{"id":3988,"date":"2020-12-15T13:49:11","date_gmt":"2020-12-15T12:49:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3988"},"modified":"2020-12-15T13:49:11","modified_gmt":"2020-12-15T12:49:11","slug":"wer-bist-du","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wer-bist-du\/","title":{"rendered":"Wer bist du?"},"content":{"rendered":"<h3>4. Advent 2020 | Johannes 1,19-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Poul Joachim Stender |<\/h3>\n<p><strong>Wer bist du?<\/strong><\/p>\n<p>Neulich wurde ich im Fernsehen interviewt. Als die Aufnahme begann, \u00fcberrumpelte mich der Journalist, indem er unumwunden fragte: \u201eWer bist du\u201c? Was soll man da antworten? Ich faselte etwas davon, dass ich viele Ichs habe. Und dass ich gar nicht so sehr daran interessiert sei, mich selbst zu kennen. Ich wollte lieber andere kennenlernen. Die Begegnung mit einem selbst ist leider, meiner Erfahrung nach, nicht so phantastisch, wie sich die Leute das einbilden. Ich habe immer einen recht unsympathischen egoistischen armen Kerl in mir selbst gefunden. Ich begreife nicht, dass so viele Leute sich selbst finden wollen. Wir Menschen haben viele gute Seiten. Aber wenn man sich selbst begegnet, findet man auch einen waschechten S\u00fcnder. Nun im Nachhinein wei\u00df ich, was ich dem Journalisten h\u00e4tte sagen sollen. Ich h\u00e4tte sagen sollen: \u201eIch bin ein Gesch\u00f6pf Gottes. Und da ich von Gott geschaffen bin, muss ich ein Mysterium sein, das nicht einmal ich fassen kann. Deshalb wei\u00df ich nicht, wer ich bin\u201c. Ich h\u00e4tte auch sagen k\u00f6nnen, dass ich der N\u00e4chste meiner Mitmenschen bin. Mich sollen sie, einschlie\u00dflich des Journalisten, lieben wie sich selbst. Hier in der Weihnachtszeit hat man ein sehr gutes Gef\u00fchl, wenn man umhergeht und wei\u00df, dass einen die Mitmenschen aus der Distanz lieben sollen.<\/p>\n<p>Wenn wir gefragt werden, wer wir sind, k\u00f6nnen wir mit Klischees antworten, etwa dass wir suchende Menschen sind, oder ein Mensch, der gerne etwas Besonderes bewirken will. Ich wei\u00df nicht, warum es so fein ist, ein suchender Mensch zu sein. Das gro\u00dfe an uns ist doch, dass wir von Gott gefunden sind in der ersten Weihnacht. Wer sind wir? Wir sind ein gefundener Schatz! Ich wei\u00df auch nicht, warum alle etwas Besonderes bewirken wollen. So schlimm ist es doch auch nicht, dass man nicht schlimmer ist als alle anderen<\/p>\n<p>Wenn wir gefragt werden, wer wir sind, antworten wir gerne mit einer Beschreibung unseres Berufs. Hier in D\u00e4nemark definieren wir uns selbst durch unsere Arbeit. Und wenn wir das nicht tun, dann z\u00e4hlen wir alle unsere Funktionen auf. Ich bin Ehegatte. Ich bin Vater. Ich bin D\u00e4ne usw. usw. Aber w\u00e4re es nicht eine Idee, sich auch von Gott her zu definieren? Wer bist du? Ich bin Gottes Gesch\u00f6pf, ich bin Christ, ich bin der oder die, die von Christus geliebt sind. Wenn wir versuchen, uns selbst aus dieser Perspektive zu definieren und nicht allein durch unsere Arbeit oder all das, was ich hier erw\u00e4hnt habe, gelangen wir vielleicht zu einem tieferen und sch\u00f6neren Verst\u00e4ndnis davon, wer wir sind.<\/p>\n<p>Ich stelle nun die Frage an jeden einzelnen von Euch auf den Kirchenb\u00e4nken: Wer bist du? Jesus fragte mehrmals seine J\u00fcnger, wer er sei. Und sie antworteten: Du bist der Sohn des lebendigen Gottes. Dasselbe bekam er zu h\u00f6ren, als er im Jordan getauft wurde. Eine Stimme vom Himmel, Gott selbst, proklamierte: \u201eDu bist mein geliebter Sohn\u201c. Johannes der T\u00e4ufer wurde auch gefragt, wer er war. Und er antwortete: \u201eIch bin nicht Christus. Ich bin ein Rufer in der W\u00fcste, der ruft: Baht dem Herrn den Weg\u201c. F\u00fcr \u00a0die Beantwortung der Frage danach, wer wir sind, kann man viel bei den verschiedenen Antworten von Johannes dem T\u00e4ufer lernen. Der sagte: \u201eIch bin nicht Christus!\u201c Das sind wir auch nicht. Wir sind nicht Gott. Wir verhalten uns oft so, als w\u00fcrden wir das Leben beherrschen und als w\u00fcrde alles nur dank unserer Leistungen gelingen. Aber wir sind Menschen. Wir weder k\u00f6nnen noch sollen alles beherrschen. Gott nimmt sich unser an. Lasst uns wieder Menschen sein, so dass wir, wenn wir gefragt werden, wer wir sind, antworten k\u00f6nnen: \u201eIch bin ein Mensch\u201c. Eine gro\u00dfe Sache ist das, ein Mensch zu sein. Unter anderem, weil Gott in Jesus Mensch wurde.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen aber auch die Worte verwenden, die Jesus von seinem Vetter Johannes sagt: Er ist der, \u201evon dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Engel vor dir, er soll den Weg bahnen\u201c. Denkt nur, wenn wir auf die Frage: danach, wer wir sind, mit den Worten antworten k\u00f6nnen: \u201eIch bin der Engel, der den Weg bahnt f\u00fcr Christus und meine Mitmenschen\u201c. Wer sind wir? Wir sind S\u00fcnder. Wir sind Menschen. Und dennoch sind wir Engel, die den Weg bereiten k\u00f6nnen f\u00fcr Jesus, indem wir allen und jedem erz\u00e4hlen, dass der Sohn Gottes Blinde sehen l\u00e4sst, Auss\u00e4tzige rein werden l\u00e4sst, Taube h\u00f6ren l\u00e4sst und dass er zudem auch die Toten auferweckt.<\/p>\n<p>Nun ist bald Weihnachten. Noch vier Tage. Und mehr denn je ist es notwendig, dass ein Weg gebahnt wird von einigen Engeln, so dass die D\u00e4nen merken: Wir feiern Weihnachten, weil Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. Letzten Donnerstag hatten wir Konzert in unserer Kirche. Die Leute konnten w\u00e4hlen, was f\u00fcr Weihnachtslieder sie singen wollten. Sie w\u00e4hlten recht lustige, aber weltliche und nicht sehr geistliche d\u00e4nische Weihnachtslieder \u2013 ohne jeden ernsten Inhalt und jeden Bezug auf die Geburt Jesu. Die Lieder wurden laut und mit gro\u00dfer Begeisterung gesungen. Wir sa\u00dfen mit dem vorgeschriebenen Abstand von zwei Metern! Aber als die Lieder von Jesus in der Krippe auf meine Initiative hin endlich dran waren, wurden sie nahezu gefl\u00fcstert. Dasselbe sehen wir mit dem Weihnachtsschmuck, der unser Weihnachten dominiert. Er ist frei von christlichen Symbolen und Erz\u00e4hlungen, wie die Jungfrau Maria das Jesuskind gebar im Stall von Bethlehem.<\/p>\n<p>Nun frage ich wieder und ein letztes Mal: \u201eWer bist du?\u201c Du bist kein Heinzelm\u00e4nnchen auf dem Dachboden, kein Weihnachtsmann. Kein suchender Mensch. Nicht jemand, der etwas Besonderes leisten muss. Du bist ein S\u00fcnder, aber zugleich bist du auch ein Engel, ein gefundener Schatz, der Christus den Weg bereiten kann, so dass er vielleicht in diesem Jahr bei seinem eigenen Geburtstag dabei sein kann.<\/p>\n<p>Gott befohlen. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastor Poul Joachim Stender<br \/>\nDK 4060 Kirke S\u00e5by<br \/>\npjs(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Advent 2020 | Johannes 1,19-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Poul Joachim Stender | Wer bist du? Neulich wurde ich im Fernsehen interviewt. 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