{"id":3806,"date":"2020-12-03T17:22:19","date_gmt":"2020-12-03T16:22:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3806"},"modified":"2020-12-03T17:27:01","modified_gmt":"2020-12-03T16:27:01","slug":"makrothymia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/makrothymia\/","title":{"rendered":"Makrothymia"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt zu Jakobus, 5-7-11 | gehalten in Carvoeiro\u00a0 (Portugal) | verfasst von Stephan Lorenz |\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>Die Gnade unseres Herrn Jesu Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft der Heiligen sei mit euch allen.\u00a0 Amen<\/em><\/p>\n<p>Advent. Zeit der Vorbereitung auf das Fest der Geburt des Christus.<\/p>\n<p>Am letzten Sonntag waren uns zwei Dinge klar geworden: Dieser Christus, der Messias, wird ein gebeugter, leidgepr\u00fcfter Mensch sein. Keiner, der auf dem hohen Ross sitzt. Und: Adventszeit ist Fasten- und Bu\u00dfzeit. Bu\u00dfe als Nachsinnen, was wir besser machen k\u00f6nnen. Busse als Verhaltens\u00e4nderung zum Besseren. Wir alle wissen, weder unser Sinnen noch unser Verhalten ist so einfach zu \u00e4ndern. Sie brauchen Zeit und Geduld. Um Geduld geht es heute in unserem Predigttext. (Jakobus 5, 7-11)<\/p>\n<p><em>Habt Geduld bis zur Ankunft des Herrn. Siehe der Bauer erwartet die wertvolle Frucht des Bodens, ihretwegen sich geduldend, bis sie fr\u00fchen und sp\u00e4ten Regen erh\u00e4lt. Habt auch ihr Geduld, st\u00e4rkt eure Herzen, da die Ankunft des Herrn nahegekommen ist. St\u00f6hnt euch nicht die Ohren voll, damit ihr nicht gerichtet werdet. Siehe, der Richter steht vor dem Tor. Nehmt als Vorbild die Z\u00e4higkeit und die Geduld der Propheten, die im Namen des Herrn geredet haben. Siehe, wir halten die f\u00fcr gl\u00fccklich, die ausgeharrt haben. Vom Ausharren Hiobs habt ihr geh\u00f6rt. Schaut auf das Ende, das Gott gesetzt hat, er ist sehr barmherzig und voll Mitleidens!<\/em><\/p>\n<p>Dieser Brief ist einer der fr\u00fchesten Zeugnisse des Christentums. Wenige Jahre nach dem Tod Jesu m\u00f6glicherweise sogar vom Halbbruder Jakobus geschrieben. Adressiert an j\u00fcdische Menschen, die Christen geworden waren. Heidenchristen spielen in dem Brief keine Rolle. Die Christen der ersten Stunde schwammen auf keiner Woge des Erfolgs. Im Gegenteil. Sie wurden als gef\u00e4hrliche Spinner angesehen. Ein Kopfsch\u00fctteln war noch eine milde Reaktion. Etliche wurden verfolgt und mussten Jerusalem verlassen und irgendwo untertauchen. Zweifel kamen auf. Die Christen fragten sich, ob sie nicht aufs falsche Pferd gesetzt hatten. \u00a0Was r\u00e4t Jakobus?<\/p>\n<p>Er sagt: was wir jetzt brauchen ist \u201amakrothymia\u2018. Dieses Wort kommt in unserem Abschnitt gleich dreimal vor. Ein Wort mit vielen Bedeutungen. Urspr\u00fcnglich in der Dichtkunst gebraucht, \u00fcbernimmt es Platon in seiner Politeia neben Eros und Logos als wichtigen anthropologischen Topos. Es beschreibt eine der Quellen, die Menschen beleben, aus der ihr Verhalten gesteuert wird. Im 1. Jahrhundert nach Christus beschreibt es dann einen leidenschaftlichen Affekt und eine wilde Entschlossenheit zum Kampf. In der portugiesischen \u00dcbersetzung wird oft das Wort \u201adureza\u2018 \u2013 Z\u00e4higkeit benutzt.<\/p>\n<p>Das also, sagt Jakobus, braucht ihr Christenmenschen jetzt: Geduld, Frustrationstoleranz, Z\u00e4higkeit, eine wilde Entschlossenheit zum Kampf. Kein Herumn\u00f6len oder st\u00f6hnen. Wer diese F\u00e4higkeit aufbringt, wird gl\u00fccklich genannt.<\/p>\n<p>Als Beispiele f\u00fcr diese Haltung nennt er den Bauern, der geduldig auf die Ernte wartet; die Propheten und Hiob, die an Gottes Verhei\u00dfung festgehalten haben. \u00a0Ihr Christen, schreibt er, lernt vom Ende her zu denken. Schauen auf das Ende, das Gott gesetzt hat: die Ankunft Christi zum Gericht. Denn, Gott ist sehr barmherzig und voller Mitleid.<\/p>\n<p>Kann man mit dieser Botschaft heute noch Menschen \u00fcberzeugen? Ist nicht viel mehr unsere Lebensphilosophie, was die S\u00e4ngerin Gitte Haennig (1982) sang? \u00a0\u00a0<em>Ich will alles, ich will alles \u2013 Und zwar sofort -Eh&#8216; der letzte Traum in mir zu Staub verdorrt &#8211; Ich will leben &#8211; Will mich geben &#8211; So wie ich bin &#8211; Und was mich kaputt macht &#8211; Nehm&#8216; ich nicht mehr hin.<\/em><\/p>\n<p>Wenn man einigen Fans glaubt, hat die Botschaft dieses Liedes bis heute nichts an ihrer Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>\u201eWas mich einschr\u00e4nkt, und sei es zum Schutz meiner Mitmenschen, das nehm\u2018 ich nicht hin\u201c \u2013 sagen die \u201aQuerdenker\u2018. Eine entlarvende Selbstbezeichnung. Denn das W\u00f6rtchen \u201aquer\u2018 kommt vom altdeutschen \u201atwerch\u2018 und bedeutet \u201aschr\u00e4g\u2018, \u201averkehrt\u2018. Querdenker sind also \u201aVerkehrt-Denker\u2018, wobei \u201adenken\u2018 hier eher ironisch zu verstehen ist. Also lieber Herumn\u00f6len und anderen die Ohren vollst\u00f6hnen. Sich zur\u00fccknehmen, R\u00fcck-Sicht nehmen, bis ein wirksamer Impfstoff gefunden ist. Woher denn? <em>Ich will alles, ich will alles \u2013 Und zwar sofort -Eh&#8216; der letzte Traum in mir zu Staub verdorrt &#8211; Ich will leben &#8211; Will mich geben &#8211; So wie ich bin &#8211; Und was mich kaputt macht &#8211; Nehm&#8216; ich nicht mehr hin.<\/em><\/p>\n<p>\u201eVom Ende her denken\u201c, &#8211; also im klassischen Sinn Bu\u00dfe tun, nachdenken, wie wir es besser machen k\u00f6nnten, die Folgen des eigenen Tuns bedenken, das w\u00fcrde ja auf Verzicht und die Ver\u00e4nderung von liebgewordenen konsumorientierten Verhaltensweisen hinauslaufen. Der Philosoph Hans Jonas hat den Kant\u2019schen Imperativ, vom Ende her denkend, umformuliert: <em>\u201eHandle so, dass die Wirkungen deiner Handlung vertr\u00e4glich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden. \u201c<\/em>\u00a0 Anlass zur Hoffnung sind die Proteste der Jugendlichen. Sie weisen uns darauf hin, dass wir ihre Zukunft, die Zukunft unserer Kinder und Enkel f\u00fcr das \u201eIch will alles, und zwar sofort\u201c aufs Spiel setzen.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re jetzt auf mit dem N\u00f6len und St\u00f6hnen. Damit kann man nur Schiffbruch erleiden. Es lohnt nicht, sich mit dem Zeitgeist von Flachlandtirolern auseinanderzusetzen. \u00a0Er ist Schwach-Sinn. Dieser Geist trifft nicht, worum es Jakobus und den ersten Christen ging.<\/p>\n<p>Ich habe eine Stelle gefunden im Briefwechsel von Rainer Maria Rilke mit Franz Xaver Kappus. Der wollte Dichter werden. Es gibt keine liebevollere und einf\u00fchlsamere Antwort als die von Rilke an Kappus, genau das sein zu lassen.<\/p>\n<p>Er schreibt im Juli 1903 aus Worpswede: \u201eWenn Sie sich\u2026 an das Kleine, das kaum einer sieht, und das so unversehens zum Gro\u00dfen und Unermesslichen werden kann; wenn Sie diese Liebe haben zum Geringen und ganz schlicht als ein Dienender das Vertrauen dessen zu gewinnen suchen, was arm scheint: dann wird Ihnen alles leichter, einheitlicher und irgendwie vers\u00f6hnender werden, nicht im Verstande vielleicht, der staunend zur\u00fcckbleibt, aber im innersten Bewusstsein, Wach-sein\u00a0 und Wissen (Rilke beschreibt was es mit \u201amakrothymia\u2018 auf sich hat)\u2026 und ich m\u00f6chte Sie bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungel\u00f6ste in ihrem Herzen und zu versuchen, die\u00a0 F r a g e n \u00a0\u00a0s e l b s t\u00a0\u00a0 liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie B\u00fccher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.\u00a0 Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden k\u00f6nnen, weil Sie sie nicht leben k\u00f6nnen. Und es handelt sich darum, alles zu leben.<\/p>\n<p>L e b e n Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allm\u00e4hlich, ohne es zu merken, in die Antwort hinein.\u201c<\/p>\n<p>Wie Jakobus und den ersten Christen geht es auch Rilke darum, alles zu leben. Dazu geh\u00f6ren jedoch fundamental die Fragen, die das Leben uns stellt, die Liebe zum Geringen, aus dem das Unermessliche wird.<\/p>\n<p>Gl\u00fcck bringt nicht das \u201aJetzt und sofort\u2018, sondern das Leben der Fragen und das unmerkliche Hineinwachsen in die Antwort. \u201e\u2026 dann wird Ihnen alles leichter, einheitlicher und irgendwie vers\u00f6hnender werden.\u201c\u00a0 Das ist schwer, aber \u201efast alles Ernste ist schwer, und alles ist ernst.\u201c*<\/p>\n<p>Vom Ende her denken: <em>Nehmt als Vorbild die Z\u00e4higkeit und die Geduld der Propheten, die im Namen des Herrn geredet haben. Siehe, wir halten die f\u00fcr gl\u00fccklich, die ausgeharrt haben. Vom Ausharren Hiobs habt ihr geh\u00f6rt. Schaut auf das Ende, das Gott gesetzt hat, er ist sehr barmherzig und voll Mitleidens!<\/em><\/p>\n<p>So kann Vorbereitung auf das Fest der Geburt des Christus gehen.<\/p>\n<p><em>Gottes Heiliger Geist befestige diese Worte in euren Herzen, damit ihr das nicht nur geh\u00f6rt, sondern auch im Alltag erfahrt, auf dass euer Glaube zunehme und ihr selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen<\/em><\/p>\n<p>*Rainer Maria Rilke; Briefe an einen jungen Dichter, Inselb\u00fccherei Nr 406<\/p>\n<p><strong>F\u00fcrbittengebet 2. Advent 2020<\/strong><\/p>\n<p>P: Gott, Du h\u00e4ltst z\u00e4h an uns fest, Du hast einen langen Atem mit uns, zeigst uns deine Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>A: Gott lehre uns Geduld, wo wir ungeduldig warten, und wollen,<br \/>\ndass die Pandemie aufh\u00f6rt, die Infektionen enden und endlich die Impfstoffe eingesetzt werden. Wir rufen: Kyrie eleison<\/p>\n<p>B: Gott, lehre uns Gelassenheit, wo wir unruhig werden, wenn so viele Menschen sterben, lass sie in Frieden gehen, tr\u00f6ste die Trauernden, lass sie Trost finden. \u00a0St\u00e4rke unsere Hoffnung, dass unsere Toten bei dir geborgen sind. Wir rufen: Kyrie eleison<\/p>\n<p>C: Gott, lehre uns Leidenschaft, wo wir nachlassen in unserer\u00a0 Barmherzigkeit mit den Hungernden, Betrogenen und Entwurzelten, lass uns unsere N\u00e4chsten sehen, wo sie unsere Hilfe brauchen. Wir rufen: Kyrie eleison<\/p>\n<p>P: Gott gibt uns die Ausdauer, unsere Fragen zu leben bis wir in deine Antwort hineinwachsen. Lass uns vom Ende her unser Leben bedenken. Du kommst uns zum Gericht. Du bist sehr bramherzig und voll Mitleidens. Wir warten. Komm. Laudate omnes gentes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Jakobus, 5-7-11 | gehalten in Carvoeiro\u00a0 (Portugal) | verfasst von Stephan Lorenz |\u00a0 Die Gnade unseres Herrn Jesu Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft der Heiligen sei mit euch allen.\u00a0 Amen Advent. Zeit der Vorbereitung auf das Fest der Geburt des Christus. Am letzten Sonntag waren uns zwei Dinge klar geworden: [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3783,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[612,60,122,1,120,114,121,613,349,3,615],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-3806","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2-advent","category-jakobus","category-adv_weihn_neujahr","category-aktuelle","category-bes_gelegenheiten","category-deut","category-festtage","category-kapitel-05-chapter-05-jakobus","category-kasus","category-nt","category-stephan-lorenz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3806","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3806"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3806\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3808,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3806\/revisions\/3808"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3783"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3806"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3806"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3806"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=3806"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=3806"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=3806"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=3806"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}