{"id":4268,"date":"2021-01-13T12:13:10","date_gmt":"2021-01-13T11:13:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4268"},"modified":"2021-01-14T12:18:14","modified_gmt":"2021-01-14T11:18:14","slug":"das-hoeren-und-die-anderen-sinne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/das-hoeren-und-die-anderen-sinne\/","title":{"rendered":"Das H\u00f6ren und die anderen Sinne"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu 2. Mose 33,18-23; R\u00f6mer 12,6-16a; Johannes 2,1-11 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Christiane Gammeltoft-Hansen |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von allen Sinnen ist es wohl das Geh\u00f6r, das in der evangelisch-lutherischen Kirche am h\u00f6chsten gesch\u00e4tzt wird. Vieles k\u00f6nnen wir entbehren \u2013 nur nicht dies, dass uns etwas erz\u00e4hlt wird. Augen, Nase, Mund, Leib und Ohren. Das sind die vier Sinne. Aber das Ohr ist das beste. Das Auge ist ein Spiegel, der Signale auffangen kann auch auf geistigen Frequenzen. Erst h\u00f6ren, dann sehen. Das ist die Reihenfolge.<\/p>\n<p>Dennoch hebt man heute den Geschmackssinn und das Augenlicht hervor. Auch in den Bibeltexten selbst, wo sie aktiviert werden. Das geschieht in dem Bericht von einem Fest, das wegen seines Mangels in Erinnerung bleiben sollte, aber stattdessen wegen seines \u00dcberflusses im Ged\u00e4chtnis geblieben ist. Und das geschieht durch einen Gott, den wir erst nur von hinten sehen d\u00fcrfen, vor dessen Angesicht wir aber nichtsdestoweniger hier leben. \u201eIch will meine Hand \u00fcber dir halten, bis ich vor\u00fcbergegangen bin\u201c, sagt Gott zu Moses im 2. Buch Mose. \u201eDann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir hersehen, aber mein Angesicht darf man nicht sehen\u201c. Nichts kann die Vorstellungskraft, das innere Auge, so anregen wie ein Verbot<\/p>\n<p>Ein Photograph hat einmal gesagt, dass die Photographie immer etwas Melancholisches an sich hat. Sie ist ja aus der Vergangenheit. Sie zeigt, was gewesen ist, aber jetzt nicht mehr ist. Vielleicht will Gott deshalb nicht, dass Moses sein Angesicht sieht. Er will nicht in ein Bild eingefangen werden, das schnell Vergangenheit wird. Ein totes Photo.<\/p>\n<p>Aber ein Gesicht ist in sich selbst ja keineswegs tot. Wenn K\u00fcnstler uns sehen lassen wollen, benutzen sie deshalb oft ein Gesicht. Sie malen Portraits, weil da etwas besonders Eindringliches in einem Gesicht ist. Der Blick kann uns einfangen. Da ist etwas, was uns anspricht. Vielleicht eine Forderung, dass sich jemand meiner annimmt, so dass es zu einer Begegnung kommt.<\/p>\n<p>Selbst K\u00fcnstler, die nicht mit Pinseln malen, sondern mit Worten, m\u00fcssen Wortbilder verwenden \u00fcber das Gesicht. Wie z.B. die Beschreibung vom Blick eines Liebenden, die mit den Worten eines Dichters so klingen kann: \u201eSein Blick strich \u00fcber mich hinweg wie ein weicher Pinsel, der dabei war, Blattgold aufzutragen. Ich war dabei, veredelt zu werden, umgeschaffen von einem Blick\u201c.<\/p>\n<p>Und nicht nur der Blick bewirkt, dass das Gesicht etwas Besonderes wird. Auch die Gesichtsz\u00fcge haben ein besonderes Potenzial. Ein Gesicht kann sich ver\u00e4ndern und doch dasselbe sein. Was wir f\u00fchlen, was wir erleben, das hinterl\u00e4sst Spuren in unserem Gesicht. Freude und Leid zeichnen sich in ihm ab. Das Gesicht ver\u00e4ndert sich st\u00e4ndig. Es l\u00e4sst sich eben nicht einfangen. Es ist stets neu und bringt dadurch in irgendeiner Weise die Idee des Unendlich en zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Von Angesicht zu Angesicht \u2013 hier findet die Begegnung statt, und die Welt wird gr\u00f6\u00dfer. Von Angesicht zu Angesicht \u2013 hier k\u00f6nnen wir zuweilen auch pl\u00f6tzlich entdecken, dass wir liebens-wert sind.<\/p>\n<p>Ohne Gesicht wird es unmenschlich. So als handelte es sich um einen anonymen Gegenstand. Der Blick wird uns fehlen. Deshalb gen\u00fcgt es auch nicht mit einem Gott, den wir nur von hinten sehen d\u00fcrfen, so als sei er immer auf dem Wege weg von uns.<\/p>\n<p>Wir sollten uns nicht t\u00e4uschen \u2013 \u201een face\u201c, von Angesicht zu Angesicht, mit Gott zu leben, das bedeutet nicht, dass alle Geheimnisse durchschaut und alle R\u00e4tsel gel\u00f6st sind. Wie beim Wort haben wir auch das Gesicht nur unter der Bedingung der Deutung. So wie wir immer versuchen, das Gesicht von einander zu lesen: In welcher Gem\u00fctslage befindet sich der andere? Was meint der bzw. die andere mit dem was er bzw. sie sagt hat? Was bedeuten die Furchen im Gesicht? Spiegeln sie ein Leben mit viel Schmerz oder mit viel Lachen?<\/p>\n<p>Das Evangelium ist die Erz\u00e4hlung von einem Gott, der nahe ist. Ein Gott, der nicht von uns fortgeht, sondern der uns entgegenkommt. Das erste Mal, dass Jesus im Johannesevangelium \u00f6ffentlich auftritt, ist eine Hochzeit. Die Bewegung verl\u00e4uft in der entgegengesetzten Richtung wie die, die Moses erlebt. Hier ist niemand, der gebeten wird, sich zur\u00fcckzuziehen in dunkle Ecken oder Abstand zu halten. Da ist keine Hand, die uns die Ohren zuh\u00e4lt, w\u00e4hrend Gott vor\u00fcbergeht. Da wird ein Fest gefeiert, und Gott ist mit dabei.<\/p>\n<p>Die beiden Brautleute, sie haben wohl erlebt, durch den Blick des anderen veredelt zu werden. Nun f\u00fcgt Gott dann edlen Wein hinzu, gleichsam eine Veredlung des Lebens selbst, die sich in der Verwandlung aus Wasser in Wein verbirgt. Und wir sehen das alles in unserem inneren Blick. Die gro\u00dfen Kr\u00fcge, das klare Wasser und dann der tiefrote samtfarbige Wein. Und da sind die Ger\u00fcche, Geschmacksnuancen, und der Geist findet sich ein in mehr als einem Sinn.<\/p>\n<p>Es kann gut sein, dass wir in der Kirche nicht in dem Ruf stehen, ausgelassen und besonders festlich zu sein. Aber das ist nichtsdestoweniger das heutige Evangelium. Da ist Fest, und da gibt es genug zu trinken, das Fest kann lange Zeit weiter gehen. 600 bis 700 Liter Wein. Das ist immerhin etwas. Das kann munter werden.<\/p>\n<p>Und in all dem zeigt sich ein Gottesbild, das zeigt: Gott ist nicht der, der uns den R\u00fccken zukehrt, sondern der in die Welt und unsere Gemeinschaften hineintritt und sie bereichert. Das ist noch immer r\u00e4tselhaft. Das geht weit \u00fcber das hinaus, was wir verstehen und war unser denken fassen kann. Aber es ist ja auch deutlich. Das ist gn\u00e4dig und freigiebig.<\/p>\n<p>Und dann ist hinzuzuf\u00fcgen. Es war am dritten Tag, dass Hochzeit gefeiert wurde, schreibt Johannes. Es war auch am dritten Tag, dass Jesus von den Toten auferstand. Da ist irgendetwas an der Hochzeit, was nicht nur vom hier und jetzt handelt, sondern auch von dem, was kommt. Dass wir einem Fest dort in der Zukunft entgegensehen, wo die Ewigkeit beginnt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat das Ohr seine Bedeutung, denn das Wort bedeutet etwas, von Gott muss uns etwas erz\u00e4hlt werden. Aber da ist auch Leben in den anderen Sinnen. Der Geschmack des Weins bei einer Hochzeit wie auch beim Abendmahl. Das Rieseln von Wasser, das mit einer Hand \u00fcber den Kopf eines Kindes gegossen wird. Augen, die dem Blick eines anderen begegnen, und Augen, die entdecken, dass man selbst gesehen ist. Vielleicht h\u00f6ren wir ja auch besser, wenn die anderen Sinne mit dabei sind. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n<p>DK-2000 Frederiksberg<\/p>\n<p>E-mail: cgh(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu 2. Mose 33,18-23; R\u00f6mer 12,6-16a; Johannes 2,1-11 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Christiane Gammeltoft-Hansen | &nbsp; Von allen Sinnen ist es wohl das Geh\u00f6r, das in der evangelisch-lutherischen Kirche am h\u00f6chsten gesch\u00e4tzt wird. Vieles k\u00f6nnen wir entbehren \u2013 nur nicht dies, dass uns etwas erz\u00e4hlt wird. Augen, Nase, Mund, Leib und Ohren. Das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4254,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,39,41,659,1,2,185,157,283,114,658,425,660,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-4268","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-exodus","category-johannes","category-roemer","category-2-so-n-epiphanias","category-aktuelle","category-at","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-christiane-gammeltoft-hansen","category-deut","category-kapitel-02-chapter-02-johannes","category-kapitel-12-chapter-12-roemer","category-kapitel-33-chapter-33-exodus","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4268","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4268"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4268\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4269,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4268\/revisions\/4269"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4254"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4268"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4268"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4268"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=4268"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=4268"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=4268"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=4268"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}