{"id":3679,"date":"2020-11-14T14:51:49","date_gmt":"2020-11-14T13:51:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3679"},"modified":"2020-11-14T14:55:43","modified_gmt":"2020-11-14T13:55:43","slug":"offen-fuer-grenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/offen-fuer-grenzen\/","title":{"rendered":"Offen f\u00fcr Grenzen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jesaja 1, 10-18 | verfasst von Markus Kreis|\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wozu allgemeine religi\u00f6se Feiertage? Nun &#8211; jeder braucht mal eine Pause, selbst Gott. Am siebten Tag war Schicht im Schacht f\u00fcr ihn. Was sich der ewige Sch\u00f6pfer g\u00f6nnt, das g\u00f6nnt er seinen Gesch\u00f6pfen. Zumal sie, anders als er, nur \u00fcber begrenzte Kr\u00e4fte verf\u00fcgen. Auch sie d\u00fcrfen regelm\u00e4\u00dfig ruhen &#8211; jeden siebten Tag.<\/p>\n<p>Das Feiertagsruhegebot zeigt: Der ewige Gott und Sch\u00f6pfer begrenzt sich. Er kennt seine Grenzen. H\u00e4lt sich an sie. Und gibt sie sogar preis. Bekennt sich zu ihnen, \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>Vier Dinge, die Menschen schwerfallen. Erstens: Das, was man sich selbst herausnehmen kann, begrenzen. Die eigenen Grenzen und Schw\u00e4chen kennen \u2013 wer kann sich da seiner selbst sicher sein? Selbst wenn wir unsere Grenzen und Schw\u00e4chen kennen w\u00fcrden \u2013 w\u00fcrden wir uns an unser Wissen halten? Unsere Grenzen nicht \u00fcberschreiten? Unsere Schw\u00e4chen nicht \u00fcberspielen? Ganz zu schweigen davon, Grenzen und Schw\u00e4chen \u00f6ffentlich preis zu geben. Vier heikle Dinge.<\/p>\n<p>Heikel, da es verschieden starke Menschen gibt. Fast jeder taxiert seine Mitmenschen nach Schw\u00e4che und St\u00e4rke. Um seine eigene Position zu finden. Um heraus zu bekommen, wer einem \u00fcberlegen oder unterlegen ist. Und ob man den Ball eher flach halten soll. Oder ob man Anspr\u00fcche stellen kann.<\/p>\n<p>Ein ewiges Hin und Her. Einige merken dann, dass sie vielen Menschen \u00fcberlegen sind. Manche dieser Starken werden von Schw\u00e4cheren angehimmelt, teils ohne es zu wollen. Vielleicht \u00fcbersch\u00e4tzen die Starken ihre Macht deswegen. Doch der st\u00e4rkste und m\u00e4chtigste Mensch ist unendlich schwach gegen\u00fcber Gott. Das sollten Schwache und Starke sich immer wieder klar machen.<\/p>\n<p>Die Feiertagsruhe erinnert daran. Sie ist der gro\u00dfe Gleichmacher unter den Menschen. Vor Gott sind alle Schw\u00e4chlinge, auch die St\u00e4rksten und M\u00e4chtigsten, die Besten. Wer die Feiertagsruhe abschaffen will, der best\u00e4rkt das Machtgef\u00e4lle. Die verschieden verteilte Macht, die sowieso unter den Menschen herrscht. Der l\u00e4sst Misstrauen aufkeimen. Der leistet dem Verdacht Vorschub: Die Starken und M\u00e4chtigen, die kennen keine Grenzen mehr. Deshalb: her mit der allgemeinen Feiertagsruhe!<\/p>\n<p>Wer die Feiertagsruhe h\u00e4lt, der zeigt: Ich habe Grenzen und darf sie haben. Denn Gott wei\u00df darum und gleicht das in Ruhe aus: meine Fehler und meine Schw\u00e4chen. Und jeder meiner N\u00e4chsten hat Grenzen und darf sie haben. Denn Gott wei\u00df darum und gleicht das in Ruhe aus: dessen Fehler und Schw\u00e4chen. Wer feiertags die Ruhe bewahrt, der zeigt: Gott gleicht jegliche Fehler und Schw\u00e4chen der Menschen aus. Gott begleicht, was dem Menschen fehlt.<\/p>\n<p><em>Jes.1,10 H\u00f6ret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unseres Gottes, du Volk von Gomorra! 11 Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastk\u00e4lbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der L\u00e4mmer und B\u00f6cke. 12 Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir \u2013 wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? 13 Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das R\u00e4ucherwerk ist mir ein Gr\u00e4uel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! 14 Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin&#8217;s m\u00fcde, sie zu tragen. 15 Und wenn ihr auch eure H\u00e4nde ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, h\u00f6re ich euch doch nicht; denn eure H\u00e4nde sind voll Blut. 16 Wascht euch, reinigt euch, tut eure b\u00f6sen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom B\u00f6sen! 17 Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdr\u00fcckten, schafft den Waisen Recht, f\u00fchrt der Witwen Sache! 18 So kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure S\u00fcnde auch blutrot ist, soll sie doch schneewei\u00df werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden.<\/em><\/p>\n<p>Jesajas Publikum h\u00e4lt sich ans Feiertaggebot. Und zeigt sich im Feiern offen f\u00fcr Gottes Hilfe (siehe <em>Vers 15<\/em>). Alles Volk will sich seine Grenzen und Schw\u00e4chen von Gott begleichen lassen. Aber irgendwas scheint nicht in Ordnung zu gehen. Jesaja l\u00e4sst eine Beschimpfung vom Stapel:<\/p>\n<p>Einige Leute treiben ein doppeltes Spiel. Sind nicht vorne wie hinten. Predigen Wasser, trinken Wein. Nutzen ihre starke Position aus, um Schw\u00e4chere zu unterdr\u00fccken. Einige Starke feiern dem Gebot nach. Und tun nach au\u00dfen kund, sich Gott zu unterstellen \u2013 ihrer Macht unter den Menschen zum Trotz. Weil selbst die St\u00e4rksten und M\u00e4chtigsten vor Gott Schw\u00e4chlinge sind.<\/p>\n<p>In Wahrheit jedoch bauen sie ihre St\u00e4rke und Macht zu ihrem Vorteil aus. Gewinnen noch mehr Macht. Lassen Schw\u00e4chere sich noch schw\u00e4cher f\u00fchlen. Dr\u00fccken sie in die Ohnmacht. Das widerspricht eindeutig Gottes Absicht.<\/p>\n<p>Wir haben vorhin dazu geh\u00f6rt: Gott hat sein Schaffen begrenzt. Er macht nicht endlos weiter. Macht nicht irgendwas weiter. Gott hat mit seinem Schaffen zugleich seine Ziele eingegrenzt. Und das hei\u00dft: Er bietet seinen Gesch\u00f6pfen einen Vertrag an. Bindet sich an ihr Wohl. Sagt: Ihr bekommt f\u00fcr euer begrenztes Leben &#8211; Leben aus meiner Ewigkeit.<\/p>\n<p>Im Gegenzug haltet ihr Euch an meine Gebote. Und das schlie\u00dft mit ein: Das zwischen uns, das ist ein Exklusivvertrag! Ich bin der Herr, dein Gott, ich allein! Zweitens: Unterstellt mir nicht, dass ich mit dem Vertrag andere, fiese Absichten verfolge als die genannten! Missbrauche nicht meinen Namen! Drittens: Geht gescheit mit mir um! Feiertagsgebot. Viertens: Geht gescheit miteinander um! Die \u00fcbrigen der zehn Gebote also.<\/p>\n<p>Ein Vertrag &#8211; wie unter Gleichen. Obwohl Gott eindeutig st\u00e4rker und m\u00e4chtiger ist als seine Gesch\u00f6pfe. Also keine heilige Mafia. Kein Schutzgeldvertrag. Bei dem ein Starker einen Schwachen erpresst. Da spielt der Starke dem Schwachen die Hilfe nur vor, wenn der ihm etwas zahlt. Denn der Schwache zahlt in Wahrheit daf\u00fcr, dass ihm der Starke nicht Gewalt antut. Wenn er dem Starken nicht zahlt, wird er \u00fcbel zugerichtet.<\/p>\n<p>Vielleicht sind Starke und M\u00e4chtige gar nicht so eingebildet. Und halten sich tats\u00e4chlich f\u00fcr schwach gegen\u00fcber Gott. Dabei verstehen sie Gott als eine Art Mafiapate. Als Schutzgelderpresser. Wenn sie per Feiertagsruhe und guter Tat gezahlt haben, dann glauben sie: Jetzt kann ich mir alles gefahrlos erlauben. Gott ist aber kein Schutzgelderpresser. Er richtet niemanden \u00fcbel zu. Vom Kreuz mal abgesehen. Er will nicht solche Opfer und religi\u00f6se Taten.<\/p>\n<p>Um im Bild zu bleiben: Gott zahlt Geld. Gott will und tut also das Gegenteil. Gott zahlt L\u00f6segeld. Gott will Schwache und Starke aus diesem Verh\u00e4ngnis befreien. Gott gibt tats\u00e4chlich ab von seiner ewigen Macht. An die Schwachen von seinem Mut und Verstand \u2013 damit sie sich weniger dumm oder machtlos f\u00fchlen. Die Schwachen sind bei unserem Jesajatext jedoch nur indirekt im Blick. Der Prophet schaut auf die Starken und M\u00e4chtigen. Hat die Elite im Visier.<\/p>\n<p>Gottes Begleichen wirkt auch bei den M\u00e4chtigen. Er beh\u00e4lt Recht gegen\u00fcber den Starken: Zuerst beim Debattieren mit ihnen. Das kann in \u00f6ffentlicher Diskussion geschehen. Oder unter vier Augen. \u00a0Oder mit sich allein, im inneren Zwiegespr\u00e4ch. In all diesen Lagen wird das wirklich. Und dann auch im Wirken seines Rechts.<\/p>\n<p>Aus Rot soll Wei\u00df werden. Aus einem Urteil infolge Grenzverletzung wird ein unbeschriebenes Blatt. Kein Starker bereut, dass er seine \u00dcbermacht doch nicht ausspielt. Kein M\u00e4chtiger bedauert, dass er seine Beziehungen nicht spielen l\u00e4sst. Au\u00dfer der einen zu Gott.<\/p>\n<p>Da wei\u00df die Bibel einiges zu nennen. Zum Beispiel das Gespr\u00e4ch Davids mit dem Propheten Nathan. Nach der Aff\u00e4re mit der Gattin seines Offiziers. Den er deswegen \u00fcber die Klinge hat springen lassen. Du bist der Mann. Nathan erz\u00e4hlt von der \u00dcbeltat eines reichen Schafhirten. Die David als rechter K\u00f6nig glattweg verurteilt. Nur, um zu h\u00f6ren und zu erkennen: Nathan meint mich. Ich bin der \u00fcble Schafhirt. Das hat gesessen! David bereut. Nimmt hin, was Gott ihm in Zukunft auferlegt. Vielleicht hat David sogar Psalm 51 danach geschrieben.<\/p>\n<p>Es geht aber nicht nur um die gro\u00dfen M\u00e4chtigen. Die Bibel kennt auch die Macht der kleinen Leute. Die sind wurfbereit. Damals mit Steinen. Heute eher mit Hass, Vorw\u00fcrfen. Im Internet eben noch Love Bombing &#8211; jetzt Shitstorm. Mobbing in Text und Bild. Wer von Euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!<\/p>\n<p>Wer hat sich noch nicht heimlich geg\u00f6nnt, wenn er die Chance hatte? Wer hat noch nicht seine Machtgrenzen \u00fcberschritten &#8211; gut versteckt und anonym? Wer hat noch nicht andere genau dieser Sachen verd\u00e4chtigt? Weil er insgeheim wei\u00df, dass er es selbst \u00e4hnlich machen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Gott r\u00fchrt die Gewissen der Starken und M\u00e4chtigen. Wirkt in ihnen t\u00e4tige Reue. Gott sorgt mit seinen Worten, dass die Starken sich weniger rausnehmen. Ihre Macht von sich aus begrenzen. Ihre St\u00e4rke zu guten Zwecken nutzen. Offen sind f\u00fcr Grenzen. Offen f\u00fcr einen neuen Umgang mit denen ohne Macht und Einfluss. Offen f\u00fcr die Grenzen, die Gottes unendliche Macht mit sich bringt. Aus Rot wird Wei\u00df. Gott begrenzt die gr\u00f6\u00dfte Schuld. Und er\u00f6ffnet so, mit neuen Grenzen neu anzufangen. Amen.<\/p>\n<p>OStR Markus Kreis, D-69469 Weinheim, markus-kreis@t-online.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jesaja 1, 10-18 | verfasst von Markus Kreis|\u00a0 Wozu allgemeine religi\u00f6se Feiertage? Nun &#8211; jeder braucht mal eine Pause, selbst Gott. Am siebten Tag war Schicht im Schacht f\u00fcr ihn. 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