{"id":4258,"date":"2021-01-14T11:57:48","date_gmt":"2021-01-14T10:57:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4258"},"modified":"2021-01-14T12:11:40","modified_gmt":"2021-01-14T11:11:40","slug":"wasser-und-wein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wasser-und-wein\/","title":{"rendered":"Wasser und Wein&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Wasser und Wein als Zeichen f\u00fcr Juden und Christen | <\/strong><strong>Predigt zu Joh. 2,1\u201311 | verfasst von Dietz Lange |&nbsp;<\/strong><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>\u201eAuf Hochzeit Hektoliter Wasser in Wein verwandelt! Bild sprach mit Zauberer\u201c. Mit einer solchen Balken\u00fcberschrift h\u00e4tte unser gr\u00f6\u00dftes Boulevardblatt diese Geschichte vermarktet, wenn es damals schon existiert h\u00e4tte. Der Reporter h\u00e4tte Jesus bedr\u00e4ngt, ihm den Trick zu verraten, wie er das denn gemacht h\u00e4tte. Und er h\u00e4tte ihn gefragt, ob er nicht Sorge h\u00e4tte, dass die G\u00e4ste sich f\u00fcrchterlich betrinken und vielleicht sogar randalieren w\u00fcrden. Dazu h\u00e4tte er selfies mit Jesus gemacht.<\/p>\n<p>Verr\u00fcckte Idee, auf diese Weise eine Predigt anzufangen, werden Sie denken. Sie haben Recht. Ich habe es trotzdem getan, um auf die so ganz andere Art aufmerksam zu machen, in der Johannes diese Geschichte erz\u00e4hlt. Der Evangelist, den wir Johannes nennen, war nat\u00fcrlich kein Reporter. Er lebte erst mehrere Jahrzehnte nach Jesus. Den Kern dieser Geschichte hatte er aus m\u00fcndlicher \u00dcberlieferung, die er dann auf seine Art sehr frei gestaltet hat. Diese Art ist ganz anders, als es einer sensationsgierigen Zeitung gefallen w\u00fcrde. Wieso Maria zuerst da war, wieso Jesus mit seinen J\u00fcngern zu einer privaten Feier au\u00dferhalb seiner Heimatstadt eingeladen wurde, dar\u00fcber h\u00f6ren wir nichts. Und das, was uns als heutige Zeitungsleser besonders interessieren w\u00fcrde, wie denn die Verwandlung des Wassers in Wein vor sich gegangen sein soll, und wie die gro\u00dfen Mengen Alkohol auf die G\u00e4ste gewirkt h\u00e4tten, auch davon keine Silbe. Das Einzige, was nach einer Sensation klingt, ist die riesige Menge Wein. Ein kluger Mensch hat einmal nachgerechnet, wie viel das denn gewesen sein m\u00fcsste, und ist auf irgendwo zwischen 240 und 700 Litern gekommen. Das ist in der Tat gewaltig. Aber wenn man bedenkt, dass orientalische Hochzeiten damals riesige Veranstaltungen waren, die sich \u00fcber mehrere Tage hinzogen, und dass jeweils das ganze Dorf und noch jede Menge ausw\u00e4rtige Verwandte und Freunde daran teilnahmen, dann klingt das schon anders.<\/p>\n<p>Kurz: Johannes erz\u00e4hlt die Geschichte nicht, um unsere Neugier zu befriedigen. Er will auch nicht Jesus als gro\u00dfen Zauberer hinstellen. Er hat zwar sicher geglaubt, dass dies Ereignis sich wirklich zugetragen habe, was die meisten von uns modernen Menschen sich gar nicht vorstellen k\u00f6nnen. Aber das, worauf es ihm ankommt, ist etwas anderes. Man muss nur ein bisschen genauer hingucken.<\/p>\n<p>Johannes schlie\u00dft seine Erz\u00e4hlung mit dem Satz: Dies tat Jesus als das erste von seinen <em>Zeichen<\/em>. Es war der Auftakt zu seiner ganzen Wirksamkeit, sozusagen im Voraus eine Zusammenfassung von allem, was noch kommt. Ein Zeichen ist ein Hinweis. Worauf will der Evangelist mit seiner Erz\u00e4hlung hinweisen? Da braucht man nicht lange zu suchen. Denn eine <em>Hochzeit <\/em>ist in der Bibel ein Bild f\u00fcr das Reich Gottes, f\u00fcr Gottes Herrschaft. Jesus hat dieses Bild in seinen Gleichnissen immer wieder gebraucht. Eine Hochzeit ist ein fr\u00f6hliches und ausgelassenes Fest. Sie ist im Idealfall der Beginn einer gl\u00fccklichen Gemeinschaft von zwei Menschen, die sich lieben, f\u00fcr das ganze weitere Leben. Hochzeit als Gleichnis bedeutet die Freude dar\u00fcber, dass Gott uns nahe ist, dass er von nun an unser ganzes weiteres Leben mit seiner Liebe bestimmen will. Ebenso geh\u00f6rt dazu, dass Gott uns miteinander verbindet, so wie das Ehepaar und die G\u00e4ste auf solch einer Feier.<\/p>\n<p>Nun sagt uns aber die Erz\u00e4hlung, dass auf der Feier der Wein ausgegangen ist. Nur Wasser ist noch zu haben. Das beeintr\u00e4chtigt die Laune der G\u00e4ste betr\u00e4chtlich. Das verstehen wir sofort. Wasser trinken wir zwar durchaus, wenn nichts anderes da ist, weil zu wenig Fl\u00fcssigkeit im K\u00f6rper gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Gesundheit ist. Aber wer m\u00f6chte denn auf einem gro\u00dfen Fest Wasser trinken? Das ist eine verst\u00e4ndliche Frage. Doch hier ist etwas anderes gemeint. Das Wasser sei nicht zum Trinken gedacht, sagt uns Johannes, sondern zur Reinigung der H\u00e4nde vor dem Essen. Das tat man nicht blo\u00df der Hygiene willen, sondern weil es die religi\u00f6se Sitte der Juden so vorschreibt. Das Wasser stellt also blo\u00df die Vorbereitung zu dem Festmahl dar. Zu dem Hochzeitsessen selbst geh\u00f6rt der Wein. Dann bedeutet also das Wasser f\u00fcr die H\u00e4ndereinigung die j\u00fcdische Religion, der alle Menschen angeh\u00f6ren, von denen hier die Rede ist. Sie bereitet den christlichen Glauben vor, der die Gabe Jesu, den Wein empf\u00e4ngt. &nbsp;Der ist Wein ist also ein Sinnbild f\u00fcr die Ank\u00fcndigung Jesu, dass mit ihm Gott den Menschen auf ganz neue Weise nahekommt.<\/p>\n<p>Das klingt einfach, ist jedoch immer wieder missverstanden worden, n\u00e4mlich so, als ob das Christentum die j\u00fcdische Religion \u2013 oder gar die j\u00fcdischen Menschen selbst \u2013 verdr\u00e4ngen und vernichten sollte. Wohin das f\u00fchren kann, wissen gerade wir Deutschen aus unserer Geschichte nur allzu genau. Es sieht zwar so aus, als wollte Johannes in diese Richtung gehen. Wenn Jesus seine Mutter schroff zurechtweist, als sie ihn bittet, f\u00fcr Abhilfe zu sorgen, k\u00f6nnte einen das auf diese Spur bringen. \u201eFrau, was habe ich mit dir zu schaffen?\u201c klingt ja ziemlich unfreundlich. Man k\u00f6nnte es so verstehen: \u201eMaria, du denkst, diese Feier solle noch in den Bahnen der alten Tradition verlaufen. Ich bin radikaler: Ich will dieser Tradition ein Ende bereiten.\u201c Aber das w\u00e4re ein grobes Missverst\u00e4ndnis. Denn Jesus f\u00fcgt hinzu: \u201eMeine Stunde ist noch nicht gekommen.\u201c Er will also nur sagen: Was ich jetzt \u2013 und in meiner ganzen Wirksamkeit von nun an \u2013 zu tun habe, das darf ich mir nur von Gott selbst sagen lassen.<\/p>\n<p>Was ist das, was Gott ihm sagt und was er dann tut? Das ist die Verwandlung von Wasser in Wein. Also wenn das Wasser die religi\u00f6se Reinigungssitte des Judentums bezeichnet und der Wein die eigentliche Hauptsache der Feier, die neue Wirksamkeit Gottes durch Jesus, dann k\u00f6nnte man sagen: die <em>Verwandlung<\/em> des j\u00fcdischen Glaubens in den christlichen. Nicht seine <em>Ersetzung<\/em> durch das Christentum! Das Wasser wird ja nicht weggekippt, sondern verwandelt. Ohne Bild: Das Christentum entsteht aus dem Judentum, und es bewahrt dabei vieles, was den Juden heilig ist, als weiterhin g\u00fcltig. Man braucht ja nur an unseren gemeinsamen Glauben zu denken, dass Gott uns Menschen und die ganze Welt geschaffen hat.<\/p>\n<p>Nun ist da noch der Speisemeister, wie Luther \u00fcbersetzt. Das ist hier sicher nicht der Koch, oder gar nur der Kellner, wie manche Ausleger gemeint haben. Daf\u00fcr steht er mit dem Br\u00e4utigam auf viel zu vertrautem Fu\u00df. Eher ist er einer der G\u00e4ste, der die Organisation \u00fcbernommen hat und sich darum k\u00fcmmert, dass alle Festteilnehmer immer gut versorgt sind. Dieser Mann lobt den neuen Wein als viel, viel besser als alles, was bisher serviert wurde, und er wundert sich, warum der Br\u00e4utigam den so lange zur\u00fcckgehalten hat. Mit dieser Frage h\u00f6rt die Geschichte auf; auf eine Antwort warten wir vergebens. Auch diese Szene, mit der Johannes den Auftakt zu Jesu Wirken enden l\u00e4sst, hat einen tieferen Sinn. Wein ist das, was die Menschen bei der Hochzeitsfeier so fr\u00f6hlich macht \u2013 hier also, am Beginn von Jesu Mission, der ganze Inhalt seiner Botschaft an die Menschen. Was er zu sagen hat, ist demnach besser als alle Heilslehren, die andere Religionen zuvor in die Welt gebracht haben. Davon gab es schon viele vor Jesus; erst jetzt ist er gekommen. Am Ende dieser Geschichte steht also die Frage, warum Gott Jesus nicht schon viel fr\u00fcher gesandt hat. Dann h\u00e4tte er den Menschen viele vergebliche Experimente erspart, und auch all die schrecklichen Glaubenskriege unserer Geschichte h\u00e4tte es dann nicht gegeben. \u00dcber dieses Problem haben die alten Christen auch sonst manchmal nachgedacht, und einige haben auch eine L\u00f6sung versucht. Darauf kann ich jetzt nicht mehr eingehen. Das Johannesevangelium jedenfalls bietet keine Antwort an, sondern bricht an dieser Stelle abrupt ab. Das ist ein beredtes Schweigen. Es soll besagen: Zerbrich dir nicht den Kopf dar\u00fcber, warum Gott die Welt so regiert, wie er das tut. Wer bist du denn, Mensch, dass du Gott Vorw\u00fcrfe machst, weil er nicht deinen oberschlauen menschlichen Vorstellungen gefolgt ist? &nbsp;Freu dich doch lieber \u00fcber das, was er dir geschenkt hat, und mach etwas Gutes daraus. Eine Hochzeit ist wie das erste \u201eZeichen\u201c Jesu ein Anfang. Sieh zu, dass nicht eine Scheidung darauf folgt, eine Scheidung von deinem Partner oder eine Scheidung von Jesus und damit von Gott selbst. Gott will, dass die Gemeinschaft, die mit der Hochzeit beginnt, ein Leben lang h\u00e4lt. Genauso dauerhaft soll die Freude \u00fcber die Gemeinschaft mit Gott sein. Sie kann sogar die schweren Stunden ertragen helfen, die es in jedem Leben auch gibt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Prof. em. Dr. Dietz Lange<\/p>\n<p>Insterburger Weg 1<\/p>\n<p>D-37083 G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:dietzclange@online.de\">dietzclange@online.de<\/a><\/p>\n<p>Dietz Lange, geb. 1933, 1977\u20131998 Professor f\u00fcr Systematische Theologie in G\u00f6ttingen, seit 1988 ehrenamtlicher Prediger an St. Marien<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wasser und Wein als Zeichen f\u00fcr Juden und Christen | Predigt zu Joh. 2,1\u201311 | verfasst von Dietz Lange |&nbsp; Liebe Gemeinde! \u201eAuf Hochzeit Hektoliter Wasser in Wein verwandelt! 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