{"id":4237,"date":"2021-01-05T09:25:41","date_gmt":"2021-01-05T08:25:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4237"},"modified":"2021-01-05T09:25:41","modified_gmt":"2021-01-05T08:25:41","slug":"gott-ist-dort-wo-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gott-ist-dort-wo-menschen\/","title":{"rendered":"Gott ist dort, wo Menschen &#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Gott ist dort, wo Menschen nachdenken und sich wundern | Erster Sonntag nach Epiphanias | Lukas 2,41-52 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Margrethe Dahlerup Koch |<\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3695 alignright\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Bild-fu\u0308r-1.-So.-n.-Epiphanias-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"371\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Bild-fu\u0308r-1.-So.-n.-Epiphanias-206x300.jpg 206w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Bild-fu\u0308r-1.-So.-n.-Epiphanias-703x1024.jpg 703w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Bild-fu\u0308r-1.-So.-n.-Epiphanias-768x1118.jpg 768w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Bild-fu\u0308r-1.-So.-n.-Epiphanias.jpg 794w\" sizes=\"auto, (max-width: 371px) 100vw, 371px\" \/>Maria, Josef und das Kind in der Krippe. Es gibt unz\u00e4hlige Darstellungen dieser Szene. In diesem Jahr aber sah ich eine Variante der Geburtsszene, die ich noch nie gesehen hatte. Das ist ein Bild, das aus einem franz\u00f6sischen Gebetbuch aus dem 15. Jahrhundert stammt. Im Vordergrund sieht man den alten Vater Josef mit dem in Windeln gewickelten Kind in den Armen. Er sieht konzentriert auf das kleine Kind. Im Bett sitzt Maria mit einem Buch, auf das sie sich mindestens genauso sehr konzentriert und in das sie sich vertieft. In einer Einz\u00e4unung hinter ihnen stehen ein Esel, der sich \u00fcber Josef beugt, und eine Kuh, die auf die lesende Maria blickt.<\/p>\n<p>Was stellt dieses Bild dar? Eine zerstreute Mutter, die lieber lesen will als Kinder h\u00fcten? Ein f\u00fcrsorglicher Vater, der Windeln wechseln kann? Ja, das w\u00fcrden viele vielleicht gerne in diesem Bild sehen, aber wenn man die Zeit, das 15. Jahrhundert, in Betracht zieht, dann glaube ich, dass das Bild von etwas anderem handelt. Es illustriert einen ganz bestimmten Satz im Weihnachtsevangelium. Die Hirten ziehen nach Bethlehem, finden das Kind, Josef und Maria, und sie erz\u00e4hlen ihnen, was der Engel ihnen von dem neugeborenen Kind verk\u00fcndet hat, n\u00e4mlich dass er Christus ist. Und dann kommt der Satz, den der K\u00fcnstler aus dem 15. Jahrhundert dargestellt h at: \u201eMaria aber behielt diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen\u201c.<\/p>\n<p>Und der Maler hat also dies dargestellt, indem er sie sitzen und lesen l\u00e4sst. Herz und Hirn als Gegens\u00e4tze und die Aussage, dass da etwas ist, in der Regel das Wichtigste, das man sich nicht anlesen kann -von all dem wei\u00df der Maler nichts. Im Gegenteil. \u00dcber die Worte nachzudenken und versuchen herauszufinden, was das bedeutet, dass der Neugeborene eine gro\u00dfe Freude f\u00fcr das ganze Volk und ein Heiland ist, das kann man sich offenbar nicht anlesen.<\/p>\n<p>Und deshalb sollen wir nun an diesem ersten Sonntag nach dem Ende des Weihnachtsfestes mit in den Tempel. Hin zu den Gelehrten. Dorthin, wo die alten Schriften noch in Erinnerung sind, studiert und erforscht werden. Dort wo der Kleine, der nun den Windeln entwachsen ist, sich als ein eifriger, neugieriger und schlagfertiger zw\u00f6lfj\u00e4hriger Junge erweist. Klug ist er. So klug, dass er den Lehrern zuh\u00f6rt und ihnen Fragen stellt. Wohl um selbst kl\u00fcger zu werden. Wohl weil er, wie seine nachdenkliche Mutter, wei\u00df, dass man aus Worten und Wissen anderer klug werden kann. Das Alte ist nicht nur Quatsch und etwas, was veraltet ist. <em>Die<\/em> Alten sind nicht hoffnungslos veraltet. Der Evangelist Lukas schildet die n Alten &#8211; anders als manche unserer Liederdichter \u2013 mit gro\u00dfem Respekt als Lehrer des Tempels. Denn sie h\u00f6ren ihrerseits auch auf den zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Jesus. \u201eAlle wunderten sich \u00fcber seine Einsicht und die Antworten, die er gab\u201c, steht da. Das ist beschrieben, als ob sie sozusagen sehr gut miteinander auskommen und sich bereichert f\u00fchlen, der Junge und die weisen alten M\u00e4nner. Eine Gemeinschaft \u00fcber die Generationen hinweg.<\/p>\n<p>Und darin liegt in sich eine erbauliche Pointe. Den hochm\u00fctigen Aberglauben, dass wir von Generation zu Generation immer kl\u00fcger werden, kann man nur festhalten, wenn man dumm und geschichtslos ist. Die Altes wussten etwas, was wir vergessen haben. Man kann ja nur im letzten Monat sich damit versucht haben, Pl\u00e4tzchen zu backen, um das zu erfahren. Und umgekehrt wissen wir etwas, von dem die Alten nichts geahnt haben. Aber die Summe an Wissen und Begabung ist wohl durch die Generationen der Menschheit konstant geblieben.<\/p>\n<p>Da liegt aber in der Erz\u00e4hlung vom zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Jesus im Tempel mehr als das. Denn es sind ja nicht nur die Lehrer, die klugen alten Juden, mit denen Jesus reden will. Er ist im Tempel, weil \u201eich bei meinem Vater sein muss\u201c, sagt er zu Maria, als sie ihn am dritten Tag wiederfindet. Und diese Worte bewegt sie nun in ihrem Herzen, dort wo die Worte der Engel aus der Weihnacht schon liegen.<\/p>\n<p>Die St\u00e4tte der Gelehrsamkeit als Elternhaus. Gott als der, der dort ist, wo Menschen nachdenken, sich wundern, miteinander reden und dadurch kl\u00fcger werden. Das ist so gesehen ein kleines Bild einer Gemeinde und eines Gottesdienstes. Ein Bild f\u00fcr uns von dem, was ein guter Gottesdienst ist: Gott begegnet uns. Nachdenken, sich wundern, Gespr\u00e4che, Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>So ist ein guter sonnt\u00e4glicher Gottesdienst. Nachdenklich, wundernd, gespr\u00e4chsbereit und aufkl\u00e4rend in der Begegnung.<\/p>\n<p>Und deshalb feiern wir Gottesdienst. Um so Gott und einander zu begegnen. Und f\u00e4llt es einem hin und wieder schwer, Lust zu versp\u00fcren, an einem Sonntagmorgen in die Kirche zu gehen, dann sei dies die Begr\u00fcndung: Man soll nicht in die Kirche gehen aus R\u00fccksicht auf sich selbst, sondern f\u00fcr die anderen. Die, die sonst niemand h\u00e4tten, mit denen sie Gottesdienst feiern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Denn das Wort des Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen, dass er bei seinem Vater sein sollte, gilt nicht nur f\u00fcr ihn selbst. Das gilt auch f\u00fcr alle seine Geschwister: Wir sollten bei unserem Vater sein. Und das hat seit der Weihnacht, als dieser Vater beschloss, Mensch zu werden, bedeutet, dass unser Platz hier in der Welt ist, wo er uns selbst antreffen will. Auf der Kirchenbank und auf der Bank unten bei Aldi, am Tisch des Herrn und am Sofatisch in der Wohnung oder im Pflegeheim, am Taufbecken und dort, wo der irritierende Kollege und unf\u00e4hige Vorgesetzte sich als die Kl\u00fcgsten erwiesen.<\/p>\n<p>Denn es war Weihnachten. Gott wurde Mensch. Und deshalb ist Gott nun im Menschlichen zu finden.<\/p>\n<p>Deshalb liegt die Kirche hier mitten im Ort. In ihrer ganzen Besonderheit mitten im Gew\u00f6hnlichen. Und hier werden wir stets daran erinnert: das G\u00f6ttliche ist im Menschlichen zu finden.<\/p>\n<p>Wenn unsere jungen Leute, etwas \u00e4lter als der zw\u00f6lfj\u00e4hrige Jesus, den Stuhl verlassen, der neben der Bank mit ihren Eltern, Gro\u00dfeltern und Geschwistern steht, all das, was heimisch\u00a0 ist und bekannt \u2013 und dann hinaufgehen zum Altar, niederknieen und noch einmal Kinder Gottes genannt werden \u2013 dann gehen sie, die gerade als g\u00f6ttlich bezeichnet wurden, wieder an ihren Platz, den Platz in der Welt, in der Familie, in der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Oder wenn wir hier drau\u00dfen auf dem Kirchplatz stehen, und der Sarg in den Leichenwagen gestellt ist. Die Worte sind gerade erklungen, dass wir und der Tote wieder zu der Erde werden, aus der wir genommen sind, weil wir aus der Erde wieder auferstehen. Wir sind all zusammen gerade dazu bestimmt, Erben des Himmelreichs zu sein. Und dann erklingt eine ferienfrohe Kinderstimme vom Markt her: \u201eMama, kuck mal\u201c, und ein Fahrradfahrer f\u00e4hrt um die Ecke auf dem Weg zur Sparkasse. Wir entdecken pl\u00f6tzlich, wo wir sind, und das ist ein ganz gew\u00f6hnlicher Alltag.<\/p>\n<p>Oder wir kommen sonntags aus der Kirche nach Hause. Wir checken der Benzinpreis wie gew\u00f6hnlich, oder wir holen uns eben ein Brot beim B\u00e4cker. Wir tun ganz gew\u00f6hnliche Dinge, obwohl wir gerade geh\u00f6rt, gesehen und geschmeckt haben, dass wir Kinder Gottes und Miterben Christi sind.\u00a0 Wir kehren zur\u00fcck in unser Dorf, unseren Wohnort, in unser Nazareth, und wir wissen zugleich, dass das auch ein Ort Gottes ist.<\/p>\n<p>Wir haben Worte bekommen, die wir in uns bewegen. Worte, die wir uns vornehmen k\u00f6nnen, \u00fcber die wir uns wundern k\u00f6nnen, \u00fcber die wir miteinander reden k\u00f6nnen, bis <em>wir<\/em> von hier gehen und die Welt der anderen nicht mehr unsere Welt ist und die Zeit ohne uns weitergeht. Und Gott selbst muss das Wort in den Mund nehmen und es uns wieder am dritten Tag sagen: Du bist noch immer da, wo du sein sollst, hier bei mir, deinem Vater und deinem Gott. Amen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Pr\u00f6pstin Margrethe Dahlerup Koch<\/p>\n<p>Fjord Alle 13<\/p>\n<p>DK-6950 Ringk\u00f8bing<\/p>\n<p>E-mail: mdk(a)km.dk<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bildnachweis: public domain<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott ist dort, wo Menschen nachdenken und sich wundern | Erster Sonntag nach Epiphanias | Lukas 2,41-52 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Margrethe Dahlerup Koch | Maria, Josef und das Kind in der Krippe. Es gibt unz\u00e4hlige Darstellungen dieser Szene. In diesem Jahr aber sah ich eine Variante der Geburtsszene, die ich noch nie gesehen hatte. Das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4221,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,656,1,185,157,114,636,349,180,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-4237","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-1-so-n-epiphanias","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-02-chapter-02-lukas","category-kasus","category-margrethe-dahlerup-koch","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4237","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4237"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4237\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4238,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4237\/revisions\/4238"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4221"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4237"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4237"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4237"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=4237"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=4237"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=4237"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=4237"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}