{"id":3893,"date":"2009-12-11T18:08:29","date_gmt":"2009-12-11T17:08:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3893"},"modified":"2020-12-11T18:10:25","modified_gmt":"2020-12-11T17:10:25","slug":"1-weihnachtstag-25-12-2009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-weihnachtstag-25-12-2009\/","title":{"rendered":"1. Weihnachtstag, 25.12.2009"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Johannes 1:1-14 | verfasst von Margrethe Dahlerup Koch |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man hat es zu Reklamzwecken f\u00fcr alles M\u00f6gliche gebraucht, von Jeans bis hin zu Handys: Michelangelos Freskogem\u00e4lde von der Erschaffnung Adams in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Rechts im Bild, umgeben von einer mannigfaltigen himmlischen Heerschar von Engeln und mit imposantem, wallendem, langem und gepflegtem, wei\u00dfem Haupthaar und Bart, schwebt Gott, der Allm\u00e4chtige, Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde. Er hat seine rechte Hand ausgestreckt. Links im Bild liegt der durchtr\u00e4nierte und muskul\u00f6se Adam, elegant hingegossen auf einer gr\u00fcnen B\u00f6schung. Adam hat fast ein bisschen tr\u00e4ge seine linke Hand ausgestreckt. Und in der Mitte des Gem\u00e4ldes ist der Punkt, an dem sie sich gerade\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0ber\u00fchren. Gottes langer, befehlender Zeigefinger und Adams leicht gekr\u00fcmmter ber\u00fchren sich eben\u00a0<em>nicht<\/em>. Der leere Raum zwischen den beiden Fingern schafft die Dramatik des Bildes. Haben sie sich in der Sekunde davor, im Augenblick der Sch\u00f6pfung ber\u00fchrt? Handelt es sich um ein Bild der Losl\u00f6sung Adams von seinem g\u00f6ttlichen Ursprung? Um ein Bild der Gr\u00f6\u00dfe und Gottesebenbildlichkeit des Menschen?<\/p>\n<p>Oder versuchen Adam und Gott, jetzt vergeblich, einander wieder zu erreichen? Handelt es sich um ein Bild der Sehnsucht Gottes und der Menschen nacheinander? Ist der leere Raum zwischen den beiden Fingern Ausdruck daf\u00fcr, dass die beiden immer weiter auseinander gleiten? Jedenfalls deutet das wallende Haar Gottes darauf hin, dass die Bewegung im Bild die beiden voneinander wegtreibt. Gott ist mit den Engeln auf dem Weg nach rechts hinaus aus dem Bild. Der Abstand zwischen beiden wird sich vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p>In dem leeren Raum &#8211; in dem Abstand zwischen Gott und Adam &#8211; beginnt Johannes sein Evangelium. Was ist dort, wo nichts ist? Oder, um im Bild Michelangelos zu bleiben, was befindet sich zwischen Gott und Adam?<\/p>\n<p>Es ist das WORT, damals als er alle Dinge aus dem Nichts heraus schuf: Licht, Himmel, Meer, Sonne, Mond, Tiere und Menschen.<\/p>\n<p>Und, so f\u00e4hrt Johannes fort,\u00a0<em>das<\/em>\u00a0Wort wurde Fleisch. Das Vakuum wurde ausgef\u00fcllt. Im Abstand zwischen dem allm\u00e4chtigen Gott und Adam und seinen Nachkommen erschien in der Heiligen Nacht ein Kind. Ein Kind, das von Gott war, und das von einer Frau geboren war.<\/p>\n<p>Das Wort, der Sinn, aller Dinge Grundlage, der Anfang selbst war das Kind. Das, was ganz am Anfang unsichtbar gegenw\u00e4rtig war in dem leeren Raum zwischen Gott und Adam, wurde in der Heiligen Nacht sichtbar, als Maria ihr Kind gebar. Das, was Gott Adam wollte und mit Adam wollte, das brachte Jesus zum Ausdruck und war es und tat es.<\/p>\n<p>Das Wort, der Sinn, die Grundlage aller Dinge, der Anfang selbst ist nichts anderes als das Kind.<\/p>\n<p>&#8222;So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer&#8220;, steht im 1. Buch Mose, nachdem die 6 Sch\u00f6pfungstage beschrieben sind. &#8222;Nein, stop!&#8220;, sagt Johannes knapp 600 Jahre sp\u00e4ter, &#8222;das stimmt nicht. Die Sch\u00f6pfung wurde nicht in 6 Tagen vollendet. Das Wichtigste fehlt: Weihnachten: dass das Wort Fleisch wurde und unter uns Wohnung nahm und wir seine Herrlichkeit sahen.<\/p>\n<p>Ostern: dass die Finsternis es nicht begriffen hat &#8211; ihn nicht begriff.<\/p>\n<p>Pfingsten: dass wir das Recht erhielten, Kinder Gottes zu sein, weil wir von Gott gewollt sind.<\/p>\n<p>Erst dann ist die Sch\u00f6pfung vollendet, sagt Johannes. Denn erst dann k\u00f6nnen wir sehen und h\u00f6ren, erfahren, glauben und hoffen, dass in dem leeren Raum &#8211; im Abstand zwischen Gott und Mensch &#8211; nicht Nichts ist, sondern alles: Neue M\u00f6glichkeit, neuer Anfang, Leben und Licht.<\/p>\n<p>Im Abstand zwischen Gott und Mensch ist nicht Leere. Da ist vielmehr neue M\u00f6glichkeit, neuer Anfang, Leben und Licht. Denn da ist der Wille Gottes, seinen Menschen zu erreichen.<\/p>\n<p>Als das Glaubensbekenntnis vorhin lautete, war es nicht das gew\u00f6hnliche apostolische Glaubensbekenntnis, sondern aus Anlass des heutigen Tages das Nic\u00e4nische Glaubensbekenntnis,\u00a0 benannt nach der Stadt Nic\u00e4a, wo es im Laufe des 4. Jahrhunderts entstanden ist. Die Sprache des nic\u00e4nischen Glaubensbekenntnisses erinnert an die Sprache des Johannesevangeliums. In dem Abschnitt des Glaubensbekenntnisses, der davon handelt, wer Jesus ist, befinden wir uns, wie im Johannesevangelium, ganz am Anfang, vor aller Zeit. Da, ganz am Anfang ist er, der von Gott ist, vom Licht selbst. Aber dann ereignet sich etwas &#8211; dort oben und drau\u00dfen in der Unbegreiflichkeit der Ewigkeit. Und wie Bilder einen Mittelpunkt haben, der in der Regel das Wichtigste und Dramatische ausdr\u00fcckt, so ist es auch in dem nic\u00e4nischen Glaubensbekenntnis. In der Mitte geschieht das Entscheidende: Er, der unbegreiflich und vor aller Zeit Gott von Gott, Licht vom Licht ist,\u00a0<em>kam vom Himmel herab und wurde Mensch<\/em>. Diese Worte sind der Mittelpunkt des Glaubensbekenntnisses. Sie entsprechen dem Mittelpunkt bei Michelangelo mit dem leeren Raum zwischen den zwei Fingern. Hier geschieht es.<\/p>\n<p>&#8222;Er stieg herab und wurde Fleisch; wurde Mensch.&#8220; Das ist Weihnachten. Dass Gott seinem Willen, seinen Menschen zu erreichen, Handlung folgen lie\u00df.<\/p>\n<p>Wenn es hinter uns versandet; wenn Nebel uns den Blick nach vorn verstellt; wenn wir festgefahren und von dem gefangen sind, was wir bereut haben, was wir nicht erreicht haben, was wir niemals h\u00e4tten tun sollen, was in unseren fummelnden und zerst\u00f6renden H\u00e4nden zerfallen ist, dann sitzt da ein Engel in einem leeren Grab und sagt: Steh auf, erhebe dich. Zu neuer M\u00f6glichkeit und neuem Anfang.<\/p>\n<p>So ist es, denn so ist Gott. Gott will seinen Menschen. Immer. Gottes Willen, seinen Menschen zu erreichen, diesem Willen gab Jesus Geschichte, Fleisch und Blut. Wie Jesus Gleichg\u00fcltigkeit, Selbstzufriedenheit und Machtgier verurteilte,<\/p>\n<p>wie Jesus Hoffnung f\u00fcr die Verzagten war, dem Verzweifelten treu war, Licht war f\u00fcr diejenigen, die in der Finsternis sa\u00dfen,<\/p>\n<p>wie Jesus so weit ging, wie niemand sonst es wagte, wollte, ihm folgen mochte &#8211; so ist\u00a0<em>er<\/em>\u00a0und so ist Gott.<\/p>\n<p>Heilig Abend kam Gott in die Welt als ein Menschenkind. Michelangelos Muskelmann von einem Gott zeigte sein innerstes Wesen und Willen in einem kleinen, barh\u00e4uptigen, runzligen Neugeborenen. Brorson kann in seinem Lied &#8222;Mein Herze immer wandelt&#8220; nicht genug davon dichten, \u00fcber das Phantastische und Wunderbare, dass der Allergr\u00f6\u00dfte und Erste im Kleinsten und Erb\u00e4rmlichsten und \u00c4rmsten zu finden sein soll. Brorson fragt immer wieder Vers auf Vers, wie das miteinander vereinbar ist. Und dann gelangt er ganz am Ende zu der Antwort: Ja, Gott muss zeigen, wer er ist, im Kleinsten und \u00c4rmsten, um \u00fcberhaupt bei uns und in uns sein zu k\u00f6nnen. Weil Gott sich im Kleinsten und \u00c4rmsten sichtbar machte in der Weihnacht, kann das Menschenherz, das kleine Herz das Gr\u00f6\u00dfte in sich fassen. In Jesus &#8222;wird die Liebe h\u00fcllen \/ dich treu in ihr Gewand&#8220;, singen wir im letzten Vers des Liedes. In dem Lied wird unser Herz in die T\u00fccher verwandelt, in die Maria in der Heiligen Nacht ihr Kind wickelt. Denn er stieg vom Himmel herab und wurde Fleisch.<\/p>\n<p>Auf dem goldenen Altar der Kirche von Stadil nicht weit von hier (n\u00f6rdlich vom Ringk\u00f6bing Fjord) h\u00e4ngt ein Weihnachtsbild. Wie bei Michelangelo ist es ein Bild von Gott und Mensch. Aber in Stadil ist Gott nicht der allm\u00e4chtige Gott mit wallendem, pr\u00e4chtigem Haar und der Unterst\u00fctzung durch Engel. Und der Mensch ist nicht der starke, gut gebaute Adam. Auf dem Stadiler Altar ist Gott ein kleines, l\u00e4chelndes Kind. Und der Mensch ist Maria, die m\u00fcde und stolze, neugebackene Mutter.<\/p>\n<p>Mitten im Bild, dort wo sich das Wichtigste ereignet, sind die H\u00e4nde. Marias H\u00e4nde und die des Kindes. Und sie k\u00f6nnen einander erreichen. Maria greift mit ihrer linken um seine rechte Hand, deren Finger ausgestreckt sind. Aber das Kind zeigt nicht auf den befehlenden Zeigefinger Gottes des Vaters. Jesus zeigt auf Maria mit drei Fingern &#8211; dem Zeichen des Segens. So anmutig hat ein K\u00fcnstler am Anfang des 13. Jahrhunderts die Weihnachtsbotschaft, die neue Sch\u00f6pfung und den neuen Anfang verk\u00fcndet: den Himmel, der der Erde begegnet. Der Mensch, der die Hand ergreift, die segnet. Der Kleinste, der das Gr\u00f6\u00dfte ausdr\u00fcckt: Dass Gott seine Hand ausgestreckt und uns erreicht hat. Von neuem.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"fuss\">\nPastorin Margrethe Dahlerup Koch<br \/>\nTim (D\u00e4nemark)<br \/>\nE-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:mdk@km.dk\">mdk@km.dk<\/a><\/div>\n<div id=\"bemerkung\">\n<b>Bemerkung:<\/b><br \/>\n\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Johannes 1:1-14 | verfasst von Margrethe Dahlerup Koch | &nbsp; Man hat es zu Reklamzwecken f\u00fcr alles M\u00f6gliche gebraucht, von Jeans bis hin zu Handys: Michelangelos Freskogem\u00e4lde von der Erschaffnung Adams in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Rechts im Bild, umgeben von einer mannigfaltigen himmlischen Heerschar von Engeln und mit imposantem, wallendem, langem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3877,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,122,1,157,120,543,114,121,497,349,180,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-3893","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-adv_weihn_neujahr","category-aktuelle","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-christfest-i","category-deut","category-festtage","category-kapitel-01-chapter-01-johannes","category-kasus","category-margrethe-dahlerup-koch","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3893","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3893"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3893\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3894,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3893\/revisions\/3894"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3877"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3893"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3893"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3893"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=3893"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=3893"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=3893"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=3893"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}