{"id":4248,"date":"2021-01-04T13:44:49","date_gmt":"2021-01-04T12:44:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4248"},"modified":"2021-01-05T14:53:37","modified_gmt":"2021-01-05T13:53:37","slug":"epiphanias-2021-ueber-jesaja-60","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/epiphanias-2021-ueber-jesaja-60\/","title":{"rendered":"Epiphanias 2021 \/ Jesaja 60"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt \u00fcber Jes 60, 1-6 | Epiphanias 2021 | verfasst von Uwe Tatjes |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>eigentlich habe ich keine Lust, loszugehen, manchmal ist es schwer sich zu motivieren. Der Abend ist kalt und dunkel und meine ersten Schritte sind m\u00fcrrisch und missmutig. Musste ich mir denn so ehrgeizige Bewegungsziele setzen? Jeden Tag 10000 Schritte? Wie oft stelle ich abends fest: Mist, da fehlen noch 5000 Schritte. Also runter vom Sofa und raus in die K\u00e4lte. Na bravo.<\/p>\n<p>Aber nach zehn Minuten bin ich eingelaufen und beginne die k\u00fchle Luft zu geniessen. Die Beine gew\u00f6hnen sich schneller an das Laufen als der Kopf. Aber auch dem tut das Laufen gut. Mit der Bewegung werden auch die Gedanken leichter, fangen auch an sich zu bewegen. Es ist dunkel, aber hell genug, den Weg auch ohne k\u00fcnstliches Licht zu sehen &#8211; selbst hier im Wald. So eingeh\u00fcllt in Dunkelheit, so aufgemuntert durch die K\u00e4lte, wird es mir innerlich warm. Der Missmut ist einem Laufgl\u00fcck gewichen. Als ich nach einer Waldkurve auf eine Lichtung kommen, sehe ich \u00fcber mir ein helles Licht. Zun\u00e4chst \u00fcberlege ich mit l\u00fcckenhaften Kenntnis der Sternbilder, welches das denn sein k\u00f6nnte, dann f\u00e4llt es mir ein: das ist kein Licht, das man immer sehen kann. Das ist die grosse Konjunktion, die Ann\u00e4herung von Saturn und Jupiter, die nur alle zwanzig Jahre zu sehen ist. Vielleicht konnten die Sterndeuter sie auch \u00fcber Bethlehem sehen. Ich habe in der Zeitung dar\u00fcber gelesen und jetzt sehe ich das Licht auch. Hell und klar. Ein Grund mehr, heute rauszugehen.<\/p>\n<p>Ich lese aus Jesaja 60, 1-6<\/p>\n<p>1&nbsp;Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf \u00fcber dir! 2&nbsp;Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die V\u00f6lker; aber \u00fcber dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint \u00fcber dir. 3&nbsp;Und die V\u00f6lker werden zu deinem Lichte ziehen und die K\u00f6nige zum Glanz, der \u00fcber dir aufgeht. 4&nbsp;Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine S\u00f6hne werden von ferne kommen und deine T\u00f6chter auf dem Arm hergetragen werden. 5&nbsp;Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Sch\u00e4tze der V\u00f6lker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der V\u00f6lker zu dir kommt. 6&nbsp;Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verk\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Ein Hoffnungstext, eine Aufbruchsgeschichte, die uns mitnimmt. Mitnimmt in eine Welt, in der es noch dunkel ist. In der aber auch schon Licht aufscheint. So weit weg von unserer Realit\u00e4t ist das gar nicht. Wenn man am Ende des abgelaufenen Jahres eine Umfrage unter Freunden und Bekannten machte, dann kam doch bei vielen, dass sie das Jahr 2020 als dunkel, als m\u00fchsam, als zerm\u00fcrbend empfanden. Die Pandemie, die Einschr\u00e4nkungen, die Sorgen \u00fcber die wirtschaftliche und pers\u00f6nliche Zukunft, die Spaltung und die Verwerfungen in unserer Gesellschaft, die Sorge um die Umwelt und das Klima: es gab viele Gr\u00fcnde sich Sorgen zu machen in 2020. Und die Sehnsucht ist nat\u00fcrlich da: rauszugehen, sich endlich wieder frei f\u00fchlt, ohne Einschr\u00e4nkungen und in der es heller wird und Hoffnung aufscheint. Die Bef\u00fcrchtung freilich, dass es nicht schnell besser wird, ist bei vielen auch gross.<\/p>\n<p>So mag uns dieses beinahe paradiesische Bild, das der Text vor Augen malt, schon fast ein bisschen zu viel Heil, Friede, Freude, Eierkuchen sein. Seltsamerweise sehen wir das Dunkel eher als das Licht.<\/p>\n<p>Diesen Einw\u00e4nden sind die Worte aber auch schon begegnet, als sie das erste Mal gesprochen wurden. Die ersten Israeliten kehrten damals aus dem Exil in Babylon zur\u00fcck. Sie trafen auf ein ausgemergeltes, noch immer halb zerst\u00f6rtes Land. Der Alltag war m\u00fchsam. Die Aufgabe, den zerst\u00f6rten Tempel wieder aufzubauen, erschien \u00fcbermenschlich. Diejenigen, die im Land geblieben waren, akzeptierten die R\u00fcckkehrer nicht. Nein, wahrlich alles andere als die bl\u00fchenden Landschaften, die der Text ihnen vor Augen stellt, sahen die die Menschen.<\/p>\n<p>Und doch lockt der Text hinaus aus dem real existierenden Alltag und Elend, aus Sachzw\u00e4ngen und Bedenken. Er sieht mehr, als alle schon sehen k\u00f6nnen. Er sieht mehr, weil Gott ihn mit seinen Augen schauen l\u00e4sst. Augen, die in allem mehr sehen, als wir. Die M\u00f6glichkeiten entdecken, wo wir nur Ende Gel\u00e4nde erkennen.<\/p>\n<p>Mache dich auf. Werde Licht. Im Hebr\u00e4ischen stehen da nur zwei Worte. Kumi. Ori. Der Schritt in das Licht hinein ver\u00e4ndert. Das Licht deckt auf, macht offenbar, l\u00e4sst klarer sehen. Das, was im Dunkel lag, erscheint in neuem Licht. Dazu schickt Gott nicht nur einen Stern, ja mehr noch als die Begegnung zweier Planeten, die ich im n\u00e4chtlichen Welt entdecken konnte. Er schickt mehr als die Sonne. Denn nun geht Gott selbst auf \u00fcber Israel und macht es hell und licht. Gott will die Welt und uns nicht im Dunkeln lassen. Der Glaube, das Vertrauen zu Gott ist keine okkulte Lehre, die man bevorzugt im Dunkeln und an finsteren Orten praktiziert. Er ist keine Verschw\u00f6rungstheorie, die mit dunklen M\u00e4chten rechnet. Er ist ein Vertrauen, das mit Gott in unserer dunkeln Welt rechnet und es heller und klarer machen will. Nicht umsonst wird die Aufkl\u00e4rung im Englischen als \u201eEnlightment\u201c, also \u201eErleuchtung\u201c bezeichnet. Gott m\u00f6chte, dass uns ein Licht aufgeht. Nicht irgendeines, denn er selbst ist dieses Licht. Mit klarem Geist sollen wir fragen und erkennen. Heute feiern wir das Fest der Erscheinung. Gott wird mit dem Licht identifiziert, das zwar seine Gestalt und sein Bild im Strahlen unerkannt sein l\u00e4sst, aber doch diese Welt und unser Denken, und Handeln durchstrahlt und klarer macht. Und der Hoffnung ein Gesicht in dem neugeborenen Kind in Bethlehem gibt.<\/p>\n<p>Kumi. Ori. Mache Dich auf, werde Licht. Das Licht, das den Weg weist und erkennbar macht, macht das Leben leichter. Das Licht, das aufscheint, macht uns Mut, das Land zu finden, das uns schon verheissen ist, aber das wir aber noch nicht sehen.<\/p>\n<p>Kumi. Ori.<\/p>\n<p>Glaubensgeschichten sind immer auch Weggeschichten. Sie leben von den Menschen, die sich von Gottes Licht locken liessen, die nicht in Finsternissen sitzen blieben. Kumi. Ori. So einfach ist das, Und oft so schwer. Es steht ja vieles gegen dieses Vertrauen, das ja bei allem Negativen um uns herum auch naiv erscheinen mag.<\/p>\n<p>Kumi. Ori. Mache dich auf, werde Licht. Das ist am Anfang Abraham verheissen auf dem Weg in das Gelobte Land und zu einem grossen Volk. Das ist dem Volk Israel verheissen bei der Befreiung aus \u00c4gypten. Den Menschen im Exil nach der Zerst\u00f6rung Jerusalems ebenso wie den R\u00fcckkehrern in ein geschundenes und zerst\u00f6rtes Land. Gottes Licht l\u00e4sst sich von keinem Zweifel, keinem Sachzwang und keiner Dunkelheit aufhalten. Es ist da. Selbst dort, wo die Dunkelheit gesiegt zu haben scheint, am Ostermorgen, als die Frauen kommen, um den Leichnam Jesu zu salben. Sie bekommen \u00dcberraschendes, Verst\u00f6rendes, Begl\u00fcckendes zu sehen und zu h\u00f6ren. Kumi. Ori. Mache dich auf, werde Licht. Erz\u00e4hle von der Hoffnung.<\/p>\n<p>Im Licht dieser Hoffnung d\u00fcrfen wir noch Grosses hoffen. Das Bild der V\u00f6lker, die zu Israel kommen, ja, die S\u00f6hne und T\u00f6chter Israels z\u00e4rtlich auf den H\u00fcften tragen, ber\u00fchrt mich. Bei aller Ausgrenzung und allem Hass, gerade auch gegen Gottes auserw\u00e4hltes Volk Israel ist das ein starkes Gegenbild. Bei all unseren \u00c4ngsten gegen\u00fcber dem Fremden und all unserer Ausgrenzung von Fl\u00fcchtlingen, wird hier ein anderes Bild gemalt. Ein freundliches, einladendes Bild. Ein Bild, in dem die Geschichte Gottes mit den Menschen, die mit Israel began, zu ihrem Ende kommt.<\/p>\n<p>Auch an uns ergeht diese Aufforderung am Anfang eines neuen und gleichwohl ungewissen Jahres Kumi. Ori. Mache dich auf, werde Licht.<\/p>\n<p>Wo wir Gottes Verheissung in aller Dunkelheit vertrauen, da werden wir selbst zu Leuchtquellen, Lichtr\u00e4gern.<\/p>\n<p>Und mag uns unser Licht auch klein vorkommen, in der Dunkelheit hat auch das kleinste Licht Kraft. Aufbruch beginnt mit Vertrauen. Wo wir das Vertrauen teilen, uns gegenseitig mit positiven Gedanken und Worten ermutigen, auch unter Beschr\u00e4nkungen in Kontakt bleiben und uns gegenseitig helfen, da sind wir schon gut unterwegs. Gottes Weg mit seinem Volk Israel, mit uns Menschen, mit dieser Welt ist noch nicht am Ende. Sein Licht geht uns voran, auch in 2021. Und wer weiss, vielleicht geht es uns mit der Hoffnung wie mit dem Laufen. Wenn man sich erstmal aufgemacht hat, weicht der Missmut einem Laufgl\u00fcck. Hoffnung wirkt ansteckend, auch f\u00fcr einen selbst. Kumi. Ori. Lasst uns aufbrechen und uns von Gottes Licht entz\u00fcnden lassen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Uwe Tatjes, Pfarrer in Willisau, Kirchengemeinde Willisau-H\u00fcswil, Luzern, Schweiz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber Jes 60, 1-6 | Epiphanias 2021 | verfasst von Uwe Tatjes | Liebe Gemeinde, eigentlich habe ich keine Lust, loszugehen, manchmal ist es schwer sich zu motivieren. 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