{"id":3886,"date":"2008-12-26T18:02:30","date_gmt":"2008-12-26T17:02:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3886"},"modified":"2020-12-11T18:04:16","modified_gmt":"2020-12-11T17:04:16","slug":"heiliges-christfest-2-weihnachtstag-26-12-2008","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/heiliges-christfest-2-weihnachtstag-26-12-2008\/","title":{"rendered":"Heiliges Christfest &#8211; 2. Weihnachtstag, 26.12.2008"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Johannes 1:1-14 | verfasst von Andreas Kern |<\/h3>\n<p align=\"left\">Ich will ihnen eine Geschichte erz\u00e4hlen, die eigentlich erst nach Weihnachten spielt. Wenn also das Fest vor\u00fcber ist, die G\u00e4ste abgereist, die Kekse fast alle aufgegessen, die Geschenke schon in Gebrauch genommen, und der Weihnachtsbaum einen Teppich von Nadeln unter sich ausgerollt hat.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Wenn wir also anfangen, alles wieder einzupacken, was an Weihnachten die Wohnung geschm\u00fcckt und unsere Stimmung bef\u00f6rdert hat.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Vor ein paar Jahren &#8211; es war gerade diese Januar-Zeit &#8211; war ich beim Einpacken der Weihnachtskrippe mit den Hirten, den Schafen und den Engel-Figuren. Ich nahm jeden Engel in die Hand, suchte ein St\u00fcck weiches Papier &#8211; das meiste davon schon seit vielen Jahren in Gebrauch &#8211; und wickelte sie vorsichtig ein. Dann legte ich sie in die Schachtel, die wir daf\u00fcr seit Jahren benutzen, und in der sie dann in den Keller gebracht werden.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Ich wei\u00df auch nicht mehr, warum ich das tat, aber einen Engel behielt ich in der Hand. Ich sagte mir: einen Engel packe ich nicht ein, den behalte ich das Jahr \u00fcber bei mir. Ein wenig von der Weihnachts-Freude wollte ich verl\u00e4ngern, vielleicht mitnehmen f\u00fcr das ganze Jahr. Solch ein kleiner Engel, der hat gerade noch Platz auf meinem Tisch, der darf mir bei der Arbeit helfen. Der soll dabeisein, wenn ich denke, wenn ich meine Phansasie bem\u00fche, wenn ich Freude und \u00c4rger empfinde, wenn ich an die Menschen denke, die mir nah oder fern sind. Und so stellte ich ihn neben dem Computer-Bildschirm, damit ich ihn ein wenig im Blick hatte &#8211; und er mich.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Eine gute Woche sp\u00e4ter wollte ich eine Predigt entwerfen, was aus irgendwelchen Gr\u00fcnden nicht wirklich gelang, und erlebte eine \u00dcberraschung: als mein Unmut \u00fcber die vielen unerledigten Vorg\u00e4nge auf meinem Tisch sich in \u00c4rger zu steigern begann, h\u00f6rte ich pl\u00f6tzlich eine Stimme: \u201eWirf rein!&#8220;<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Ich guckte mich um. Ich war allein &#8211; also jedenfalls war kein Mensch in meiner N\u00e4he. Der Computer war zwar angeschaltet, aber die Lautsprecher waren aus, daher konnte diese Anrede also nicht kommen: \u201eWirf rein!&#8220; Mein Blick fiel auf den Engel. Der sah mich freundlich an und wiederholte seine Aufforderung noch einmal: \u201eHier, wirf rein!&#8220; &#8211; und hielt mir einen kleinen M\u00fclleimer entgegen.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">\u201eHe, du bist doch eine Holz-Figur,&#8220; sagte ich, \u201edu kannst doch gar nicht reden!&#8220; \u201eKlar kann ich reden,&#8220; sagte der Engel. \u201eWeil du mich nicht einfach vergessen hast beim Einpacken, sondern mich wegen der Weihnachtsfreude mit Absicht bei dir behalten hast, statt mich mit den anderen in den Keller zu tragen: deswegen kann ich reden! Also: wirf rein!&#8220;<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Ich war so verbl\u00fcfft und gleichzeitig hingerissen &#8211; mein Unmut war klitzeklein geworden und passte in den M\u00fclleimer, den der Engel in seinen beiden ausgestreckten H\u00e4nden hielt.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">\u201eDanke!&#8220; sagte er und verstummte. Und ich guckte ihn ein wenig verdutzt an, denn nun sah er wieder so unbeweglich aus wie vor dieser eigenartigen Begegnung. Aber ich konnte arbeiten, an diesem Tag und dem n\u00e4chsten. Tats\u00e4chlich wehte ein wenig Freude vom Weihnachtsfest zu mir her\u00fcber.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Am \u00fcbern\u00e4chsten Tag setzten wir unsere Unterhaltung fort. Wieder war er es, der mich ansprach, und wieder mit den Worten: \u201eWirf rein!&#8220; Ich hatte mich richtig ge\u00e4rgert, hatte etwas nicht hinbekommen, das sonst immer schnell und leicht von der Hand ging, und da war der Engel pl\u00f6tzlich wieder dazwischengefahren mit seiner Aufforderung. Das hatte geholfen, ich wurde etwas los und bekam etwas daf\u00fcr. Ob es Weihnachtsfreude war, ich wei\u00df es nicht. Aber ein wenig bessere Laune &#8211; das ist ja auch schon was.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Und so ging es weiter, wochen-, ja: monate-lang. Immer wenn ich irgendeinen Frust oder \u00c4rger, eine Entt\u00e4uschung, eine Bitterkeit, einen Zweifel sp\u00fcrte, also irgendeinen Seelen-M\u00fcll mit mir herumtrug, war er im Einsatz. \u201eWirf rein!&#8220; &#8211; so begann regelm\u00e4\u00dfig sein Auftritt. Und schon streckte er mir seinen M\u00fclleimer entgegen. Ich hatte zuerst gedacht, es sei ein Kerzenhalter, aber da hatte ich mich geirrt. Der M\u00fclleimer war nicht wirklich gro\u00df, aber es passte alles immer rein, was ich loswerden musste. Ich warf im Laufe der Zeit viel \u00c4rger da hinein &#8211; und weg war er. Manchmal war es ein kleiner \u00c4rger, aber es war auch gro\u00dfer \u00c4rger dabei, manch gro\u00dfe Not oder gro\u00dfer Schmerz.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Irgendwann hatte er gesagt: \u201eIch hei\u00dfe \u00fcbrigens Heinrich.&#8220; Er hatte mir auch noch ein bisschen mehr erz\u00e4hlt, manches von sich aus, manches, nach dem ich ihn gefragt hatte. Es war schon eine merkw\u00fcrdige Bekanntschaft!<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Nach ein paar Monaten begann ich mich \u00fcber ein Detail zu wundern, nach dem ich ihn fragen musste. Als er also ein paar Tage sp\u00e4ter wieder einmal sein \u201eWirf rein!&#8220; sprach &#8211; ich war kurz aufgebraust nach einer eMail, die ich erhalten hatte -, folgte ich sofort seiner Aufforderung und fragte dann neugierig: \u201eHeinrich, wieso ist der M\u00fclleimer eigentlich noch nicht voll? Was ich da alles schon reingeschmissen habe &#8211; und nichts davon ist gestapelt, dr\u00fcckt sich irgendwo rum: der M\u00fclleimer bleibt leer. Wie machst du das? Wo bringst du das alles hin?&#8220;<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">\u201eAch, das ist ganz einfach,&#8220; antwortete er ganz unbefangen: \u201eDu wei\u00dft ja, ich geh\u00f6re zu der Krippe, die du Weihnachten aufstellst. Die Krippe ist ganz klein, und darin liegt ein Kind, das ist noch kleiner. Das Kind nimmt den ganzen M\u00fcll, den ich sammle. Es nimmt sich den M\u00fcll zu Herzen. Es nimmt all deinen Seelen-M\u00fcll in seinem Herzen auf.&#8220;<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Welch besch\u00e4mende und doch gleichzeitig bewundernswerte L\u00f6sung! Und ich als Pastor muss sogar zugeben, dass das theologisch \u00fcberaus schl\u00fcssig erkl\u00e4rt ist: der Seelenm\u00fcll, den ich produziere, den nimmt das menschgewordene Gotteskind mir ab &#8211; da h\u00e4tte ich doch fast selbst drauf kommen k\u00f6nnen! Gott legt sich als Mensch in die Krippe, um mir nah zu sein, er l\u00e4sst sich auf mein Mensch-Sein ein, er tr\u00e4gt meinen M\u00fcll, meinen \u00c4rger, meinen Frust &#8211; und schlie\u00dflich sogar meine Verfehlungen, meine Schuld.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Deswegen konnte Johannes schreiben: \u201eDas Wort wurde Fleisch, n\u00e4mlich: K\u00f6rper, Mensch, Leben &#8211; und es wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.&#8220; So, und nur so, durchbricht Gott meine, unsere menschlichen Dunkelheiten &#8211; indem er selbst Mensch wird. So, und nur so, tr\u00e4gt er uns wirklich &#8211; mitsamt all unseren Fehlern, all unseren Sorgen, N\u00f6ten, unseren Schmerzen, unserem Leiden, unserer Verzweiflung.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Heinrich mit seinem M\u00fclleimer hat mir wieder einmal gezeigt, wie das funktioniert. Eigentlich kaum zu glauben, dass solche komplizierten Dinge manchmal so einfach zu erfahren sind; dass sich die Herrlichkeit Gottes nicht im Goldglanz zeigt oder im glei\u00dfenden Lichtschein, sondern &#8211; wie bei Heinrich &#8211; im Grunde sogar im M\u00fclleimer gefunden werden kann. Gro\u00dfartig, unser Gott!<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Als ich dar\u00fcber nachgedacht hatte, wollte ich das mit Heinrich besprechen. Aber er legte den Finger auf den Mund: \u201ePsst! Nicht reden! Freuen!&#8220;<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Also: behalten Sie doch mal einen Engel zur\u00fcck wegen der Weihnachtsfreude, die den kleinen und gro\u00dfen \u00c4rger und Schmerz des Lebens in sich aufnimmt und verbirgt. Und dann spitzen Sie die Ohren! H\u00f6ren Sie es? \u201eWirf rein!&#8220;<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Unter Aufnahme einer Geschichte von Dietrich Mendt, \u201eDer Nachweihnachtsengel&#8220;, in: Hildegard Toma (Hrsg), Engel-Weihnacht, M\u00fcnster 2008<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"fuss\">\nPastor Andreas Kern<br \/>\nBuchholz i. d. Nordheide<\/p>\n<p>E-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:akern@ikern.de\">akern@ikern.de<\/a><\/div>\n<hr width=\"100%\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Johannes 1:1-14 | verfasst von Andreas Kern | Ich will ihnen eine Geschichte erz\u00e4hlen, die eigentlich erst nach Weihnachten spielt. Wenn also das Fest vor\u00fcber ist, die G\u00e4ste abgereist, die Kekse fast alle aufgegessen, die Geschenke schon in Gebrauch genommen, und der Weihnachtsbaum einen Teppich von Nadeln unter sich ausgerollt hat. 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