{"id":3673,"date":"2020-11-12T15:35:34","date_gmt":"2020-11-12T14:35:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3673"},"modified":"2020-11-16T15:17:22","modified_gmt":"2020-11-16T14:17:22","slug":"verwalter-der-ungerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/verwalter-der-ungerechtigkeit\/","title":{"rendered":"Verwalter der Ungerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Lukas 16,1-8 | verfasst von Cornelia Coenen-Marx |<\/h3>\n<p>Was f\u00fcr ein Krimi! Fast 13 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer haben am vergangenen Sonntag \u201eLimbus\u201c gesehen. Den Tatort aus M\u00fcnster mit Prof. B\u00f6rne, dem etwas arroganten und selbstverliebten Pathologen, der immer zusammen mit dem bodenst\u00e4ndigen Kommissar Thiel ermittelt. Diesmal allerdings liegt er gleich zu Beginn nach einem schweren Verkehrsunfall im Koma. Und alles, was er jetzt noch sieht und erlebt, spielt au\u00dferhalb seines schwer verletzten K\u00f6rpers. Er nimmt also wahr, was geschieht \u2013 aber er kann nicht mehr eingreifen. Er sieht, was schief l\u00e4uft &#8211; aber er kann es nicht mehr \u00e4ndern. Da ist der Hochstapler, der sich als Arzt ausgibt, ihn in der Pathologie vertritt, nicht der angek\u00fcndigte Bekannte, sondern ein Fremder. Er wei\u00df es und kann ihn doch nicht \u00fcberf\u00fchren &#8211; nicht einmal, als er seine Assistentin fast ermordet. Es f\u00fchrt kein Weg aus dem Limbus, der Vorh\u00f6lle, wo der B\u00f6rne noch um sein Leben k\u00e4mpft, in den Alltag der anderen. Dass er mit dem Teufel sprechen kann, der aussieht wie Kommissar Thiel, das nutzt ihm nicht viel. Denn der ist auch nur der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer b\u00fcrokratischen Verwaltung. Mit allen Unvollkommenheiten, Fehlern und kleinen Fluchten.<\/p>\n<p>Beim Zusehen dachte ich an Jesu Gleichnis von Lazarus, dem obdachlosen Bettler und dem reichen Mann, der ihn immer \u00fcbersehen hatte und schlie\u00dflich selbst in der H\u00f6lle landet \u2013 mit Schmerzen, Angst und furchtbarem Durst. Als er endlich begreift, wohin sein Lebensstil f\u00fchrt, ist es zu sp\u00e4t. Am Ende m\u00f6chte er wenigstens seine Verwandten warnen, damit sie ihr Leben \u00e4ndern. Aber die Zeit ist abgelaufen, die T\u00fcr ist zu. Es gibt kein Hin\u00fcber und Her\u00fcber zwischen den Lebenden und den Toten.<\/p>\n<p>Der Tatort \u00fcber die Vorh\u00f6lle hat viel positive Resonanz bekommen. Und ich glaube, das ist kein Zufall.\u00a0 Denn auch heute f\u00fchlen sich viele wie ohnm\u00e4chtige Zuschauer einer b\u00f6sen Geschichte. Wir ahnen, was da geschieht, hat mit uns und unserem Lebensstil zu tun &#8211; aber wir wissen nicht, \u00a0ob sich noch etwas drehen l\u00e4sst. Klar ist nur: \u00a0So kann es nicht weiter gehen. Ich denke an den Klimawandel, die stetige Erw\u00e4rmung, St\u00fcrme und Orkane, die \u00dcberflutung der K\u00fcsten. An die Politik von Donald Trump, der aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen ist und viele Gesetze r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht hat. Viele haben aufgeatmet am letzten Wochenende: So konnte es nicht weitergehen \u2013 aber l\u00e4sst sich das alles noch aufhalten? Die Zerst\u00f6rung der Erde, die korrupte Politik?<\/p>\n<p>Um Korruption geht es auch in dem Gleichnis aus Lukas 16, das heute Predigttext ist. Manche kennen es unter der \u00dcberschrift: \u201eVom ungerechten Verwalter\u201c. Ich lese <strong>Lukas 16, 1- 8.<\/strong><\/p>\n<p><em>1 Er sprach aber auch zu den J\u00fcngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2 Und er lie\u00df ihn rufen und sprach zu ihm: Was h\u00f6re ich da von dir? Gib Rechenschaft \u00fcber deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. 3<\/em><\/p>\n<p><em>Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch sch\u00e4me ich mich zu betteln.\u00a04\u00a0Ich wei\u00df, was ich tun will, damit sie mich in ihre H\u00e4user aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.\u00a05\u00a0Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden f\u00fcr sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?\u00a06\u00a0Der sprach: Hundert Fass \u00d6l. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs f\u00fcnfzig.\u00a07\u00a0Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.<\/em><\/p>\n<p><em>8\u00a0Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen kl\u00fcger als die Kinder des Lichts.<\/em><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Krimi \u2013 auch das. Es geht um die drohende K\u00fcndigung. Von heute auf morgen steht der Verm\u00f6gensverwalter, um den es hier geht, vor dem Nichts. Er sieht sich schon auf der Stra\u00dfe &#8211; ohne Einkommen, ohne Wohnung, ohne irgendwelche Sicherheiten. Was ihm noch bliebe: betteln oder graben, Hartz IV oder Arbeit auf dem Bau, das kann er sich nicht vorstellen. Diese Angst vor dem Absturz kennen nicht wenige. Es ist die Angst vor dem Nichts, dem sozialen Tod. Das ist er selbst schuld, sagen Sie vielleicht. Er hat doch offenbar nicht sauber gespielt!\u00a0 Ich f\u00fcrchte, so einfach ist es nicht.\u00a0 Denn es ist gar nicht klar, ob er Unrecht getan hat \u2013 oder ob er nur von anderen angeschw\u00e4rzt wurde. Klar ist nur: Das Vertrauensverh\u00e4ltnis zu seinem Chef ist zerst\u00f6rt. Er wird gehen m\u00fcssen, auch wenn er sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Denn das Gesch\u00e4ft lebt von der engen Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Gro\u00dfgrundbesitzer, der weit entfernt lebt. Seine Aufgabe ist die gewinnbringende Verpachtung des Landes. Zinsen durfte man im alten Israel nicht nehmen \u2013 und so rechnete man die Rendite in Naturalien um. Meist in Weizen und \u00d6l. Eigentlich war das illegal \u2013 aber das k\u00fcmmerte niemanden. Niemanden au\u00dfer den P\u00e4chtern, die am Ende die Schuldlast trugen.<\/p>\n<p>Mich erinnert das die heutigen Immobiliengesch\u00e4fte. Auch da sind die Eigent\u00fcmer oft weit weg &#8211; irgendwo in Russland oder in Belgien, in Skandinavien oder China. Sie verdienen an steigenden Wohnungspreisen. Die Altmieter, die nicht mehr zahlungskr\u00e4ftig sind, werden nach und nach herausgedr\u00e4ngt. Und die Manager bei den Wohnungsbauunternehmen treiben die Prozesse voran. Entmieten, Renovieren, teurer vermieten. Es ist ein Elend \u2013 und viele empfinden es als gro\u00dfes Unrecht. Damals wie heute.\u00a0 Wenn man sich die griechische \u00dcberschrift zu unserem Gleichnis genauer anschaut, kommt ins Nachdenken. Denn da steht nicht:\u00a0 \u201e Der ungerechte Verwalter\u201c, sondern \u201e Der Verwalter der Ungerechtigkeit\u201c. Denn nichts an dieser Landverpachtung war gerecht. Korrupt war auch der Eigent\u00fcmer. Nur wusch bislang eine Hand die andere; jetzt aber l\u00e4sst er den Verwalter fallen.<\/p>\n<p>Ein kleines Zeitfenster bleibt noch &#8211; und das nutzt der Mann, um sich zu retten. Wenn er am Ende nicht auf der Stra\u00dfe sitzen will, braucht er Menschen, die ihm wohlgesonnen sind. Und so kommt der Verwalter auf eine clevere Idee: Er wechselt die Fronten und erl\u00e4sst den P\u00e4chtern die ohnehin verbotene Zinslast. Sie sollen nicht mehr zahlen, als j\u00fcdisches Recht ist. Vielleicht erinnern sie sich daran, wenn er Hilfe braucht. So l\u00e4sst er die P\u00e4chter ihre Schuldscheine neu ausstellen \u2013 niemand wird ihm etwas nachweisen k\u00f6nnen. Aber der Eigent\u00fcmer wird keinen Gewinn machen. Eine Hand w\u00e4scht eben die andere &#8211; nur diesmal sind es die Schuldner, mit denen er paktiert. Respekt, m\u00f6chte man denken, f\u00fcr so viel kriminelle Energie. Wenn es ein Krimi w\u00e4re jedenfalls.<\/p>\n<p>Im normalen Leben f\u00e4nden wir den Mann wahrscheinlich nicht sympathisch &#8211; schlie\u00dflich hat er wieder nur seinen Vorteil gesucht. Aber erstaunlicherweise lobt ihn auch der Herr f\u00fcr seine Chuzpe. F\u00fcr die Entschlossenheit, mit der er handelt, daf\u00fcr, wie er die Dinge dreht. Oder ist es sogar Jesus, der ihn lobt? Der Herr, der die ganze Geschichte erz\u00e4hlt? Ein moralisches Vorbild ist der Mann nicht, oder? Aber er versucht, in einer ungerechten Welt das Beste herauszuholen, ehe alles zugrunde geht. F\u00fcr sich und f\u00fcr seine Schuldner. Er nutzt die Zeit, die ihm bleibt, um zu \u00e4ndern, was in seiner Macht steht.<\/p>\n<p>Vielleicht erinnern Sie sich an Oskar Schindler, den Fabrikbesitzer, der im Dritten Reich viele seiner j\u00fcdischen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor dem KZ gerettet hat. Er hat dabei kr\u00e4ftig mit den Nazis paktiert; eine reine Weste hatte er nicht. Trotzdem nennt ihn Yad Vashem einen Gerechten unter den V\u00f6lkern. Weil er die Schlupfl\u00f6cher gesucht hat, die Handlungsspielr\u00e4ume, die es noch gab in diesem zutiefst menschenverachtenden System. Es geht nicht darum, eine Lichtgestalt zu werden &#8211; mit wei\u00dfer Weste und ohne Fehl und Tadel. Es geht darum, mitten in dieser Welt zu tun, was m\u00f6glich ist. Nicht perfekt, aber entschlossen. Die Chance zum Handeln zu ergreifen, trotz allem.<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr den Klimawandel. Oder im Blick auf Corona. Auch da m\u00fcssen wir Priorit\u00e4ten setzen, selbst wenn wir uns \u00fcber den Erfolg nicht sicher sind. \u201eWir werden einander am Ende viel zu verzeihen haben\u201c. Der viel zitierte Satz von Gesundheitsminister Spahn, zeigt die Spur: Da ist keiner mit wei\u00dfer Weste, keiner, der nicht auf Erbarmen angewiesen ist. Aber gerade deshalb gilt: Wir sind nicht nur Opfer der Geschichte &#8211; wir k\u00f6nnen etwas tun.<\/p>\n<p>Heute, am Volkstrauertag, denken wir an die, die tats\u00e4chlich Opfer der Geschichte wurden. Die Toten der beiden\u00a0 Weltkriege, die Opfer der Diktaturen, die Toten der Pandemie. All die bekannten und unbekannten Namen. Viele von ihnen h\u00e4tten nicht so fr\u00fch sterben m\u00fcssen, wenn andere den Mut gehabt h\u00e4tten, zu handeln. Statt einfach nur mitzumachen.<\/p>\n<p>Es gibt ein Bild von Paul Klee, das Angelus Novus hei\u00dft. \u201eEin Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als w\u00e4re er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Fl\u00fcgel sind aufgespannt.\u201c<\/p>\n<p>Mit diesen Worten beginnt der j\u00fcdische Philosoph Walter Benjamin einen seiner ber\u00fchmtesten Texte. Das Bild, von dem er spricht, eine kleine aquarellierte \u00d6lzeichnung auf br\u00e4unlichem Papier, hing in seinem Berliner Arbeitszimmer und begleitete ihn sp\u00e4ter auch ins Exil. \u201eDer Engel hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unabl\u00e4ssig Tr\u00fcmmer auf Tr\u00fcmmer h\u00e4uft\u201c, schreibt Benjamin. \u201eEr m\u00f6chte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenf\u00fcgen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Fl\u00fcgeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schlie\u00dfen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den R\u00fccken kehrt, w\u00e4hrend der Tr\u00fcmmerhaufen vor ihm zum Himmel w\u00e4chst.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Bild. Da muss einer hilflos zusehen, wie die Welt zerst\u00f6rt wird. Wie eine traumwandelnde Politik den ersten Weltkrieg ausl\u00f6st. Wie die Demokraten die Weimarer Republik zerst\u00f6ren lassen. Wie Nazis Menschen in die Flucht schlagen, Leben vernichten. Wie unser Klima umkippt, wie die Artenvielfalt schwindet \u2013 eine einzige Katastrophe nennt Benjamin die Geschichte. Sein Engel kann nur zusehen, kann nichts tun- und das schmerzt. Er lebt in einer anderen Dimension, so wie Prof. B\u00f6rne im Limbus \u2013 in einem Zwischenreich zwischen Himmel und Erde.<\/p>\n<p>Wir aber sind noch auf der Erde. Wir leben noch. Deswegen spricht Jesus uns direkt an. Selbst dieser korrupte Verwalter kann noch etwas \u00e4ndern, er kann etwas tun. Noch ist Zeit; keinem von uns sind die H\u00e4nde gebunden, keiner ist zu verwickelt, um ein Zeichen der Freundschaft zu setzen, ein Zeichen des Lebens. Der Verwalter tut das alles, damit die anderen ihn in ihre H\u00e4user aufnehmen. In die ewigen H\u00fctten, hei\u00dft es in \u00e4lteren \u00dcbersetzungen. Das ist ein sch\u00f6nes Bild f\u00fcr eine Welt, in der wir einander nicht ausbeuten und \u00fcbers Ohr hauen, sondern freundlich zusammenleben. Wo wir wirklich gute Haushalter sind. Keine Angst, noch ist es nicht zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Cornelia Coenen-Marx zum 15.11.2020<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Walter Benjamin, \u00dcber den Begriff der Geschichte<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Lukas 16,1-8 | verfasst von Cornelia Coenen-Marx | Was f\u00fcr ein Krimi! 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