{"id":4209,"date":"2020-12-31T01:46:05","date_gmt":"2020-12-31T00:46:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4209"},"modified":"2022-07-01T14:12:49","modified_gmt":"2022-07-01T12:12:49","slug":"heranwachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/heranwachsen\/","title":{"rendered":"Heranwachsen"},"content":{"rendered":"<h3>2. Sonntag nach dem Christfest, 03. Januar 2021 | Predigt zu Lk 2, 41-52 | von Verena Salvisberg Lantsch |<\/h3>\n<p>Der Knabe Jesus spielt in Nazareth mit den Nachbarsjungen, unter anderem mit Judas. Er formt aus Lehm V\u00f6gel. Sie gelingen ihm gut, sehen ganz lebendig aus. Die V\u00f6gel von Judas geraten nicht. Sie sind schief, fallen immer wieder um. Deswegen ergreift ihn eine w\u00fctende Eifersucht und nachdem er seine V\u00f6gel mit dem Fuss plattgetreten hat, will er dasselbe auch mit den sch\u00f6nen V\u00f6geln von Jesus tun. \u00abFliegt!\u00bb, ruft Jesus seinen Tonv\u00f6geln zu. Sie werden lebendig und retten sich aufs Dach. Maria tr\u00f6stet den w\u00fctenden Judas.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>V\u00f6llig verzweifelt, liebe Gemeinde, habe ich als Jugendliche diese Geschichte gesucht: Markus-, Matth\u00e4us-, Lukas-, Johannesevangelium: Nichts. Sonst wo im Neuen Testament? Auch nicht. Das kann doch nicht sein! Ich konnte mich lebhaft an jedes Detail erinnern. Eine Geschichte \u00fcber Jesus, die muss doch zu finden sein. Und schliesslich die ern\u00fcchternde Einsicht: Sie steht gar nicht in der Bibel. Die Geschichte stammt aus einem B\u00fcchlein aus dem B\u00fccherregal meiner Grossmutter: Christuslegenden von Selma Lagerl\u00f6f.<\/p>\n<p>Die Begebenheit mit den spielenden Kindern, den lebendigen Tonv\u00f6geln, der Mutter, die das fremde, verzweifelte Kind auf den Schoss nimmt und tr\u00f6stet \u2013 das alles hatte mich ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Und jetzt also diese Ern\u00fcchterung. Ist es also gar keine \u00abrichtige\u00bb Geschichte \u00fcber Jesus, wenn sie nicht in der Bibel steht?\u00a0 Bloss Fantasie einer schwedischen Dichterin. Nils Holgersson l\u00e4sst gr\u00fcssen. Die Entt\u00e4uschung von damals sp\u00fcre ich heute noch.<\/p>\n<p>Aber warum bei der Entt\u00e4uschung bleiben? Eigentlich ist das doch gar nicht schlimm. Man kann die Legenden verstehen als Meditation der Frage, was eigentlich mit dem Krippenkind geschehen ist als es heranwuchs. Was hat eigentlich Jesus als Kind gemacht? Als Jugendlicher? Als junger Erwachsener? Wie war sein Verh\u00e4ltnis zu seinen Eltern und zum Vater im Himmel? Hat sich das, was bei seiner Geburt \u00fcber ihn gesagt wurde, ausgewirkt auf sein Heranwachsen?<\/p>\n<p>Eine berechtigte Frage, finde ich, die allerdings in der Bibel fast v\u00f6llig unbeantwortet bleibt.<\/p>\n<p>Markus- und Johannesevangelium haben bekanntlich keine Geburtserz\u00e4hlung. Bei Matth\u00e4us folgt auf die Weihnachtsgeschichte in Kapitel 2 unvermittelt die Erz\u00e4hlung \u00fcber das Auftreten Johannes des T\u00e4ufers in Kapitel 3. Lukas allerdings schliesst als einziger seinen Weihnachtserz\u00e4hlkranz ab mit der Geschichte vom 12-j\u00e4hrigen Jesus im Tempel.<\/p>\n<p>Im Studium sind mir die Kindheitslegenden \u00e0 la Selma Lagerl\u00f6f wieder begegnet. Ganz \u00e4hnlich wird in den sogenannten apokryphen Evangelien, das sind Berichte in Evangeliumsform, die aus theologischen Gr\u00fcnden nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden, erz\u00e4hlt. Ich nehme an, diese dienten Selma Lagerl\u00f6f als Inspirationsquelle. Im Kindheitsevangelium des Thomas z.B. wird diese Geschichte mit den V\u00f6geln ganz \u00e4hnlich erz\u00e4hlt. Es gibt in dieser Schrift unter anderem allerdings auch die eher problematischere Geschichte, in der Jesus seine j\u00fcdischen Spielkameraden in Schweine verwandelt. Diese Texte waren im Mittelalter weit verbreitet und trugen dazu bei, dass es zu Anfeindungen gegen\u00fcber der j\u00fcdischen Minderheitsbev\u00f6lkerung kam.<\/p>\n<p>Das Kindheitsevangelium des Thomas ist ein Beleg daf\u00fcr, wie gross das Bed\u00fcrfnis in der sich formenden Christenheit war, mehr \u00fcber Jesus zu erfahren. Man wollte wissen, wie er aufgewachsen war und was er in der Zeit vor seinem \u00f6ffentlichen Wirken gesagt und getan hatte. Um diese L\u00fccke in den Evangelien zu schliessen, entstanden Legenden und Legendensammlungen. Das, was man von seinem sp\u00e4teren Wirken wusste, wurde auf die Kindheit und Jugend zur\u00fcckprojiziert. Ein Wunderkind muss er gewesen sein, eines das Tonv\u00f6gel lebendig machen konnte und die Erwachsenen in Erstaunen versetzte.<\/p>\n<p><em>Alle, die ihn h\u00f6rten, waren erstaunt \u00fcber sein Verst\u00e4ndnis und \u00fcber seine Antworten (Lk 2,47).<\/em><\/p>\n<p>Und damit sind wir mitten in der einzigen Erz\u00e4hlung aus der Kindheit von Jesus, die, wie vorhin schon erw\u00e4hnt, die Kindheitserz\u00e4hlungen im Lukasevangelium abschliesst. Eine Art Scharnier zwischen der Geburtsgeschichte und seinem Auftreten als Erwachsener.<\/p>\n<p>Allerdings wohl weniger gedacht als Information zur Biografie Jesu. Dazu w\u00e4re ein einziger Bericht zu wenig. Details, wie die ber\u00fchrende Geschichte mit den Tonv\u00f6geln und den Spielkameraden sind keine zu erwarten. Aber h\u00f6ren Sie selbst:<\/p>\n<p>Lesung aus Lukas 2, 41-52<\/p>\n<p><em>41\u00a0Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. 42\u00a0Als er zw\u00f6lf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. 43\u00a0Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. 44\u00a0Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. 45\u00a0Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zur\u00fcck und suchten nach ihm. 46\u00a0Da geschah es, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er sa\u00df mitten unter den Lehrern, h\u00f6rte ihnen zu und stellte Fragen. 47\u00a0Alle, die ihn h\u00f6rten, waren erstaunt \u00fcber sein Verst\u00e4ndnis und \u00fcber seine Antworten. 48\u00a0Als seine Eltern ihn sahen, waren sie voll Staunen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49\u00a0Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater geh\u00f6rt? 50\u00a0Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte. 51\u00a0Dann kehrte er mit ihnen nach Nazareth zur\u00fcck und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen. 52\u00a0Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.<\/em><\/p>\n<p>Die Geschichte nimmt mit. Eine Familie unterwegs zum Fest in die Tempelstadt. Ein Ritual, ein Brauch, offenbar wichtig f\u00fcr die Eltern. Nach dem Fest, auf dem Heimweg, merken sie erst abends, dass ihr Kind fehlt. Sie dachten, er sei mit anderen unterwegs nach Hause. Sie fragen herum: Hat ihn jemand gesehen, schliesslich kehren sie nach Jerusalem zur\u00fcck, um ihn zu suchen.<\/p>\n<p>Die Geschichte nimmt mit. Wer hat das nicht schon erlebt? Das Kind verschwunden in der grossen Stadt. Ist ihm etwas passiert? Fehlt im etwas? Wo k\u00f6nnte es sein? Die Vorw\u00fcrfe, die man sich macht. Wann haben wir es zuletzt gesehen?<\/p>\n<p>Die verzweifelte Suche. Aufgeben kommt nicht in Frage.<\/p>\n<p>Erst nach drei Tagen finden Maria und Josef Jesus im Tempel.<\/p>\n<p>Er ist ins Gespr\u00e4ch vertieft mit den Schriftgelehrten. H\u00f6rt zu, gibt Antwort.<\/p>\n<p>Die Erleichterung. Der \u00c4rger. Auch diese Gef\u00fchle k\u00f6nnen wir nachempfinden. Auch Wut. Der Vorwurf: Warum hast du uns das angetan? Wir haben dich gesucht!<\/p>\n<p>In der katholischen Kirche gibt es die Tradition der sieben Schmerzen Mariens. Diese Erfahrung hier ist eine dieser sieben. Das Kind zu verlieren und der damit verbundene Kummer.<\/p>\n<p>Die Antwort von Jesus ist nicht wirklich tr\u00f6stlich. Nicht: Es ist alles in Ordnung. Ihr habt mich ja wiedergefunden. Sondern: <em>Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater geh\u00f6rt?<\/em><\/p>\n<p>Ist das eine freundliche Erkl\u00e4rung oder eine freche pubert\u00e4re Gegenfrage? Eigentlich kein Wunder, dass die Eltern nicht verstehen, was er meint. Und andererseits doch auch seltsam, wenn man bedenkt, was alles \u00fcber das Kind gesagt wurde nach seiner Geburt, von den Engeln, den Hirten. Wenn man bedenkt, wie Maria gesungen hat \u00fcber das Kind in ihrem Bauch: Magnificat\u2026 Ist das alles vergessen? Dabei hiess es doch: <em>Maria aber behielt alle diese Worte und bewahrte sie in ihrem Herzen<\/em> (Lk 2,40)!<\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt, dass Lukas seine Geschichte schlicht h\u00e4lt. Dass er nicht bunt ausmalt, welch ein Wunderkind Jesus war. Was er f\u00fcr erstaunliche Taten schon als Jugendlicher vollbracht hat.<\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt, dass Lukas <u>diese <\/u>Geschichte erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die Geschichte einer Familie, die die Traditionen und Rituale ihrer Religionsgemeinschaft sch\u00e4tzt und pflegt. Eltern, die ihren Sohn mitnehmen und mit diesen Traditionen vertraut machen.<\/p>\n<p>Lukas, der die Frage nach der Familie stellt, nach dem Vater und dem Vater im Himmel. Dass er vom Tempel erz\u00e4hlt als etwas, wohin man geh\u00f6ren kann als junger Mensch.<\/p>\n<p>Die Lehrer im Tempel reden mit ihm, staunen \u00fcber sein Verst\u00e4ndnis und seine Antworten.<\/p>\n<p>Seine G\u00f6ttlichkeit schimmert durch diese ganz und gar menschliche Geschichte hindurch.<\/p>\n<p>Aber es braucht kein plattes Wunder.<\/p>\n<p>Nach dieser Begebenheit geht er mit seinen Eltern zur\u00fcck nach Nazareth. Und Lukas schliesst ab und leitet \u00fcber zum weiteren Verlauf des Evangeliums, sprich, zum Auftritt von Johannes dem T\u00e4ufer mit folgenden Worten.<\/p>\n<p><em>Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen (V. 52).<\/em><\/p>\n<p>Heranwachsen. Die Weisheit nimmt zu. Gefallen finden bei Gott und den Menschen.<\/p>\n<p>Wilibald B\u00f6sen umschreibt das in seinem Buch \u00fcber die Kindheitsgeschichten der Evangelien<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> wie folgt: <em>30 Jahre wachsen in der Horizontalen und in der Vertikalen<\/em><\/p>\n<p>Auch ohne, dass viele biografische Details \u00fcber die Kinder- und Jugendzeit ausgebreitet werden, kann man aus dem, was Jesus als Erwachsener erz\u00e4hlt, wie er sich positioniert, wie er handelt, herauslesen, dass in dieser Zeit des Heranwachsens einiges geschehen ist.<\/p>\n<p>Eine \u00abEntfaltung in der Horizontale\u00bb, ein \u00abHineinwachsen in die Welt\u00bb<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, daf\u00fcr sprechen seine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Natur, f\u00fcr die Pflanzen und Tiere. Die Gleichnisse leben von seiner Vertrautheit mit der Lebenswelt der Menschen, Kritik an Politik und Tempel verraten den politisch wachen Beobachter.<\/p>\n<p>Und gleichzeitig mag in dieser Zeit auch die Vertikale, die Ausrichtung auf Gott hin, gewachsen und gediehen sein. Im Judentum ist das der Weg \u00fcber die Familie, die Feste im Jahr, die Synagogenschule, die Wallfahrten nach Jerusalem.<\/p>\n<p><em>Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen (V. 52).<\/em><\/p>\n<p>Gerade auch darin, nicht nur mit seiner sp\u00e4teren Botschaft vom Gottesreich, nicht nur in seinen Taten und Wundern kann er uns zum Vorbild werden.<\/p>\n<p>Indem wir uns einladen lassen, heranzuwachsen. Die Welt sorgf\u00e4ltig wahrzunehmen und eine tiefe, tragende Beziehung zum Himmel zu entfalten.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfrn. Verena Salvisberg Lantsch<\/p>\n<p>Roggwil<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<p>Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Pfarrerin seit 1. Dezember 2018 in Roggwil BE, vorher in Laufenburg und Frick.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Selma Lagerl\u00f6f, Christuslegenden. M\u00fcnchen 1921. (In Nazareth, S. 81ff)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> B\u00f6sen, Willibald: In Bethlehem geboren. Freiburg im Breisgau 1999, S. 199.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebd.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach dem Christfest, 03. Januar 2021 | Predigt zu Lk 2, 41-52 | von Verena Salvisberg Lantsch | Der Knabe Jesus spielt in Nazareth mit den Nachbarsjungen, unter anderem mit Judas. Er formt aus Lehm V\u00f6gel. Sie gelingen ihm gut, sehen ganz lebendig aus. Die V\u00f6gel von Judas geraten nicht. 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