{"id":4066,"date":"2020-12-22T23:09:48","date_gmt":"2020-12-22T22:09:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4066"},"modified":"2020-12-26T09:03:33","modified_gmt":"2020-12-26T08:03:33","slug":"da-ist-ein-kind-in-der-stube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/da-ist-ein-kind-in-der-stube\/","title":{"rendered":"Da ist ein Kind in der Stube"},"content":{"rendered":"<h3>1. Sonntag nach Weihnachten | Lukas 2,25-40 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Anne-Marie Nybo Mehlsen |<\/h3>\n<p>Das ist wie bei einer Kindertaufe heute. Sonntag nach Weihnachten, wenn wir bei der Darstellung Jesu im Tempel dabei sind. Wie alle Jungen seines Volkes wurde Jesus nach acht Tagen beschnitten und innerhalb eines Jahres im Tempel in Jerusalem dargestellt.<\/p>\n<p>Wir erkennen die Szene wieder, wenn ein Kind zur Welt kommt und die Familie sich versammelt. Das geschieht in einer gewissen Reihenfolge, erst die Allern\u00e4chsten, dann Verwandte und Freunde. Die \u00c4ltesten in der Familie warten, bis die frischgebackenen Eltern das Kind zu ihnen bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist immer so, dass ein neues Familienmitglied bewundert und betrachtet wird: Wem \u00e4hnelt das Kind? Man erz\u00e4hlt von fr\u00fcheren Geburten in der Familie. Den frischgebackenen Eltern wird erz\u00e4hlt, wer sie sind und wer vor ihnen war. Man spricht von all den Hoffnungen und frohen Erwartungen, die man an das Kind und seine Zukunft hegt. Da wird gesegnet und gebetet mit vielen Liebesbezeugungen und guten W\u00fcnschen. In unserer Tradition hat das Fest der Taufe diesen Charakter der Ver\u00f6ffentlichung, Darstellung und Vorstellung f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Gemeinschaft. Wir sehen es vor uns, fast, als w\u00e4ren wir selbst dabei gewesen \u2013 und l\u00e4cheln. Das passt gut zu den \u00fcbrigen S\u00fc\u00dfigkeiten von Weihnachten in der Schale, dem Baum in der Stube und vielleicht ein Glas Portwein im Lichte einer Kerze.<\/p>\n<p>Unsere eigenen Alten in der Familie sind dabei, ganz gleich ob sie tot sind oder noch unter uns sind. Sie sind dabei in diesem sch\u00f6nen rosigen Bild von vollem und erf\u00fclltem Leben. Das ist sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Da ist ein L\u00e4cheln, ein ganz besonderes L\u00e4cheln und ein Licht in den Augen bei den Alten. Das ist f\u00fcr mich eine pers\u00f6nliche Erinnerung an ein besonderes L\u00e4cheln und leuchtende Blicke, die ich erlebt habe beim Abschied nehmen, an einem Sterbebett. Unverkennbare Dankbarkeit, Freude, Segen leuchtete aus den Blicken und dem L\u00e4cheln. Wie eine zweite Maria behalte ich dies in meinem Herzen. So wie ich das frohe L\u00e4cheln und die leuchtenden Blicke der kleinen Kinder, das Lachen, die kleinen Finger, die meinen Finger umgreifen, das Spiel in meinem Herzen trage.<\/p>\n<p>Das ist nicht mehr ein ganzes Herz, das zerbrochen und bedr\u00e4ngt ist im Leben und gezeichnet von Verwundungen und Br\u00fcchen. Genau so geht es wohl auch euren Herzen. Manchmal reicht es, ja reichlich! Aber das n\u00e4chste Kind in der Familie heilt etwas und lindert den Schmerz in dem vollgef\u00fcllten Herz.<\/p>\n<p>Das Jesuskind wurde nach acht Tagen beschnitten und dargestellt. Damit war auch dieses Kind ein Teil des Bundes zwischen Gott und dem Volk. Dieser Bund, sollte sich zeigen, wurde durch dieses Kind erneuert, ver\u00e4ndert, erweitert. Das Kind ist der Anfang einer Ver\u00e4nderung. Lasst konservative Theologen nur vor Schreck ohnm\u00e4chtig werden \u00fcber diese Aussage: Gott ist bereit f\u00fcr Ver\u00e4nderung!<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt leicht, mit eigenen Augen und eigener Erfahrung zu lesen, was Ihr gerade geh\u00f6rt habt. Die alten Zusammenh\u00e4nge werden mit gegenw\u00e4rtigen Augen gesehen. Es ist auch nicht falsch, wenn wir daran glauben, dass die Botschaft, die vor zweitausend Jahren in die Welt kam, ewige G\u00fcltigkeit besitzt. Das hat seine Bedeutung f\u00fcr uns heute, sonst h\u00e4tte es keinen Sinn \u2013 mehr als so viele andere historische Ereignisse und phantastische Geschichten.<\/p>\n<p>Au\u00dfer den dem rosigen und warmen Bild der Lebenserfahrung meines eigenen Herzens sehe ich denn auch Nuancen und Kl\u00e4nge, die durchaus aktuell sind, eben jetzt in unserem Leben.<\/p>\n<p>Der alte Simeon ist wie ein \u00e4lterer Professor, der froh wie ein Kind verk\u00fcndigt, dass der Impfstoff gegen Korona auf dem Wege ist, dass die Pandemie bek\u00e4mpft werden kann und hoffentlich bald besiegt ist.<\/p>\n<p>Man sieht, das macht den Mann, der das sagt, gleich etwas j\u00fcnger. Die Hoffnung, das Aussprechen, die Freude, es laut sagen zu k\u00f6nnen, ist offenkundig. Die Erl\u00f6sung ist nahe!<\/p>\n<p>Anna und Simeon an diesem Sonntag nach Weihnachten, sie sind nicht weit weg von uns!<\/p>\n<p>Und ganz gegenw\u00e4rtig kann ich h\u00f6ren, dass man so sehr auf Simeon schaut, den Diener des Herrn, der vertraulich Gott und der Welt und hier der kleinen Familie erz\u00e4hlt, wie sehr er sich \u00fcber den Wert einer ganz pers\u00f6nliche Absprache zwischen ihm selbst und Gott freut: Er, Simeon, soll n\u00e4mlich erst diese Welt verlassen, wenn seine Augen den Erl\u00f6ser gesehen haben. Und nun geschieht das! H\u00f6rt nur, wie er singen kann, dieser Simeon! Und segnen, so dass es um ihn hell wird.&nbsp; Und wie er Maria warnt, die gl\u00fcckliche Mutter. Sie soll nur wissen, wie hart das Leben ist, und ihre Seele wird nicht vor Schmerz verschont: Ein Schwert wird durchdringen \u2026<\/p>\n<p>H\u00f6rt, h\u00f6rt, denken ich und andere \u2013 die Me-too-Bewegung l\u00e4sst uns aufmerken, lasst doch die Maria in Ruhe! Wir k\u00f6nnen fast h\u00f6ren wie Simeon das junge M\u00e4dchen unter das Kinn greift, ihr in die Augen sieht, w\u00e4hrend er droht &#8211; oder auch wohlmeinend warnt? Oder was er da nun tut.<\/p>\n<p>Mehr abseits sieht man Anna, eine Prophetin. Wir erfahren die Geschichte ihrer Ehe und mehr als das. Wie viele Jahre und mit wem, ja, ja. Auch sie lobt Gott und erz\u00e4hlt allen, die es h\u00f6ren wollen, von dem Kind. Vielleicht bin es nur ich, der ein ungeschriebenes: \u201etypisch Frau\u201c oder ein ungesagtes \u201eund so weiter\u201c h\u00f6rt. Was Anne, die Prophetin, eigentlich auf dem Herzen hatte, bleibt ungesagt. Nicht ihre Botschaft, sondern wer sie ist und was sie tut, bleibt im Ged\u00e4chtnis. Da ist ein Unterschied zwischen Mann und Frau, ein noch gr\u00f6\u00dferer Unterschied zwischen verheiratet und ledig sein. Selbst eine Witwe muss auf etwas von ihrer Autorit\u00e4t als Zeugin von irgendetwas verzichten.<\/p>\n<p>Strukturelle Kr\u00e4nkungen kann man leicht in zweitausend Jahre alten texten finden \u2026<\/p>\n<p>Das erste sch\u00f6ne rosige Bild von dem ganzen Geschlecht in der festlich erleuchteten Stube verbleicht etwas. Kommt da nicht ein Onkel der jungen Mutter etwas zu nahe? Und richtet sich sein Blick nicht woanders hin als auf das Kind im Arm? Wir haben die Unschuld verloren, Ingmar Bergmann f\u00fchrt Regie in unserem inneren Theater \u2013 ach!<\/p>\n<p>Um etwas weihnachtlichen Frieden zur\u00fcck in die Stube zu holen, wende ich mich an den Komponisten Johann Sebastian Bach und h\u00f6re seine Kantate \u201eIch habe genug!\u201c So hei\u00dft die Arie (BWV 82). Eine sch\u00f6ne Bass-Stimme, wiegende Streicher und eine himmlische Oboe. Die Arie gilt Simeon, der davon singt, dass er alles gesehen hat, was es wert ist, gesehen zu werden, in diesem Kind, das Heil ist gekommen. Und auch wenn es nur ein Beginn ist, ein Hoffnungsschimmer, reicht das v\u00f6llig aus, um alles zu ver\u00e4ndern. Das ist sehr offenherzig und sehr unschuldig. Da ist ein Ton von dem\u00fctiger Sehnsucht nach Gott. Ein wenig reicht, das kleine Etwas, ein Kind, etwas, was einmal kommt. Das alles gen\u00fcgt.<\/p>\n<p>Das Licht des Evangeliums \u00fcber dem Leben der Menschen. Nun passiert etwas. Das hier verwandelt uns, die das h\u00f6ren. Uns, die wir davon singen, mitsummen im ewigen Chor. Gott bewegt uns und l\u00e4sst sich selbst bewegen. Gott ver\u00e4ndert sich. Der alte Bund h\u00e4lt nicht, wo es darum ging, in Wohl und Wehe folgsam zu sein und zu tun, was einem befohlen wird. Es braucht Ver\u00e4nderung, die gehorsamen Kinder sind aufr\u00fchrerische Teenager geworden. Die wollen selbst, junge Erwachsene, die viel vorhaben, was sie erproben wollen. Gott l\u00e4sst sich darauf ein, er geht mit uns. Stellt sich nicht an wie ein alter Allvater mit Ermahnungen und Klagen. Er hat sich selbst eingeschlichen in das Bild und steht in der Stube mit der ganzen Familie. Gott kennt die Blicke, das L\u00e4cheln. Die Sehnsucht aus reinem Herzen in uns gelangt zum Herzen von Gott selbst. Gott tritt hinein und nimmt teil und wird selbst Mensch, wird ein Kind. Als Antwort des menschlichen Rufens, das immer nach \u201eVater\u201c und \u201eMutter\u201c ruft und erwartet, dass man in den Arm genommen wird und da Geborgenheit erf\u00e4hrt. Eine Umarmung, der zu trauen ist. Ein L\u00e4cheln, ein leuchtender Blick, der segnet und heilt, was zerbrochen und schmerzlich war.<\/p>\n<p>Das ist ein Zeichen, nach dem wir schauen sollen \u2013 nicht notwendigerweise unmittelbar zug\u00e4nglich, aber auch im Widerspruch sollen wir das Zeichen sehen. Wir sollen Gottes Zeichen im Dunkeln sehen. Auch.<\/p>\n<p>Das erfordert also \u00dcbung und t\u00e4gliches Training. Der aufmerksame Blick des Glaubens ist nicht etwas, wozu man sich pl\u00f6tzlich entschlie\u00dft. So wie man sich auch nicht von einem Tag auf den anderen dazu entschlie\u00dfen kann, von nun an Gutes zu tun, zack, ein guter Mensch zu sein. Wir m\u00fcssen auf dem Wege durch etwas gepr\u00e4gt werden, gepr\u00e4gt von Christus.<\/p>\n<p>Das verlangt \u00dcbung, ja Ein\u00fcbung. Sich dem Segen, dem milden L\u00e4cheln, dem besonderen Licht aussetzen. Sich die F\u00fclle des Lebens anmerken lassen im Unerf\u00fcllten. Das erfordert auch den Mut, sich dem Schmerz im zerbrochenen Herz anmerken zu lassen. Zugleich ist das auch ganz und gar Geschenk. Das ist etwas, was mit uns geschieht in unbewachten Augenblicken. Sowohl im Besonderen als auch im ganz Gew\u00f6hnlichen, wenn wir vom Geist Gottes anger\u00fchrt und bewegt werden \u2013 wie Simon.<\/p>\n<p>Da ist ein Kind in der Stube \u2013 und alles ist ver\u00e4ndert. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Anne-Marie Nybo Mehlsen<\/p>\n<p>DK-4100 Ringsted<\/p>\n<p>Email: amnm(a)km.dk<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Weihnachten | Lukas 2,25-40 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Anne-Marie Nybo Mehlsen | Das ist wie bei einer Kindertaufe heute. Sonntag nach Weihnachten, wenn wir bei der Darstellung Jesu im Tempel dabei sind. Wie alle Jungen seines Volkes wurde Jesus nach acht Tagen beschnitten und innerhalb eines Jahres im Tempel in Jerusalem dargestellt. 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