{"id":4189,"date":"2020-12-31T01:07:21","date_gmt":"2020-12-31T00:07:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4189"},"modified":"2021-01-02T17:55:41","modified_gmt":"2021-01-02T16:55:41","slug":"das-kleine-kind-und-der-maechtige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/das-kleine-kind-und-der-maechtige\/","title":{"rendered":"Das kleine Kind \u2013 und der &#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Das kleine Kind \u2013 und der m\u00e4chtige Herodes \u2013 Macht und Liebe | Zweiter Sonntag nach Weihnachten | Matth\u00e4us 2,1-12 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Leise Christensen |<\/h3>\n<p>Es gib ein Programm in D\u00e4nemark, das hei\u00dft Schrott ins Schloss. Das ist so ein Programm f\u00fcr den Wohnungsmarkt, wo ein altes heruntergekommenes Haus in eine phantastische Wohnung umgewandelt wird mit allen m\u00f6glichen Einf\u00e4llen und Einrichtungen, also etwa so, dass ein Mann ein altes Brett nimmt, und pl\u00f6tzlich ist das ein Esstisch f\u00fcr zw\u00f6lf Personen in einem stilvollen Esszimmer \u2013 all das, was, wie man ja sehr wohl wei\u00df \u2013 nie in der eigenen Wohnung geschieht, wo man voll damit besch\u00e4ftigt ist, nur ein einziges Bild gerade aufzuh\u00e4ngen. Im heutigen Evangelium scheint es sich umgekehrt zu verhalten \u2013 vom Schloss zum Schrott.&nbsp; Die drei Weisen aus dem Morgenland, wir kennen also ihre Anzahl \u2013 das ist die Tradition, die gesagt hat, wenn da drei Gaben waren, waren es wohl auch drei Weisen, aber diese Zahl geht also nicht aus dem hervor, was Matth\u00e4us erz\u00e4hlt. Er legt auf etwas ganz anderes Gewicht, n\u00e4mlich dass diese mystischen Weisen aus dem Morgenland einen verkehrten Weg einschlagen \u2013 sie wollen zum Schloss in Jerusalem, aber es handelt sich eigentlich um Schrott drau\u00dfen in Bethlehem. Ich bin nicht ganz \u00fcberzeugt von ihren F\u00e4higkeiten, de leuchtenden Sternen zu folgen und sie zu deuten &#8211; bei so einem Riesen-Irrtum \u2013 zu glauben, der Stern h\u00e4nge am Schloss und nicht am Schrott. Man hat wohl den Verdacht, dass die drei Weisen gar nicht aufblickten, sondern vielmehr den Blick senkten und nur von vornherein annahmen, der Stern w\u00fcrde sie selbstverst\u00e4ndlich zum K\u00f6nigshaus in Jerusalem f\u00fchren, so dass sie gar nicht auf den Stern zu blicken brauchten. Wo sonst w\u00fcrde man ein K\u00f6nigskind finden? Sie glaubten zu wissen, wohin sie unterwegs waren, aber eben nicht so, Leitstern hin oder her!<\/p>\n<p>Heute ist der letzte Tag von Weihnachten in unserer Kirche. Es ist der letzte Tag, wo wir von der Krippe im Stall h\u00f6ren, von Sternen, Weisen und feine Gaben aus dem Morgenland.&nbsp; Dennoch ist etwas anders als die Erz\u00e4hlung, die wir am Heiligen Abend von dem kleinen Kind in der Krippe geh\u00f6rt haben. Da endete das Ganze in Harmonie mit Heerscharen von Engeln, die vom Frieden auf Erden f\u00fcr Menschen mit Gottes Wohlgefallen. Heute ist das etwas anders. Das Idyll ist verschwunden. Das ist die Welt, wie wir sie kennen. Ein Schatten f\u00e4llt auf den Stall, in dem sich das kleine Jesuskind befindet. Es ist nicht nur gro\u00dfes Gl\u00fcck. Mit dem Frieden ist das so eine Sache. Man kann insofern den guten Weisen nicht vorwerfen, dass sie sich in dem Geburtsort Jesu geirrt hatten, wo man erwarten musste, dass der Sohn der Macht in einem Schloss und nicht in einem Stall zur Welt kam. Das sagt etwas Zentrales \u00fcber die Machtverteilung im Evangelium. Die Macht, mit der Jesus nicht als irdischer K\u00f6nigssohn, sondern als himmlischer K\u00f6nigssohn kommt, ist etwas anderes als die brutale Macht, Macht, mit der der K\u00f6nig in Jerusalem gegen seine Widersacher aufwartet. Herodes f\u00fcrchtet die Geburt des neuen, kleinen K\u00f6nigs und hat als Geburtsgeschenk nur B\u00f6ses im Sinn f\u00fcr ihn und im \u00dcbrigen auch f\u00fcr alle anderen kleinen Jungen unter zwei Jahren, die er hinrichten lie\u00df. Mit Herodes in der Erz\u00e4hlung wird die Geburt Jesu im Stall zu schrecklicher Wirklichkeit f\u00fcr uns heute, eine Wirklichkeit, die weit \u00fcber das Glanzbild im Idyll des Stalls hinausreicht.<\/p>\n<p>Wie aber k\u00f6nnen wir verstehen, dass in dieser Erz\u00e4hlung von Herodes und dem Besuch der drei Weisen an jenem Tag im Stall von unserer Wirklichkeit die Rede ist?&nbsp; Dass unser Dasein auf existenzieller Ebene dem Dasein gleicht, in das Jesus hineingeboren wurde mit den Machtstrukturen in der Gesellschaft, wie sie sich nun einmal geltend machten und machen? Jesus ist ja prachtvoll. Weihnachten ist voller S\u00fc\u00dfe, kulinarisch und menschlich gesehen, voller Freude und Licht. Meistens jedenfalls. Denn wir k\u00f6nnen uns sicher alle an ein oder zwei Jahre erinnern, wo Weihnachten schrecklich war \u2013 aus irgendeinem Grund. Das kann der Tod meines geliebten Menschen sein, eine Scheidung, pl\u00f6tzliche Arbeitslosigkeit oder etwas anderes, was durchaus st\u00f6rend in unser leben eingegriffen hat und Weihnachten kalt und abwegig erschienen lie\u00df. Scheinbar jedenfalls. In diesem Jahr kann man zu Recht Corona als einen solchen gro\u00dfen Schatten betrachten. Wir haben wohl alle Weihnachtsfeste erlebt, wo Herodes uns n\u00e4her war als das kleine Kind in der Krippe. Wo Herodes in all seiner Machtvollkommenheit einfach mehr realistisch zu unserem Dasein passte. Aber eben deshalb ist das kleine Kind in der Krippe ja gekommen. Deshalb feiern wir \u00fcberhaupt Weihnachten. Die Erz\u00e4hlung von dem furchtbaren und r\u00fccksichtslosen K\u00f6nig Herodes ist f\u00fcr Matth\u00e4us eine Weise, in der er uns sagen will: Das Leben ist zwar voll ist von Herodes-Gestalten, die lange Schatten \u00fcber unser Leben werfen, dennoch ist da etwas, was st\u00e4rker ist als er. Und das ist das kleine Kind, die Inkarnation der Liebe, die Herodes nicht t\u00f6ten konnte, die er nicht von der Erde oder dem Himmel entfernen oder sonst wie unsch\u00e4dlich machen konnte. Was Herodes wollte, ist an sich nicht so unverst\u00e4ndlich. Er wollte gerne selbst bestimmen \u00fcber sich selbst, \u00fcber andere, \u00fcber die ganze Welt. Er wollte so gesehen nur selbst Gott sein. Und der einzige Weg, den er sah, war der Weg der Gewalt und der Macht. &nbsp;Als Mensch wollte er gerne Gott sein. Das wollen viele. Es mag sein, dass wir unmittelbar nicht so schlimm sind wie Herodes, aber Macht wollen auch wir gerne haben. Wir alle haben einen kleinen Herodes, der in uns wohnt. Viele von uns wollen gern selbst \u00fcber unser eigenes Leben bestimmen, unseres eigenen Gl\u00fcckes Schmied sein, wie es hei\u00dft, oder Redakteur unseres eigenen Lebens sein, Herr im eigenen Haus. Eben deshalb aber ist das Kind im Stall geboren, und Gott wurde Mensch in diesem Kinde. Gott wurde Mensch, nicht damit der Mensch Gott werden, sondern damit der Mensch Mensch bleibt und damit menschlich ist gegen\u00fcber anderen Menschen. Nicht damit wir zu in sich ruhenden G\u00f6ttern im eigenen Leben werden und, noch schlimmer, G\u00f6tter im Leben anderer! Indem Gott Mensch wurde, wies er uns den Weg nicht zu Macht und Gr\u00f6\u00dfe, sondern zum Menschsein mit anderen Menschen und f\u00fcr andere Menschen. Das Gegenbild zu Herodes ist das kleine Kind in der Krippe. Herodes ist erwachsen und machtvoll, das Kind ist klein und dem Gutd\u00fcnken der Welt ausgeliefert. Herodes <em>glaubt<\/em>, er sei Gott, das Kind <em>ist <\/em>Gott. Herodes ist der gro\u00dfe K\u00f6nig in der Hauptstadt Jerusalem. Jesus ist das unbedeutende Kind in der kleinen Provinzstadt Bethlehem, das Kind, dem die Macht und Gewalt und Bosheit des Herodes nichts anhaben konnten. Denn das B\u00f6se hat nie das Letzte Wort in der Welt, die von Gott geschaffen ist. Das letzte Wort hat Gott, und das ist Liebe. Deshalb kam er in Ohnmacht zur Welt. Das ist vielleicht die einzige Sprache, die einzige Tat, die die Bosheit nicht versteht und nicht beherrschen kann und deshalb auch nicht besiegen kann. Die Bosheit kann nicht verstehen, dass es etwas gibt, das gr\u00f6\u00dfer ist als sie selbst. Und deshalb kann die Bosheit von etwas so scheinbar Unbedeutendem wie einem kleinen Kind besiegt werden. Aber war f\u00fcr ein Kind! Er vergilt nicht B\u00f6ses mit B\u00f6sem, sondern mit all dem, was Liebe umfasst. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Leise Christensen<\/p>\n<p>DK 8200 Aarhus N<\/p>\n<p>Email: lec(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das kleine Kind \u2013 und der m\u00e4chtige Herodes \u2013 Macht und Liebe | Zweiter Sonntag nach Weihnachten | Matth\u00e4us 2,1-12 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Leise Christensen | Es gib ein Programm in D\u00e4nemark, das hei\u00dft Schrott ins Schloss. 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