{"id":4201,"date":"2020-12-29T11:51:07","date_gmt":"2020-12-29T10:51:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4201"},"modified":"2020-12-29T11:52:06","modified_gmt":"2020-12-29T10:52:06","slug":"vom-lockdown-zur-exit-strategie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/vom-lockdown-zur-exit-strategie\/","title":{"rendered":"Vom Lockdown zur Exit-&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Vom Lockdown zur Exit-Strategie \u2013 Zwischen Exodus und Jahreswechsel | Altjahresabend, 31.12.2020 | Predigt zu Exodus 13,20\u201322, verfasst von Malte Cramer und Niels Kindl |<\/h3>\n<p><strong>Vom Lockdown zur Exit-Strategie \u2013 Zwischen Exodus und Jahreswechsel <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>1a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Lockdown in \u00c4gypten <\/strong>(Ex 12,1\u201328)<\/p>\n<p>Ramses, in \u00c4gypten, 15. April 1440 v. Chr.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Das ganze Volk Israel befindet sich im Lockdown. Auch Levi. Levi, seine Frau und ihre beiden Kinder leben seit ihrer Geburt unter der Knechtschaft der \u00c4gypter. Sie sind Sklaven. Doch ihr Leben hat sich in den vergangenen Wochen radikal ver\u00e4ndert. Denn da ist dieser Mose aufgetreten und hat gesagt, dass Gott die Israeliten aus der Knechtschaft \u00c4gyptens befreien wird. Heute Nacht soll es soweit sein. Levi und seine Familie haben sich in ihren vier W\u00e4nden eingeschlossen. Sie haben Angst, sind angespannt und voller Ungewissheit:<\/p>\n<p>\u201eMeine Familie und ich sitzen im Inneren unserer Lehmh\u00fctte. Die Haust\u00fcr ist fest verriegelt. Mose und Aaron haben uns angewiesen, unsere H\u00e4user in dieser Nacht blo\u00df nicht zu verlassen. Denn drau\u00dfen geht der Tod umher. Gott will in dieser Nacht die Erstgeburt der \u00c4gypter schlagen und den Pharao zwingen, uns Israeliten endlich die Freiheit zu schenken.<\/p>\n<p>Wir haben uns um die kleine Feuerstelle in der Mitte der H\u00fctte zusammengekauert. Die flackernden Flammen des Feuers schenken uns Licht und W\u00e4rme. Die Stille der dunklen Nacht wird nur durch das Knistern der brennenden Zweige unterbrochen. Keiner von uns kann oder will schlafen. Unaufh\u00f6rlich gehen uns Gedanken durch den Kopf:<\/p>\n<p>Wie wird es mit uns weitergehen? Was wird morgen sein? Wird die Sklaverei und Knechtschaft in \u00c4gypten ein Ende haben? Kann Gott uns wirklich befreien? Wir alle haben Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit, Sicherheit und Frieden.\u201c<\/p>\n<p><strong>1b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Lockdown in Holsterhausen<\/strong><\/p>\n<p>Wanne-Eickel, 15. April 2020. Ganz Deutschland befindet sich im Lockdown. Auch Peter. Peter ist 43 Jahre alt. Ein stolzer Familienvater, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in der Rottbruchstra\u00dfe in Holsterhausen wohnt.<\/p>\n<p>Lockdown \u2013 ein Wort, das Peter und vielen anderen Millionen bis dahin v\u00f6llig unbekannt war. Er ist verunsichert. Sein Leben hat sich in kurzer Zeit so radikal ver\u00e4ndert, dass seine Gef\u00fchlswelt kaum noch nachkommt. Er vermisst sein altes, gewohntes Leben:<\/p>\n<p>\u201eSeit 5 Wochen sitze ich nun schon zu Hause. Drau\u00dfen geht das Virus umher. Wir sollen unsere H\u00e4user und Wohnungen nicht verlassen, unsere Au\u00dfenkontakte auf ein Minimum reduzieren. Ich kann nicht zur Arbeit gehen und befinde mich im Homeoffice. Oben Hemd, unten Jogginghose.<\/p>\n<p>Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck. Andere Freunde sind in Kurzarbeit. F\u00fcr manche wird es existenziell. Und denjenigen, die in den Krankenh\u00e4usern arbeiten, wird jetzt alles abverlangt. Erfahrungen mit einer Pandemie hab\u2018 ich keine. Wer hat die auch schon?<\/p>\n<p>In meiner Familie und meinem Freundeskreis offenbar viele: Jeden Tag h\u00f6re ich neue Ratschl\u00e4ge, was jetzt auf jeden Fall zu tun ist. Hobby-Virologen, Aushilfs-Statistiker und Freizeit-Epidemiologen, die meinen, einen Nobelpreis verdient zu haben. Studiert hat keiner von ihnen.<\/p>\n<p>Kitas und Schulen sind geschlossen, obwohl keine Ferien sind. Wir m\u00fcssen unsere beiden Kinder zu Hause betreuen. Kita, Homeschooling und Job. Alles gleichzeitig an einem Ort. In den eigenen vier W\u00e4nden. Das kann ziemlich anstrengend werden, wenn meine Kleine pl\u00f6tzlich schreit: \u201aMir ist langweilig!\u2018.<\/p>\n<p>\u201aMir ist langweilig!\u2018. Das verstehe ich nur zu gut. Mir ist auch oft langweilig. Theater, Kinos und die meisten Gesch\u00e4fte sind dicht. Meine Eckkneipe auch. Vereine d\u00fcrfen sich nicht treffen und ich kann mit meiner Fu\u00dfballtruppe nicht mehr kicken. Manchmal f\u00fchle ich mich wie eingesperrt. Seit Tagen habe ich keine andere Person mehr gesehen als meine Frau und meine beiden Kinder.<\/p>\n<p>Tagelang auf engem Raum. Da gibt\u2019s \u00f6fter mal Streit. Dann hei\u00dft es: Katastrophenstimmung \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht nur bei uns zu Hause, sondern auch im Supermarkt herrscht Katastrophenstimmung: Toilettenpapier wird zum begehrtesten Gut und im Laden gilt Maskenpflicht.<\/p>\n<p>Unsere Gottesdienste finden nur noch digital bei Zoom statt. Besser als nichts. Aber Zwischenmenschlichkeit l\u00e4sst sich nicht einfach so digitalisieren. Live vor Ort dabei sein, Freunde treffen, gemeinsam mit anderen singen. Menschliche N\u00e4he erleben. Und, was f\u00fcr mich das Schwerste ist: Mir fehlen die pers\u00f6nlichen Begegnungen, die sonst selbstverst\u00e4ndlich sind.\u201c<\/p>\n<p>Die letzten Wochen im Fr\u00fchjahr haben bei Peter einiges durcheinandergebracht: \u201eWann kann ich meine Freunde endlich wiedersehen und in den Arm nehmen? Wie gef\u00e4hrlich ist das Virus eigentlich? Was ist mit den ganzen gro\u00dfen Festen und Feiern, die dieses Jahr anstehen? Werde ich meinen Job behalten k\u00f6nnen? Wie geht es weiter? Das soziale Leben ist eingeschr\u00e4nkt. Angst vor der Zukunft. Diese Unsicherheit ist das Schlimmste. Und: Wo ist eigentlich Gott?\u201c<\/p>\n<p><strong>2a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Auszug oder: Die vermeintliche Freiheit <\/strong>(Ex 12,29\u201342)<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in \u00c4gypten.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Es war noch mitten in der Nacht, als Levi aus dem Schlaf gerissen wurde. Ein Klopfen an der T\u00fcr. Das Signal zum Aufbruch. Der Pharao l\u00e4sst die Israeliten tats\u00e4chlich ziehen. Gott hat nicht lockergelassen. Er hat buchst\u00e4blich Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um sein Volk aus der Knechtschaft \u00c4gyptens zu befreien. Und nun hat der Pharao endlich eingelenkt. Alle Israeliten \u2013 auch Levi und seine Familie \u2013 d\u00fcrfen gehen:<\/p>\n<p>\u201eHals \u00fcber Kopf mussten wir mitten in der Nacht aufbrechen. Jetzt befinden wir uns auf dem Weg. Mit dem ganzen Volk Israel ziehen wir hinaus aus \u00c4gypten. Es ist ein Wunder. Wir hatten kaum gewagt zu hoffen, dass dies wirklich geschehen wird. Gott hat uns tats\u00e4chlich befreit! Im ganzen Volk herrscht eine gro\u00dfe Freude. Die Euphorie ist sp\u00fcrbar. Und Erleichterung ist vielen ins Gesicht geschrieben.<\/p>\n<p>Von der Stadt Ramses aus sind wir nun unterwegs zum Ort Sukkot. Tausende Menschen sind mit uns unterwegs: M\u00e4nner, Frauen und Kinder, dazu viele Rinder und Schafe (Ex 12,37f.). Gemeinsam sind wir unterwegs, unterwegs in eine neue Zukunft, unterwegs in das gelobte Land, unterwegs in die lang ersehnte Freiheit.\u201c<\/p>\n<p><strong>2b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Auszug oder: Lockerungen machen Hoffnung!<\/strong><\/p>\n<p>Es ist Anfang August. Sommer in Holsterhausen. Eigentlich w\u00e4re jetzt Cranger Kirmes. Peter arbeitet inzwischen wieder im B\u00fcro.<\/p>\n<p>\u201eWas bin ich froh, endlich wieder einen einigerma\u00dfen geregelten Tagesablauf zu haben. Es kommt einem Wunder gleich: Die Infektionszahlen sind in den letzten Wochen und Monaten stark zur\u00fcckgegangen. Lockerungen sind in Sicht: Ein Tag im Wananas, ein Wochenendausflug ans Meer nach Scheveningen, vielleicht ja sogar die gro\u00dfe Geburtstagsfeier oder gar Hochzeit.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcck Normalit\u00e4t kehrt ein. Was waren das f\u00fcr letzte Wochen. Meine Frau und ich, wir haben das Autokino wieder f\u00fcr uns entdeckt. Der Kreativit\u00e4t sind in diesen Tagen keine Grenzen gesetzt. Der Eventplatz Nummer 1: Konzerte, Theater, Discos und Gottesdienste mit Blick durch die Windschutzscheibe und Ton \u00fcber das Autoradio.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Kreativ sein. Das gilt auch und gerade f\u00fcr pers\u00f6nliche Beziehungen. Ich lebe in Beziehungen und brauche meine sozialen Kontakte. Ich merke, wie schwierig das aktuell ist. Da wird so manche Beziehung auf die Probe gestellt. Hier bin ich, ja wir alle, gefordert, die Verbindungen zu unseren Liebsten nicht abrei\u00dfen zu lassen und kreative M\u00f6glichkeiten des In-Beziehung-Bleibens zu finden. Ob das gute alte Telefonat, eine E-Mail, kurze WhatsApp, eine Sprachnachricht f\u00fcr die Schreibfaulen wie mich oder ein Brief. Pers\u00f6nliche Worte st\u00e4rken, ermutigen und lassen einander \u2013 trotz Entfernung \u2013 ganz nah sein.<\/p>\n<p>Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, auch Gott ist ganz nah bei mir. Er f\u00fchrt mich sicher durch diese unsichere Zeit und l\u00e4sst mich nicht allein sein. In solchen Momenten, glaube ich, dass es sie gibt. Die Zeichen der Hoffnung. Sie schenken mir gerade jetzt die n\u00f6tige Geduld und Gelassenheit, die Einschr\u00e4nkungen und Schwierigkeiten dieser Wochen zu ertragen und anzunehmen.\u201c<\/p>\n<p><strong>3a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 An der Schwelle zur W\u00fcste<\/strong><a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> (Ex 13,17\u201322)<\/p>\n<p>Nachdem der Pharao die Israeliten hatte ziehen lassen, f\u00fchrte Gott sein Volk nicht auf direktem Wege Richtung Kanaan, sondern er lie\u00df das Volk Israel einen Umweg machen, den Weg durch die W\u00fcste zum Schilfmeer (Ex 13,17f.)<em>.<\/em> Ebenso wie viele andere, beginnt auch Levi schnell zu begreifen, dass dies nicht der letzte Umweg auf dem Weg in die Freiheit sein wird:<\/p>\n<p>\u201eHeute haben wir unser Lager in Etam am Rande der W\u00fcste aufgeschlagen (Ex 13,20). Vor uns liegen hunderte, ja tausende Kilometer trockene, sandige und felsige W\u00fcstenlandschaft. Die anf\u00e4ngliche Euphorie im Volk ist inzwischen dem harten Realismus gewichen, dass unser Weg in die Freiheit gerade erst begonnen hat. Wir sind frei und dennoch nicht befreit von neuen Herausforderungen. Viel Unerwartetes kommt noch auf uns zu. Zwischen uns und dem gelobten Land liegt noch ein weiter Weg. W\u00fcstenjahre stehen uns bevor. Gott f\u00fchrt uns auf Umwegen zum Ziel. Es ist paradox: Wir befinden uns an der Schwelle zur Freiheit und zugleich befinden wir uns an der Schwelle zur W\u00fcste.<\/p>\n<p>Doch: Ganz gleich welche Gefahren und Bedrohungen auch vor uns liegen m\u00f6gen. Wir vertrauen auf Gott, auf seine F\u00fchrung, auf seine Geh-genwart.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Wir vertrauen auf sein Mit-Gehen. Wir vertrauen darauf, dass er die richtige Exit-Strategie f\u00fcr unsere Situation bereith\u00e4lt.<\/p>\n<p>Und Gott geht nicht nur mit uns mit. Gott selbst geht uns voraus:<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Am Tag in einer Wolkens\u00e4ule, um uns den rechten Weg zu f\u00fchren und bei Nacht in einer Feuers\u00e4ule, um uns als Licht zu leuchten. Niemals weichen die Wolken- und die Feuers\u00e4ule von unserer Seite (Ex 13,21f.). Sie sind die sichtbaren Zeichen seiner Treue. <em>Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag<\/em>.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>\u201c<\/p>\n<p><strong>3b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 An der Schwelle zum neuen Jahr<\/strong><\/p>\n<p>31.12.2020. Peter steht an der Schwelle zum neuen Jahr. Im Lockdown ins Jahr 2021. Zwar gibt es Hoffnung. Hoffnung auf Corona-Impfungen. Hoffnung auf Lockerungen. Hoffnung auf \u201aNormalit\u00e4t\u2018. Auf gr\u00f6\u00dfere Treffen mit Familie und Freunde, auf ausgelassene Feiern und Feste.<\/p>\n<p>Aber vieles in Peters Leben ist und bleibt ungewiss: \u201eDie letzten Wochen waren wie ein R\u00fcckschlag f\u00fcr mich und meine Familie. Im Herbst kam der Schock. Corona breitete sich immer st\u00e4rker aus. Der ber\u00fcchtigte Inzidenzwert ist in Herne \u00fcber 200 gestiegen.<\/p>\n<p>Leben ist und bleibt bedrohlich, angreifbar und zerbrechlich. Auch mein eigenes. Das ist in den letzten Jahren bei mir irgendwie in Vergessenheit geraten. Gefahren sind oft weit weg, im Fernsehen oder in der Zeitung, und ber\u00fchren mich pers\u00f6nlich meist nur sehr selten. Das ist jetzt anders. Ich merke, wie machtlos ich bin, wie schnell und leicht meine pers\u00f6nlichen Pl\u00e4ne durchkreuzt werden k\u00f6nnen und wie hilflos man sich f\u00fchlen kann.<\/p>\n<p>Die Krise kommt gef\u00fchlt immer n\u00e4her. \u201aWie lange denn noch?\u2018, frage ich mich an so manchem Abend, bevor ich schlafen gehe. Bis vor einigen Monaten kannte ich diese quengelnde Frage eigentlich nur von meinen Kindern auf dem R\u00fccksitz im Auto. Jetzt, in diesen Zeiten, h\u00f6re ich sie nahezu t\u00e4glich um mich herum. Wie lange denn noch?<\/p>\n<p>Das Ganze dauert vermutlich viel l\u00e4nger als gedacht. Und niemand kann sich auf ein \u201aDann ist endlich alles vorbei\u2018-Datum festlegen.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Mich zieht das manchmal ganz sch\u00f6n runter und raubt mir Lebensmut. Ich sto\u00dfe an die Grenzen meiner Kr\u00e4fte. F\u00fchle mich eingeschlossen und ersch\u00f6pft. Mein pers\u00f6nlicher Lockdown.<\/p>\n<p>Wie schaffe ich es, damit umzugehen? Was tr\u00e4gt mich dann durch diese Zeit? Wie halte ich durch? Wie komme ich durch diese Tage, wenn ich allein mit meiner Familie in meiner Wohnung sitze und mich von der Welt isoliert und abgeschnitten f\u00fchle?<\/p>\n<p>Mir helfen zum Beispiel vertraute Orte und Personen. Etwas von \u201afr\u00fcher\u2018, von \u201avorher\u2018. Aus der Zeit, in der noch alles \u201ain Ordnung\u2018 war. Die Stimmen von guten Freunden und alten Wegbegleitern am Telefon, bei Skype oder Zoom. Oder auch Gottesdienste bei Twitch \u2013 ein St\u00fcck gewohnter Sonntag.<\/p>\n<p>Bei einem Spaziergang durch Holsterhausen bleibe ich gerade jetzt gerne vor der Stephanus-Kirche stehen. Nicht nur, um die beeindruckende Turmbeleuchtung zu bestaunen. Die Kirche ist f\u00fcr mich ein echter Hoffnungsort. Ohne Worte sp\u00fcre ich beim Vorbeigehen: Ich hab\u2018 schon eine Menge \u00fcberlebt. Mich tr\u00e4gt der Blick zur\u00fcck. Die Erinnerung an viele ber\u00fchrende Momente in der Kirche. An besondere Begegnungen, an Glaubens-Erfahrungen und an \u00fcberstandene Krisen.<\/p>\n<p>Ein Ort der ganz besonderen Art ist f\u00fcr mich auch das Gebet. Das tut gut. Ich kann all das vor Gott ausbreiten, was mich in meinem Innersten bewegt, was mir auf der Seele brennt, was mich beunruhigt und nicht schlafen l\u00e4sst: Meine Sorgen, meine Fragen, meine \u00c4ngste.<\/p>\n<p>All das was ich nicht verstehen und begreifen kann. In der F\u00fcrbitte vertraue ich Gott Menschen an, um die ich mich besonders sorge. Und ich bitte Gott um seinen Schutz und seinen Beistand f\u00fcr mich und f\u00fcr andere. Im Gebet mit-einander und f\u00fcr-einander f\u00fchle ich mich verbunden. Verbunden mit Gott und mit meinen Mitchristen in der ganzen Welt. Ich bin dankbar, in einer Gesellschaft zu leben, die auch in einer so schwierigen Situation darum ringt, gerade Schwache und besonders Verwundbare zu sch\u00fctzen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Der Weg \u2013 gerade in diesem Jahr \u2013 war nicht leicht. Es ist ein Weg der Geduld. Ein Weg, bei dem viel Unerwartetes auf uns zukommt und manchmal nicht alles wie geplant verl\u00e4uft. Gott f\u00fchrt uns auf Umwegen zum Ziel. Und: Gott geht nicht nur mit. Er geht voraus!\u201c<\/p>\n<p><em>Gottes Wege sind die Wege, die er selbst gegangen ist und die wir nun mit ihm gehen sollen. Keinen Weg l\u00e4\u00dft uns Gott gehen, den er nicht selbst gegangen w\u00e4re und auf dem er uns nicht voranginge. Es ist der von Gott gebahnte und gesch\u00fctzte Weg, auf den er ruft. So ist es wirklich sein Weg.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><strong>[11]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>Diese Gewissheit tr\u00e4gt nicht nur Peter, sondern kann auch uns durch das vor uns liegende Jahr 2021 tragen und Hoffnung schenken. Was auch immer die Zukunft f\u00fcr uns bereith\u00e4lt und was uns erwartet. Auch, wenn gerade niemand um unser herum ist, wir isoliert unter Quarant\u00e4ne stehen oder gerade keine M\u00f6glichkeit haben, mit anderen pers\u00f6nlich in Kontakt zu kommen. Auch wenn wir nicht wissen, wie der ganze Weg verlaufen wird.<\/p>\n<p>Jetzt, genau in diesem Moment, ist Gott bei dir \u2013 und bei jedem von uns. Er wird uns durch diese unsicheren Zeiten begleiten. Gott gibt Sicherheit. Er steht uns bei. <em>Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><strong>[12]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>Es gibt W\u00fcsten im Leben, die endlos scheinen. Es gibt Verh\u00e4ltnisse in der Welt, die den Glauben an die Gegenwart Gottes manchmal extrem schwierig machen. Auch oder gerade in solchen Momenten gilt Gottes Zusage: Er ist bei uns und f\u00fchrt uns. Am Tag und in der Nacht. In \u00c4gypten und Holsterhausen. Vor \u00fcber 3.000 Jahren und auch heute beim \u00dcbergang ins Jahr 2021.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen uns ermutigen, ansto\u00dfen und in Bewegung setzen lassen: Aufbrechen in ein neues Jahr. Altes hinter sich lassen. Die Hoffnung und die Zukunft liegen vor uns. Vertraut den neuen Wegen!<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Malte Cramer\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Niels Kindl<\/p>\n<p>Herne\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0Wanne-Eickel<\/p>\n<p><a href=\"mailto:malte.cramer5@rub.de\">malte.cramer5@rub.de \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/a><a href=\"mailto:niels.kindl@googlemail.com\">niels.kindl@googlemail.com<\/a><\/p>\n<p>Malte Cramer, geb. 1992, ist Doktorand am Lehrstuhl f\u00fcr Exegese und Theologie des Neuen Testaments und Geschichte des Urchristentums der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum sowie Lehrbeauftragter der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum und Promotionsstipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.<\/p>\n<p>Niels Kindl, geb. 1984, ist seit 2012 Pr\u00e4dikant in der Kirchengemeinde Wanne-Eickel und hat eine gro\u00dfe Leidenschaft f\u00fcr \u00d6kumene. Als Pr\u00e4dikant liebt er es, Bibel nicht zu erkl\u00e4ren, sondern aufzuf\u00fchren und seine Leser:innen und Zuh\u00f6rer:innen in die unabgeschlossene Geschichte Gottes mit seinem Volk hineinzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <em>Die Predigt nimmt Impulse der dramaturgischen Homiletik auf und geschieht im dialogischen Wechselschritt zwischen Bibeltext und Gegenwart. Vgl. Nicol, Martin\/Deeg, Alexander, Im Wechselschritt zur Kanzel. Praxisbuch Dramaturgische Homiletik, G\u00f6ttingen <sup>2<\/sup>2015. \u201eWenn Predigtrede nicht nur Rede \u00fcber einen biblischen Text nach Art einer Vorlesung ist, sondern Rede im Raum des biblischen Wortes und im gottesdienstlichen Ritual, dann kann es sich gelegentlich anbieten, nicht nur mit den Ho\u0308rerinnen und Ho\u0308rern zu sprechen, sondern auch mit dem biblischen Wort in einen Wortwechsel einzutreten. Oder in einen Dialog mit seinem Autor, mit einer Figur aus diesem Wort. Und nicht zuletzt auch betend mit Gott selbst.\u201c (A.a.O., 68)<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <em>Der Exodus wird, der biblischen Tradition entsprechend, nach dem j\u00fcdischen (lunisolaren) Kalender auf den 15. Tag des Monats Nissan datiert. Um ungewollte Irritationen der Rezipient:innen zu vermeiden, wurde im Predigttext der Monatsname April verwendet. Der 15. Nissan hat im Jahr 2020 dem 9. April des gregorianischen Kalenders entsprochen.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <em>Zu Regiebemerkungen in der Predigt vgl. Nicol, Martin\/Deeg, Alexander, Im Wechselschritt zur Kanzel. Praxisbuch Dramaturgische Homiletik, G\u00f6ttingen <sup>2<\/sup>2015, 102ff.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <em>Hoffnung, Verzweiflung, Mitmenschlichkeit. Der NRW-Jahresr\u00fcckblick im WDR Fernsehen. Ein Film von Lothar Schr\u00f6der \/ Redaktion: Ann-Christin Gertzen. (<\/em><a href=\"https:\/\/presse.wdr.de\/plounge\/tv\/wdr_fernsehen\/2020\/12\/20201218_nrw_jahresrueckblick.html\"><em>https:\/\/presse.wdr.de\/plounge\/tv\/wdr_fernsehen\/2020\/12\/20201218_nrw_jahresrueckblick.html<\/em><\/a><em>, zuletzt abgerufen am 28.12.2020)<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <em>\u201eGemeinsam ist dem Gottesdienst am Altjahresabend und der Predigtperikope die Schwellensituation: Der Passage von der gesicherten Unfreiheit in die ungesicherte Freiheit dort mag hier \u2013 meist wohl weniger dramatisch \u2013 der Wechsel von einem Jahr zum anderen entsprechen. Auch wenn wom\u00f6glich die durchwachte Nacht des Aufbruchs von Rames nach Sukkot (Ex 13,37\u201342) sich eher als Analogon zur Silversternacht anb\u00f6te, so m\u00f6gen doch auch das Innehalten vor dem Schritt ins neue Jahr und das Lagern am \u00dcbergang zur W\u00fcste einander entsprechen.\u201c Frettl\u00f6h, Magdalene L., Kontrastreiche Umleitung in die Freiheit, Altjahresabend: Ex 13,20\u201322, G\u00f6ttinger Predigtmeditationen, Vierte Reihe, 1. Sonntag im Advent bis Estomihi, 59.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> <em>Vgl. Ebach, J\u00fcrgen, Gegenerfahrungen \u2013 Altjahresabend: Ex 13,20\u201322, Predigtmeditationen im j\u00fcdisch-christlichen Kontext. Zur Perikopenreihe IV, Weihenzell 2011, 53.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> <em>Vgl. Cr\u00fcsemann, Marlene, Altjahresabend \u2013\u00a02. Mose 13,20\u201322, Calwer Predigthilfen, Neue Folge, Reihe IV, 1. Halbband: Advent bis Himmelfahrt, Stuttgart 1993, 73.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> <em>Bonhoeffer, Dietrich, Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen, Widerstand und Ergebung, DBW 8, 607f.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> <em>Vgl. Predigt Evangelische Morgenfeier vom 14.06.2020 mit Pfarrerin Stefanie Schardien. In: Sonntagsblatt \u2013 360 Grad evangelisch. (<\/em><a href=\"https:\/\/www.sonntagsblatt.de\/artikel\/glaube\/predigt-zum-pfingstmontag-hoffnung-kommt-von-huepfen\"><em>https:\/\/www.sonntagsblatt.de\/artikel\/glaube\/predigt-zum-pfingstmontag-hoffnung-kommt-von-huepfen<\/em><\/a><em>, zuletzt abgerufen am 28.12.2020)<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> <em>Vgl. Predigt ZDF-Fernsehgottesdienst Ingelheim vom 29.03.2020 mit Kirchenpr\u00e4sident Volker Jung. (<\/em><a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/gesellschaft\/gottesdienste\/evangelischer-gottesdienst-386.html#xtor=CS5-95\"><em>https:\/\/www.zdf.de\/gesellschaft\/gottesdienste\/evangelischer-gottesdienst-386.html#xtor=CS5-95<\/em><\/a><em>, zuletzt abgerufen am 28.12.2020)<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> <em>Bonhoeffer, Dietrich, Illegale Theologenausbildung: Sammelvikariate 1937\u20131940, DBW 15, 507f.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> <em>Bonhoeffer, Dietrich, Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen, Widerstand und Ergebung, DBW 8, 607f.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> <em>Im Anschluss an die Predigt wird das Lied \u201aVertraut den neuen Wegen\u2018 (EG 395) gesungen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Lockdown zur Exit-Strategie \u2013 Zwischen Exodus und Jahreswechsel | Altjahresabend, 31.12.2020 | Predigt zu Exodus 13,20\u201322, verfasst von Malte Cramer und Niels Kindl | Vom Lockdown zur Exit-Strategie \u2013 Zwischen Exodus und Jahreswechsel [1] 1a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Lockdown in \u00c4gypten (Ex 12,1\u201328) Ramses, in \u00c4gypten, 15. 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