{"id":4093,"date":"2020-12-21T11:50:56","date_gmt":"2020-12-21T10:50:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4093"},"modified":"2020-12-22T14:37:49","modified_gmt":"2020-12-22T13:37:49","slug":"hoffnung-stiften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hoffnung-stiften\/","title":{"rendered":"Hoffnung stiften!"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt f\u00fcr den 1. Christtag, den 25. Dezember 2020 | von Domprobst Gert-Axel Reu\u00df |<\/h3>\n<p><em>Predigttext: Jes 52, 7 \u2013 10 \u2013 Der Predigttext wird im Rahmen der Predigt verlesen.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>der Schweizer Theologe Walter Hollenweger wurde einmal gefragt, ob er Wunder kenne, echte Wunder. \u201eJa,\u201c so antwortete er, er kenne zwei wirkliche Wunder: Die Existenz Israels und dass die Sklav:innen Nordamerikas den christlichen Glauben ihrer Unterdr\u00fccker \u00fcbernommen und ihm eine bis heute wirkende Tiefe und Kraft gegeben h\u00e4tten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Die einen ein Volk, ann\u00e4hernd 2.000 Jahre ohne eine eigene nationale Existenz. Diskriminiert und verfolgt, st\u00e4ndig bedroht, durch Anpassung an die Umgebung unterzugehen, und im vergangenen Jahrhundert einem r\u00fccksichtslosen und grausamen Vernichtungswillen unterworfen \u2013 dieses Volk lebt. Und mit ihm der Glaube an den einen Gott: <em>H\u00f6re Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. <\/em>(5. Mose 6, 4.5)<\/p>\n<p>Die anderen in Afrika eingefangen wie wilde Tiere und wie Ware unter unmenschlichsten Bedingungen auf die Plantagen Amerikas verfrachtet. Menschliche W\u00fcrde gestanden ihre \u201aHerren\u2018 ihnen nicht zu. Unbegreifliches geschieht. Sie nehmen den christlichen Glauben an und finden in der biblischen Botschaft Trost, Halt und Hoffnung. Und diese Hoffnung leuchtet sogar noch im s\u00e4kularen Gewand einer Autobiografie mit dem Titel \u201eA Promised Land\u201c (Barack Obama).<\/p>\n<p>Der Glaube Israels und der Glaube der Nachfahren der Sklav:innen Nordamerikas \u2013 zwei Wunder \u2013 denen wir heute noch etwas Drittes hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnen und sollen: Unseren Glauben, mag er auch schwankend sein. Unser Gottvertrauen, gr\u00f6\u00dfer als wir selbst. Unsere Hoffnung!<\/p>\n<p>Ja, Menschen sind in diesen Tagen und Wochen verunsichert. Und wir sind es m\u00f6glicherweise auch. Im Herzen Europas stehen wir vor Herausforderungen, mit denen wir so nicht gerechnet haben. Nat\u00fcrlich kein Vergleich zu dem, was andere vor uns erlebt und erlitten haben. Aber was z\u00e4hlt das schon, wenn es um das eigene Befinden, wenn es um die eigenen \u00c4ngste geht? Doch! Es z\u00e4hlt! Die Erfahrungen und der Glaube derer, die vor uns gewesen sind, z\u00e4hlen. Die Worte der Propheten auch, sie z\u00e4hlen. Sie meinen uns! Heute!<\/p>\n<p>[Verlesen des Predigttextes Jes 52, 7 \u2013 10.]<\/p>\n<p>So steht im Buch des Propheten Jesaja:<\/p>\n<p><em>7\u00a0Wie lieblich sind auf den Bergen die F\u00fc\u00dfe des Freudenboten, der da Frieden verk\u00fcndigt, Gutes predigt, Heil verk\u00fcndigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist K\u00f6nig! 8\u00a0Deine W\u00e4chter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden&#8217;s mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zur\u00fcckkehrt. 9\u00a0Seid fr\u00f6hlich und jubelt miteinander, ihr Tr\u00fcmmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getr\u00f6stet und Jerusalem erl\u00f6st. 10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller V\u00f6lker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.<\/em>]<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>manche beklagen den Zustand dieser Welt. Und es gibt wahrlich genug Gr\u00fcnde f\u00fcr unseren energischen Protest. Ich will das eine nicht gegen das andere ausspielen. Aber wirkliche Kraft entfaltet ein solcher Protest erst dann, wenn darin eine Hoffnung aufblitzt. Hoffnung auf eine menschlichere Welt, weil Gott selbst Mensch geworden ist. Hoffnung, die sich an einem gerade geborenen Kind neu entz\u00fcndet. Geboren in einem Stall, gebettet in einen Futtertrog f\u00fcr Tiere.<\/p>\n<p>Mehr Armut geht nicht. Ob dieses Kind die n\u00e4chsten Tage \u00fcberleben wird? Doch! Keine Frage. F\u00fcr die Hirten, f\u00fcr die drei Weisen aus dem Morgenland ist das ganz klar. Sie sehen in diesem Stall schon das ganze Bild einer Welt von morgen, in der keine Kinder mehr verhungern. In der Hass und Gewalt \u00fcberwunden sind und niemand eines fr\u00fchen Todes sterben wird.<\/p>\n<p>Das Hoffnungsbild, das uns der Prophet (Jesaja) zeichnet, ist nicht weniger real \u2013 ja, m\u00f6glicherweise unserer heutigen Welt viel n\u00e4her als das Krippenbild, das vielen zur Idylle ger\u00e4t. Eine Stadt in Tr\u00fcmmern. Menschen, die sich in diesen Tr\u00fcmmern notd\u00fcrftig eingerichtet haben \u2013 st\u00e4ndig bedroht, vom Wetter, von R\u00e4ubern. Immerhin: die Gemeinschaft hat sich so weit organisiert, dass sie W\u00e4chter bestimmt hat. Aber die stehen nicht \u201esehr hoch auf der Zinne\u201c, wie es in einem unserer Kirchenlieder hei\u00dft, sondern durchstreifen die zerst\u00f6rten Wege und Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Unwillk\u00fcrlich dr\u00e4ngen sich mir die Bilder von Kara Tepe auf, dem Fl\u00fcchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos, die in der vergangenen Woche in den Nachrichten zu sehen waren. Es braucht keine phantasievollen Anstrengungen sich vorzustellen, wie eine Hoffnungsbotschaft lauten m\u00fcsste, damit sie sich in Windeseile zwischen den Zelten dort ausbreitet. Wir wissen es alle. Was fehlt uns, entsprechend zu handeln? Die Hoffnung? Der Mut?<\/p>\n<p><em>Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller V\u00f6lker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.<\/em><\/p>\n<p>Am Anfang muss doch die Bitte stehen, dass auch wir Gott wirken sehen in unserer Welt. Dass auch uns offenbart wird \u201edas Heil unseres Gottes\u201c. Und dann \u2013 an zweiter Stelle \u2013 die Bereitschaft, sich von Gott in den Dienst dieser Hoffnung nehmen zu lassen.<\/p>\n<p>Nach meinem Eindruck haben wir es in Bezug auf die Pandemie bisher ganz gut gemacht, wenn nicht die Angst um uns selbst sondern die Sorge um die anderen unser Handeln geleitet hat. Vielen ist l\u00e4ngst klar: Uns ist nur geholfen, wenn allen geholfen wird. Und das bedeutet m\u00f6glicherweise auch, geduldig zu warten, bis ich mit einer Impfung an der Reihe bin.<\/p>\n<p>Wenn wir das k\u00f6nnen \u2013 k\u00f6nnen wir dann nicht auch noch viel mehr? Statt vor der Gr\u00f6\u00dfe der Probleme die Augen zu schlie\u00dfen, im Kleinen das tun, was wir tun k\u00f6nnen? Haben wir das nicht auch schon erlebt, getan?<\/p>\n<p>Doch! Jede:r von uns kann Hoffnungsgeschichten erz\u00e4hlen! Kleine und gro\u00dfe. Geschichten, in denen uns Freudenbot:innen begegnet sind. Menschen, deren Da-sein, deren Botschaft, deren Handeln (und manchmal auch deren Unterlassen) uns froh gemacht haben. Und manches Mal waren wir solche Menschen. Weil wir irgendwie in der Lage waren, von uns selbst abzusehen und wahrzunehmen \u2013 oft eher intuitiv als bewusst, was der Mensch neben uns gerade braucht. Ohne es recht zu merken, sind wir \u00fcber uns hinausgewachsen. Zu der\/dem anderen hin. Ganz Botin, Bote.<\/p>\n<p>Hoffnung verleiht Fl\u00fcgel. Und so mag es sein, dass die, zu denen die Hoffnung geflogen kam, selbst Hoffnung stiften. Freudenbot:innen werden, (Freudenbot:innen) sind!<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcrchtet Euch nicht! Siehe, ich verk\u00fcndige Euch gro\u00dfe Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn Euch ist heute der Heiland geboren, welches ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.\u201c<\/p>\n<p>Das ist die Botschaft von Weihnachten. Das ist die Botschaft dieses Festes. Auch \u2013 oder gerade: im Jahr 2020.<\/p>\n<p>Die Freude, die <strong>allen<\/strong> widerfahren wird, sie will auch unser Herz ergreifen, in Besitz nehmen. Die Freude, die <strong>allen <\/strong>widerfahren wird, will weitergesagt, weitergegeben werden. Durch unseren Glauben, wie schwankend er auch sein mag. Unser Gottvertrauen, gr\u00f6\u00dfer als wir selbst. Unsere Hoffnung.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Gert-Axel Reu\u00df<\/p>\n<p>Domprobst<\/p>\n<p>Domhof 35<\/p>\n<p>23909 Ratzeburg<\/p>\n<p>Mail: <a href=\"mailto:reuss@ratzeburgerdom.de\">reuss@ratzeburgerdom.de<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Gert-Axel Reu\u00df, geb. 1958, Pastor der Nordkirche, von 1992 \u2013 2001 Referent von Bischof Karl Ludwig Kohlwage in der Bischofskanzlei Holstein-L\u00fcbeck, seit 2001 Domprobst zu Ratzeburg<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Den Hinweis auf Walter Hollenweger und die Kraft wirklicher Wunder verdanke ich einer Predigt von Bischof Karl Ludwig Kohlwage, gehalten am 3. Dezember 2000 im L\u00fcbecker Dom. Der Predigt sind auch Gedanken und Formulierungen der folgenden beiden Abs\u00e4tze entnommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt f\u00fcr den 1. Christtag, den 25. Dezember 2020 | von Domprobst Gert-Axel Reu\u00df | Predigttext: Jes 52, 7 \u2013 10 \u2013 Der Predigttext wird im Rahmen der Predigt verlesen. Liebe Gemeinde, der Schweizer Theologe Walter Hollenweger wurde einmal gefragt, ob er Wunder kenne, echte Wunder. \u201eJa,\u201c so antwortete er, er kenne zwei wirkliche Wunder: [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,122,1,2,255,157,120,543,114,121,167,640,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-4093","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-jesaja","category-adv_weihn_neujahr","category-aktuelle","category-at","category-andachten-und-kurzpredigten","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-christfest-i","category-deut","category-festtage","category-gert-axel-reuss","category-kapitel-52-chapter-52","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4093","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4093"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4093\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4098,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4093\/revisions\/4098"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4093"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4093"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4093"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=4093"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=4093"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=4093"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=4093"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}