{"id":3800,"date":"2020-12-02T21:40:01","date_gmt":"2020-12-02T20:40:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3800"},"modified":"2020-12-02T21:41:46","modified_gmt":"2020-12-02T20:41:46","slug":"geduld-nur-geduld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/geduld-nur-geduld\/","title":{"rendered":"Geduld. Nur Geduld!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu Jakobus 5,7-8 | verfasst von Udo Schmitt |&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Geduld ist keine Tugend<\/li>\n<\/ol>\n<p>Geduld ist keine Tugend, mit der man heute Staat machen k\u00f6nnte. Ausgenommen in der Kindererziehung und im Modellschiffbau. Aber wer macht das heute noch? Also\u2026 Modellschiffe bauen.<\/p>\n<p>Unsere Gesellschaft ist vielerlei Hinsicht kindisch und kurzatmig geworden. Unsere Arbeitswirklichkeit ist Teilzeit und Job, nicht Lebensstellung und Berufung. Ein Heuern und ein Feuern. Daf\u00fcr Arbeitszeiten bis 22 Uhr und auch noch am Wochenende. Der Kunde ist K\u00f6nig. Sprich: Ein Kindskopf und dummer Despot, der aber immer Recht hat.<\/p>\n<p>Nicht nur unsere Arbeitszeit, auch unsere Freizeit ist entgrenzt und entkoppelt vom Wochenrhythmus: Fr\u00fcher gab es ein vereinsm\u00e4\u00dfig organisiertes Freizeitleben, dienstags Kegeln, mittwochs die Frauenhilfe, donnerstags der Chor, Fu\u00dfballtraining am Samstag, danach ab in die Badewanne, sonntags Kirche. Ich wei\u00df noch freitags gab es im Fernsehen immer alte Schwarzwei\u00dffilme \u201eV\u00e4ter der Klamotte\u201c und \u201eWestern von gestern\u201c. Da gab es dann am Ende immer eine Szene, die die Filmmacher \u201eCliffhanger\u201c nennen. Die Kutsche mit dem Helden raste auf den Abgrund zu, er k\u00e4mpft noch gegen die Feinde, die Kutsche st\u00fcrzt hinab und\u2026 Wird unser Held \u00fcberleben? Fortsetzung folgt. Schalten Sie auch n\u00e4chste Woche wieder ein. Wie gemein! Eine ganze Woche gr\u00fcbelte man dann, wie er es doch noch geschafft haben k\u00f6nnte. Und musste doch bis zum n\u00e4chsten Freitag warten. Eine Ewigkeit f\u00fcr einen Zehnj\u00e4hrigen. Nur Geduld!<\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte heute noch die Zeit, eine Woche zu warten? Unser ganzes Leben hat sich ver\u00e4ndert. Ich empfinde es als schneller und hektischer. Wer im Stra\u00dfenverkehr langsam f\u00e4hrt, wird angeblinkt, angep\u00f6belt und als mobiles Hindernis geschm\u00e4ht. \u201eIch habe es eilig, fahr voran, Mann! Schnell noch einkaufen, in den Supermarkt rein, und dann an der Kasse: Hilfe, eine Schlange! Endlich bin ich dran, vor mir nur noch eine alte Dame. O je!\u201c (Kennen sie auch nicht war?) \u201eNein, jetzt kramt die in ihrem Portemonnaie nach dem letzten Kupferst\u00fcck. Und sie hat ihre Brille nicht dabei. Nein, das geht zu weit, ich bin ja nicht ungeduldig, aber&#8230;\u201c Die anderen sind unversch\u00e4mt langsam, provozierend br\u00e4sig, unertr\u00e4glich lahm, denn sie beschneiden mein Recht auf Geschwindigkeit und Freiheit. Besser sie treten mir nicht in den Weg.<\/p>\n<p>\u201eSchnell weg, da weg, da weg, macht Platz sonst gibt\u2019s noch Streit, wir m\u00fcssen schnell und haben keine Zeit\u201c (Hermann van Veen). Wir haben immer Zeitnot, m\u00fcssen immer, m\u00fcssen schnell dies noch, schnell das noch. Ich muss. Ich muss. Das ist das Wesen der Moderne und ihr Ungl\u00fcck: Keine Zeit. Keine Zeit zu warten, keine Zeit zu hoffen, zu lieben, zu lachen und zu weinen. Keine Zeit, keine Zeit. Immer vorw\u00e4rts. Nicht stehen bleiben. Denn Stillstand ist der Tod.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Seid geduldig.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Seid geduldig. Sagt die Bibel: Seid geduldig, denn das Kommen unseres Herrn ist nahe.<\/p>\n<p>Einspruch, sagt da \u2013 nein, nicht der Verteidiger, sondern &#8211; der Versucher, als Stimme der Vernunft kommt er daher: \u201eMit Verlaub, da lachen ja die H\u00fchner. Wer glaubt denn heute noch ernsthaft an das Kommen Christi. Und dass es unmittelbar bevorsteht? Und selbst wenn, wer erwartet dieses Kommen ungeduldig? Damit k\u00f6nnen wir doch niemandem mehr ernsthaft kommen. Kommt er heut nicht, kommt er morgen. Was soll\u00b4s schon?\u201c<\/p>\n<p>Als Jakobus seinen Brief schrieb, irgendwo um 100 n. Chr. war in den Gemeinden auch Unruhe. Vielen war bereits die Luft ausgegangen. Zu lange hatte sich Jesus Zeit gelassen mit der Wiederkunft, die man doch so bald erwartet hatte. Und die fast 2000 Jahren seitdem konnten das bereits damals eingetretene Problem weder beheben noch versch\u00e4rfen. Die Frage lautet heute wie damals: Werden wir hier nicht f\u00fcr dumm verkauft? Worauf warten? Ist das nicht nur ein Vertr\u00f6sten und Abwarten der Zeit? Frustrierend und l\u00e4hmend. Warten wir auf Godot? Wurden wir von Gott sitzen gelassen? Nein, sagt Jakobus. Seid geduldig und st\u00e4rkt eure Herzen. Das Kommen des Herrn ist nahe, nur Geduld.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Geduld<\/li>\n<\/ol>\n<p>Geduld ist der lange Atem des Glaubens. Geduld ist so ganz anders als unsere kurzatmige Zeit.<\/p>\n<p>Geduld bedeutet, dass ich den Dingen Zeit lasse &#8211; zu werden. Sein Wille geschehe.<\/p>\n<p>Geduld hei\u00dft, dass ich nicht allem meine Vorstellungen und W\u00fcnsche \u00fcberst\u00fclpe.<\/p>\n<p>Geduld hei\u00dft, den Menschen, den Dingen und Gott Raum geben, nicht Gewalt antun,<\/p>\n<p>sondern entspannt zu warten und gespannt zu beobachten, wie etwas entsteht.<\/p>\n<p>Geduld bedeutet zulassen, dass etwas wird, auch wenn es anders wird, als ich es erwarte.<\/p>\n<p>Auch wenn mir diese Zeit gerade nicht gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Sein Reich komme, sein Wille geschehe.<\/p>\n<p>Geduld hei\u00dft, dass ich bereit bin, mich \u00fcberraschen zu lassen.<\/p>\n<p>Und dass ich der Kraft vertraue, die dem Menschen, den Dingen und der Welt innewohnt.<\/p>\n<p>Es wird der Geist Gottes selbst sein. Geduld ist erwartungsvolles Vertrauen, dass er kommt.<\/p>\n<p>Sein Reich komme, sein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Ihr wartet. Doch nicht ohne Grund.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Grund ist gelegt. Und einen anderen Grund kann niemand legen. Das Korn wurde bereits in die Erde gelegt, es w\u00e4chst ja jeden Tag, auch wenn ihr es nicht seht, aber doch geschieht es, wird es, bricht auf, wurzelt und w\u00e4chst. Und wie der Bauer geduldig, nicht gleichg\u00fcltig, wartet, warten auch wir. Denn f\u00fcr eine lange Zeit kann man nichts anderes tun, als zu vertrauen: der Kraft, die die Dinge wachsen und reifen l\u00e4sst, und dem Segen, der von oben her dazu kommen muss. Wasser und W\u00e4rme, Sonne und Regen. Und dass das, was Gott bereits an uns und der Welt getan hat durch Jesus Christus, dass das endlich doch zum Ziel kommt. Denn er kommt.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>St\u00e4rkt eure Herzen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Jakobus war ein au\u00dferordentlich praktischer, handfester Christ. Christsein hie\u00df f\u00fcr ihn, dass das gelebte Leben beredtes Zeugnis des Christseins sein musste &#8211; nicht aus moralischen Gr\u00fcnden, sondern weil es gar nicht anders m\u00f6glich ist. Jemand, der von Gott und Christus erfahren hat, kann nicht anders, als sich im Leben daf\u00fcr einzusetzen, dass Gottes Wille geschieht durch gute Werke und Gebet.<\/p>\n<p>St\u00e4rkt eure Herzen hei\u00dft nicht, dass ich mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen k\u00f6nnte, das nicht. Gleichwohl hei\u00dft es, geduldig sein und herzensgest\u00e4rkt, dass ich nicht tatenlos bleibe und fruchtlos, dass ich alle Kr\u00e4fte aufbiete, die mir zur Verf\u00fcgung stehen. Und seht, da wo das geschieht: da ist Gott selbst und das ist Gottes Kraft in uns Menschen.<\/p>\n<p>St\u00e4rkt eure Herzen: r\u00fcstet euch zu, geht aufeinander zu, sprecht miteinander! \u00dcber eure Hoffnung, \u00fcber euren Glauben. Richtet euch auf und lasst zu, dass ihr aufgerichtet werdet! Verkriecht euch nicht in eure Gleichg\u00fcltigkeit und vergeht nicht in eurer Angst vor der vorbeifliehenden Zukunft. Lasst euch nicht allein. Denn:<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li>Der Herr ist nahe.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Er ist n\u00e4her als wir denken. Ich bin getrennt von ihm, ja, gewiss, aber ich sehe ihn durch einen feinen Schleier, dicht bei mir. Dieser feine Schleier, durch den ich ihn sehen kann, sind Gottesdienst und Menschendienst (hier und in der Welt) und das Gebet. Nah, ganz nah, dass mich immer wieder dieser Schleier ber\u00fchrt, wenn lebendiger Wind durch den Raum zieht. So nah, schon jetzt.<\/p>\n<p>Da ist er. ER ist da. Schon jetzt. Und auch dann, wenn sich mein Leben beschlie\u00dft, wenn ich endg\u00fcltig in Gottes H\u00e4nde allein gelegt bin. Wenn all meine Versuche und Fehlversuche zum Ende kommen und ich der Wahrheit meines Lebens entgegentrete. Wenn kein Betrug und Selbstbetrug mehr m\u00f6glich ist, sondern mir Seine M\u00f6glichkeiten aufgezeigt werden. Wenn zerschundenes Leben endg\u00fcltig und vollst\u00e4ndig getr\u00f6stet und geheilt wird.<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li>Und noch einmal: Der Herr ist nahe.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Herr ist nahe, schon jetzt, denen, die ihm nahe sind. Ihn an sich heranlassen. Ihn mit sich tragen. Ihn suchen und finden im Vertrauten wie im Fremden. Er bleibt fern nur denen, die ihm fern sind und nichts von ihm wissen wollen. Nur Geduld. Ganz nah ist er. Er kommt. Und das ist alles, was z\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p>\u201eO Heiland rei\u00df die Himmel auf\u201c (EG 7),<\/p>\n<p>\u201eEs kommt die Zeit, in der die Tr\u00e4ume sich erf\u00fcllen\u201c (EG.E 8),<\/p>\n<p>\u201eWir warten dein o Gottes Sohn\u201c (EG 152),<\/p>\n<p>\u201eWie soll ich dich empfangen\u201c (EG 11),<\/p>\n<p>\u201eDie Nacht ist vorgedrungen\u201c (EG 16).<\/p>\n<p><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Jakobus 5,7-8 | verfasst von Udo Schmitt |&nbsp; &nbsp; Geduld ist keine Tugend Geduld ist keine Tugend, mit der man heute Staat machen k\u00f6nnte. 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