{"id":3663,"date":"2020-11-11T19:45:25","date_gmt":"2020-11-11T18:45:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3663"},"modified":"2020-11-11T19:47:15","modified_gmt":"2020-11-11T18:47:15","slug":"predigt-ueber-lukas-161-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-ueber-lukas-161-8\/","title":{"rendered":"Predigt \u00fcber Lukas 16,1-8"},"content":{"rendered":"<h3>verfasst von Hansj\u00f6rg Biener |<\/h3>\n<p>Predigttext<\/p>\n<p><em>\u201e1 Er sprach aber auch zu den J\u00fcngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2 Und er lie\u00df ihn rufen und sprach zu ihm: Was h\u00f6re ich da von dir? Gib Rechenschaft \u00fcber deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.<\/em><\/p>\n<p><em>3 Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch sch\u00e4me ich mich zu betteln.<\/em><\/p>\n<p><em>4 Ich wei\u00df, was ich tun will, damit sie mich in ihre H\u00e4user aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.<\/em><\/p>\n<p><em>5 Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden f\u00fcr sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6 Der sprach: Hundert Fass \u00d6l. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs f\u00fcnfzig. 7 Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.<\/em><\/p>\n<p><em>8 Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen kl\u00fcger als die Kinder des Lichts.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>(Lukas 16,1\u20138)<\/em><\/p>\n<p>\u201eUnd der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte&#8230;\u201c &#8211; mit diesem merkw\u00fcrdigen Vers geht der Predigttext zu Ende. Es kann sein, dass Jesus einen damals aktuellen Fall vor Augen hatte, den irgendwie jeder kannte. Wir aber brauchen Zusatzinformationen, bis uns dieser Fall vor Augen steht und wir verstehen k\u00f6nnen, worauf Jesus mit seinem Lob zielt. Ich m\u00f6chte deshalb unser Interesse zuerst auf den \u201eungerechten Verwalter\u201c richten, also auf die ersten sieben Verse des Predigttextes. Danach komme ich dann zum achten Vers und der Frage, was Jesus mit seinem Lob f\u00fcr die \u201eKlugheit\u201c der Weltkinder gemeint haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Damit die Grundinformation nicht zu trocken wird, habe ich sie in ein Interview verpackt. Es ist fiktiv, aber an historischen Fakten orientiert. F\u00fcr die Psychologie allerdings bin ich allein verantwortlich.<\/p>\n<p><em><strong>&#8212;eventuell als Szene&#8212;<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Willkommen zu Galil\u00e4a TV. Wir behandeln heute einen Fall, der Schlagzeilen machen wird. Der Verwalter eines gro\u00dfen Landguts ist entlassen worden. Wegen Untreue, wie man h\u00f6rt. Wie es dazu gekommen ist, soll uns der Mann selber schildern. Wir h\u00e4tten gerne beide Seiten geh\u00f6rt, aber der Besitzer des Landgutes hat uns kurzfristig abgesagt. Wichtige Gesch\u00e4fte in Jerusalem. Aber auch so wird das Gespr\u00e4ch mit dem Verwalter bestimmt spannend.<\/p>\n<p>Willkommen in unserer Sendung.<\/p>\n<p>Verwalter: Schalom. Danke auch, dass Sie mir die Gelegenheit geben, meine Sicht der Dinge zu schildern. Die Chance hatte ich bisher nicht.<\/p>\n<p>Moderation: Wie man so h\u00f6rt, hei\u00dfen Sie bei Ihrem Ex-Chef nur noch \u201eder ungerechte Verwalter\u201c. Ich vermute mal, Sie finden das ungerecht, oder?<\/p>\n<p>Verwalter (abgekl\u00e4rt): Ach, wissen Sie, \u201eRecht\u201c und \u201eUnrecht\u201c, das sind gro\u00dfe Worte. Wenn ich mich so umsehe: Recht hat doch der, der seine Anspr\u00fcche durchsetzt. Unrecht hat, wer sich nicht durchsetzen kann. Der Gutsbesitzer hatte sich seine Meinung l\u00e4ngst gebildet, bevor ich etwas erkl\u00e4ren konnte. Insofern \u201eungerecht\u201c. Ja.<\/p>\n<p>Moderation: Immerhin k\u00f6nnen Sie uns alles \u201eerkl\u00e4ren\u201c. Und gewiss werden Sie sich auch meinen Nachfragen stellen.<\/p>\n<p>Verwalter: Gewiss doch. Aber zuerst m\u00f6chte ich Sie etwas fragen: Glauben Sie, dass ein Gro\u00dfgrundbesitzer jemanden als Verwalter anstellt, der als unzuverl\u00e4ssig gilt?<\/p>\n<p>Moderation: Nat\u00fcrlich nicht. Aber manchmal stellt sich erst mit der Zeit heraus, was f\u00fcr einer jemand ist.<\/p>\n<p>Verwalter: Zeit ist ein gutes Stichwort. Die Zeit zeigt, wer man ist und ob man seinen Aufgaben gerecht wird. Die Zeit zeigt auch, ob man mit den Menschen kann und am Ende das Beste f\u00fcr alle herausgeholt hat. Bei uns auf dem Land ist das ein Geben und Nehmen. Von Landgut zu Landgut, aber auch gegen\u00fcber den eigenen P\u00e4chtern, den Handwerkern und den Tagel\u00f6hnern. Wir m\u00fcssen hier zusammenleben, gut zusammenleben, und ich denke, daf\u00fcr habe ich eine Menge getan.<\/p>\n<p>Moderation: Am Ende des Tages hat Ihr Gutsbesitzer Ihr, Zitat, \u201eGeben und Nehmen\u201c offenbar nicht so positiv gesehen wie Sie! Kommen wir mal zu dem Vorwurf, Sie verschleudern fremden Besitz.<\/p>\n<p>Verwalter: Wohlgemerkt: Der Vorwurf lautet nicht Bereicherung! Und Besitz verschleudern? Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Wie kam es wohl, dass ich \u00d6l und Getreide auf Kredit abgeben konnte. Das geht doch nur, wenn \u201emein\u201c Landgut mehr abwirft als andere! F\u00fcr mich war das eine Absicherung f\u00fcr die Zukunft. Nehmen wir an, ich m\u00fcsste sp\u00e4ter \u00d6l und Getreide zukaufen, um die Forderungen des Gutsherrn zu erf\u00fcllen. An welchen Verwalter eines anderen Gutes w\u00fcrde ich mich als ersten wenden? Das k\u00f6nnen Sie mir gewiss sagen.<\/p>\n<p>Moderator (will sich nicht zum Pr\u00fcfling machen lassen): Sagen Sie\u2019s mir.<\/p>\n<p>Verwalter: Das ist doch logisch: Ich gehe zu dem, der mir was schuldet. Mit dem Schuldschein in der Hand habe ich nicht nur ein \u201eAnliegen\u201c, auf das man eingehen kann oder auch nicht. Ich kann sagen: Josef, ich brauche \u00d6l. Micha, ich brauche Getreide. Und ich kann an die Schulden erinnern und erwarten, dass ich bevorzugt bedient werde. Und der Nachlass, den ich auf den Schuldschein gebe, der sichert auch, dass alles fair zugeht.<\/p>\n<p>Moderator: Sie finden also, dass Sie gute Arbeit geleistet haben und dass an dem Vorwurf nichts dran ist.<\/p>\n<p>Verwalter (breit ausf\u00fchrend): Selbstverst\u00e4ndlich! Unter den gegebenen Umst\u00e4nden: Nat\u00fcrlich. Anders als der Besitzer des Landguts lebe ich hier. Ich bin mit dem Schicksal des Landguts und den Menschen pers\u00f6nlich verbunden. Sind die Ernten gut, geht es allen gut. Ist die Ernte schlecht, geht es allen schlecht. Kann ich wirklich zu einem P\u00e4chter sagen: Gib mir eine feste Summe, nur weil der Grundbesitzer das will? Nein, ich habe ja selber miterlebt, wie gut oder schlecht die Ernte bei dem P\u00e4chter ist. Also kann ich h\u00f6chstens einen Anteil nehmen. Und manchmal muss man ganz einfach einsehen, dass die Familie dann nicht \u00fcber die Runden kommt. Das alles sieht ein Gutsbesitzer in der fernen Stadt nat\u00fcrlich nicht. Und \u00fcbrigens: Es gibt auch F\u00e4lle, wo rebellische P\u00e4chter nicht vor einem Mord zur\u00fcckgeschreckt sind. Raten Sie mal, wen es dann trifft. Den Gutsbesitzer etwa?<\/p>\n<p>Moderation: Sie wissen selber, dass das eine rhetorische Frage ist. Noch mal: Ihr Gutsbesitzer hat ihre Art zu wirtschaften offenbar anders gesehen. Warum?<\/p>\n<p>Verwalter: Das ist eben der kleine, aber wichtige Unterschied zwischen Stadt und Land. In der Stadt z\u00e4hlt Geld, auf dem Land das Zusammenleben. Der Besitzer lebt in Jerusalem und nicht bei uns. Er sieht nicht, wie gut oder schlecht die Ernte ist, ob etwas neu gebaut oder gepflanzt werden muss. Ihn interessiert, dass der Laden l\u00e4uft. Ihn interessiert nur, dass regelm\u00e4\u00dfig die Summen f\u00fcr sein Stadtleben kommen.<\/p>\n<p>Moderation: Das ist aber doch ein berechtigtes Anliegen. Immerhin ist er der Besitzer, und Sie sind nur sein Angestellter. Sie sind der Mann, der f\u00fcr ihn anschafft, der f\u00fcr ihn ja oder nein sagt, heuert und feuert. Das ist Ihr Job.<\/p>\n<p>Verwalter: Das ist Stadtdenken. So einfach ist das aber auf dem Land nicht. Ich sehe ein Landgut, das ich in Schuss halten muss. Es sehe Keller und Scheunen, die gef\u00fcllt werden sollen. Ich sehe Mauern, die geflickt werden m\u00fcssen, und Felder, die von Wildschweinen umgepfl\u00fcgt worden sind. Ich sehe \u00d6lb\u00e4ume, die man schneiden und nachpflanzen muss. So ein \u00d6lbaum braucht viele Jahre, bis er Fr\u00fcchte tr\u00e4gt. Kann man das alleine machen? Nat\u00fcrlich nicht. Daf\u00fcr hast du Leute: einige, die fest zu Deinem Haus geh\u00f6ren, einige, denen Du Land verpachtest, und Leute, die Du bei Bedarf vom Marktplatz holst. Und wenn ich ins Dorf komme, sehe ich als erstes das Haus von Jochanan. Es kommt herunter, seit seine Frau gestorben ist. Seine Tochter h\u00e4lt den Haushalt zusammen, so gut sie kann. Der \u00e4lteste Bruder ist der j\u00fcngste unter den Tagel\u00f6hnern. Ich sehe Tagel\u00f6hner, die sich an mich h\u00e4ngen und fordern, dass ich ihnen etwas zu tun gebe. Ich sehe auch Matthias, der kaum noch arbeitsf\u00e4hig ist, und ich sehe seinen flehenden Blick. Immerhin: Er will arbeiten und nicht betteln. Kann ich das einfach so \u00fcbergehen? Ich muss ihm wenigstens manchmal etwas zu tun geben. Aber die anderen wissen, dass sie f\u00fcr ihn mitarbeiten.<\/p>\n<p>Moderation: Ich verstehe, was Sie zus\u00e4tzlich unter guter Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung verstehen wollen. Aber trotzdem: Lassen Sie uns mal auf die Schuldscheine zu sprechen kommen, die offensichtlich eine wichtige Rolle in diesem Konflikt spielen. Das sind ja nun keine kleinen Summen, die aus Gutm\u00fctigkeit f\u00fcr kleine Leute entstehen. Ich habe von zwei Beispielen geh\u00f6rt: Wenn ich richtig recherchiert habe, sind 100 Bath \u00d6l der Jahresertrag von sagen wir 150 \u00d6lb\u00e4umen. Ich will da jetzt nicht hin und her rechnen, ob es 100 oder sogar 200 B\u00e4ume w\u00e4ren. \u00c4hnlich das Getreide. 100 Sack Weizen. Da kann man eine Menge Brot von backen.<\/p>\n<p>Verwalter: Ich denke, ich habe es schon gesagt: Hier geht es um Vorsorge f\u00fcr die Zukunft. Oder glauben Sie, man kann \u00d6l und Getreide ewig aufbewahren. Wenn ich heute \u00d6l und Getreide zu viel habe und kann es gegen Schuldschein abgeben, dann ist das doch gute Haushalterschaft. Wer wei\u00df, ob ich nicht im n\u00e4chsten oder \u00fcbern\u00e4chsten Jahr etwas brauche.<\/p>\n<p>Moderation: Vielleicht muss ich deutlicher nachfragen. Ich habe nicht umsonst diese beiden Schuldscheine angesprochen. Da gab es doch diese Aktion mit dem Schuldenerlass f\u00fcr ihre Gesch\u00e4ftsfreunde. Von au\u00dfen betrachtet, w\u00fcrde ich sagen: Das war doch ziemlich dreist und offensichtlich \u201eungerecht\u201c.<\/p>\n<p>Verwalter (etwas \u00fcberrascht): Woher haben Sie denn das?<\/p>\n<p>Moderation: Ihr Ex-Chef ist heute nicht hier, aber ich habe nat\u00fcrlich auch etwas l\u00e4nger mit ihm gesprochen. Klar, so ein Rechnungsabschluss braucht seine Zeit. Aber dann hat er den Schuldenerlass f\u00fcr Ihre Freunde mitbekommen. Nach dieser Aktion war f\u00fcr ihn endg\u00fcltig klar, was sie f\u00fcr einer sind.<\/p>\n<p>Verwalter (wieder etwas gefasster, vielleicht sogar etwas patzig): Was f\u00fcr einer ich bin, das k\u00f6nnen die Leute zuhause besser beurteilen. Versetzen Sie sich doch mal in meine Lage. Da kommt jemand aus Jerusalem, der hier nicht lebt und sich hier um nichts k\u00fcmmert, und der zieht dich zur Rechenschaft. Aber noch mehr: Im gleichen Atemzug schmei\u00dft er dich raus. Das war ein ziemlicher Schock.<\/p>\n<p>Moderation: Aber der Schock hat nicht lange gehalten.<\/p>\n<p>Verwalter: Nat\u00fcrlich nicht. Daf\u00fcr hatte ich doch gar keine Zeit. Man hat mich vor die T\u00fcr gesetzt. Ich soll den Abschluss machen und muss zugleich an die eigene Zukunft denken. Da geht einem eine Menge durch den Kopf? Kann ich mich als Tagel\u00f6hner verdingen? Kann ich wirklich mit denen konkurrieren, aus denen ich mir fr\u00fcher Leute ausgesucht habe. Ich muss an Matthias denken. Geh\u00f6re ich nicht bald schon zu denen, die eher um Arbeit betteln m\u00fcssen. Bleibt mir am Ende nicht einmal das? Zum Gl\u00fcck ist mir eingefallen, dass ich noch eine Alternative habe: Vertrauen, das ich mir verdient habe, Gesch\u00e4fte, bei denen beide zufrieden waren, Gefallen, an die ich erinnern kann, die sind im Moment mein einziges Kapital. Deshalb habe ich diese letzte Aktion gemacht. Ich hatte ja eh nichts mehr zu verlieren.<\/p>\n<p>Moderation: Und was werden Sie jetzt tun?<\/p>\n<p>Verwalter: Ich ordne meine Angelegenheiten. Vielleicht kann ich f\u00fcrs erste bei jemandem unterkommen. Danach muss man weitersehen. Ein Schritt nach dem anderen. Vielleicht kann ich jemanden \u00fcberzeugen, dass er mich empfiehlt. Ich bin ein guter Mann, egal was man in Jerusalem sagt.<\/p>\n<p>Moderation: Na dann, viel Erfolg. Danke, dass Sie Zeit f\u00fcr uns hatten.<\/p>\n<p><strong><em>&#8212;Ende der Szene&#8212;<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Kehren wir zur\u00fcck in unser Leben. Ein Verwalter, der Rechenschaft \u00fcber seine Arbeit ablegen soll, aber schon wei\u00df, es wird eng. Ein Verwalter, der sich mindestens offiziell keiner Schuld bewusst ist, obwohl man Fragen an seine Amtsf\u00fchrung richten kann. Und doch hat er etwas Sympathisches mit der Idee, dass man leben und leben lassen muss. Ich habe den Gutsverwalter bewusst nicht schwarz-wei\u00df gezeichnet. Wir alle w\u00fcrden ja auch uns selber nicht schwarz-wei\u00df sehen, nicht v\u00f6llig rein, aber auch nicht richtig schlecht. Irgendwo in Graut\u00f6nen, hellgrau wahrscheinlich. Und so kommt der Gutsverwalter uns n\u00e4her.<\/p>\n<p>Denken wir an Situationen von heute. Ein Beispiel aus der Schule. Es spricht sich herum, dass heute der Tag f\u00fcr das Extemporale in Englisch ist. Und eigentlich wei\u00df jeder: Es ist l\u00e4ngst Zeit f\u00fcr diese Probe. Und was macht man: Kann man sich noch schnell krank melden und befreien lassen? Vielleicht ist es daf\u00fcr zu sp\u00e4t. Also legt man das Englisch-Buch auf den Scho\u00df und schaut noch mal die W\u00f6rter an. Nach den Regeln ist das nicht, aber man macht es halt, bis der Reli-Lehrer vorne meckert oder die Mathe-Lehrerin oder wer halt die Stunde vor dem Ex hat. Was ist da besser: Schockstarre und Lamentieren, dass man sicher einen Sechser schreibt, oder Blick ins Schulbuch und Heft? Ein anderes Beispiel. Aus dem Berufsleben das Meeting, das soeben vom Chef f\u00fcr \u00dcbermorgen angesetzt worden ist. Nat\u00fcrlich hat man das Projekt vorangetrieben. So gut, wie das unter den gegebenen Umst\u00e4nden halt geht. Man ist ja auch auf andere angewiesen. Vielleicht h\u00e4tte man mehr Druck machen k\u00f6nnen. Andererseits: Niemand lebt vom Beruf allein, und irgendwann muss auch mal Schluss sein mit der Arbeit. Also mal kurz rumgerufen und die wichtigsten Punkte in eine Pr\u00e4sentation gebracht, die den Fortschritt im besten Licht darstellt.<\/p>\n<p>Zwei Alltagsbeispiele, in denen ein Termin hereinbricht, von dem man wusste, dass er kommt, und wo man wei\u00df, dass die Vorbereitung h\u00e4tte optimaler sein k\u00f6nnen. Zwei Alltagsbeispiele, in denen die ber\u00fchmte Stunde schl\u00e4gt. Jetzt muss man wissen, was man noch tun kann, und jetzt ist es kl\u00fcger, noch etwas zu tun und nicht einfach aufzugeben. Was w\u00fcrde der Jesus unseres Predigttextes zu den beiden Beispielen sagen? Er lobt vielleicht nicht, dass \u201eTim\u201c nachl\u00e4ssig war oder unter der Bank noch lernt, aber er lobt, dass er sich dem Termin stellt und mit ihm die Leons und Lisas, die das auch tun. \u00c4hnlich beim anderen Beispiel: Ich will mal davon ausgehen, dass man im Beruf schon sein \u201em\u00f6glichst Bestes\u201c gibt; und dennoch wei\u00df man auch,&#8230; Jesus lobt vielleicht nicht, dass die Pr\u00e4sentation Probleme kleinschreibt, aber er lobt, dass man sie gemacht hat, denn auch mit diesen Angaben kann man schon etwas anfangen.<\/p>\n<p>Trotzdem bleibt der achte Vers fremdartig, so lange man ihn nur auf den Alltag anwenden will, denn das gelobte kluge Handeln verbiegt ja auch die Regeln. Es wird damit Zeit, auf die Kontrastierung am Ende des Verses einzugehen. Jesus lobt das Geschick der \u201eKinder dieser Welt\u201c, die ganz gut nach den Regeln dieser Welt spielen, und wundert sich, dass sie damit kl\u00fcger sind als die \u201eKinder des Lichts\u201c. Die Perikopenkommission hat Lukas 16 als Predigttext ans Ende des Kirchenjahrs gesetzt. Hier wird traditionell \u00fcber \u201edie letzten Dinge\u201c gepredigt und nachgedacht. Die eigene Endlichkeit kommt in den Blick und auch das Ende der Welt. Und da h\u00e4tten auch wir einen Termin, auf den wir wahrscheinlich nicht wirklich vorbereitet sind, wenn er kommt: \u201eVon dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten\u201c, hei\u00dft es im Glaubensbekenntnis.<\/p>\n<p>Das Thema ist nicht leicht zu bepredigen, zumal in den Volkskirchen, die ein breites Spektrum von Fr\u00f6mmigkeiten in sich zusammenf\u00fchren. Dennoch kommen wir nicht darum herum. Nicht nur weil die Predigtreihen es so vorsehen, sondern weil es biblisch ist. Jesus hat selber in einer Zeit erh\u00f6hter Endzeiterwartung gelebt und hat sie auch selber weitergetragen. Denken Sie nur an die Endzeitpredigt von Johannes dem T\u00e4ufer, der laut Lukas mit Jesus verwandt war und der nach dem Zeugnis der Evangelien auch Jesus getauft hat. Und hat nicht auch Jesus gepredigt, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, selbst wenn er andere Schl\u00fcsse f\u00fcr seinen Predigtstil gezogen hat als Johannes? Der Ruf zur Entscheidung f\u00fcr Gott war ihm nicht fremd, und genau deshalb lobt er die Leute, die Zeichen der Zeit erkennen und entsprechend handeln. Hier wird der ganz profane Kontext einer Rechenschaft \u00fcber Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung zum Anlass der Frage, warum die Menschen nicht auch in einem religi\u00f6sen Sinn klug handeln.<\/p>\n<p>Wir alle wissen, dass ein nahes Ende der Welt ausgeblieben ist. Aber es hat im Lauf der Christentumsgeschichte immer wieder Weltendeprediger gegeben und gro\u00dfe Menschenmengen, die ihnen zugeh\u00f6rt haben. Ich bin Predigern und Predigth\u00f6rern begegnet, denen diese Frage ein ernstes Anliegen war, und ich habe das respektiert. Es ist ja auch eine echte Frage: Was w\u00e4re, wenn du noch heute Rechenschaft \u00fcber dein Leben abgeben m\u00fcsstest. K\u00f6nntest du da bestehen? Mir ist es nicht gegeben, wahlweise zuwider, Menschen zu bedr\u00e4ngen. Ich will mit Menschen nachdenken, sie gewiss auch bewegen, aber eben auch den Raum zum Eigenen lassen. Ich mache mir diesen Stil aber auch deshalb nicht zu eigen, weil die Antwort eigentlich klar ist: Nein. Wir k\u00f6nnten kaum erfolgreich Rechenschaft ablegen. Weil wir vieles nicht mehr wissen, vieles nicht \u00fcberlegt haben, manches nicht gut gemacht haben und auch nicht wieder gut gemacht haben, und manches nicht einfach eine wichtige Erfahrung war, sondern eben richtig schlecht gemacht.<\/p>\n<p>Als Dauerthema ist Gerichtspredigt aus zwei Gr\u00fcnden nicht geeignet. (1) Niemand kann unter dem Druck permanenter Rechenschaft leben, ohne seelischen Schaden zu nehmen. In evangelischen Kirchen wird man sich hier zu allererst an das Beispiel Martin Luther erinnern und dann vielleicht auch aufmerksam werden f\u00fcr j\u00fcngere Fr\u00f6mmigkeitsformen, wo Skrupel und Druck auf die Seele krank machen. Und deshalb sollte man sich immer daran erinnern, wie Martin Luther aus dem Seelendruck heraus kam. So gewiss uns die Frage nach einer Rechenschaft und Lebensbilanz bedr\u00e4ngen kann, so sehr sollten wir uns vor Augen halten, dass Gottes erstes Ziel nicht das Richten, sondern das Zurechtbringen ist. (2) Der ungetreue Verwalter hatte offenbar niemanden, der f\u00fcr ihn sprach. Das Christentum wiederum hat dem dunklen Geschehen am Kreuz und der unerwarteten Auferstehung Jesu eine heilsame Bedeutung abgerungen. Jesus hat sich in die unendliche Differenz gestellt, wer wir sind und wer wir vielleicht sein sollten, und in die unendliche Differenz, wer Gott ist und aus unserer Perspektive sein sollte. Die Grundorientierung des Christentums ist eine Person, kein System von Aussagen \u00fcber das, was richtig und falsch oder \u201egerecht\u201c und \u201eungerecht\u201c ist.<\/p>\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Dr. Hansj\u00f6rg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und derzeit als Religionslehrer am Melanchthon-Gymnasium N\u00fcrnberg t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>verfasst von Hansj\u00f6rg Biener | Predigttext \u201e1 Er sprach aber auch zu den J\u00fcngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2 Und er lie\u00df ihn rufen und sprach zu ihm: Was h\u00f6re ich da von dir? 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