{"id":4009,"date":"2020-12-22T10:04:25","date_gmt":"2020-12-22T09:04:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4009"},"modified":"2020-12-25T15:15:18","modified_gmt":"2020-12-25T14:15:18","slug":"gott-kann-nicht-abstand-halten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gott-kann-nicht-abstand-halten\/","title":{"rendered":"Gott kann nicht Abstand halten"},"content":{"rendered":"<h3>Erster Weihnachtstag | Christfest I | Lukas 2,1-14 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Thomas Reinholdt Rasmussen |<\/h3>\n<p>Man muss sagen, das Jahr 2020 verlief anders, als die meisten von uns sich das wohl gedacht haben. Fast alle Reisen und soziale Veranstaltungen, hierunter Weihnachtsfeiern, sind abgesagt.<\/p>\n<p>Das Korona-Virus hat uns im Griff, es hat unser gemeinsames Leben gepr\u00e4gt und pr\u00e4gt es noch immer. Wir m\u00fcssen uns desinfizieren, H\u00e4nde waschen, uns abschirmen und Abstand halten.<\/p>\n<p>Und Weihnachten in der Kirche ist auch anders als wir das gewohnt sind. Auch hier gibt es Einschr\u00e4nkungen, das Gedr\u00e4nge in der Herberge ist \u00fcberschaubar.<\/p>\n<p>Trotzdem wird es Weihnachten. Dennoch findet Weihnachten seinem Platz. Trotzdem findet Weihnachten statt.<\/p>\n<p>Denn das Weihnachtsevangelium ist die Erz\u00e4hlung davon, dass Gott nicht Abstand halten kann. Es ist die Geschichte von einem Gott, der Liebe ist, und diese Liebe kann keinen Abstand halten, sondern sie kommt auf Erden zur Welt und liegt mitten unter uns in der Krippe \u2013 auf Heu und Stroh.<\/p>\n<p>Denn Gott kann nicht Abstand halten.<\/p>\n<p>Er dr\u00e4ngt sich auf mitten unter uns allen, und weil er nicht Abstand halten kann, endet er am Kreuz. Denn das alles war zu viel mit der aufdringlichen Liebe. Das wurde zu anma\u00dfend und zu dicht. Er musste weg.<\/p>\n<p>Denn Gott kann nicht Abstand halten.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnten wir ihm nat\u00fcrlich beibringen. Lernen, Abstand zu halten. Im Laufe der Geschichte haben unz\u00e4hlige Religionen versucht, Gott auf Abstand zu halten.<\/p>\n<p>Dann wird er auf einer Wolke angesiedelt oder in einem fernen Himmel. Oder drau\u00dfen in der Natur oder nur so \u00fcberall, was ja in Wirklichkeit hei\u00dft nirgends.<\/p>\n<p>Dann muss er es verstehen. Verstehen, Abstand zu halten.<\/p>\n<p>Aber im Christentum ist das nicht so einfach. Hier dr\u00e4ngt sich Gott auf. Hier kommt er uns nahe. Hier ist Gott nahe bei uns. Das ist der Kern des Christentums. Wir k\u00f6nnen ihn nicht auf Abstand halten, denn er ist die Liebe selbst, und ihr Wesen ist es, nahe zu sein, nahe zu treten.<\/p>\n<p>Gott kann also nicht Abstand halten.<\/p>\n<p>Er ist so dicht bei uns, dass er in eine Krippe gelegt wird, und in der Krippe ist nur er. Er liegt da \u2013 in Windeln gewickelt \u2013 als eine Aussage, dass die Welt von Liebe umwunden ist. Darauf weist das Kind in der Krippe hin. Und das Kind kann nicht Abstand halten. Die Liebe kann nicht fern und kalt leben, sie muss vielmehr nah und warm sein.<\/p>\n<p>Aber ist das wahr? Ist es wirklich so, dass die Liebe das innerste Geheimnis der Welt ist? Kann es so sein, dass das der ganze Sinn des Lebens ist? Davon redet das Kind in der Krippe. Aber ist das wahr? K\u00f6nnen wir das in unserer Erfahrung erfassen?<\/p>\n<p>Unsere Erfahrung spricht leider oft vom Gegenteil. Von Verlust, Trauer und Streit. Das sind unsere Erfahrungen. Und vor allem in diesem Jahr haben wir sicher das Unverm\u00f6gen erfahren, dass wir fast nicht davon reden k\u00f6nnen, dass die Liebe das Gr\u00f6\u00dfte von allem ist. Wir haben Erfahrungen, die vom Gegenteil sprechen.<\/p>\n<p>Aber so ist es. Das ist eine Glaubensfrage, dass das Kind in der Krippe zum Ausdruck bringt, dass die Liebe das Gr\u00f6\u00dfte von allem ist. Das muss man glauben. Ansonsten muss man sich an seine Erfahrung halten, dass alles verg\u00e4nglich ist. Das hat auch Konsequenzen f\u00fcr das Leben, das wir gemeinsam leben.<\/p>\n<p>Denn die Botschaft ist die, dass Gott sich aufdr\u00e4ngt. Er dr\u00e4ngt sich auf, er dringt ein, wo wir ihn vielleicht nicht sehen und fassen k\u00f6nnen. Die Worte werden deshalb gro\u00df im raschen Leben des Alltags, aber Gott dr\u00e4ngt sich auf und kann nicht Abstand halten. Nicht unsere Worte und unser Leben sind es, die das erfassen k\u00f6nnen, aber eben eine Krippe in einem Stall zur Weihnacht, in die Gott gelegt wird, weil nichts anderes das tragen kann. Die Worte werden zu klein, und nur die schlichte Krippe ist merkw\u00fcrdigerweise wohl gro\u00df genug.<\/p>\n<p>Denn er dr\u00e4ngt sich auf. Er dr\u00e4ngt sich auf, wie nur die Liebe das kann. Nicht mit Gewalt und Macht, sondern mit einem Kind in der Krippe \u2013 empfindlich und verletzbar. Der Macht der Welt ausgeliefert. Denn Gott kann nicht Abstand halten.<\/p>\n<p>Er kommt zu dir und zu mir, nicht als ein gewaltiger Herr gekleidet in Gr\u00f6\u00dfe und Macht. Sondern als ein kleines Kind, dessen wir uns annehmen m\u00fcssen, und das in uns an etwas appelliert. Et was in uns anspricht, etwas in uns hervorruft: Liebe, F\u00fcrsorge, N\u00e4he.<\/p>\n<p>Wir sind auf Abstand zu einander in dieser Zeit. Wir sind auf Abstand aus F\u00fcrsorge f\u00fcr einander. Dennoch m\u00fcssen wir aber glauben, dass wir eben in diesem Abstand einander nahe sind in dem, was wir tun.<\/p>\n<p>So auch mit Gott, der nicht Abstand halten kann. Er kommt uns nahe und ruft uns hinaus in ein Leben, das getragen ist von Liebe, F\u00fcrsorge und N\u00e4he zu einander, denn das ist es ja, was er selbst in der Krippe zur Weihnacht hervorruft. Das ist es ja, was bleibt.<\/p>\n<p>Gott kann also nicht Abstand halten. Mitten in Drangsal und Unruhe, mitten in den Befehlen des Kaisers und der \u00fcberf\u00fcllten Herbergen kann Gott nicht Abstand halten. Er kommt vielmehr in die Welt, um das hervorzurufen, was der innerste Kern des Lebens ist: Liebe, F\u00fcrsorge und N\u00e4he. Das brauchen wir in diesem Jahr, und das brauchen wir in der kommenden Zeit. Wenn alles zu sauer und traurig wird, dann denke an das Kind in der Krippe und lasst es die Liebe, die N\u00e4he und die F\u00fcrsorge in dir hervorrufen.<\/p>\n<p>Denn Gott kann nicht Abstand halten. Und das nicht nur, um dicht dran zu sein. Denn dass er keinen Abstand hielt, bewirkte gerade, dass wir einander n\u00e4herkamen \u2013 auch trotz Desinfektion, Mundschutz, Abschirmung und Abstand. Denn durch die Liebe Gottes sind wir einander nahe \u2013 trotz allem. Amen.<\/p>\n<p>Propst Thomas Reinholdt Rasmussen<\/p>\n<p>DK 9800 Hj\u00f8rring<\/p>\n<p>Email: trr(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erster Weihnachtstag | Christfest I | Lukas 2,1-14 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Thomas Reinholdt Rasmussen | Man muss sagen, das Jahr 2020 verlief anders, als die meisten von uns sich das wohl gedacht haben. Fast alle Reisen und soziale Veranstaltungen, hierunter Weihnachtsfeiern, sind abgesagt. 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