im Dienst einer guten Sache, um den anderen zu sch\u00fctzen. Aber f\u00fcr L\u00f8gstrup taugt dieses Bild nicht. Wir brauchen die H\u00e4nde \u2013 und in dieser Hinsicht auch die Beine und die Augen<\/p>\n<p>Es kann gut sein, dass die W\u00fcrde nicht in der Hand liegt, aber die Hand kann den anderen greifen und aufrichten und zu neuer W\u00fcrde verhelfen. Also lass die Hand sitzen, denn es besteht die M\u00f6glichkeit, dass sie zu etwas gut ist.<\/p>\n<p>Die Hand bringt uns nah an die Welt und den anderen. Es kann zwar zu Schl\u00e4gen kommen statt zu Liebkosungen. Und wir k\u00f6nnen mit der Hand manipulieren. Manipulation bedeutet ja w\u00f6rtlich \u201ean der Hand f\u00fchren\u201c. Aber die Hand ist nun einmal das, was uns zu \u201ehandelnden\u201c Menschen macht.&nbsp; Menschen, die uns engagieren, nach uns greifen, uns greifen. Die sich nicht distanziert verhalten, sondern sich einbringen.<\/p>\n<p>Das ist wie bei einem kleinen Kind, dass auch den K\u00f6rper benutzt, um sich mit der Welt zu verbinden. Das Kind schmeckt buchst\u00e4blich die Welt, greift nach allem, was es erreichen kann. Die Welt ist keine Abstraktion. Sie ist etwas, was man greifen und f\u00fchlen kann. Und das tut das kleine Kind ja auch. So wie das Kind selbst davon abh\u00e4ngig ist, dass wir nicht handscheu sind. Das wir es aufnehmen, in unseren Armen halten. Es besch\u00fctzen.<\/p>\n<p>\u201eWer ist der Gr\u00f6\u00dfte im Himmelreich?\u201c fragen die J\u00fcnger. Sie fragen, wie man nun einmal fragt in einer Welt, die voll von Vorurteilen, Ungleichheit und Konkurrenz ist. Sie fragen, als ob es faktisch m\u00f6glich w\u00e4re, die Menschen in dieser Weise aufzuteilen, wo da einige oben sind und andere unten. Einige sind mehr wert als andere.<\/p>\n<p>Jesus antwortet, indem er auf ein kleines Kind zeigt. Er tut das nicht, damit wir wieder Kinder werden. Das k\u00f6nnen wir ja auch nicht. Aber wir k\u00f6nnen vielleicht etwas lernen, etwas wiederentdecken.<\/p>\n<p>Das kleine Kind wei\u00df instinktiv, dass es von anderen abh\u00e4ngig ist. Das sind wir auch. Wir sind nur die, die wir sind, auf Grund dessen, was uns gegeben ist. Wir sind nur dorthin gekommen, wo wir sind, weil da jemand war, der sich unser angenommen hat. Wir sind Menschen, weil andere f\u00fcr uns gesorgt haben.<\/p>\n<p>Das ist es, was auch in der Taufe geschieht und an das wir auch erinnert werden, wenn wir sehen, wie ein Kind getauft wird. Die Taufe schenkt uns die Identit\u00e4t der Gemeinschaft. Wir leben nicht f\u00fcr uns selbst, und wir sterben nicht f\u00fcr uns selbst. Paulus beschreibt das so, dass wir Glieder sind am Leib Christi. Wir k\u00f6nnen das Leben nicht allein bew\u00e4ltigen, aber das sollen wir auch nicht. Wir sind Teil einer gro\u00dfen g\u00f6ttlichen Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Und dann ist da das Unmittelbare. Das kleine Kind glaubt das Beste. Es begegnet der Welt mit Vertrauen. Sp\u00e4ter kann Misstrauen hinzukommen. Das kann es u.a. dann, wen wir es dem Kind beibringen. Deshalb wird der Ton hart in unserem, heutigen Text. Nichts \u2013 weder die harten Schl\u00e4ge der Hand noch der misstrauische Blick des Auges &#8211; darf verhindern, dass das Kind mit der Hoffnung und dem Glauben aufw\u00e4chst. Eben deshalb sagt Jesus auch: Kehrt um. Kehrt euch um und seht, woher ihr kommt. Denkt daran, dass es mit einem Vertrauen begann und dem instinktiven Gef\u00fchl der Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt die W\u00fcrde da: Im Vertrauen, im Glauben, und darin, dass wir in einem Wechsel zwischen Empfangen und geben existieren. Gehalten werden und selbst halten.<\/p>\n<p>Oder einfacher gesagt mit dem Evangelium und zugleich gr\u00f6\u00dfer: Die W\u00fcrde gr\u00fcndet darin, dass wir von Gott geschaffen sind, Kinder Gottes. Die W\u00fcrde ist von Gott geschenkt. Im eigentlichen Sinne kann ein Mensch deshalb auch seine W\u00fcrde nicht verlieren.<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass die W\u00fcrde nicht verletzt werden und Not leiden kann, so wie dies geschieht, wenn wir einander besch\u00e4men, unterdr\u00fccken und dem\u00fctigen. M\u00f6ge Gott uns dann lehren, mit den Augen der Liebe zu sehen und seine H\u00e4nde in der Welt zu sein. Und wenn wir selbst in unsere W\u00fcrde getroffen werden, m\u00f6gen wir das durch die Hand unseres N\u00e4chsten aufgerichtet werden. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n<p>DK-2000 Frederiksberg<\/p>\n<p>E-mail: cgh(at)km.dk<\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matth\u00e4us 18,1-14 (d\u00e4nische Perikopenordnung)| verfasst von Christiane Gammeltoft Hansen| &nbsp; Wo sitzt die W\u00fcrde des Menschen? 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