{"id":3969,"date":"2019-12-26T19:36:42","date_gmt":"2019-12-26T18:36:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3969"},"modified":"2020-12-11T19:38:21","modified_gmt":"2020-12-11T18:38:21","slug":"2-weihnachtstag-26-12-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-weihnachtstag-26-12-2019\/","title":{"rendered":"2. Weihnachtstag, 26.12.2019"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Matth\u00e4us 1:18-25a, verfasst von Rolf Wischnath<\/h3>\n<p>Bei Matth\u00e4us hei\u00dft es in Kapitel 1<\/p>\n<p><em>Mit der Geburt Jesu Christi aber verhielt es sich so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt. Noch bevor sie miteinander geschlafen hatten, zeigte es sich, dass Maria schwanger war vom heiligen Geist \u2026. Dies ist geschehen, damit in Erf\u00fcllung gehe, was der Herr durch den Propheten Jesaja gesagt hat: \u201eSiehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn geb\u00e4ren\u201c (Jesaja 7, 14).<\/em><\/p>\n<p>Bei Lukas hei\u00dft es in Kapitel 1:<\/p>\n<p><em>Im sechsten Monat aber wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galil\u00e4a mit Namen Nazareth gesandt, zu einer Jungfrau, die verlobt war mit einem Mann aus dem Hause Davids mit Namen Josef, und der Name der Jungfrau war Maria. Und er trat bei ihr ein und sprach: Sei gegr\u00fc\u00dft, du Begnadete, der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak \u00fcber dieses Wort und sann dar\u00fcber nach, was dieser Gru\u00df wohl zu bedeuten habe. Und der Engel sagte zu ihr: F\u00fcrchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott: Du wirst schwanger werden und einen Sohn geb\u00e4ren. Da sagte Maria zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich doch von keinem Mann wei\u00df. Und der Engel antwortete ihr: Heiliger Geist wird \u00fcber dich kommen, und Kraft des H\u00f6chsten wird dich \u00fcberschatten. Darum wird auch das Heilige, das gezeugt wird, Sohn Gottes genannt werden<\/em>.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Predigt<\/strong><\/p>\n<p>I Das Toledische Glaubensbekenntnis<\/p>\n<p>Die Lehre von der Jungfrauengeburt, die von Matth\u00e4us und Lukas bezeugt wird, wurde einst von nur siebzehn Bisch\u00f6fen in ihre klarste Fassung gebracht. Es war im siebten Jahrhundert, als die Kirchenversammlung zu Toledo zusammentrat. In der Nacht vom 7. auf den 8. November 675 wurde es geschrieben und gelesen: das \u201eToledische Glaubensbekenntnis\u201c<a href=\"http:\/\/www.predigtpreis.de\/typo3\/#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>&nbsp;mit den tiefsten Gedanken und den klarsten Formulierungen \u00fcber eines der Hauptgeheimnisse des Christentums, das der Menschwerdung des Sohnes Gottes durch die Jungfrau Maria:<\/p>\n<p>Maria sei \u00fcberschattet, ja umnachtet worden vom Heiligen Geist, und in dieser \u201eUmnachtung\u201c habe von den drei Personen der Dreieinigkeit&nbsp;<em>\u201edie Person des Sohnes f\u00fcr die Befreiung des Menschengeschlechts einen wahren Menschen ohne S\u00fcnde von der heiligen und unbefleckten Jungfrau Maria angenommen, von der er in einer neuen Ordnung und in einer neuen Geburt geboren wurde; in einer neuen Ordnung, weil der in seiner Gottheit Unsichtbare sich im Fleisch sichtbar zeigt; in einer neuen Geburt aber wurde er geboren, weil die unber\u00fchrte Jungfrau keinen Verkehr mit einem Mann kannte und ihm die durch den Heiligen Geist befruchtete Materie des Fleisches zur Verf\u00fcgung stellte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>II Maria \u2013 das verlobte M\u00e4dchen<\/p>\n<p>Auf den traditionellen Bildern der Weihnachtsnacht wird Maria meist dargestellt als ehrw\u00fcrdige Frau, erwachsen und reif und um ihre Verantwortung in der Mutterschaft wissend.<\/p>\n<p>Aber diese Vorstellung und Darstellung der Maria trifft nicht zu. Denn wenn man der Erz\u00e4hlung von der Jungfrauengeburt aus Lukas 1 folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria in dieser Ank\u00fcndigungsgeschichte bekommt und die Luther mit der Wendung \u201emit Maria seinem&nbsp;<em>vertrauten&nbsp;<\/em>Weibe\u201c \u00fcbersetzt, eins klar: \u201evertraut\u201c hei\u00dft \u201everlobt\u201c. Maria war versprochen und \u201everlobt\u201c &#8211; mit Josef, von dem eigenartigerweise im Neuen Testament kein einziges Wort \u00fcberliefert ist. Aber eben er war mit Maria \u201everlobt\u201c. Und in der damaligen Zeit war das normale Verlobungsalter, in dem die Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten, zw\u00f6lf oder dreizehn Jahre. Auch Maria war darin wohl keine Ausnahme. Sie war keine \u201ereife Frau\u201c, sondern ein herangewachsenes Kind, ein M\u00e4dchen wohl gerade in der Endphase ihrer Pubert\u00e4t, so gerade erwachsen Dem Alter nach j\u00fcnger als unsere Konfirmandinnen. Jedenfalls noch am Anfang eines erwachsenen Lebens.<\/p>\n<p>III Der Skandal der sexuellen Missbr\u00e4uche<\/p>\n<p>Ein kurzer scharfer Blick auf einen Sachverhalt \u2013 wenn man hier von einem \u201eSachverhalt\u201c sprechen darf \u2013, der einen mehr als verlegen macht, ja einen in den raren Zustand der Fassungslosigkeit versetzen kann:<\/p>\n<p>Auch das vergangene Jahr 2019 war ein Jahr weiterer Aufdeckungen sexueller Missbrauchsskandale in den Kirchen. Die vom Rat der Ev. Kirche in Deutschland beauftragte Hamburger Bisch\u00f6fin Fehrs, die sich in besonderer Weise mit den Missbrauchsf\u00e4llen befassen soll, hat auf der Synode von \u00fcber 700 Vergehen \u2013 auch in der Ev. Kirche &#8211; gesprochen. Wie soll man von diesen schrecklichen Missgriffen her es begreifen, dass Maria zur Zeit ihrer Schwangerschaft ein so junges M\u00e4dchen war? Es l\u00e4sst sich nur ann\u00e4hernd begreifen, wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, dass M\u00e4dchen in der patriarchalen Gesellschaft nur allzu wenig galten und dass erst nach der Zeit der Aufkl\u00e4rung im 18. Jahrhundert eine moderne, demokratische Gesellschaftsordnung &#8211; langsam, langsam, viel zu langsam &#8211; wachsen konnte, und dass in diesem langen Prozess die sexuelle Ausbeutung der Frauen und insbesondere der M\u00e4dchen wenigstens in einigen L\u00e4ndern auch ge\u00e4chtet wurde. Noch weit entfernt sind wir davon, dass diese \u00c4chtung, die zu den Menschenrechten geh\u00f6rt, \u00fcberall durchgesetzt w\u00e4re &#8211; auch \u00fcberall in den Religionen. Aber das Recht auf sexuelle, gewaltlose Selbstbestimmung geh\u00f6rt zum Mindestma\u00df der Frauenrechte.<\/p>\n<p>IV Das Wichtige der Jungfrauengeburt<\/p>\n<p>Aber nun sind die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matth\u00e4us auch darin unglaublich, dass sie eben Maria als Jungfrau darstellen. Und die Bisch\u00f6fe von Toledo sprechen aus, was die Bibel sagt, aber so direkt nicht ausspricht: Maria war eine Jungfrau, deren&nbsp;<em>\u201eunber\u00fchrte Jungfr\u00e4ulichkeit noch keinen Geschlechtsverkehr mit einem Manne kannte\u201c,<\/em>&nbsp;nicht einmal eine Ber\u00fchrung. Bei j\u00fcdischen Auslegern ist \u201eJungfrau\u201c sogar ein junges M\u00e4dchen, das noch nicht menstruiert.<\/p>\n<p>Bitte verschlie\u00dfen Sie nunmehr nicht v\u00f6llig Augen und Ohren, wenn das Stichwort \u201eJungfrau\u201c und \u201eJungfrauengeburt\u201c f\u00e4llt. Vieles, ja unz\u00e4hlig vieles ist missbr\u00e4uchlich und abwegig zu diesem Glaubenssatz gesagt und gezetert, gedoktert und dogmatisiert worden. Entscheidend ist daran, dass mit dem Dogma von der \u201eJungfrauengeburt\u201c etwas Wichtiges gesagt wird:<\/p>\n<p>N\u00e4mlich, dass der unsichtbare, ewige Gott herausgetreten ist aus seiner Wirklichkeit. Sie ist f\u00fcr unsere Sinne unzug\u00e4nglich und unverf\u00fcgbar. Hier erkennen wir nichts, aber auch gar nichts- aus eigener Vernunft und Kraft: Aus dieser g\u00f6ttlichen Wirklichkeit heraus ist der ewige Gott in der Kraft des Heiligen Geistes in Leib und Leben des M\u00e4dchens Maria eingezogen, um aus ihr heraus Mensch zu werden. Gott selber hat Maria einzigartig einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt, seiner Liebe zu den Menschen. Der ewige Gott selber wird in der Kraft des Heiligen Geistes (im Leib der Maria) Mensch. Der Ewige zieht ein in ihren Leib, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit &#8211; als einer von uns. So wird Gott Mensch, ohne aufzuh\u00f6ren Gott zu sein. Das ist der Kern der Lehre von der Jungfrauengeburt. Das ist das Wichtige, das auch heute noch wichtig ist.<\/p>\n<p>Und so ist unsere immer noch weihnachtliche Zeit, in der das geschehen ist,&nbsp;<em>letzte<\/em>&nbsp;Zeit: Sie endet nicht, weil Gott selber in menschlicher Zeit und Gestalt kommt und in ihr gegenw\u00e4rtig ist. Wie am Anfang aller Zeit, \u201eals die Erde w\u00fcst und leer war, und es finster war auf der Tiefe\u201c (1. Mose 1,2) geschieht hier in der Mitte der Zeit die Zeugung eines Menschen ganz von Gott aus: In ihm kommt Gott selbst in die Zeit, um diese Welt in Ewigkeit zu retten. Er bricht \u201eden Fluch der speichelfl\u00fcssigen Hexe Zeit\u201c, von der Friedrich Nietzsche einmal spricht. Es ist die Hexe, die unsere Zeit t\u00f6dlich frisst. In dieser Zeit, in der Mitte der Zeit, in der Zeitenwende wird Gott Mensch wird, aus Maria der Jungfrau. Es ist darum durchaus angemessen, wenn in der katholischen Kirche von Maria als der \u201eMutter Gottes\u201c gesprochen wird, auch wenn sie durch die Jungfrauengeburt nicht selber g\u00f6ttlich wird, wie die Protestanten zu Recht betonen.<\/p>\n<p>V Jungfrauengeburt \u2013 wie soll ich das glauben?<\/p>\n<p>Aber l\u00e4sst sich das nun alles heute noch so glauben? Soll ich glauben, dass Maria schwanger wird ohne den Samen eines Mannes? Oder geh\u00f6ren diese eigenartigen Lehren auf den M\u00fcllhaufen der Theologiegeschichte, weil der moderne Mensch damit in seinem Leben gar nichts mehr anzufangen wei\u00df?<\/p>\n<p>Ich sehe es so: Die biologische Frage will ich nicht beantworten. Ich wei\u00df es nicht. Ich muss diese Frage auch nicht beantworten. Aber&nbsp;<em>die Lehre<\/em>&nbsp;von der Jungfrauengeburt ist unbedingt zu bewahren, zu f\u00f6rdern und zu erneuern. Sie ist ein Symbol. Ein Symbol ist ein Zeichen, das einen tieferen Sinn andeutet. Ein Symbol ist ein Sinnbild. Und eben das ist die Rede von der Jungfrauengeburt. Sie ist Zeichen f\u00fcr den besonderen Lebensanfang Jesu\u201a so wie das leere Grab am Ostermorgen ein Symbol f\u00fcr die Auferweckung des Gekreuzigten ist. Aber auf was deutet sie hin, was symbolisiert die Jungfrauengeburt? Sie weist darauf hin, dass am Anfang dieses Kindes und in seiner Geburt nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott.<\/p>\n<p>Wenn gesagt wird: Gott selber habe diesen Jesus von Nazareth h\u00f6chst selbst gewollt, Gott selber sei in dessen Leben in unsere dunkle Zeit gekommen, dann ist mit dem Symbol der Jungfrauengeburt ausgedr\u00fcckt:<\/p>\n<p>VI Die unerhebliche Bedeutung des Mannes bei dieser Zeugung<\/p>\n<p>Nicht die Klugheit, die Fr\u00f6mmigkeit, die schneidige T\u00fcchtigkeit oder das unwiderstehliche sexuelle Begehren eines Mannes ist hier ausl\u00f6sender Faktor. Oder etwas direkter gesagt: Nicht der eitle und immer so wundervoll gro\u00dfspurige und potente Mann ist die \u201eKrone der Sch\u00f6pfung\u201c. Der Mann spielt hier nicht wie oft bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.<\/p>\n<p>Und darum ist es an der Zeit, dass auch die kirchliche Bewegung \u00e4lterer und j\u00fcngerer M\u00e4nner das Dogma, das Symbol von der Jungfrauengeburt neu entdeckt: als ein m\u00e4nnerzurechtweisendes Dogma. Dieses Dogma bereitet der m\u00e4nnlichen Umnachtung im unwiderstehlichen sexuellen Begehren ein Ende. Und es warnt den eingebildeten Mann. Mich auch. Geradezu katechismusartig hat vor geraumer Zeit das eher konservative Wochenmagazin&nbsp;<em>FOCUS<\/em>&nbsp;das Dogma von der Jungfrauengeburt f\u00fcr die M\u00e4nner erkl\u00e4rt. Zitat:<\/p>\n<p>\u201e<em>Maria mit dem Ei des Erl\u00f6sers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu m\u00e4nnermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die M\u00e4nner nicht, um erl\u00f6st zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott &#8211; und nichts dazwischen. Eine gef\u00e4hrliche These f\u00fcr den Bestand der Machos und ihrer Klerisei.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Besser kann es der abendliche Prediger auch nicht sagen. Und das, was im&nbsp;<em>FOCUS<\/em>&nbsp;steht, ist richtig: orthodox d.h. rechtgl\u00e4ubig &#8211; und evangelisch aus gutem Grund:<\/p>\n<p>VII Kr\u00e4nkung und Dem\u00fctigung, Partnerschaft und Selbstbestimmung<\/p>\n<p>Wir M\u00e4nner sind keine Priester, die Gott vermitteln &#8211; auch nicht, wenn wir riesige priesterliche Titel und Gew\u00e4nder tragen. Die beiden Geschichten von der Jungfrauengeburt sind dadurch auch Kr\u00e4nkung, Dem\u00fctigung der M\u00e4nner &#8211; auch meine Dem\u00fctigung. Und sie ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter:<\/p>\n<p>War am Anfang (nach der alten biblischen Sch\u00f6pfungsgeschichte) der Mann das erste Werk des Sch\u00f6pfers vor der Frau, so hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des neuen Menschen zur Erl\u00f6sung der Welt, die Frau das Primat. Hier hat sie allen Vorrang und alles Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. Und zwar in der Gestalt der jungen, heranwachsenden Frau, in Maria &#8211; der Jungfrau. Also in einer Gestalt, die nicht wenige M\u00e4nner so begehrlich und hinrei\u00dfend finden, dass sie sich zum Missbrauch hinrei\u00dfen lassen und vor allem junge Frauen in ihrer leiblichen und seelischen W\u00fcrde verletzen und sie oft in einen unfassbaren, schrecklichen Schatten r\u00fccken, der ihnen dann ein Leben lang nachgeht.<\/p>\n<p>Maria aber steht daf\u00fcr als Zeichen, dass es in der Sch\u00f6pfung Gottes und erst recht seit Christi Geburt keine unterjochenden, verletzenden und niederrei\u00dfenden Begehrlichkeiten des Mannes nach der Frau geben darf. In einem jungen M\u00e4dchen, f\u00fcr das hier die junge Maria steht, w\u00fcrde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Die Jungfrau Maria steht aber auch daf\u00fcr, dass es prinzipiell keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegen\u00fcber dem Mann geben darf. Sondern nur &#8211; wirklich: nur! \u2013 die von Gott gewollte Partnerschaft und Selbstbestimmung<\/p>\n<p>VIII Der menschgewordene Gott<\/p>\n<p>Wenn es so verstanden wird, wird auch deutlich, dass der christliche Glaube nicht in Tatsachenspekulationen aufgeht. Das Symbol von der jungfr\u00e4ulichen Zeugung hat den Sinn, uns zu sagen: Gott in seiner Souver\u00e4nit\u00e4t ist in die Tiefe gegangen. Er stellt sich auf unsere Seite, auf die Seite des Menschen &#8211; in der Menschwerdung seines Sohnes. Wir glauben, dass ER in dieser Erniedrigung uns herausholt aus unseren Erniedrigungen. In dieser Weise bringt er uns heim als die mit ihm vers\u00f6hnte Welt und Menschenschar. Als der menschgewordene Gott begleitet er unseren Lebensweg \u2013 den Weg zu ihm, durch den Tod ins Leben.<\/p>\n<p>Wer sich da in biologischen Behauptungen \u00fcber die Beschaffenheit des Unterleibes der Maria oder die Potenz, beziehungsweise Impotenz des heiligen Josef verliert, ist meist ein religi\u00f6ser Voyeur. Oder wer auf der anderen Seite ,,vom Pferd f\u00e4llt&#8220;, indem er sich in historischen Spekulationen etwa \u00fcber eine m\u00f6gliche r\u00f6mische Vergewaltigung der Maria ergeht<a href=\"http:\/\/www.predigtpreis.de\/typo3\/#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a>, zeigt , dass er den Blick f\u00fcr elementare Wahrheiten der Heiligen Schrift und des Lebens aus dem Blick verloren hat: die Wahrheit, die das Evangelium bekundet und weit \u00fcber das hinausgeht, was wir von uns aus sezieren, greifen und begreifen k\u00f6nnen. Schon die siebzehn V\u00e4ter und Bisch\u00f6fe von Toledo haben hierzu das Notwendige gesagt:<\/p>\n<p>\u201e<em>Diese Jungfrauengeburt kann weder von der Vernunft erfasst noch an einem Beispiel gezeigt werden; denn wenn sie von der Vernunft erfasst werden k\u00f6nnte, w\u00e4re sie nicht wunderbar; wenn sie an einem Beispiel gezeigt werden k\u00f6nnte, w\u00e4re sie nicht einzigartig!\u201c<\/em><\/p>\n<p>IX Der wahre Gott \u2013 der wahre Mensch<\/p>\n<p>Ich pl\u00e4diere also f\u00fcr die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Niz\u00e4nischen Glaubensbekenntnis, das wir eben gesprochen haben, hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u201e<em>F\u00fcr uns Menschen und zu unserem Heil ist Er &#8211; n\u00e4mlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus &#8211; vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Diese S\u00e4tze sind zu Recht in das Bekenntnis aller Christen \u2013 der Orthodoxen wie der Katholiken wie der Protestanten \u2013 gestellt worden. Sie sind die Substanz des Dogmas, des Symbols von der Jungfrauengeburt und von der Menschwerdung Gottes. Diese S\u00e4tze des Nic\u00e4nischen Bekenntnisses rufen uns zu, M\u00e4nnern wie Frauen, ihrem ganzen Tiefsinn und in ihrer ganzen Feierlichkeit:<\/p>\n<p>Mensch, f\u00fcr Dich ist der ewige Gott Mensch geworden durch die Mutter Maria. So bist auch Du Mensch durch Jesus Christus gerettet. Denn von dessen Anfang in der Krippe bis zu seinem Ende am Kreuz hat Gott auch dein Leben mit all seinem Leiden und seinen Verfehlungen getragen. Und in seiner Auferstehung hat er es gewandelt \u2013 hin zum ewigen Leben, das dir nicht mehr verloren gehen wird.<\/p>\n<p>Und nichts weniger ist auch dir, du \u2026. Mensch, hier am \u2026\u2026 in \u2026\u2026 des zweiten Weihnachtstages verhei\u00dfen. Und so bist auch du schon jetzt Gottes geliebtes Kind um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in ihrer eher schwachen menschlichen Kraft, aber dennoch in der ganzen Kraft des g\u00f6ttlichen Geistes geboren und zur Welt gebracht hat. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>____________<\/p>\n<p>Lied: Gelobet seist du, Jesu Christ \/ EG 23, 1 \u2013 3<\/p>\n<p>Gebet<\/p>\n<p>Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist,<\/p>\n<p>unbegreiflich sind die Wege deines Erbarmens,<\/p>\n<p>unerforschlich ist die Tiefe deiner Zuneigung,<\/p>\n<p>unbedingt ist Dein Weg zu uns Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir danken Dir f\u00fcr das Evangelium,<\/p>\n<p>von der Jungfrau Maria und ihrem Sohn Jesus,<\/p>\n<p>das Du auch uns heute hast wieder h\u00f6ren lassen.<\/p>\n<p>Und wir bitten dich:<\/p>\n<p>Lass uns Vertrauen, Ehrfurcht und Liebe<\/p>\n<p>zu ihm, Jesus Christus, finden.<\/p>\n<p>Und Vertrauen, Ehrfurcht und Liebe<\/p>\n<p>brauchen wir auch f\u00fcr uns und f\u00fcreinander.<\/p>\n<p>Wandle unsere Klagen in Dank und Anbetung,<\/p>\n<p>denn von dir und durch dich kommt alles,<\/p>\n<p>und alles l\u00e4uft auf dich zu.<\/p>\n<p>Schenk uns Dein Kommen<\/p>\n<p>In unserer Zeit \u2013 jetzt an diesem Tag und Abend,<\/p>\n<p>an welchem wir die Weihnachtszeit<\/p>\n<p>beschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Amen.&nbsp;<em>[aus der Agende Kurhessen-Waldeck]<\/em><\/p>\n<p>Vater unser \u2026.<\/p>\n<p>Lied: Gelobet seist du Jesus Christ \/ EG 23, 4 &#8211; 7<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>____________<\/p>\n<p><strong>Anmerkung zur theologischen Grundlegung der Predigt:<\/strong><\/p>\n<p>Predigt, Lesung, Lieder und Gebete dieses Gottesdienstes stehen in ihrem Zusammenhang in der Folge einer theologischen Grundentscheidung. Sie liegt darin, dass ich die altkirchliche Zweinaturenlehre als eine tiefe, unaufhebbare und auch aktuelle Wahrheit ansehe.<\/p>\n<p>So habe ich die Lieder danach ausgesucht, ob sie in Klarheit das unverzichtbare \u201evere deus et vere homo\u201c (wahrer Gott und wahrer Mensch) jener Lehre zum Ausdruck bringen. Nat\u00fcrlich \u2013 sofern man hier \u201enat\u00fcrlich\u201c sagen darf \u2013 gilt das einzigartig von Martin Luthers \u201eGelobet seist du, Jesu Christ\u201c, das im Anschluss an die Predigt gesungen wurde.<\/p>\n<p>Kern und Stern der Zweinaturenlehre sehe ich so: Das Kind zu Bethlehem steht ganz auf der Seite Gottes und ganz auf der Seite des Menschen. Es kommt mithin \u201eganz von oben\u201c und \u201eganz von unten\u201c. Die Bezeugung der Jungfrauengeburt (Matth\u00e4us 1 + Lukas 1) gilt (nicht ohne das \u201evere homo\u201c) vorrangig dem \u201evere Deus\u201c. Die Verk\u00fcndigung des Kindes in der Krippe (Lukas 2), des Mordplans des Herodes und der Flucht nach \u00c4gypten (Matth\u00e4us 2) bezeugen vorrangig (nicht ohne das \u201evere Deus\u201c) das \u201evere homo\u201c.<\/p>\n<p>Gegen<\/p>\n<ul>\n<li>eine oft vertretene Angebotschristologie [\u201eGott schenkt dir zu Weihnachten sein Herz. Aber annehmen und aufmachen musst du dein Geschenk schon selbst!\u201c]<\/li>\n<li>oder eine liberale Vorbildchristologie [\u201eIn Jesus hat Gott uns ein Beispiel gegeben. Wo wir handeln wie Jesus, wird es Weihnachten!\u201c]<\/li>\n<li>oder eine verk\u00fcrzte politische Revolutionschristologie [\u201eZu Weihnachten beginnt Gottes Kampf gegen die Unterdr\u00fccker. An diesem Kampf m\u00fcssen wir uns unbedingt beteiligen. Denn Gott hat keine anderen H\u00e4nde als unsere.\u201c]<\/li>\n<\/ul>\n<p>gilt es meines Erachtens, den Zusammenhang der altkirchlichen und der reformatorischen christologischen Grundentscheidungen neu zu erschlie\u00dfen: als Entscheidung<\/p>\n<p>f\u00fcr<\/p>\n<ul>\n<li>das \u201evere Deus et vere homo\u201c (wahrer Gott und wahrer Mensch) &#8211; hier exemplarisch dargelegt an der Lehre von der Jungfrauengeburt?<\/li>\n<li>das \u201esola gratia\u201c (gerettet und gerechtfertigt allein aus Gnade),<\/li>\n<li>einen nachhaltigen Vorrang der Indikative vor den Imperativen in der Predigt,<\/li>\n<li>einen zeitgem\u00e4\u00dfen Bezug, durch den der Glanz und das \u00dcberraschende der Inkarnation verdeutlicht wird.<\/li>\n<\/ul>\n<p><a href=\"http:\/\/www.predigtpreis.de\/typo3\/#sdfootnote1anc\">1<\/a>&nbsp;11. Synode von Toledo (675), Glaubensbekenntnis \u2013 in: H. Denzinger \u2013 P. H\u00fcnermann, Enchiridion symbolorum \u2026., 37. Aufl., Freiburg 1991, S. 246.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.predigtpreis.de\/typo3\/#sdfootnote2anc\">2<\/a>&nbsp;Zuletzt G. L\u00fcdemann<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>____________<\/p>\n<p><em>Dr. Rolf Wischnath war reformierter Pfarrer in Soest und Berlin und Generalsuperintendent (1995 &#8211; 2004) der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er ist Honorarprofessor der Universit\u00e4t Bielefeld.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"fuss\">\nProf. Dr. Rolf Wischnath<\/p>\n<p>E-Mail:&nbsp;<a href=\"mailto:rolf.wischnath@t-online.de\">rolf.wischnath@t-online.de<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Matth\u00e4us 1:18-25a, verfasst von Rolf Wischnath Bei Matth\u00e4us hei\u00dft es in Kapitel 1 Mit der Geburt Jesu Christi aber verhielt es sich so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt. Noch bevor sie miteinander geschlafen hatten, zeigte es sich, dass Maria schwanger war vom heiligen Geist \u2026. Dies ist geschehen, damit in Erf\u00fcllung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3877,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,1,157,114,487,3,109,333],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-3969","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-01-chapter-01-matthaeus","category-nt","category-predigten","category-rolf-wischnath"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3969","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3969"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3969\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3971,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3969\/revisions\/3971"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3877"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3969"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3969"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3969"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=3969"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=3969"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=3969"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=3969"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}