{"id":3626,"date":"2020-11-04T18:42:52","date_gmt":"2020-11-04T17:42:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3626"},"modified":"2020-11-04T18:43:57","modified_gmt":"2020-11-04T17:43:57","slug":"ihr-dummen-kleinen-tage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ihr-dummen-kleinen-tage\/","title":{"rendered":"Ihr dummen kleinen Tage"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eIhr dummen kleinen Tage\u201c \u2013 oder: Was ist die Zeit? | Predigt \u00fcber 1.Thessalonicher 5,1-8 | verfasst von Ulrich Wiesjahn |<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(die Lesung des Textes erfolgt als Paraphrase am Ende der Predigt)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde! Liebe Nachdenkliche!<\/p>\n<p>Eine sehr geheimnisvolle, oft \u00fcbersehene Frage durchzieht das ganze Neue Testament: Was ist die Zeit? Und darin enthalten ist nat\u00fcrlich die Frage: Was ist das Leben? Was ist m e i n Leben? Gibt es da nur die L\u00e4nge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder gibt es so etwas wie eine Tiefe? Vollzieht sich mein Leben nur im Rahmen der gro\u00dfen chronologischen Gleichg\u00fcltigkeit oder gibt es wom\u00f6glich noch eine wunderbare Erf\u00fcllung?<\/p>\n<p>F\u00fcr mich als alten Mann ist das durchaus eine wesentliche Frage. Denn ich durchstreife jetzt noch einmal alle Zeiten meines Lebens, besonders die Kindheit und Jugend. Aber auch das Ende und der Tod sind mir unmittelbar nah. Und dabei habe ich das Gef\u00fchl, dass weder Uhr noch Kalender das alles erfassen kann.<\/p>\n<p>Der Kirchenvater Augustinus hat einmal sehr klug zu der Frage \u201eWas ist die Zeit?\u201c bemerkt: \u201eWenn man mich nicht fragt, wei\u00df ich es. Doch wenn man mich fragt, wei\u00df ich es nicht.\u201c Gel\u00f6st ist die Frage bis heute nicht. Immerhin ist es interessant, dass die moderne Physik gern von der Raumzeit spricht, in der alles erhalten bleibt. Doch der gew\u00f6hnliche Verstand will wie eh und je alles sch\u00f6n chronologisch nacheinander. Es ist wie ein Denkzwang \u2013 ja, unsere Zeitvorstellung ist ein Denkzwang. Wir k\u00f6nnen anscheinend nicht anders.<\/p>\n<p>Und was hat das alles mit dem Neuen Testament zu tun? Nun, sowohl bei Jesus als auch bei den Aposteln taucht bei den Zuh\u00f6rern immer wieder die Frage nach dem Zeitpunkt des Weltendes, der Auferstehung, des Anbruchs des Himmelreichs auf. Und das scheint ja eine ganz nat\u00fcrliche Frage zu sein. Wir leben in zwei gro\u00dfen Lebensr\u00e4umen: dem eigenen Leben und dem Leben der Welt. Und wie das eine endet, so wird sich auch das Weltende einmal ereignen.<\/p>\n<p>Ehe ich mich diesen Gedanken widme, m\u00f6chte ich ein kleines Gedicht des Dadaisten und Surrealisten Hans Arp (1887-1966) vorlesen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIhr dummen kleinen Tage,<\/p>\n<p>kommt euch denn nie<\/p>\n<p>ein Sterbensw\u00f6rtchen von Erl\u00f6sung<\/p>\n<p>\u00fcber eure gemalten Lippen?<\/p>\n<p>Kniet ihr denn nie mehr<\/p>\n<p>vor einem Kreuz?<\/p>\n<p>Ihr dummen kleinen Tage,<\/p>\n<p>ihr kennt nur Kommen und Gehen.<\/p>\n<p>Wisst ihr denn nicht,<\/p>\n<p>dass euch jeden Augenblick<\/p>\n<p>die heilige Unendlichkeit anblickt?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was ist darin der Hauptgedanke? Nun der, dass nicht die Aneinanderreihung das Leben ausmacht, sondern die erf\u00fcllten und erf\u00fcllenden Augenblicke. Im k\u00fcrzesten Augenblick ist alles da (in der Lichtgeschwindigkeit steht ja auch die Zeit fast still). Es ist der Augenblick des Bewusstseins, der Aufmerksamkeit, der Offenbarung und Erleuchtung. Es ist der Augenblick der Freude, wie Jesus sagen w\u00fcrde. Es ist der Augenblick Gottes. Der Physiker- und Mathematikerphilosoph Ludwig Wittgenstein hat es f\u00fcr sich einmal so formuliert: \u201eEine Auslegung der christlichen Lehre: Wach vollkommen auf!\u201c<\/p>\n<p>Das nun herauszustellen \u2013 die N\u00e4he Gottes, die erf\u00fcllte Zeit, die Bedeutung des Hier und Jetzt -, das war und ist die Botschaft Jesu bis hin zum Wort am Kreuz: \u201eHeute noch wirst du mit mir im Paradies sein!\u201c Was alles im Heute steckt, im Jetzt, im Augenblick, das verk\u00fcndet Jesus unentwegt. Wir kennen es auch aus dem Vaterunser mit der Bitte: \u201eUnser t\u00e4gliches Brot gib uns heute!\u201c Das T\u00e4gliche, das Heutige ist f\u00fcr Jesus v\u00f6llig ausreichend. Denn alles andere ist ja so nah: Gott ist nah, die Menschen sind nah, die Natur ist nah. \u201eSchaut euch doch um!\u201c, ruft er: \u201eGott ist hier! Macht keine Pl\u00e4ne f\u00fcr \u00fcbermorgen. Und von allem: Sorgt euch nicht, \u00e4ngstigt euch nicht, sondern freut euch!\u201c<\/p>\n<p>Die Apostel trafen dann bei ihren Missionsreisen immer wieder auf \u00e4hnliche Fragen: \u201eWann kommt denn der J\u00fcngste Tag, der gro\u00dfe Gottestag? Wann geht es mit dieser Welt zu Ende?\u201c Und ihre Antwort, wir werden es gleich h\u00f6ren, lautete: \u201eZ\u00e4hlt nicht die Stunden, Tage und Jahre, sondern lebt jetzt aufmerksam! Erf\u00fcllt euer Leben mit einer Qualit\u00e4t! Geht in die Tiefe! Seid jederzeit bereit f\u00fcr das Erscheinen Gottes! Schielt nicht nach Lebensl\u00e4nge, sondern sucht die Erf\u00fcllung! Wenn ihr das tut, erf\u00fcllt ihr euer Leben, eure Zeit!\u201c<\/p>\n<p>Bevor ich zum Schluss die Gedanken des Paulus \u00fcber die Zeit und ihr Ende vorlese, stelle ich noch schnell eine Frage und eine Antwort in den Raum. Die Frage hei\u00dft: Was ist eine Offenbarung? Und meine Antwort darauf lautet: Eine Offenbarung befreit uns von festgelegten Denkzw\u00e4ngen und erm\u00f6glicht uns eine neue Sichtweise. Unsere \u00fcbliche Zeitvorstellung ist zu eng und zu simpel. Das Leben ist mehr als das, was sie erfasst.<\/p>\n<p>Von dieser Voraussetzung her h\u00f6ren wir nun in leichter Umformulierung, was Paulus an die Gemeindemitglieder in Thessalonich schreibt: \u201eWas unsere Zeitvorstellung betrifft, meine Lieben, so wisst ihr ja Bescheid. Man kann nichts berechnen oder einen Ablaufkalender herstellen. Denn unser himmlischer Herr kann jederzeit kommen. Wenn auch alle anderen glauben, sie h\u00e4tten noch viel Zeit, dann ist er pl\u00f6tzlich da und niemand kann ihm ausweichen. Doch ihr, meine Lieben, ihr seid f\u00fcr ihn wach und bereit. Das unterscheidet uns von den anderen. Und uns stehen daf\u00fcr die drei Gottesgaben zur Verf\u00fcgung: n\u00e4mlich der Glaube, die Liebe und die Hoffnung. Schlie\u00dflich hat uns Gott nicht zum Verderben bestimmt, sondern zu einem ewigen Leben.\u201c<\/p>\n<p>A m e n.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfr.i.R. Ulrich Wiesjahn<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:ulrich.wiesjahn@web.de\">ulrich.wiesjahn@web.de<\/a><\/p>\n<p>Langj\u00e4hriger Pfarrdienst in Berlin und Goslar, dazu zust\u00e4ndig f\u00fcr ein Alten- und Pflegeheim. Autor verschiedener theologischer und sch\u00f6ngeistiger Werke und Verfasser des Blogs \u201ekritischfromm.wordpress.com (auch: Der christliche Blogger) zu Fragen des Christentums in der Gegenwart.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIhr dummen kleinen Tage\u201c \u2013 oder: Was ist die Zeit? | Predigt \u00fcber 1.Thessalonicher 5,1-8 | verfasst von Ulrich Wiesjahn | &nbsp; (die Lesung des Textes erfolgt als Paraphrase am Ende der Predigt) &nbsp; Liebe Gemeinde! Liebe Nachdenkliche! Eine sehr geheimnisvolle, oft \u00fcbersehene Frage durchzieht das ganze Neue Testament: Was ist die Zeit? 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