{"id":3623,"date":"2020-11-04T18:38:18","date_gmt":"2020-11-04T17:38:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3623"},"modified":"2023-04-03T00:34:52","modified_gmt":"2023-04-02T22:34:52","slug":"wach-und-nuechtern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wach-und-nuechtern\/","title":{"rendered":"Wach und n\u00fcchtern."},"content":{"rendered":"<h3><strong>Predigt zu 1. Thessalonicher 5:1-6 | verfasst von Matthias Wolfes |<\/strong><\/h3>\n<p><em>\u201eVon den Zeiten aber und Stunden, liebe Br\u00fcder, ist nicht not euch zu schreiben;<\/em><em>\u00a0<\/em><em>denn ihr selbst wisset gewi\u00df, da\u00df der Tag des HERRN wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.<\/em><em>\u00a0<\/em><em>Denn sie werden sagen: Es ist Friede, es hat keine Gefahr, so wird sie das Verderben schnell \u00fcberfallen, gleichwie der Schmerz ein schwangeres Weib, und werden nicht entfliehen.<\/em><em>\u00a0<\/em><em>Ihr aber, liebe Br\u00fcder, seid nicht in der Finsternis, da\u00df euch der Tag wie ein Dieb ergreife.<\/em><em>\u00a0<\/em><em>Ihr seid allzumal Kinder des Lichtes und Kinder des Tages; wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.<\/em><em>\u00a0<\/em><em>So lasset uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasset uns wachen und n\u00fcchtern sein.<\/em><em>\u201c<\/em> (Jubil\u00e4umsbibel 1912)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wieder und wieder machen wir uns in unseren Gottesdiensten Gedanken dar\u00fcber, was es mit unserem Glauben auf sich hat, wie er beschaffen ist und wohin er uns f\u00fchrt. Den allermeisten biblischen Texten entnehmen wir dazu bestimmte Aussagen und Anleitungen. Und so ist es auch heute.<\/p>\n<p>Die kurze Passage aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki gibt uns, wie ich meine, ganz wesentliche Hinweise, und es bedarf eigentlich nicht vieler Worte, um das klarzumachen.<\/p>\n<p>Die Gedanken des Apostels sind stark von endzeitlichen Vorstellungen gepr\u00e4gt. Ebenso verh\u00e4lt es sich bei den Menschen, die er anspricht. Die apokalyptischen Erwartungen waren drastisch und real. Und selbst, wenn man sagen kann, dass auch wir durchaus nicht mehr in der sicheren Selbstverst\u00e4ndlichkeit leben, die vielleicht fr\u00fchere Zeiten ausgezeichnet haben, so sind wir doch meilenweit entfernt von der unmittelbaren Zukunftsangst jener ersten Christen. Besonders aber die Einkleidung der christlichen Botschaft in eine Sprache der Besorgnis und der Angst, wie sie sich aus solchen endzeitlichen Vorstellungen ergibt, mutet uns fremd an. Und das mit recht. Wir sind keine Gefangene unserer Zeit; wir f\u00fchren unser Leben nicht als Gefesselte.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns die Worte des Apostels deshalb einmal so h\u00f6ren, als w\u00fcrden sie solcher Einkleidung entbehren. Dann lauten sie: <em>\u201e<\/em><em>Ihr seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.\u201c<\/em> Als solche aber sollt ihr <em>\u201ewach und n\u00fcchtern\u201c<\/em> sein. <em>\u201eWach und n\u00fcchtern\u201c<\/em> \u2013 das ist die entscheidende Aussage, und \u00fcber sie m\u00f6chte ich sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">I.<\/p>\n<p>Im und aus dem Glauben zu leben, bedeutet: auf ein Ziel hin zu leben. Die Wachheit (oder auch Wachsamkeit) und die N\u00fcchternheit des Glaubens bestehen darin, die Orientierung auf das Ziel hin stetig festzuhalten. Wir sind kein schwankendes Rohr, das heute dies und morgen jenes will. Vielmehr halten wir fest, was wir als wahr erkannt haben. In religi\u00f6ser Sprache gesprochen: Wir halten fest an der Wahrheit, die uns offenbar geworden ist. Diese Wahrheit betrifft unser Verh\u00e4ltnis zu Gott.<\/p>\n<p>Wir betrachten Gott als den Urheber alles Wirklichen. Unser Leben und die Geschichte dieses Lebens sind selbst Teil jener von Gott ins Dasein gesetzten Wirklichkeit. Das ist die Perspektive des Glaubens; von ihr lassen wir nicht ab, und an ihr festzuhalten, allen Widerst\u00e4nden und Anfechtungen zum Trotz, ist die Aufgabe des christlichen Lebens. Dieser Aufgabe k\u00f6nnen wir aber nur gerecht werden, wenn wir <em>\u201ewach und n\u00fcchtern\u201c<\/em> bleiben. Wir d\u00fcrfen uns nicht darauf einlassen, die bitteren Realit\u00e4ten aus irgendwelchen Hoffnungsgr\u00fcnden heraus zu verleugnen. Es gibt unter den vielen Formen von Selbstbetrug auch religi\u00f6se. Religi\u00f6ser Selbstbetrug w\u00e4re es, wenn wir die H\u00e4rten, die Dunkelheiten und Schmerzen des wirklichen Lebens ausblenden zugunsten einer ertr\u00e4umten Scheinwirklichkeit. Zur Geschichte des Lebens geh\u00f6rt eben etwa auch dessen Endlichkeit. In einem ganz trivialen Sinn ist das Ziel allen Lebens der Tod. Die Endlichkeit ist geradezu das Wesen der Welt. Und doch wissen wir, dass Gott die Welt nicht f\u00fcr das Nichts geschaffen hat. Jene Einsicht ist aufgehoben in der glaubenden Zuversicht, dass Gott zu seiner Welt steht, zu seiner Sch\u00f6pfung, die er als treuer Gott geschaffen hat und der er selbst treu ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">II.<\/p>\n<p>Wollen wir n\u00e4her beschreiben oder wenigstens ahnungsweise zum Ausdruck bringen, was wir uns unter Gott vorstellen, so ist \u201eTreue\u201c, neben \u201eG\u00fcte\u201c und \u201eGerechtigkeit\u201c, ein immer wiederkehrendes Pr\u00e4dikat. Der Gott, von dem wir dabei sprechen, ist der, dessen N\u00e4he wir an und in uns selbst erfahren haben und erleben.<\/p>\n<p>Gott ist treu. Damit sprechen wir die zentrale \u00dcberzeugung des christlichen Glaubens aus, und an ihr eben halten wir fest \u2013 ich kann das nur wiederholen \u2013, allen widrigen Erfahrungen und Geschehnissen zum Trotz. Zum Trotz aber auch den Gl\u00fccksmomenten, die uns so rasch ebenfalls in eine ganze andere Richtung lenken k\u00f6nnen. Die Verbundenheit mit dem treuen Gott, in dessen Hand unser Dasein ist, soll alle Tage und N\u00e4chte bestimmen. Jede Stunde wollen wir uns ihrer gewiss sein. Das ist das wache und n\u00fcchterne Leben, das wir im Glauben f\u00fchren, ein Leben in und mit Gott. Wir finden uns in ihm.<\/p>\n<p>Zu ihm darf sich ein jeder wenden, wann immer er will und in welcher Situation er sein mag. H\u00e4ufig ist es so, dass Leid und Schmerzen der Seele uns dazu veranlassen, ihn anzurufen, und oft erklingt dann auch die Klage, die so rasch zur Anklage wird. Weshalb hast Du mich verlassen? Was habe ich denn verschuldet? Ich sehe keinen Sinn in dem, was geschieht!<\/p>\n<p>Die Worte des Apostels Paulus aber erinnern daran, dass man Gott f\u00fcr seine Zuwendung danken soll. Als <em>\u201eKinder des Lichts\u201c<\/em> hat er uns ins Leben gerufen. Ihm verdanken wir unser Dasein. Er ist es, der uns erh\u00e4lt und bewahrt. Das k\u00f6nnen wir uns gar nicht oft genug sagen. In all dem ist er langm\u00fctig, denn wann h\u00e4tten wir Anlass dazu, mit uns selbst zufrieden zu sein, wenn uns bewusst ist, dass er es ist, vor dem wir bestehen sollen? Und dennoch bleibt er auf unserer Seite, bleibt er uns treu. Gott entfernt sich nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">III.<\/p>\n<p>Ist es zuviel verlangt, wenn ich als die wahre Ausdrucksweise des wachen und n\u00fcchternen Glaubens den Lobpreis Gottes bezeichne? Kann nur der religi\u00f6se Virtuose Gott aus voller Seele anrufen und ihn preisen? Nein. Denn tats\u00e4chlich ist ja das Anstimmen des Gotteslobs immer wieder die Folge unseres Vertrauens zu Gott. Wir haben das oft erfahren; es sind dies die erf\u00fcllten Momente des Gl\u00fcckes im Leben eines Christen. Und doch hat nicht jeder solche Ruhe und innere Gelassenheit; auch wir kennen ja das Gef\u00fchl der Abgeschiedenheit und des Getrenntseins von Gott. Auch wir wissen um die S\u00fcnde. Hier stellen sich viele Fragen, und dabei m\u00fcssen wir nat\u00fcrlich vor allem selbstkritisch sein. Wie steht es mit unserem Gottvertrauen? Sind wir wirklich so stark, an jenem Vorsatz festzuhalten?<\/p>\n<p>Und dann gibt es, das l\u00e4sst sich nicht leugnen, so viele Menschen, deren Leben zu misslingen droht, die keine Perspektive sehen, die ihre Familie nicht ern\u00e4hren k\u00f6nnen, deren Kinder chancenlos bleiben, weil die Mittel einfach nicht da sind, deren Gesundheit unwiederbringlich zerst\u00f6rt ist, die sehen, dass sie nicht gebraucht werden, und zwar Jung und Alt.<\/p>\n<p>In solchen Situationen findet sich das richtige Wort oft nicht. Dann bleiben nur Beistehen und An-der-Seite-bleiben. Sehen wir jemanden in seinem Leid, dann gen\u00fcgt es, sofern er es duldet, einfach bei ihm zu sein in der Stunde der Not, nicht aber dagegen anzugehen und sie irgendwie zu verkleinern. In dem, was uns oder anderen Leid zuf\u00fcgt und das Dasein untergr\u00e4bt, k\u00f6nnen wir Gott nicht als Ursache erkennen. Solches Leid geschieht ohne ihn. Das Schreckliche, Furchtbare ist schrecklich und furchtbar, daran gibt es nichts zu zweifeln, und eine andere Sicht kann sich allenfalls nach einiger Zeit einstellen. Was schrecklich ist, was als irrationales Geschehnis eintrifft \u2013 also \u201eb\u00f6se\u201c ist \u2013 und das Dasein zerr\u00fcttet, muss auch schrecklich genannt werden. Falls es dann sp\u00e4ter doch einmal einen Ort findet im ganzen des Lebens, so doch jedenfalls nicht im Augenblick des Leidens.<\/p>\n<p>N\u00fcchternheit und Wachheit sind angesichts dieser Dinge gerade auch von denen gefordert, die sich in ihrem Glauben an den treuen Gott unangefochten f\u00fchlen. Wir loben Gott, weil er \u201ewahrhaftig\u201c ist, und er ist es ja in der Tat, denn seine Zusage bleibt bestehen, seine Liebe ist grenzenlos und unbedingt. Aber wahrhaftig sollen auch wir selbst sein, gerade diejenigen, die sich zu Gott bekennen.<\/p>\n<p>Jeder Satz, den wir \u00fcber Gott und zu Gott sprechen, sagt auch etwas \u00fcber uns selbst. Wir k\u00f6nnen niemandem andemonstrieren, dass Gott die Welt in G\u00fcte und Erbarmen durchwaltet. Und wenn wir auch die \u00dcberzeugung haben, Gott besch\u00fctze uns, so wird es uns doch nicht gelingen, sie dem, der sie nicht hat, einzureden. Es ist unser Glaube, dass es sich so verh\u00e4lt, und allenfalls kann dies selbst, dass wir es glauben und bekennen, anderen zum Zeichen werden. Von solchen Zeugnissen anderer lebt auch die Art und Weise, wie wir unserem eigenen Gef\u00fchl von Gottes N\u00e4he Ausdruck geben. Erst mit Hilfe der anderen lernen wir, unsere eigenen Fragen zu verstehen.<\/p>\n<p>Der Glaube selbst aber ist ein Geschenk. Er kann uns die Kraft geben, zu bestehen, wenn das Schicksal uns hart angreift. Er ist ein Weg und eine Br\u00fccke zu Gott. Unser Auftrag ist, f\u00fcr den Dank einzustehen, und das tun wir, wenn wir unvermindert an dem Bekenntnis festhalten, dass unser Gott treu ist.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Herangezogene Literatur:<\/p>\n<p>Traugott Holtz: Der erste Brief an die Thessalonicher. Zweite, durchgesehene Auflage (Evangelisch-Katholischer Kommentar. Band XIII), Z\u00fcrich und Braunschweig \/ Neukirchen-Vluyn 1990.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Dr. Dr. Matthias Wolfes<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"mailto:wolfes@zedat.fu-berlin.de\">wolfes@zedat.fu-berlin.de<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>Herderstra\u00dfe 6, 10625 Berlin<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu 1. 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