{"id":3919,"date":"2008-12-24T18:25:32","date_gmt":"2008-12-24T17:25:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3919"},"modified":"2020-12-11T18:27:45","modified_gmt":"2020-12-11T17:27:45","slug":"heiliger-abend-24-12-2008-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/heiliger-abend-24-12-2008-3\/","title":{"rendered":"Heiliger Abend, 24.12.2008"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Matth\u00e4us 1:18-25 | verfasst von Dietz Lange |<\/h3>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Das ist die Weihnachtsgeschichte, wie Matth\u00e4us sie erz\u00e4hlt. Sie wird den meisten von Ihnen kaum vertraut sein, denn es wird selten \u00fcber sie gepredigt. Ihr scheint so g\u00e4nzlich all das Poetische der Geschichte bei Lukas zu fehlen, die wir vorhin geh\u00f6rt haben. Nichts von der Krippe, nichts von den Hirten auf dem Felde und den Engeln, die ihnen die gro\u00dfartige Weihnachtsbotschaft verk\u00fcnden, auch nichts von dem n\u00e4chtlichen Besuch der Hirten bei Maria und Joseph. Stattdessen die merkw\u00fcrdige Geschichte von einer Schwangerschaft der Maria, mit der Joseph, ihr Verlobter, nichts zu tun haben soll. Er tippt verst\u00e4ndlicherweise zun\u00e4chst einmal auf Ehebruch durch Maria und will sich von ihr scheiden lassen, wenn auch aus geradezu r\u00fchrender R\u00fccksicht ohne \u00f6ffentliches Aufsehen. Im Traum wird er dann von einem Engel dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt, dass Maria nicht die Ehe gebrochen hat, sondern dass hier Gottes Geist am Werk war. Joseph soll seine Braut wie geplant heiraten. Mit mageren Worten wird dann nur noch berichtet, dass er dem Engel gehorsam war. Die Geburt Jesu wird ganz am Schluss gerade einmal angedeutet.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Wir werden also, so scheint es, von Matth\u00e4us mit der Nase auf die Geschichte von der Jungfrauengeburt gesto\u00dfen, die vielleicht schon manchem von Ihnen Kopfzerbrechen gemacht hat. In der Weihnachtsgeschichte des Lukas dagegen ist von Maria und Joseph als einem ganz normalen Ehepaar die Rede; nur ein einziges Wort, das in der urspr\u00fcnglichen Erz\u00e4hlung wahrscheinlich gar nicht stand, l\u00e4sst an eine Jungfrauengeburt denken. Muss man das dann glauben?<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde, das ist die falsche Frage. Glauben hei\u00dft ja nicht, eine Anzahl von vorgeschriebenen S\u00e4tzen f\u00fcr wahr zu halten, auch wenn man daf\u00fcr seinen Verstand verrenken muss. Glauben hei\u00dft, in allen Lebenslagen Gottes Liebe ganz und gar vertrauen. Das ist in erster Linie eine Sache des Herzens, nicht des Kopfes.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Hilft uns das? Ich denke, ja. Warum haben die Alten die Geschichte von der Jungfrauengeburt erz\u00e4hlt? Nicht weil sie etwas gegen die menschliche Sexualit\u00e4t hatten &#8211; das haben erst sp\u00e4tere Jahrhunderte da hineingelesen. Nein, sie wollten zum Ausdruck bringen: Jesus war zwar ein richtiger Mensch, so wie wir auch. Deshalb steht vor unserer Geschichte bei Matth\u00e4us ganz ausf\u00fchrlich sein Stammbaum &#8211; so ausf\u00fchrlich, dass ich Ihnen das Vorlesen erspart habe. Aber der Stammbaum f\u00fchrt nun Jesu Ahnenschaft bis auf David und weiter bis auf Abraham zur\u00fcck. Das bedeutet: Gott l\u00e4sst seine Menschen nicht im Stich, denen er damals, in diesen gro\u00dfen Gestalten, seine Treue versprochen hat. Jetzt, in Jesus, wendet er seine Barmherzigkeit endg\u00fcltig den Menschen zu, also uns. Genau darum geht es auch bei der Jungfrauengeburt. Diese Vorstellung selbst, dass da ein Mensch ohne Zutun eines Mannes geboren wird, ist f\u00fcr die meisten von uns heute vergangen. Sie war schon damals umstritten. Matth\u00e4us konnte sie zwar noch festhalten, so wie manche Menschen bis heute. Sie m\u00f6gen das ruhig tun. Aber daran h\u00e4ngt unser Glaube letztlich nicht. Der h\u00e4ngt allein daran, dass Gott uns in Jesus auf eine ganz einmalige Weise begegnet.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Darin sind wir uns im Grunde auch mit Matth\u00e4us ganz einig. Wir haben n\u00e4mlich seine Geschichte bisher ein wenig schief gelesen. Wir haben uns viel zu sehr von den Schwierigkeiten beeindrucken lassen, die die Erz\u00e4hlung unserem Verstand bereitet. Vor denen d\u00fcrfen wir uns zwar nicht dr\u00fccken. Aber wir haben au\u00dfer Acht gelassen, worauf es der Geschichte im Grunde ankommt, und das hat dann eben doch ganz stark mit Weihnachten zu tun. Es kommt n\u00e4mlich dem Matth\u00e4us vor allem auf die Namen an, die sich mit Jesus verbinden. Der Engel sagt zu Joseph: &#8222;Maria wird einen Sohn geb\u00e4ren, und du sollst seinen Namen Jesus nennen, denn er wird sein Volk von ihren S\u00fcnden erl\u00f6sen.&#8220; Und dann noch einmal: &#8222;Die Gemeinde wird seinen Namen Emanuel nennen, was \u00fcbersetzt hei\u00dft: Gott ist mit uns.&#8220; Vielleicht \u00fcberrascht es uns, dass der Name so wichtig sein soll. F\u00fcr uns kommt es bei den Namen, die wir unseren Kindern geben, oft nur noch darauf an, dass sie sich gut anh\u00f6ren und dass die Kinder sp\u00e4ter m\u00f6glichst nicht in der Schule damit geh\u00e4nselt werden. Aber ein wenig ist von der alten Bedeutung von Namen auch bei uns noch \u00fcbrig. Wenn ein Junge so genannt wird, weil der Gro\u00dfvater auch schon so hie\u00df, oder ein M\u00e4dchen seinen Namen nach einer guten Freundin der Mutter bekommt, dann legen wir unsere Liebe zu diesen Namensvorbildern da hinein und verbinden sie mit dem kleinen Kind. Damals sollte der Name das ganze Dasein, das ganze Leben eines Menschen bestimmen.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Der erste Name, den Marias Sohn bekommt, ist Jesus, hebr\u00e4isch: Jehoschuah. Das entspricht dem alten deutschen Namen Gotthilf. Damals in Pal\u00e4stina ein ganz gel\u00e4ufiger Name. Aber jetzt wird auf einmal seine Bedeutung aktuell, so sehr wie sonst nie. Durch Jesus wird Gott seinem Volk helfen. Nicht blo\u00df dem j\u00fcdischen Volk damals, sondern allen Menschen, die sich an ihn halten. Helfen hei\u00dft nicht unbedingt, dass er alle unsere W\u00fcnsche erf\u00fcllt. Damals hat Gott die Menschen in Pal\u00e4stina nicht durch Jesus von der Unterdr\u00fcckung durch die r\u00f6mische Besatzungsmacht befreit, obwohl die sich das nat\u00fcrlich dringend gew\u00fcnscht haben. Heute wird er uns vielleicht durch eine ganz tiefe Wirtschaftskrise mit viel Arbeitslosigkeit und Armut hindurchgehen lassen, obwohl wir ihn nat\u00fcrlich bitten werden, uns damit zu verschonen. Auch im pers\u00f6nlichen Leben wird uns manche schwere Krankheit, manches Leid durch Trennung oder Tod nicht erspart bleiben. Stattdessen, so hei\u00dft es hier, wird er sein Volk, uns, von unseren S\u00fcnden erl\u00f6sen.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Aber ist das nicht ein bisschen weltfremd? Wer von uns denkt denn Weihnachten an so etwas wie S\u00fcnden? Wir m\u00f6chten doch nur ein m\u00f6glichst harmonisches Familienfest haben, an dem nicht wie so oft die Nerven blank liegen. Wenn es einmal gelingen sollte, an Weihnachten ein lange andauerndes Zerw\u00fcrfnis zwischen zwei Familienmitgliedern zu beenden, dann ist das doch schon viel. Was hat das mit einer Erl\u00f6sung durch Jesus zu tun?<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Mehr als wir vielleicht denken. S\u00fcnde ist nicht dasselbe wie moralische Verfehlung. S\u00fcnde ist Trennung von Gott. Sie \u00e4u\u00dfert sich darin, dass wir keinen Sinn und kein Ziel in unserem Leben erkennen, dass es uns vorkommt wie eine sinnlose Tretm\u00fchle. S\u00fcnde \u00e4u\u00dfert sich auch darin, dass wir kein Verst\u00e4ndnis aufbringen f\u00fcr die Menschen um uns herum. Gott hat grenzenloses Verst\u00e4ndnis f\u00fcr uns Menschen, wir aber sind nicht selten ungeduldig und gereizt. Allzu leicht verletzen wir andere Menschen. Manchmal kommt es sogar zu Gewalt. Jesus will uns in Gottes N\u00e4he zur\u00fcckholen. Jesus will, dass Gottes Liebe uns innerlich heilt und unseren Beziehungen zu anderen Menschen einen neuen Inhalt gibt. Was geschehen ist und uns ungl\u00fccklich macht, kann zwar nicht einfach weggewischt werden, so als w\u00e4re es nicht passiert. Aber Gott will uns mit sich und mit anderen Menschen vers\u00f6hnen. Dann kann eine neue Seite aufgeschlagen werden, die anders aussieht als die vorige.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Das bedeutet der Name Jesus f\u00fcr uns. Das alles will er bei uns bewirken. Freilich ist dadurch vieles von dem, was uns zu schaffen macht, immer noch nicht beseitigt. Der t\u00e4gliche Stress, die Sorge um den Arbeitsplatz, die Belastung durch einen Menschen in der Familie, der wegen seiner Krankheit f\u00fcr uns innerlich nicht mehr erreichbar ist oder sogar aggressiv wird, das alles bleibt doch weiter bestehen. Unser christlicher Glaube ist auch ehrlich genug, solche Dinge klar in den Blick zu fassen.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Doch hier kommt nun der zweite Name Jesu ins Spiel. &#8222;Sie &#8211; d.h. die Menschen, die an ihn glauben &#8211; werden ihn Emanuel nennen. Das bedeutet: Gott ist mit uns.&#8220; Gott ist mit uns, das ist ein viel missbrauchter Satz. Am schlimmsten war das auf den Koppelschl\u00f6ssern deutscher Soldaten im Krieg, wo das bedeuten sollte, dass Gott ein deutscher Gott sei, der uns den Sieg bescheren w\u00fcrde. Da k\u00f6nnen wir heute, nachdem wir wissen, was damals alles im deutschen Namen geschehen ist, nur froh sein, dass es zu einem solchen Sieg eben nicht gekommen ist. Im Grunde wissen wir ganz gut, dass Gott nicht blo\u00df dann mit uns ist, wenn wir Erfolg haben. Gott ist mit uns gerade auch dann, wenn wir das am wenigsten vermuten. Warum wir leiden m\u00fcssen, warum wir uns qu\u00e4len m\u00fcssen, das verstehen wir oft nicht. Zumindest dann nicht, wenn wir da mitten drinstecken. Aber wir d\u00fcrfen uns auch dann noch, ja gerade dann, fest auf Gott verlassen. Er wird uns hindurch tragen, sogar noch durch den Tod hindurch. Bei Matth\u00e4us spannt sich hier ein gro\u00dfer Bogen durch sein ganzes Evangelium. Am Anfang, in unserer heutigen Geschichte, steht als Name Jesu Emanuel, Gott ist mit uns. Und im letzten Kapitel spricht der auferstandene Jesus zu seinen J\u00fcngern: Ich bin bei euch bis ans Ende der Welt. Das gilt uns zu Weihnachten, das gilt uns im ganzen Jahr, das vor uns liegt, und in allen Jahren unseres Lebens.<\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">\n<div align=\"left\"><\/div>\n<p align=\"left\">Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"fuss\">\nProf. Dr. Dietz Lange<br \/>\nG\u00f6ttingen<br \/>\nE-Mail:&nbsp;<a href=\"mailto:dietzlange@aol.com\">dietzlange@aol.com<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Matth\u00e4us 1:18-25 | verfasst von Dietz Lange | Liebe Gemeinde! Das ist die Weihnachtsgeschichte, wie Matth\u00e4us sie erz\u00e4hlt. Sie wird den meisten von Ihnen kaum vertraut sein, denn es wird selten \u00fcber sie gepredigt. Ihr scheint so g\u00e4nzlich all das Poetische der Geschichte bei Lukas zu fehlen, die wir vorhin geh\u00f6rt haben. 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