{"id":4139,"date":"2020-12-26T14:10:29","date_gmt":"2020-12-26T13:10:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4139"},"modified":"2020-12-25T17:38:02","modified_gmt":"2020-12-25T16:38:02","slug":"die-fluegel-der-hoffnung-in","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-fluegel-der-hoffnung-in\/","title":{"rendered":"Die Fl\u00fcgel der Hoffnung in &#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Die Fl\u00fcgel der Hoffnung in unseren Herzen | Neujahrstag | Lukas 2,21 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p>Die Zahlen sind unbegreiflich. 77.297 Juden aus Prag kamen zwischen 1941 und 1945 um. Die Schw\u00e4chsten unter ihnen starben schon w\u00e4hrend des Transports. Die meisten wurden in den Vernichtungslagern vergast oder erschossen, viele verhungerten oder erfroren oder rackerten sich zu Tode oder starben an Krankheit in den Arbeitslagern, und die letzten gingen auf den Todesm\u00e4rschen nach Deutschland in den letzten Wintermonaten des Krieges zugrunde. 77.297. Die Zahl ist genauso abstrakt wie die 6 Millionen, die wir kennen. Das sind schwindelerregende Zahlen, so hoch, dass man sich dazu schwer anders verhalten kann als zu Zahlen. Sie machen Eindruck, aber die Zahl 77.297 vergessen wir wieder.<\/p>\n<p>Heda hei\u00dft ein junges M\u00e4dchen, das in Prag aufw\u00e4chst. Zusammen mit ihren Eltern wird sie nach Auschwitz deportiert. Beide Eltern sterben im Lager. Aber im Februar 1945 gelingt es Heda, aus der Kolonne zu fliehen, die auf dem Wege nach Deutschland ist, und nach Hause zur\u00fcckzukehren. Das Fr\u00fchjahr ist so sch\u00f6n, und Heda verbringt ganze Tage damit, in Prag zu wandern, das bezaubernd sch\u00f6n aussieht mit all seinen pr\u00e4chtigen G\u00e4rten, wie sie schreibt. An dem Tag, als sie erf\u00e4hrt, dass der Mann, den sie liebt, aus Dachau entkommen ist, pfl\u00fcckt sie alle Tulpen in einem Blumenbeet im n\u00e4chsten Park aus Freude dar\u00fcber, dass der Friede begonnen hat. Sie h\u00e4tte einer der 77.000 Juden aus Prag sein k\u00f6nnen, die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges starben. Aber sie \u00fcberlebte. Heda Margolius Kovaly. Es kann gut sein, dass man die 77.297 vergisst, aber sie vergisst man nicht. Sobald ein Name im Spiel ist, ist der V\u00f6lkermord nicht mehr abstrakt. Denn mit dem Namen folgt eine Person, ein Gesicht, eine Stimme, eine Familie, eine ganz bestimmte Geschichte, die allzu fr\u00fch abgebrochen wurde \u2013 oder dennoch weitergehen durfte, f\u00fcr immer gezeichnet durch bestimmte Ereignisse.<\/p>\n<p>Genauso ist es mit dem Namen, dem wir im Evangelium am Neujahrstag begegnen. Oder besser: dem Namen, den Gott erh\u00e4lt. Wir k\u00f6nnen sehr wohl sagen, dass wir an etwas Gr\u00f6\u00dferes glauben, oder an mehr zwischen Himmel und Erde, oder geradezu an Gott, denn Gott findet man in allen m\u00f6glichen Religionen, und das ist alles sehr unverbindlich, aber auch sehr abstrakt, denn wer oder was ist Gott? Und was will er uns? Ist er es, der hinter D\u00fcrre, \u00dcberschwemmungen, Erbeben, Pandemien steht?&nbsp; Oder ist er es, der hinter Christrosen, Sternbildern, der tiefen Wintersonne, die durch durch die Fenster scheint, steht? Ist er es, der bewirkt, dass wir uns verlieben, dass Kinder zur Welt kommen, Feste gefeiert werden, Umarmungen stattfinden? Oder ist er es, der das Virus schickt, Diagnosen, Scheidungen, lauter Verluste? Das bleibt eine offene Frage.<\/p>\n<p>Bis Gott einen Namen erh\u00e4lt. Acht Tage nach der Geburt erh\u00e4lt er den Namen Jesus. Und wie der Name Heda die Geschichte von den Juden in Prag aufschlie\u00dft, so dass sie konkret und bewegend wird, so schlie\u00dft der Name Jesus die Geschichte von Gott auf, so dass sie konkret und bewegend wird in einer ganz anderen Weise als damals, als er nur Gott hie\u00df. Da war er nur einer von vielen G\u00f6ttern. Jetzt, wo er den Namen Jesus erh\u00e4lt, ist er nicht mehr mit einem anderen Gott zu verwechseln. Mit Jesus sagt Gott alles, was er uns sagen will. Mit Jesus zeigt er uns alles, was wir von ihm wissen m\u00fcssen. So wie Heda den Juden in Prag ein Gesicht gibt und eine Stimme, gibt Jesus Gott im Himmel ein Gesicht und eine Stimme. Wenn wir wissen wollen, wer er ist und was er von uns will, k\u00f6nnen wir ihn dort sehen und h\u00f6ren: in dem neugeborenen Jungen in den Armen von Maria, der der Namen Jesus erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>\u201eJesus ist der Name \u00fcber allen\u201c hei\u00dft es in einem d\u00e4nisch en Lied, und das ist er, weil die Geschichte, die sich hinter diesem Namen verbirgt, eine ganz neue und einzigartige Geschichte ist.&nbsp; Das Gesicht, das Gott uns zeigt, wenn wir auf Jesus blicken, ist sein mildes Antlitz. Das leuchtet \u00fcber uns, wie wenn ein Vater freudig auf seine Kinder blickt. Die Stimme, die Gott braucht, wenn wir auf Jesus h\u00f6ren, ist die warme Stimme, die uns geliebte Kinder ruft trotz all unserer Fehler und Versagen. Und die Geschichte, die Gott erz\u00e4hlt, wenn wir uns um Jesus versammeln, ist weit gr\u00f6\u00dfer als unsere eigene. Sie enth\u00e4lt Geburt und Namensgebung, Wachstum und Reife, Arbeit, die Frucht tr\u00e4gt, Freundschaft und Liebe, aber auch Niederlagen, Verlust, Versagen, Tod und Zerst\u00f6rung.&nbsp; Ganz wie unsere Geschichte. Es besteht kein Zweifel daran, dass das Kind in den Armen Marias einer von uns ist. Und doch ist es eine einzigartige Geschichte, weil sie nicht mit dem Untergang endet. Sie ist gr\u00f6\u00dfer. Sie endet mit einem neuen Anfang \u2013 im Sonnenaufgang am Ostermorgen.<\/p>\n<p>Die Geschichte, die sich hinter dem Namen Jesus verbirgt, ist nicht allein seine Geschichte. Sie ist auch unsere Geschichte. Er wurde geboren als einer von uns und wurde Teil von unserer allgemeinen Geschichte, um uns in seine eigene einzigartige Geschichte einzubeziehen. Das geschah vor allem, als wir getauft wurden, in Christus gekleidet wurden, wie Paulus das ausdr\u00fcckt, so als Christentum eine Tracht w\u00e4re, die wir \u00fcber allem anderen tragen, was wir auch sind. Oder darunter im Innersten. Im Namen Jesu, wenn wir Christus angezogen haben, k\u00f6nnen wir Gott in die Augen schauen als vertrauensvolle Kinder, die ihren Vater kennen \u2013 auch zur Nachtzeit. Und wir k\u00f6nnen auf das Jahr zur\u00fcckblicken, das vergangen ist, und das kommende Jahr, im Lichte seines milden Antlitzes \u2013 als Teil der einzigartigen Geschichte, die nicht mit Untergang endet, sondern aufs Neue beginnt im Sonnenaufgang der Ewigkeit.<\/p>\n<p>Heda Margolius Kovaly sollte kein gl\u00fcckliches Leben in Prag haben bis zum Ende ihrer Tage. Im Gegenteil, schon seit 1948 waren da Menschen, die von der Polizei gefoltert wurden und vom Regime n Gefangenlager gebracht und hingerichtet wurden. Unter ihnen Hedas Mann, der 1952 w\u00e4hrend des sogenannten Slansky-Prozess wegen Landesverrats verurteilt und hingerichtet wurde. In der Einleitung zu ihrem Buch \u201eUnter einem b\u00f6sen Stern\u201c schreibt sie: \u201eDrei Kr\u00e4fte haben die Landschaft meines Lebens geformt. Zwei davon kannte die halbe Welt. Die erste Kraft war Adolf Hitler, die zweite Josef Stalin\u201c. Aber dann f\u00e4hrt sie fort: \u201eDie dritte war sehr still und schwach, ja in der Tat unsichtbar. Das war ein scheuer kleiner Vogel in meiner Brust, ein oder zwei Zoll \u00fcber meinem Bauch. Zu ganz unerwarteten Zeitpunkten konnte der Vogel erwachen, sein Haupt erheben und entz\u00fcckt mit den Fl\u00fcgeln schlagen. Dann erhob auch ich mein Haupt, denn in diesen kurzen Augenblicken wusste ich mit Sicherheit, dass Liebe und Hoffnung unendlich viel gr\u00f6\u00dfere Macht haben als Hass und Wut und dass es irgendwo jenseits meines Horizonts ein unverg\u00e4ngliches Leben gibt, das stets siegen wird.\u201c<\/p>\n<p>Wir kennen das Bild aus unseren sch\u00f6nsten Liedern: \u201e.. schenkt, wenn Osterlieder klingen, unsrer Seele Vogelschwingen\u201c. Das Bild von der Hoffnung und der Freude als einem scheuen kleinen Vogel, der zu den am wenigsten erwarteten Zweitpunkten in unseren Herzen erwacht. \u201eLasst den Lerchenschlag unseres Herzens gr\u00fc\u00dfen den klaren Tag des Herrn, der aufstand von den Toten\u201c. Aber jemand muss diesen Vogel in das Herz eines Kindes legen. Und jemand muss ihn wecken im Erwachsenen. Das tun die Menschen, die uns lieben. Und das tut das Kind, das den Namen Jesus erh\u00e4lt. Auch in der Landschaft unseres Lebens gibt es Kr\u00e4fte, die zerst\u00f6ren. Das wissen wir am Ende dieses Jahres 2020. Aber Jesus ruft noch immer zum Vogel in unseren Herzen und gibt uns die Gewissheit, dass Liebe und Hoffnung unendlich gr\u00f6\u00dfere Macht haben als Krankheit und Tod, und dass irgendwo jenseits unseres Horizonts ein unverg\u00e4ngliches Leben gibt, das immer siegen wird. Amen.<\/p>\n<p>Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p>DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p>mfl(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fl\u00fcgel der Hoffnung in unseren Herzen | Neujahrstag | Lukas 2,21 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Marianne Frank Larsen | Die Zahlen sind unbegreiflich. 77.297 Juden aus Prag kamen zwischen 1941 und 1945 um. Die Schw\u00e4chsten unter ihnen starben schon w\u00e4hrend des Transports. 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