{"id":3993,"date":"2020-12-16T14:00:17","date_gmt":"2020-12-16T13:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=3993"},"modified":"2020-12-16T14:04:11","modified_gmt":"2020-12-16T13:04:11","slug":"es-kommt-besuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/es-kommt-besuch\/","title":{"rendered":"Es kommt Besuch!"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zum 4. Advent, 20.12.2020 | 1. Mose 18, 1\u201315 | verfasst von Dekan Uland Spahlinger |<\/h3>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-3993-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Vierter-Advent-Predigt-Gen.-18-1-15-Uland-Spahlinger.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Vierter-Advent-Predigt-Gen.-18-1-15-Uland-Spahlinger.mp3\">https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Vierter-Advent-Predigt-Gen.-18-1-15-Uland-Spahlinger.mp3<\/a><\/audio>\n<p><em>Hinweis: Diese Predigt k\u00f6nnen Sie sich auch anh\u00f6ren.&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><strong>Der Herr bei Abraham und Sara in Mamre<\/strong><\/p>\n<p><em>18<sup>1<\/sup>Und der Herr erschien ihm im Hain Mamre, w\u00e4hrend er an der T\u00fcr seines Zeltes sa\u00df, als der Tag am hei\u00dfesten war.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>2<\/sup>Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei M\u00e4nner vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der T\u00fcr seines Zeltes und neigte sich zur Erde<\/em><\/p>\n<p><em><sup>3<\/sup>und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vor\u00fcber.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>4<\/sup>Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure F\u00fc\u00dfe zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>5<\/sup>Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach m\u00f6gt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vor\u00fcbergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>6<\/sup>Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Ma\u00df feines Mehl, knete und backe Brote.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>7<\/sup>Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab\u2019s dem Knechte; der eilte und bereitete es zu.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>8<\/sup>Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum, und sie a\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>9<\/sup>Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>10<\/sup>Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen \u00fcbers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das h\u00f6rte Sara hinter ihm, hinter der T\u00fcr des Zeltes.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>11<\/sup>Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>12<\/sup>Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!<\/em><\/p>\n<p><em><sup>13<\/sup>Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch geb\u00e4ren, nun, da ich alt bin?<\/em><\/p>\n<p><em><sup>14<\/sup>Sollte dem Herrn etwas unm\u00f6glich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen \u00fcbers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. <\/em><\/p>\n<p><em><sup>15<\/sup>Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht \u2013, denn sie f\u00fcrchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>in Astrid Lindgrens Buch &#8222;Die Kinder aus der Krachmacherstra\u00dfe&#8220; besuchen Jonas, Mia-Maria und Lotta immer wieder einmal die alte Nachbarin, Tante Berg. Nach einem Besuch dort &#8211; sehr lustig zu lesen &#8211; kommen die drei heim, und Jonas bilanziert: &#8222;Tante Berg hat sich zweimal gefreut. Erst hat sie sich gefreut, als wir kamen, und dann hat sie sich gefreut, als wir gingen&#8220;<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>G\u00e4ste sind oft f\u00fcr \u00dcberraschungen gut, selbst wenn es Bekannte oder Freunde sind, von denen du meinst, du wei\u00dft alles von ihnen. Tante Berg h\u00e4tte wahrscheinlich ahnen k\u00f6nnen, dass es mit den Dreien kein ruhiger Nachmittag werden w\u00fcrde. Wurde es dann ja auch nicht.<\/p>\n<p>Noch einmal anders aber ist es, wenn Fremde zu dir zu Besuch kommen, Menschen, die du nicht kennst. Und ganz besonders, wenn sie unerwartet kommen, unangemeldet und also \u00fcberraschend.<\/p>\n<p>Mir ist eine Episode aus meinem Dienst in Papua-Neuguinea unausl\u00f6schlich in Erinnerung geblieben. Wir lebten damals in Mendi, einer kleinen Stadt in einem Hochtal des s\u00fcdlichen Hochlandes. Es gab einen kleinen, aber ganz gut ausgebauten Flugplatz, der auch von gr\u00f6\u00dferen Maschinen angesteuert werden konnte &#8211; wenn er nicht wolkenverhangen war.<\/p>\n<p>Eines Nachmittags stand an unserer Gartenpforte ein Fremder. Ein Wei\u00dfer, das war ungew\u00f6hnlich. Er hatte au\u00dfer einer kleinen Tasche nichts dabei. Im Gespr\u00e4ch stellte sich heraus, dass er Pilot war und f\u00fcr die Mission Aviation Fellowship flog &#8211; vielleicht haben Sie das K\u00fcrzel &#8222;MAF&#8220; schon geh\u00f6rt, eine kirchengest\u00fctzte Flugorganisation, die vor allem unwegsam gelegene Missionsstationen und Orte anfliegt. Mike &#8211; so nenne ich ihn hier &#8211; war amerikanischer Baptist und war in Mendi gelandet; die Nachmittagswolken waren eingefallen, er kam nicht mehr weg. Und nun brauchte er einen Platz zum Schlafen.<\/p>\n<p>In Deutschland h\u00e4tten wir ihm wahrscheinlich ein Zimmer in einer Pension oder dergleichen organisiert. Wenn du aber l\u00e4nger in einem fremden Land wohnst, lernst du um. Du lernst, wie wichtig es ist, dass du Hilfe bekommst, wenn du sie brauchst, und dass du deshalb auch anderen, die der Hilfe bed\u00fcrfen, diese Hilfe gew\u00e4hrst. Es war gar keine Frage. Wir hatten l\u00e4ngst den tiefen Sinn der Gastfreundschaft verinnerlicht, der ja nicht zuf\u00e4llig auch gut biblisch verb\u00fcrgt ist, z.B. im Hebr\u00e4erbrief: &#8222;Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt&#8220; (Hebr.13,2). Was mir diesen unverhofften Besuch so ins Ged\u00e4chtnis gerieben hat, war dann die kleine Situation beim Abendessen. Wie gesagt: Mike hatte nicht viel dabei. Bevor wir zu essen anfingen, sagte er: &#8222;May I offer a prayer?&#8220; &#8211; &#8222;Darf ich ein Gebet beisteuern?&#8220; Keine Flasche Wein, kein St\u00fcck Wurst oder K\u00e4se &#8211; aber ein Tischgebet. Das war unter uns Christenmenschen aus unterschiedlichen L\u00e4ndern und Konfessionen das, was er beitragen konnte &#8211; f\u00fcr das gemeinsame Mahl zu danken und Gott um seinen Segen zu bitten.<\/p>\n<p>Wir haben uns \u00fcber seinen Besuch gefreut &#8211; einmal gefreut, nicht zweimal wie Tante Berg. Wiedergetroffen haben wir ihn nicht. Aber sein Satz &#8222;May I offer a prayer?&#8220;, diese Ber\u00fchrung mit Gottes N\u00e4he zu uns Menschen, ist mir in Erinnerung geblieben. Eine \u00dcberraschung, zu uns gebracht durch einen Engel, einen Boten Gottes. Ich will das gar nicht \u00fcberh\u00f6hen; wir haben aber etwas \u00fcber Engel gelernt von diesem amerikanischen Piloten, \u00fcber Boten Gottes in unserer Welt.<\/p>\n<p>Und damit bin ich bei der ber\u00fchmten biblischen Geschichte, die wir vorher geh\u00f6rt haben. Sie werden mit mir einig sein: eine Adventsgeschichte im eigentlichen Sinn ist das nicht, diese Erz\u00e4hlung vom Besuch der drei unbekannten G\u00e4ste beim j\u00fcdischen Urvater Israels, dem inzwischen sehr alt gewordenen Abraham und seiner ebenfalls alten Frau Sara. Geheimnisvoll, wie aus dem Nichts tauchen sie auf, die drei. Und im Verlauf der Erz\u00e4hlung verschwimmt die Wahrnehmung: sind sie wirklich zu dritt \u2013 oder ist es doch nur einer?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-3994 alignright\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Dreifaltigkeitsikone-Rubljow-243x300.jpg\" alt=\"\" width=\"343\" height=\"424\" srcset=\"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Dreifaltigkeitsikone-Rubljow-243x300.jpg 243w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Dreifaltigkeitsikone-Rubljow-830x1024.jpg 830w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Dreifaltigkeitsikone-Rubljow-768x947.jpg 768w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Dreifaltigkeitsikone-Rubljow.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 343px) 100vw, 343px\" \/>In der christlichen Tradition ist die alte j\u00fcdische Geschichte so gedeutet worden, dass der eine Gott eben doch in drei Erscheinungsweisen auftritt: Ein Gott, aber eben als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Es gibt eine ber\u00fchmte Ikone des russischen Malers Andreij Rubljow aus dem 15. Jahrhundert, auf der sind drei Figuren mit identischen Gesichtern zu sehen \u2013 an einem Tisch, der auch ein Altar sein k\u00f6nnte. Die drei sind einer, will er damit sagen. Rubljow holt damit die Begegnung im Hain zu Mamre in die christliche Tradition der Dreifaltigkeit Gottes. Das ist aber unsere Lesart, dem j\u00fcdischen Glauben ist sie fremd.<\/p>\n<p>Die biblische Geschichte erz\u00e4hlt von etwas anderem: n\u00e4mlich von einer \u00fcberraschenden Begegnung, von der Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Gastfreundschaft mit allem, was dazu geh\u00f6rt, und von einer schier unglaublichen Ank\u00fcndigung. Abraham tut alles, was getan werden muss, damit die drei W\u00fcstenwanderer zur hei\u00dfesten Zeit des Tages ausruhen und sich erholen und st\u00e4rken k\u00f6nnen. Er sorgt f\u00fcr Reinigung und Erfrischung und f\u00fcr ein gutes Essen.<\/p>\n<p>In einer Auslegung habe ich den h\u00fcbschen Gedanken gefunden: \u201eGott kommt zu Besuch \u2013 und wartet erst einmal geduldig ab, bis die Vorbereitungen getan sind\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Auch die ganz praktische Vorbereitung braucht ihre Zeit \u2013 und bekommt sie. Sie wird miterz\u00e4hlt. Alles bekommt seine Zeit in dieser Begegnung.<\/p>\n<p>Und erst nachdem sie sich gest\u00e4rkt haben, stellen sie die seltsam anmutende Frage: Wo ist Sara, deine Frau? Und nun verschwimmt das Ganze etwas: Erst fragen \u201esie\u201c (also die drei G\u00e4ste), dann f\u00fchrt \u201eer\u201c (also einer) das Gespr\u00e4ch weiter. Ich glaube, das Verschwimmen ist gewollt. Denn es geht gar nicht mehr so sehr darum, wer von den dreien die Ank\u00fcndigung macht. Wichtig ist allein die Ank\u00fcndigung selbst: \u201eIch will wieder zu dir kommen \u00fcbers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben.\u201c Dar\u00fcber kann Sara nur lachen, leise zwar, weil sie die G\u00e4sten nicht vor den Kopf sto\u00dfen will, k\u00f6nnte ich mir vorstellen; aber sie lacht, denn sie kennt sich aus mit den Regeln der Biologie: Abraham und sie sind doch viel zu alt. Sie stehen eher an der Schwelle des Todes als an der Schwelle neuen Lebens. Sara kann nicht glauben, was sie geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Ich verlasse die Geschichte hier \u2013 sie endet dann ganz schnell und etwas abrupt. Und eigentlich ist sie nun wirklich keine Adventsgeschichte. Aber sie ist doch dies: eine Geschichte von Verhei\u00dfung und Erf\u00fcllung, von Ank\u00fcndigung und Geschehen. \u00dcberraschend, weil \u2013 und daran l\u00e4sst der Erz\u00e4hler keinen Zweifel \u2013 weil Gott am Werk ist. Noch einmal ein Gedanke aus der schon erw\u00e4hnten Auslegung: \u201eGott kommt zu Besuch&#8230;.(und) \u2026. wenn Gott in die Welt kommt, dann geht er so in sie ein, dass er sich die F\u00fc\u00dfe waschen l\u00e4sst und mit anderen zusammen isst\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Mit anderen Worten und f\u00fcr uns heute gesprochen: Gott l\u00e4sst sich auf unsere Lebensgewohnheiten und auf unsere Gastfreundschaft ein. Auf unsere Welt, so wie sie ist und so wie wir sie bewohnen.<\/p>\n<p>Und nun nehme ich doch noch die Kurve hin zum Advent. Eins der sch\u00f6nsten Adventslieder ist Paul Gerhardts \u201eWie soll ich dich empfangen\u201c. Ein Jammer, dass wir in diesen Zeiten nicht singen d\u00fcrfen&#8230;. Ich zitiere also:<\/p>\n<p>1) Wie soll ich dich empfangen \/ und wie begegn ich dir,<\/p>\n<p>o aller Welt Verlangen, \/ o meiner Seelen Zier?<\/p>\n<p>O Jesu, Jesu, setze \/ mir selbst die Fackel bei,<\/p>\n<p>damit, was dich erg\u00f6tze, \/ mir kund und wissend sei.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Paul Gerhardt sucht im Advent nach einem Hinweis, einem Rat. Sein Ansprechpartner ist Jesus, der Kommende, selbst. Was muss ich tun, damit es f\u00fcr dich richtig ist? Erleuchte mich, steck mit ein Licht auf. Es soll dir ja gut gehen bei mir. Wenn man will, kann man da eine gewisse Ratlosigkeit heraush\u00f6ren, eine Unsicherheit: was ist denn nun angemessen? Ich h\u00f6re eher den Wunsch heraus, dem erwarteten und kommenden Sehnsuchtsgast angemessen entgegenzugehen.<\/p>\n<p>Der Dichter nimmt die Rolle des erwartungsvollen und gleichzeitig etwas unsicheren Christenmenschen ein. Er spricht, wenn wir uns zu ihm stellen, f\u00fcr uns mit. Das jedenfalls ist seine Absicht. Denn so geht es weiter:<\/p>\n<p>2) Dein Zion streut dir Palmen \/ und gr\u00fcne Zweige hin,<\/p>\n<p>und ich will dir in Psalmen \/ ermuntern meinen Sinn.<\/p>\n<p>Mein Herze soll dir gr\u00fcnen \/ in stetem Lob und Preis<\/p>\n<p>und deinem Namen dienen, \/ so gut es kann und wei\u00df.<\/p>\n<p>Paul Gerhardts Gedanken haben einen Ankerpunkt: Die biblische Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem. Schon der Weg soll sch\u00f6n und festlich geschm\u00fcckt sein, damals mit Zweigen, heute mit Liedern (Psalmen). Und gr\u00fcnen wie die Zweige soll das Herz, das Lebenszentrum, (denn die Toten k\u00f6nnen Gott nicht mehr loben, die Lebenden aber schon).<\/p>\n<p>Der Dichter geht aber noch einen Schritt weiter: Die Initiative geht n\u00e4mlich gar nicht von ihm aus, wie es zun\u00e4chst den Anschein hat (\u201eWie soll <u>ich dich<\/u> empfangen?\u201c), sondern hat einen Vorlauf. Denn Jesus \u2013 und durch ihn Gott \u2013 hat ja schon gehandelt: ihm, dem Christenmenschen, zugute. Ausf\u00fchrlich geht der Dichter darauf ein. Dieses \u201eda war doch schon vorher etwas\u201c liegt ihm besonders am Herzen \u2013 ich lese hier nur eine der Strophen, die sich damit befassen:<\/p>\n<p>3) Was hast du unterlassen \/ zu meinem Trost und Freud,<\/p>\n<p>als Leib und Seele sa\u00dfen \/ in ihrem gr\u00f6\u00dften Leid?<\/p>\n<p>Als mir das Reich genommen, \/ da Fried und Freude lacht,<\/p>\n<p>da bist du, mein Heil, kommen \/ und hast mich froh gemacht.<\/p>\n<p>Vom \u201eich\u201c zum \u201edu\u201c f\u00fchrt uns Paul Gerhardt, bevor er dann eine weitere Wendung vollzieht: zum \u201eihr\u201c. Schaut mit mir zusammen hin, das habt ihr von diesem Gast zu erwarten. Er kommt, um euch zu helfen, ihr selber braucht dazu gar nichts zu tun \u2013 lasst es lieber bleiben:<\/p>\n<p>7) Ihr d\u00fcrft euch nicht bem\u00fchen \/ noch sorgen Tag und Nacht,<\/p>\n<p>wie ihr ihn wollet ziehen \/ mit eures Armes Macht.<\/p>\n<p>Er kommt, er kommt mit Willen, \/ ist voller Lieb und Lust,<\/p>\n<p>all Angst und Not zu stillen, \/ die ihm an euch bewu\u00dft.<\/p>\n<p>Und so werden auf einmal die Gastgeber zu Beschenkten, der Gast wird zum Geber (der er ja&nbsp; sowieso von Ewigkeit her und zur Ewigkeit hin immer ist). Gute Gabe, \u00fcberraschende Begegnung, Zukunft des Lebens \u2013 das besingt Paul Gerhardt. Das ist adventliche Sehnsucht pur \u2013 die Sehnsucht darauf, dass heil werden darf, was besch\u00e4digt ist im Leben. Heilsame Begegnung: das erz\u00e4hlt auch die Geschichte von Abraham und seinen G\u00e4sten. Eine Geschichte von Zukunft und Leben, mit denen nicht mehr zu rechnen war.<\/p>\n<p>In den biblischen Geschichten werden ja keine Richtigkeiten behauptet. Sie erz\u00e4hlen Begegnungen. Sie stellen keine Formeln auf, sondern geben Erfahrungen weiter. Und das ist etwas anderes. Denn sie weisen uns auf diese Weise darauf hin, dass ganz vieles und vielleicht alles wirklich Wichtige im Leben unverf\u00fcgbar ist. Das geht bei uns selbst los: \u201eIch wurde nicht gefragt bei meiner Geburt\u201c, brachte Kurt Marti das einmal unvergleichlich pr\u00e4zise auf den Punkt. Begabungen, die Erfahrung von Liebe, der Sonnenaufgang am Meer oder in den Bergen, der Trost durch liebevolle Menschen in einer Trauer, aber eben auch der Fremde vor dem Zelt oder am Gartent\u00fcrchen: wir k\u00f6nnen solche Begegnungen und Erfahrungen nicht \u201emachen\u201c, vielmehr machen sie etwas mit uns. Und ebendies finde ich in den alten Erz\u00e4hlungen: von Maria mit dem Engel, von Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem, von Ostern, von den Hirten bei der Geburt oder von Abraham und seinen G\u00e4sten in der Oase von Mamre mitten in der W\u00fcste.<\/p>\n<p>In all diesen Geschichten \u201everdichtet sich der Glaube, dass Gott Unm\u00f6gliches m\u00f6glich macht\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Das ist ein trotziger Glaube, der anglaubt gegen das, was dem Leben feindlich entgegensteht. Es ist ein wacher Glaube, der wahrnimmt, was geschieht und wer da kommt. Es ist ein froher und zuversichtlicher Glaube, der sich nicht in der normativen Kraft des Faktischen verliert. Es ist ein dem\u00fctiger, ein bescheidener Glaube, der keine tagtr\u00e4umenden Allmachtsphantasien spinnt. Es ist ein aufmerksamer Glaube, der sich erz\u00e4hlen l\u00e4sst und der erz\u00e4hlt und der Wegstrecken genauso teilt wie das, was auf dem Tisch steht.<\/p>\n<p>&#8222;Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt&#8220;. Gro\u00dfe und kleine \u00dcberraschungen eingeschlossen. Gehen Sie behutsam und zuversichtlich durch die Tage des Advent. Und lassen Sie sich beschenken \u2013 von Gott, der Unm\u00f6gliches m\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Damit Sie sich nicht nur einmal \u2013 auch nicht zweimal -, sondern sehr oft freuen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Dekan Uland Spahlinger, Dinkelsb\u00fchl<\/p>\n<p><a href=\"mailto:uland.spahlinger@elkb.de\">uland.spahlinger@elkb.de<\/a><\/p>\n<p>Erg\u00e4nzende Bemerkungen:<\/p>\n<p>Auslandsdienst ver\u00e4ndert Sichtweisen und Lebenseinstellungen. Meine beiden Auslandszeiten (in Papua-Neuguinea 1989 bis 1993) und der Ukraine (Mrz. 2009-Febr. 2014) haben das ihre dazu beigetragen, mein Bibellesen und Weltbetrachten nachhaltig zu ver\u00e4ndern. Gastfreundschaft als Bedingung der M\u00f6glichkeit von Erfahrungszugewinn hat dabei einen hohen Stellenwert.<\/p>\n<p>Die Pressemitteilung der Bayerischen Staatskanzlei vom heutigen 14.12.2020 h\u00e4lt (auch f\u00fcr die Weihnachtsgottesdienste) ausdr\u00fccklich fest: \u201e3.8 Weiterhin gelten die bisherigen Ma\u00dfnahmen wie die Maskenpflicht auch am Platz, das Gesangsverbot (Beschr\u00e4nkung auf liturgischen Gesang) und der Mindestabstand.\u201c<\/p>\n<p>Das Adventslied \u201eWie soll ich dich empfangen\u201c nehme ich in die Predigt, weil ich auch in Zeiten mit Gesangsverbot die aussagekr\u00e4ftigen Lieder nicht vernachl\u00e4ssigt wissen m\u00f6chte. Und wer wei\u00df? Vielleicht besteht ja an der einen oder anderen Stelle die M\u00f6glichkeit, solistisch oder im liturgischen Chor die Strophen vorzutragen, ohne gegen die Beschr\u00e4nkungen zu versto\u00dfen.<\/p>\n<p>Bildnachweis: Von Andrei Rubljow &#8211; The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=158610<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>&nbsp;&nbsp; Astrid Lindgren, Die Kinder aus der Krachmascherstra\u00dfe, Oetinger Hamburg 1957, S. 40<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>&nbsp;&nbsp; Dieckmann\/Constanza zur Stelle, in: GPM 75. Jg, 4. Vierteljahresheft9 G\u00f6ttingen 2020, S. 49<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>&nbsp;&nbsp; Ebd. S. 49<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>&nbsp;&nbsp; Text wie in EG 11; je nach Landeskirche und Bundesland k\u00f6nnen die Strophen von Solisten oder Kleinensembles vorgetragen oder aber bei der Rezitation leise von der Orgel unterlegt werden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>&nbsp;&nbsp; Dieckmann\/Constanza, a.a.O. S.47<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum 4. Advent, 20.12.2020 | 1. Mose 18, 1\u201315 | verfasst von Dekan Uland Spahlinger | Hinweis: Diese Predigt k\u00f6nnen Sie sich auch anh\u00f6ren.&nbsp; Der Herr bei Abraham und Sara in Mamre 181Und der Herr erschien ihm im Hain Mamre, w\u00e4hrend er an der T\u00fcr seines Zeltes sa\u00df, als der Tag am hei\u00dfesten war. 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