{"id":3786,"date":"2020-12-02T19:46:10","date_gmt":"2020-12-02T18:46:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3786"},"modified":"2020-12-02T19:48:33","modified_gmt":"2020-12-02T18:48:33","slug":"trost-und-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/trost-und-hoffnung\/","title":{"rendered":"Trost und Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lukas 21,25-36 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Bisch\u00f6fin Marianne Christiansen |\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>\u201dDenn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben\u201d (R\u00f6mer 15,4).<\/p>\n<p>So schrieb Paulus an die r\u00f6mische Gemeinde: \u201eDer Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr eintr\u00e4chtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus entspricht\u201c. Eine Aufforderung an die Christen in Rom, die ganz unterschiedlicher Herkunft waren, mit unterschiedlichen Sitten und verschiedenen \u00dcberzeugungen. Einige kannten die Schriften, also das Alte Testament, andere nicht. Paulus \u00f6ffnet die Bedeutung der Schriften f\u00fcr sie, indem er sagt: \u201eWas zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben\u201c \u2013 nicht damit wir einander bekriegen und einschlagen, weil wir verschieden sind. Was sie lernen sollen, ist dies, dass sie einander annehmen und tr\u00f6sten und unterst\u00fctzen, wie Christus uns das gezeigt hat. Was wir aus den Schriften lernen k\u00f6nnen, ist Trost und Hoffnung.<\/p>\n<p>Das ist ein guter Ausgangspunkt f\u00fcr das heutige St\u00fcck aus dem Lukasevangelium. Das ist 50 Jahre nach Paulus geschrieben, zu einem Zeitpunkt, wo die christlichen Gemeinden vielerorts verfolgt wurden. Auch Lukas schreibt die Geschichte Jesu nieder, um Trost und Hoffnung zu bringen \u2013 f\u00fcr die Verfolgten und die Nachwelt. Das Schreiben selbst ist ein Ausdruck der Hoffnung: Da ist etwas, was erz\u00e4hlt werden muss, und die Hoffnung ist, dass das jemand k\u00fcnftig lesen wird.\u00a0 Deshalb schreiben wir Dinge nieder \u2013 wenn das nicht nur eine Ged\u00e4chtnisst\u00fctze f\u00fcr uns selbst ist. Briefe f\u00fcr die Zukunft. So m\u00fcssen sich Lukas und die anderen Evangelisten das gedacht haben: Ich will sie niederschreiben, die Geschichte von Jesus, die ich selbst geh\u00f6rt habe von Menschen, die ich kenne. Ich will schreiben, so dass jemand, den ich noch nicht kenne, vielleicht weit weg, das k\u00fcnftig lesen und mit sich nehmen kann. Denn die Geschichte bringt Trost und Hoffnung. Und Trost und Hoffnung soll die Schrift in die Zukunft weitertragen.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck aus dem Lukasevangelium, das wir gerade geh\u00f6rt haben, ist ein Auszug aus einem Gespr\u00e4ch zwischen Jesus und seinen J\u00fcngern in Jerusalem in den letzten Tagen vor seinem Tod. Sie befinden sich im Herzen Jerusalems in der N\u00e4he des Tempels, und Jesus hat sie gerade auf eine arme Witwe aufmerksam gemacht, die ganz unbemerkt von anderen ihre Gabe im dem Sammelkasten des Tempels gelegt hat. Sie gab mehr als all die, die von ihrem \u00dcberfluss gaben, sagt Jesus, denn sie gab von ihrer Armut alles, was sie zu zum Leben hatte. Aber die J\u00fcnger haben offenbar mehr Blick f\u00fcr die Sch\u00f6nheit und den Reichtum des Tempels als f\u00fcr die arme Witwe. Lautstark bewundern sie die Gr\u00f6\u00dfe des Tempels, aber Jesus sagt: \u201eWas ihr seht, dass wird fallen \u2013 es werden Tage kommen, wo kein Stein auf dem anderen bleibt. Alles wird fallen\u201c \u2013 Und dann fragen die J\u00fcnger: Wann? Wie k\u00f6nnen wir wissen, wann die Zerst\u00f6rung kommt?\u201c Und dann kommt die lange Rede dar\u00fcber, wie alles, nicht nur Jerusalem, wo die ganze Welt untergehen wird. Da werden Zeichen in Sonne und Mond und Sternen geschehen, und das wird Angst sein und Untergang.<\/p>\n<p>Das war f\u00fcr die Zuh\u00f6rer Jesu oder die Leser des Lukas so gesehen nichts Neues, dass die Welt untergehen wird. Die ganze Zeit, in der sie lebten, war \u2013 wie unsere eigene Zeit \u2013 vom Gedanken an den Untergang der Welt gepr\u00e4gt. Eine apokalyptische Zeit. Apokalypse bedeutet eigentlich Offenbarung, dass etwas aufgedeckt und offenbar wird. Nachgerade wird es offenbar und deutlich, wie alles zusammenh\u00e4ngt und endet.<\/p>\n<p>Das war nicht neu, dass die Welt untergehen w\u00fcrde. Das Neue in den Worten Jesu ist der Trost, die Hoffnung: \u201eWenn aber dieses anf\u00e4ngt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure H\u00e4upter, weil sich eure Erl\u00f6sung naht\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend alles zusammenbricht, sollt ihr eure H\u00e4upter erheben und hoffen. Denn das Reich Gottes ist nahe. Der Menschensohn kommt, wenn alles zusammenst\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Das ist der Trost, und das ist die Hoffnung, das ist das Neue, und eben dies ist der Anlass daf\u00fcr, dass Lukas es niederschreibt \u2013 um den Trost und die Hoffnung weiterzugeben.<\/p>\n<p>Es ist ja nicht besonders gem\u00fctlich, in dieser sch\u00f6nen Adventszeit mit Weihnachtsvorbereitungen vom Weltuntergang zu h\u00f6ren. Als h\u00e4tten wir nicht t\u00e4glich genug zu f\u00fcrchten. Aber an jedem zweiten Advent werden wir daran erinnert, dass die Zeit ihrem Ende entgegengeht. Das bedeutet, dass die Zeit, in der wir gerade jetzt leben, kostbar ist und nicht vergeudet werden soll. Und das bedeutet, dass die Erwartung darauf, wie alles endet, ein Licht oder einen Schatten auf das Leben wird, das wir jetzt leben: Sind wir auf dem Wege zu W\u00fcste und Leere, oder sind wir auf dem Wege zum Fest, dem Weihnachtsfest, dem Reich Gottes? Oder besser gesagt:\u00a0 Was ist der Sinn des Lebens? Diese Frage taucht immer auf und soll stets auftauchen, wenn wir daran erinnert werden, dass die Zeit, wir, alles, was wir kennen, ein Ende hat.<\/p>\n<p>Advent bedeutet Kommen \u2013 und was ist es, das kommt in der Zukunft, auch die ultimative Zukunft, wenn alles aus ist?<\/p>\n<p>Wir leben auch in apokalyptischen Zeiten. Wir befinden uns mitten in der Klimakrise, die\u00a0 vielleicht nicht bedeutet, dass die Erden untergeht, sie wird das wohl \u00fcberstehen, die aber viele von den Lebensformen, die uns vertraut sind, und unsere eigenen Lebensbedingungen bedroht. Und wir sind an der Zerst\u00f6rung selbst schuld. \u2013 Wir befinden uns mitten in einer Pandemie, die uns ganz deutlich zeigt, dass wir\u00a0 als Menschen auf der ganzen Erde der gleichen Bedrohung ausgesetzt sind, die aber auch die Furcht vor einander hervorruft, die Furcht vor Ansteckung und wirtschaftlichem Niedergang. Pandemien bedeuten stets Furcht vor dem Untergang. Wir sind Zeugen, wie die Welt der Menschen \u00fcberall zusammenbricht, so dass sie fliehen m\u00fcssen und ihr Leben von Krieg und Flammen oder Verarmung bedroht sehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns, die zurzeit nicht betroffen sind von der Welle des Krieges und des Untergangs, ist es die Furcht, aber auch die Faszination des Untergangs, des Weltuntergangs \u2013 im Film, in Computerspielen und in B\u00fcchern. Solange wir glauben k\u00f6nnen, dass das ein Film ist, was anderen Menschen auf der Welt widerf\u00e4hrt, k\u00f6nnen wir es auf Abstand halten. Man kann mit der Furcht Geld verdienen.<\/p>\n<p>Und immer wird die Frage gestellt: Wann? Wann geht alles unter? Wann muss ich selbst sterben? Und w\u00e4re es nicht besser, wenn ich den Zeitpunkt selber bestimmen k\u00f6nnte? Alles aus Furcht. Wann wird all dies geschehen, fragen die J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Aber Jesus weist sie und uns weg von dieser Frage:<\/p>\n<p>Ihr sollt nicht nach dem Wann fragen, sagt er den J\u00fcngern und uns. Ihr sollt leben als Menschen, die auf das Reich Gottes warten \u2013 und das Reich Gottes ist Gerechtigkeit und Friede und Freude.<\/p>\n<p>Das bedeutet, dass wir leben, suchen und arbeiten sollen f\u00fcr die Gerechtigkeit und den Frieden und die Freude unter den Menschen und nicht spekulieren, sondern leben, beten und arbeiten sollen. Das weitergeben, was wir empfangen haben. Wie die Witwe auf dem Tempelplatz: Der Tempel st\u00fcrzte zusammen, aber ihre kleine Tat wurde weitererz\u00e4hlt und trug unerwartete Fr\u00fcchte. Und wenn alles aus ist, &#8211; das Leben des einzelnen Menschen und das der ganzen Welt, dann endet es im Lichte von Jesus, dem Menschensohn. Er, der schon hier auf Erden f\u00fcr Vers\u00f6hnung und Wiederaufrichtung der Geringen und Heilung der Verzweifelten, Erl\u00f6sung der Verlorenen lebte und wirkte. Alles endet in ihm \u2013 er ist der Sinn. Und deshalb leben wir stets in der Hoffnung.<\/p>\n<p>Da ist sowohl eine Warnung als auch ein Trost in dem Evangelium. Die Warnung: \u201eH\u00fctet euch aber, dass eure Herzen nicht beschwert werden durch Rausch und Saufen und mit t\u00e4glichen Sorgen\u201c, sagt Jesus. Wachet! Rei\u00dft euch zusammen! Wenn wir glauben, dass der Menschensohn der Sinn ist und dass das, was wir von Jesus lernen, wahr ist, dann m\u00fcssen wir es auch schaffen, dass wir zusammen leben und teilen, was wir haben, so wie wir Brot und Wein am Altar teilen zu seinem Ged\u00e4chtnis und im Gedenken daran, dass wir eins sind in ihm. Wir sind eine Gemeinschaft. Nicht eine geschlossene Gesellschaft, die sich nur f\u00fcr sich selbst interessiert, sondern eine Gemeinschaft, die in die Welt gesandt ist, um den Trost und die Hoffnung weiterzugeben.<\/p>\n<p>Und Trost und Hoffnung ist das, was Jesus sagt: \u201eHimmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen\u201c.<\/p>\n<p>Die Barmherzigkeit, die wir in Jesus sehen und h\u00f6ren, gilt: Sie vergeht nicht. Alles, unsere eigenen kleinen Lebensl\u00e4ufe und die Welt, die wir kennen, und die Galaxien und Unendlichkeiten, die wir nicht kennen \u2013 alles hat ein Ende \u2013 morgen oder in Milliarden von Jahren. Wir wissen nie wann, aber wir glauben und hoffen, dass alles in Barmherzigkeit endet. Er ist der Richter, der die Sache selbst f\u00fchrt f\u00fcr den Angeklagten und sie gewinnt, so wie dies in unseren Liedern besungen wird. Er tritt auch ein f\u00fcr uns und unser Versagen.<\/p>\n<p>Und deshalb haben wir stets Hoffnung. Hoffnung f\u00fcr dieses Leben, f\u00fcr die Aufrichtung der Opfer und Heilung und Vers\u00f6hnung: Hoffnung darauf, dass wir den Mut haben m\u00f6gen, auf unsere eigenen G\u00fcter und Bequemlichkeiten zu verzichten und einander zu helfen, mit einander zu teilen. Hoffnung darauf, dass unsere Schuld von uns genommen werde. Das beruht auf der Hoffnung, dass Jesus den ersten und letzten Sinn von allem offenbart. Gottes Barmherzigkeit. Sie kommt und sie bleibt, wenn alles zusammenf\u00e4llt. Amen.<\/p>\n<p>Bisch\u00f6fin Marianne Christiansen<\/p>\n<p>Ribe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<\/p>\n<p>Email: mch(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lukas 21,25-36 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Bisch\u00f6fin Marianne Christiansen |\u00a0 \u201dDenn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben\u201d (R\u00f6mer 15,4). 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