{"id":4114,"date":"2020-12-23T11:42:11","date_gmt":"2020-12-23T10:42:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4114"},"modified":"2020-12-23T11:43:39","modified_gmt":"2020-12-23T10:43:39","slug":"augentrost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/augentrost\/","title":{"rendered":"Augentrost"},"content":{"rendered":"<p><strong>Predigt nach Lukas 2,25-38 | verfasst von Eberhard Busch |&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>In der Mitte des verlesenen Bibeltextes stehen die Worte des alten Simeon, als er im Tempel von Jerusalem das Jesuskind sieht:<em> Herr, nun l\u00e4sst du deinen Diener im Frieden fahren,&nbsp; wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen V\u00f6lkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volkes Israel.<\/em><\/p>\n<p>Im Sommer sieht man in G\u00e4rten eine zarte Pflanze, mit dem einpr\u00e4gsamen Namen Augentrost. Ihr wird auch eine heilende Kraft bei Augenleiden zugeschrieben. Wenn ich sie entdecke, f\u00e4llt mir das Lied von dem Halleschen Apotheker Christian Friedrich Richter ein: &#8222;Jesus, gib gesunde Augen, \/ die was taugen, \/ r\u00fchre meine Augen an. \/ Denn das ist die gr\u00f6\u00dfte Plage. \/ wenn am Tage \/ man das Licht nicht sehen kann.\u201c Offenbar gilt das auch im \u00fcbertragenen Sinn, was da erbeten wird: \u201eAugen, die was taugen\u201c. Augentrost! wenn uns n\u00e4mlich das passiert, was jenem Simeon im Tempel zu Jerusalem widerfuhr. Seine Augen \u00f6ffneten sich f\u00fcr das, was ihm sich da zeigte: \u201eMit eigenen Augen habe ich den <em>Heiland<\/em> gesehen\u201c, den, den er den \u201eTrost Israels&#8220; nennt (V25).<\/p>\n<p>Eigentlich t\u00f6nt das verwunderlich. Andere, die dort anwesend waren, haben wohl nur ein Baby gesehen. Dass man in diesem Kind den Heiland erkennt, dazu braucht es eben \u201egesunde Augen.\u201c Und unsre Augen sind gesund, wenn wir ihn wahrnehmen. Wer hat denn solche Augen? Sonst sieht man in dem Frischgeborenen nichts Besonderes, wenn\u2019s hoch kommt: einen hoffnungsvollen Spr\u00f6ssling, dem seine Eltern w\u00fcnschen, er solle es einmal weiter bringen als sie selbst. Nun, wenn wir jetzt nur das sehen und nichts als das, dann zeigt das ein Augenleiden an, das der Heilung bedarf. Dann muss uns das geschenkt werden: \u201egesunde Augen, die was taugen.\u201c Damit wir sehen, was \u201eam Tage&#8220; ist!<\/p>\n<p>Genau der, der in Bethlehem geboren ist, kann uns die Augen \u00f6ffnen. So dass selbst Blinde sehen. Ja, auch Blinde k\u00f6nnen ihn sehen und sehen ihn vielleicht besser als die, die vor lauter B\u00e4umen den Wald nicht sehen, will sagen, die das Naheliegende, das uns Nahegelegte nicht wahrnehmen. Auch sie sind eingeladen, an der Weihnacht die Augen zu \u00f6ffnen: &#8222;O <em>seht<\/em> in der <strong>Krippe<\/strong> im n\u00e4chtlichen Stall, <em>seht<\/em> hier bei des Lichtleins hell <strong>gl\u00e4nzendem Strahl&#8220;, <\/strong>&#8222;und <em>seht<\/em> was in dieser hochheiligen Nacht der Vater im Himmel f\u00fcr Freude uns macht.&#8220;<\/p>\n<p>Warum feiern wir diese Weihnachtstage? Ein Sonntagschulkind hat auf diese Frage geantwortet: \u201eWegen der Freude.\u201c So hei\u00dft es auch in dem genannten Lied. Die Geschenke, die wir da bekommen und die wir da machen, die wollen eben Freude machen. Sch\u00f6n, wenn das gelingt! gerade dort, wo nichts zur\u00fcckkommt. Warum denn das? Den tiefsten Grund f\u00fcr unser Schenken nennt ein weiteres Weihnachtslied: Gott ist der, \u201eder heut schlie\u00dft auf sein Himmelreich \/ und <em>schenkt uns seinen Sohn<\/em>.&#8220; Wegen dieses Geschenks feiern wir Weihnachten. Und das Geheimnis dieses Sohnes ist dies, was dem Joseph schon vor der Geburt aus der Maria mitgeteilt wird: dieser Sohn ist der Immanuel, das hei\u00dft: der Gott-mit-uns (Jes 7,14; Mt 1.23). Das ist der Grund zur Freude, dass Gott sich mit uns verbunden hat, auf Gedeih und Verderb. Mit uns! Mit <em>allen<\/em>!<\/p>\n<p>So ist er auch \u201eein Licht, zu erleuchten die <em>Heiden<\/em>.\u201c Die Heiden sind hier die, die im Dunklen tappen, die, die zu erleuchten sind. Damit sind <em>wir <\/em>gemeint. <em>Unsre<\/em> Augen m\u00fcssen ge\u00f6ffnet werden. Es geht uns an: \u201eGib gesunde Augen, die was taugen&#8220; &#8211; damit wir \u00fcber all dem Weihnachtszauber, der uns so leicht ablenkt, \u00fcber all dem, was uns schmerzt, &#8230; dass wir diesen Augentrost entdecken und nicht \u00fcbersehen: den &#8222;Trost Israels&#8220;. Kein Trostpfl\u00e4sterchen, sondern Heilung eines Schadens. Wir, die \u201ein Zeiten aggressiver Nervosit\u00e4t\u201c leben, wie es j\u00fcngst in einer Zeitung hie\u00df.<\/p>\n<p>Denn leider sind wir manches Mal blind f\u00fcr das, was uns in Jesus beschert ist. Es ist, als w\u00fcrden wir hier ganz pers\u00f6nlich angesprochen: Du suchst und findest nicht, du glaubst nicht, du zweifelst, du bist geistig ganz woanders, du hast Angst, du vergisst ihn, du rebellierst gegen ihn &#8230; ja, das kommt vor. Wir finden ihn nicht, wenn <em>er<\/em> uns nicht gefunden h\u00e4tte. Er kommt zu uns, ist uns schon nahe. Fragen wir: wo ist er, wenn es uns nicht gut geht und wir ihn nicht sehen?, oder wo ist er, wenn es uns gut geht und wir nicht an ihn denken? Er ist so oder so bei uns. Ist uns dann sogar n\u00e4her, als wir meinen. \u201eWenn gar kein Einziger auf Erden, dessen Treue du darfst trauen, alsdann will er dein Treuster werden. &#8230;\u201c Er steht zu dir, auch wenn du tief gesunken bist. Er verl\u00e4sst dich nicht. Auch dann nicht, wenn im Tode die Augen brechen.<\/p>\n<p>Sonderbar ist in der Begegnung des Simeon mit dem Jesuskind wohl dies, dass er sagt: \u201eNun l\u00e4sst du deinen Diener in Frieden fahren.&#8220; Nach einer neuen \u00dcbersetzung sagt er: \u201eNun kann dein Diener in Frieden sterben.&#8220; Das erinnert an das Wort von Johannes dem T\u00e4ufer bei seinem Hinweis auf Jesus: \u201eEr muss wachsen, ich aber muss abnehmen&#8220; (Joh 3.30). Wenn er kommt, wenn er da ist, sogar auch f\u00fcr mich da ist, dann ist in jedem Fall f\u00fcr mich gesorgt, dann kann ich ruhig beiseitetreten, kann abtreten. Nicht nur ich. Steht das nicht allen bevor? &#8222;Lehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen.&#8220; (Ps 90,12) <strong>Unser aller Leben ist begrenzt. Das nahende Jahresende erinnert uns daran, dass unsere Lebensuhr eines Tages abgelaufen ist, so wie das alte Jahr. Es h\u00f6rt einmal auf mit uns. Mit all den Andren auch. Ist das ein Sturz in den Abgrund? <\/strong><\/p>\n<p>Je \u00e4lter man wird, je aufmerksamer man die Nachrichten h\u00f6rt, desto mehr beschleicht einen die Sorge: geht\u2019s noch tiefer? noch abgr\u00fcndiger? Ist die Menschheit nicht heute dabei, den Boden, auf dem sie steht, unter ihren F\u00fc\u00dfen wegzuziehen? Im Franz\u00f6sischen gibt es einen nachdenklichen Ausdruck: L\u2019appel du vide, das hei\u00dft so viel wie: Der Ruf des Abgrunds, der Sog nach unten, der Reiz der Selbstzerst\u00f6rung, die Anziehungskraft des Bodenlosen. Ist diese unheimliche Anziehungskraft nicht gerade heute in vielen Beziehungen im Gang? Der Dichter Rainer Maria Rilke hat schon davon gesprochen \u2013 in seinem Herbstgedicht:<\/p>\n<p>Die Bl\u00e4tter fallen, fallen wie von weit<\/p>\n<p>Als welkten in den Himmeln ferne G\u00e4rten;<br \/>\nSie fallen mit verneinender Geb\u00e4rde.<\/p>\n<p>Und in den N\u00e4chten f\u00e4llt die schwere Erde<br \/>\nAus allen Sternen in die Einsamkeit.<\/p>\n<p>Wir alle fallen. Diese Hand da f\u00e4llt.<br \/>\nUnd sieh dir andre an: es ist in allen. &#8212;<\/p>\n<p>Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen<br \/>\nUnendlich sanft in seinen H\u00e4nden h\u00e4lt.<\/p>\n<p><em>Und doch ist Einer<\/em>! Und doch! &#8211; der g\u00f6ttliche Einspruch! Sp\u00fcren wir es nicht auch? da hat der Dichter, und sei es von Ferne, den Heiland gesehen, den, der dem Sog in die Tiefe zu widerstehen wei\u00df. \u201eIch lag in schweren Banden, \/ du kommst und machst mich los \/ &#8230;und <em>hebst<\/em> <em>mich<\/em> <em>hoch<\/em> zu Ehren\u201c. Warum kann er das? Darum, weil er selbst in solche Tiefe geraten ist. Jochen Klepper schrieb zur Weihnacht die ernsten Worte: \u201eVor deiner Krippe g\u00e4hnt das Grab.&nbsp;Kyrieeleison.\u201c Ja, dorthin ist der geraten. Doch ist er dorthin geraten, um m\u00f6glichst viele, m\u00f6glichst alle aus Dunkel und Todesangst heraus zu f\u00fchren. Er ist das <em>Licht<\/em>, \u201ezum Preis seines Volkes Israel&#8220;, und ist es f\u00fcr uns Andere auch, jener Augentrost. Wollen wir nicht auch dorthin ausblicken? Man h\u00f6rt heute sagen: Der Mensch muss erst zu sich selbst kommen, bevor er zu Gott kommt. Ist es nicht genau umgekehrt? Wir sind erst dann gut bei uns selbst, wenn wir bei dem sind, der immer schon bei uns ist. Dann sind wir recht bei Trost. Gehalten durch das Eine, d<strong>as nicht aufh\u00f6rt: die unsterbliche Liebe unseres Gottes zu uns Sterblichen! Sie macht, dass wir zuletzt gut aufgehoben sind. Gott, &#8222;der Herr denkt an uns&#8220; (Ps 115,12), auch wenn sonst keiner mehr an uns denkt. <\/strong><\/p>\n<p>Wollen wir da nicht, solange es geht, unsere Augen \u00f6ffnen und hinblicken zu ihm, der uns entgegenkommt? Dorthin zu jenen unendlich sanften H\u00e4nden. Sie sind am Ende unsres Lebens ausgebreitet, damit unsere letzte Reise keine Verschwinden im Nichts ist. Und diese H\u00e4nde sind nicht erst zuletzt ausgebreitet. Sie sind es schon heute, wie sie bereits gestern uns gehalten haben. Und solange wir leben, haben da nicht auch wir jenem Sog in die Tiefe zu widerstehen? zugunsten all der vielen Bedrohten! Bek\u00fcmmert um die tausenden von Fl\u00fcchtlingen, die k\u00fcrzlich in den Fluten des Meeres ertrunken sind! In Freude \u00fcber einen jeden und eine jede, die jetzt aus den F\u00e4ngen des schrecklichen Virus befreit werden! W<strong>enn unsere Augen den Heiland sehen,<\/strong> dann werden wir auch unsre Mitmenschen sehen. Er, der \u201eGott des Friedens\u201c (1. Thess 5, 23), dessen Boten in Bethlehem verk\u00fcnden: &#8222;Frieden auf Erden&#8220; (Lk 2,14), er verkn\u00fcpft uns miteinander. Dazu sagen wir gerne Ja, im Dank f\u00fcr den weihnachtlichen Augentrost. <em>So<\/em> gibt er uns seinen Frieden. Und <em>so<\/em> \u201eGeht hin im Frieden!\u201c (1Sam 1,17; Apg 16,16)<\/p>\n<p>Eberhard Busch,<\/p>\n<p>D-37133 Friedland,<\/p>\n<p>ebusch@gwdg.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt nach Lukas 2,25-38 | verfasst von Eberhard Busch |&nbsp; In der Mitte des verlesenen Bibeltextes stehen die Worte des alten Simeon, als er im Tempel von Jerusalem das Jesuskind sieht: Herr, nun l\u00e4sst du deinen Diener im Frieden fahren,&nbsp; wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4067,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,547,1,157,114,322,636,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-4114","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-1-so-n-christfest","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-eberhard-busch","category-kapitel-02-chapter-02-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4114","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4114"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4114\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4116,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4114\/revisions\/4116"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4067"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4114"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4114"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4114"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=4114"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=4114"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=4114"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=4114"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}