{"id":4292,"date":"2021-01-19T17:16:37","date_gmt":"2021-01-19T16:16:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=4292"},"modified":"2021-01-19T17:20:45","modified_gmt":"2021-01-19T16:20:45","slug":"wechselseitig-gemeinsam-halten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wechselseitig-gemeinsam-halten\/","title":{"rendered":"Wechselseitig &#8211; gemeinsam&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Wechselseitig &#8211; gemeinsam halten wir die Treue zum Glauben durch. | 3. Sonntag nach Epiphanias, 24.1.2021 | Rut 1,1-19a | von Rainer Stahl |<\/h3>\n<p>\u201eDie Gnade unseres Herrn Jesus Christus,<\/p>\n<p>die Liebe Gottes<\/p>\n<p>und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes<\/p>\n<p>sei mit Euch allen!\u201c<\/p>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p>Eine besonders reiche Erinnerung an meine Arbeit als Generalsekret\u00e4r des Martin-Luther-Bundes in Erlangen ist diejenige an die verschiedensten Stipendiatinnen und Stipendiaten, die \u00fcber meiner Dienstwohnung und \u00fcber meinem B\u00fcro f\u00fcr jeweils einige Zeit in den Studierendenzimmern wohnten: Neben vielen Studierenden aus Deutschland z.B. eine Stipendiatin aus Japan, eine Stipendiatin aus Indonesien, ein Stipendiat aus Indien, der jetzt Bischof in seiner Kirche ist, zwei Stipendiaten aus Armenien, von denen einer heute Bischof seiner Kirche in Damaskus ist, ein Stipendiat aus Belarus \/ Wei\u00dfrussland, der mir auch manchmal beim Russischen geholfen hat, zwei Stipendiaten aus Russland, derer einer in Erlangen erfolgreich promovierte und jetzt das Seminar seiner evangelisch-lutherischen Kirche leitet, drei Stipendiaten aus Ungarn, von denen ich das Pfarrerehepaar schon in seiner Gemeinde besuchen konnte, ein Stipendiat aus Brasilien und zwei Stipendiaten aus Rum\u00e4nien, von denen der eine lange auch der Pfarrer an der orthodoxen Kapelle unseres Hauses war und dessen Gottesdienste mir in der gesamten Zeit ganz wichtig geworden sind: Einmal bat er mich, das Evangelium vorzutragen. Und der zweite rum\u00e4nische Stipendiat, den ich bis zu seiner Diakonats-Weihe in N\u00fcrnberg begleiten konnte. Oft bin ich auch nach den Gottesdiensten in der Gemeinschaft der rum\u00e4nischen Gemeinde im Saal unseres Martin-Luther-Bundes geblieben. Diese Dimensionen galten aber auch f\u00fcr die t\u00e4glichen Morgenandachten in unserer Kapelle w\u00e4hrend der Semester und besonders f\u00fcr das gemeinsame Zusammensitzen und das Singen unserer ber\u00fchmten Weihnachtslieder an jedem Abend des 24. Dezember, also am jeweiligen Heiligen Abend, durch alle, die auch \u00fcber unser westkirchliches Weihnachten in Erlangen geblieben waren.<\/p>\n<p>Was ich da miterleben und auch mitgestalten konnte, hatte und hat Wurzeln bis tief in die Geschichte hinein, sogar weit zur\u00fcck \u00fcber die christliche Kirche hinaus bis in die fr\u00fche Geschichte des Judentums hinein. Ein entscheidender Beleg daf\u00fcr ist das B\u00fcchlein, aus dem f\u00fcr heute die ersten Verse als Predigttext empfohlen werden: das B\u00fcchlein Rut. Es ist bei unseren j\u00fcdischen Freunden der Lesetext zum Wochenfest, dem unser Pfingstfest entspricht. Also leben unsere j\u00fcdischen Freunde in ganz entscheidender Weise von der Botschaft dieses B\u00fcchleins. Und auch wir als Gemeinde der \u00fcbernationalen, der umfassenden christlichen Kirche wollen uns darauf einlassen.<\/p>\n<p>Zwei Seiten sind mir in unserem Abschnitt bewusst geworden:<\/p>\n<p>Die eine nehme ich als merkw\u00fcrdig, ja: ein St\u00fcck weit als belastend wahr,<\/p>\n<p>die andere aber als erhellend, als Zukunft er\u00f6ffnend.<\/p>\n<p>F\u00fcr beide Seiten ist die Voraussetzung der gesamten Handlung grundlegend, einer Geschichte von Wirtschaftsfl\u00fcchtlingen:<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p>\n<p>1a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und es geschah in den Tagen \/ in der Zeit, in denen \/ in der die Richter richteten \/<\/p>\n<p>herrschten:<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Da entstand eine Hungersnot im Land.<\/p>\n<p>c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und es ging \/ es floh als Hungerfl\u00fcchtling ein Mann von Bethlehem \/ von \u201eBrothausen\u201c<\/p>\n<p>in Juda, um sich als Gast niederzulassen im Feld \/ in den Gefilden Moabs,<\/p>\n<p>er, seine Frau und seine beiden S\u00f6hne.<\/p>\n<p>2a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und der Name des Mannes war \u2018Elim\u00e4l\u00e4ch \/ \u201eMein Gott ist K\u00f6nig\u201c.<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und der Name der Frau war No<sup>c<\/sup>omi \/ \u201edie Liebliche\u201c.<\/p>\n<p>c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und die Namen seiner beiden S\u00f6hne waren Machlon \/ \u201eder Schw\u00e4chliche\u201c und Kiljon \/<\/p>\n<p>\u201eder Gebrechliche\u201c.<\/p>\n<p>d\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Sie waren Efraititer aus Bethlehem \/ \u201eBrothausen\u201c in Juda.<\/p>\n<p>e\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Als sie auf das Feld \/ in die Gefilde Moabs gekommen waren, blieben sie dort.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich wird dieser Auftakt durch die Gegens\u00e4tze zwischen \u201eBrothausen\u201c, das kein Brot hat, und den \u201eGefilden Moabs\u201c, in denen das \u00dcberleben m\u00f6glich wird, spannungsreich und bewegend: So viel ist mit so wenigen Worten gesagt!<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> Das galt f\u00fcr die vorgestellte alte Zeit und gilt auch f\u00fcr Situationen heute. F\u00fcr Fl\u00fcchtlinge hei\u00dft diese Situation ganz allt\u00e4gliches \u00dcberleben, hei\u00dft gewiss nicht leichtes, sondern wohl eher beschwerliches \u2013 aber hei\u00dft: m\u00f6gliches \u00dcberleben!<\/p>\n<p>Eine in der Geschichte zuk\u00fcnftig ganz entscheidende Wendung fehlt f\u00fcr diese Anfangszeit v\u00f6llig, fehlt \u00fcber zehn Jahre (!) des Lebens auf den \u201eGefilden Moabs\u201c: ein Kind!<\/p>\n<p>3a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und es starb \u2018Elim\u00e4l\u00e4ch \/ \u201eMein Gott ist K\u00f6nig\u201c, der Mann der No<sup>c<\/sup>omi \/ \u201eder Lieblichen\u201c.<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und sie blieb zur\u00fcck: Sie und ihre beiden S\u00f6hne.<\/p>\n<p>4a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und sie nahmen sich moabitische Frauen.<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Name der einen war <sup>c<\/sup>Orpa \/ \u201edie ihren R\u00fccken Kehrende\u201c,<\/p>\n<p>c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und der Name der anderen war Rut \/ \u201edie Freundin\u201c.<\/p>\n<p>d\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Als sie aber dort zehn Jahre lang gelebt hatten,<\/p>\n<p>5a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 starben auch sie beide \u2013 Machlon \/ \u201eder Schw\u00e4chliche\u201c und Kiljon \/ \u201eder Gebrechliche\u201c \u2013,<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 so dass zur\u00fcckblieb die Frau nach ihren beiden Kindern und nach ihrem Mann.<\/p>\n<p>Daraufhin entschlie\u00dfen sich die \u00fcbriggebliebenen Frauen, nach Juda, nach Bethlehem \/ nach \u201eBrothausen\u201c zu gehen \u2013 No<sup>c<\/sup>omi \/ \u201edie Liebliche\u201c zur\u00fcckzugehen, <sup>c<\/sup>Orpa \/ \u201edie ihren R\u00fccken Kehrende\u201c und Rut \/ \u201edie Freundin\u201c erstmals dorthin zu gehen. Sie beschlossen dies, weil sie erfahren hatten, dass sich das Klima und die Erntebedingungen in Juda und in Bethlehem \/ in \u201eBrothausen\u201c zum Besseren ge\u00e4ndert hatten:<\/p>\n<p>6a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und sie stand auf, sie und ihre Schwiegert\u00f6chter.<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und sie kehrte vom Feld \/ aus den Gefilden Moabs zur\u00fcck,<\/p>\n<p>c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 denn sie hatte auf dem Feld \/ auf den Gefilden Moabs geh\u00f6rt,<\/p>\n<p>d\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dass Jahwe \/ \u201eder Herr\u201c nachgesehen habe nach seinem Volk, um ihnen Brot zu geben.<\/p>\n<p>7a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und sie zog aus von dem Ort, an dem sie und ihre zwei Schwiegert\u00f6chter mit ihr<\/p>\n<p>gewesen waren.<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Als sie auf dem Weg unterwegs waren, um in das Land Juda zur\u00fcckzukehren,<\/p>\n<p>8a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 da sagte No<sup>c<\/sup>omi \/ \u201edie Liebliche\u201c zu ihren zwei Schwiegert\u00f6chtern:<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00bbGeht doch!<\/p>\n<p>c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Eine jede kehre um zum Haus der Mutter!<\/p>\n<p>d\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Es m\u00f6ge Jahwe \/ \u201eder Herr\u201c euch G\u00fcte bewirken, wie ihr sie den Verstorbenen und mir<\/p>\n<p>bewirkt hattet.<\/p>\n<p>9a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Es gebe euch Jahwe \/ \u201eder Herr\u201c,<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dass ihr Ruhe findet, eine jede im Haus ihres Mannes \/ in der Sippe ihres Mannes.\u00ab<\/p>\n<p>Eine sprachliche Besonderheit will ich hervorheben. Sie ist so anders als alles, was ich gelernt hatte: Wir wissen, dass die Gesellschaften damals vom Vater her, also \u201epatrilinear\u201c organisiert waren. Der Vater war das Haupt der Familie, derjenige, der alles bestimmte, denen alle untergeordnet waren. Und da verwenden die Verfasser dieser Geschichte mit Blick auf zwei Frauen, die gerade ihre M\u00e4nner verloren hatten: Sie sollen ins \u201eHaus der Mutter\u201c zur\u00fcckkehren, sie sollen Ruhe finden \u201eim Haus ihres Mannes\u201c! Als ich diesen letzten Satzteil \u00fcbersetzte, hatte ich erst ganz selbstverst\u00e4ndlich \u201ein der Sippe ihres Vaters\u201c geschrieben, bis mich die Verdeutschung durch Martin Buber auf meinen Fehler aufmerksam machte! Also schon im 3. Jahrhundert vor Christus wurden in der Gesellschaft ganz vielf\u00e4ltige Positionen vertreten \u2013 auch diese, die die Rollen der Frauen ganz neu w\u00fcrdigt. Ich habe aber nicht gefunden, dass diese Aussagen im B\u00fcchlein Rut als Begr\u00fcndung daf\u00fcr gegeben werden, dass bei den meisten unserer j\u00fcdischen Freunde das Jude-Sein von der Mutter her bestimmt wird, also \u201ematrilinear\u201c bestimmt wird.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a> Aber es ist doch interessant, wie in diesem alten Text und in dieser besonderen Situation die Bedeutung der Mutter betont wird: Die Schwiegert\u00f6chter haben ja nur die Chance, in die \u201eH\u00e4user ihrer M\u00fctter\u201c zur\u00fcckzukehren und dann von dort aus mit Hilfe ihrer M\u00fctter neue Partnerschaften zu finden, also jeweils in einem \u201eHaus ihres Mannes\u201c Heimat zu finden! Weist uns das nicht auch darauf hin, unserer Mutter, unseren Gro\u00dfm\u00fcttern besonders dankbar zu sein?<\/p>\n<p>In unserer Geschichte wird jener Weg von Osten nach Westen, von Moab nach Juda, von der H\u00f6he Moabs hinunter ins Jordantal, n\u00f6rdlich am Toten Meer vorbei und dann hinauf nach Juda s\u00fcdlich von Jerusalem durch f\u00fcr mich ganz merkw\u00fcrdige Gedanken gepr\u00e4gt. Der Abschnitt, in dem diese Gedanken ge\u00e4u\u00dfert werden, stellt f\u00fcr mich die belastende Seite dieses biblischen Textes dar \u2013 \u00fcbrigens in der \u201eBibel in gerechter Sprache\u201c in keiner Weise ver\u00e4ndert:<\/p>\n<p>11a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Da sagte No<sup>c<\/sup>omi \/ \u201edie Liebliche\u201c:<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00bbKehrt um, meine T\u00f6chter!<\/p>\n<p>c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Warum wollt ihr mit mir gehen?<\/p>\n<p>d\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Sind mir noch S\u00f6hne in meinem Mutterleib,<\/p>\n<p>e\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dass sie f\u00fcr euch zu M\u00e4nnern werden k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>12a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kehrt um, meine T\u00f6chter, zu gehen!<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Denn ich bin zu alt, um mit einem Mann sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wenn ich sagte, mir w\u00e4re noch Hoffnung,<\/p>\n<p>d\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 w\u00e4re ich noch diese Nacht bei meinem Mann<\/p>\n<p>e\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und w\u00fcrde auch S\u00f6hne geb\u00e4ren,<\/p>\n<p>13a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 so dass ihr warten w\u00fcrdet,<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 bis sie herangewachsen w\u00e4ren,<\/p>\n<p>c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 so dass ihr [inzwischen] gehindert w\u00e4ret, mit einem Mann zusammen zu sein!<\/p>\n<p>d\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Nein, meine T\u00f6chter!\u00ab<\/p>\n<p>Dieses Frauenbild, das entsprechend der Handlung unserer Geschichte von einer Frau entworfen wird (!), k\u00f6nnen wir doch in dieser Ausschlie\u00dflichkeit nicht \u00fcbernehmen! Wo sind da Hilfen f\u00fcr den Schulbesuch von M\u00e4dchen, f\u00fcr ihre Jahre als Auszubildende, als Studentinnen, f\u00fcr ihre Existenz als Berufst\u00e4tige? Und dies gewiss auch mit der M\u00f6glichkeit, Kinder zu haben und sie gro\u00dfzuziehen! Hier wird eine Rollensituation deutlich gemacht, die ich als m\u00e4nnlicher Prediger jedenfalls in keiner Weise bewerbend verbreiten kann!<\/p>\n<p>Bewusst habe ich deshalb einen Entwurf meiner Predigt mit zwei Kolleginnen ausgetauscht. Durch sie wurde ich auf eine wichtige Dimension hingewiesen, die ich schon zu \u00fcbersehen drohte: Wie stark diese Aussagen an der spezifischen Situation h\u00e4ngen, um die es hier geht: Hier wird eine Lebenssituation erz\u00e4hlt, die es nur hier und wohl nie wieder gibt, die es jedenfalls f\u00fcr uns heute kaum geben d\u00fcrfte. Wir leben in einer Welt, in der Frauen und M\u00e4nner ein sinnvolles und sicheres Leben finden k\u00f6nnen, ohne Kinder zu haben, ohne <u>den<\/u> Sohn zu geb\u00e4ren, der dann ihr eigenes Leben in eine gute Zukunft f\u00fchren wird. Aber die Situation der No<sup>c<\/sup>omi, \u201eder Lieblichen\u201c, und dann der Rut, \u201eder Freundin\u201c, ist ja eine v\u00f6llig andere: Sie stellen sich einer totalen Existenzgef\u00e4hrdung und Zukunftslosigkeit \u2013 und werden, so Rut, \u201edie Freundin\u201c, im weiteren Gang der Geschichte eine neue und \u00fcberraschende Zukunft gewinnen, die jetzt, auf dem Weg von Moab nach Juda noch gar nicht im Blick war. Die Frauen, besonders Rut, \u201edie Freundin\u201c, lassen sich auf eine tiefe Glaubensexistenz ein!<\/p>\n<p>Wenn ich jetzt aber \u00fcber diese spezifische Situation hinaus nach M\u00f6glichkeiten f\u00fcr uns heute frage, nehme ich zwei grundlegende \u00dcberzeugungen, zwei grundlegende Positionen wahr:<\/p>\n<p>+\u00a0 Wir m\u00e4nnlichen Leser kennen sicher Frauen, die bereit sind, Immenses auf sich zu nehmen, um endlich ein Kind zu bekommen \u2013 Frauen, die diese S\u00e4tze mit tiefer innerer Zustimmung lesen w\u00fcrden. Aber auch viele Leserinnen lesen diese S\u00e4tze gewiss als Ausdruck ihrer Bereitschaft, Immenses auf sich zu nehmen, um endlich ein Kind zu bekommen \u2013 oder haben das getan.<\/p>\n<p>+\u00a0 Und wir m\u00e4nnlichen Leser kennen sicher auch Frauen, die ihr Leben ganz von ihrem beruflichen Leben her gestalten, die Kinder nicht haben (sie vielleicht auch nicht haben wollen) \u2013 Frauen, die diese S\u00e4tze gewiss mit Unverst\u00e4ndnis lesen. Aber auch manche Leserin wird diese S\u00e4tze mit Verst\u00f6rung lesen, will sie doch ihr Leben ganz von ihrem beruflichen Leben her gestalten und deshalb Kinder gar nicht haben wollen.<\/p>\n<p>Die andere Seite aber, die Zukunft er\u00f6ffnende Seite, die erhellende Seite ist mir vor diesem unsicheren Hintergrund \u2013 angesichts dessen ich zwischen Extremen hin- und herschwanke \u2013 umso wichtiger:<\/p>\n<p>16a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Da sagte Rut \/ \u201edie Freundin\u201c:<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00bbBedr\u00e4nge mich nicht, dich zu verlassen, von dir umzukehren.<\/p>\n<p>c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Denn wohin du gehst,<\/p>\n<p>d\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 will ich gehen!<\/p>\n<p>e\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Und wo du bleibst,<\/p>\n<p>f\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 will ich bleiben!<\/p>\n<p>g\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Dein Volk ist mein Volk<\/p>\n<p>h\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und dein Gott ist mein Gott!<\/p>\n<p>17a\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wo du stirbst,<\/p>\n<p>b\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 will ich sterben<\/p>\n<p>c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und will dort begraben sein!\u00ab<\/p>\n<p>Nie vergesse ich, dass ich bei Lehrveranstaltungen im Fachgebiet Altes Testament gern warnend auf dieses Wort hingewiesen habe: \u201eNehmen Sie das nie als Bibelwort f\u00fcr eine Trauung, denn das sagt hier eine Schwiegertochter zu ihrer Schwiegermutter!\u201c Wenn ich mich recht erinnere, habe ich sogar einmal bei einem Traugespr\u00e4ch davon abgeraten, dieses Bibelwort zu w\u00e4hlen. Jetzt aber habe ich verstanden, dass es immer noch oft verwendet, sogar auf einer Homepage-Seite der Evangelischen Kirche in Deutschland f\u00fcr eine bestimmte Situation genannt werde.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a><\/p>\n<p>Ausschlie\u00dflich f\u00fcr die Sondersituation der Ehe passt es meiner \u00dcberzeugung nach nicht! \u2013 Man denke einmal an die Rollenzuordnung zu einem Ehepartner, zu einer Ehepartnerin: Die eine Person w\u00fcsste den Weg, dem \/ der die andere folgen sollte, die eine Person h\u00e4tte den richtigen Glauben, an den sich die andere anpassen m\u00fcsste. Nein: Was f\u00fcr eine \u00dcberlastung einer Ehe w\u00e4re das!<\/p>\n<p>Aber als wechselseitiges Aufmerken zwischen einander, dann gewiss auch in einer Ehe, enthalten die S\u00e4tze der Rut \/ \u201eder Freundin\u201c f\u00fcr uns <u>die<\/u> Botschaft: Jede Person h\u00f6rt auf die andere Person, gemeinsam beraten sie das Ziel des gemeinsamen Weges, gemeinsam entscheiden sie, zu welcher Gemeinschaft sie geh\u00f6ren wollen, gemeinsam \u00fcben sie sich in Treue zu dem einen Glauben!<\/p>\n<p>So hatte ich in einem orthodoxen Ostergottesdienst in der Kapelle in Erlangen den Gru\u00df wirklich gelernt, weil ich ihn zusammen mit den anderen mehrmals singen konnte:<\/p>\n<p>\u201cHristos a \u00eenviat!\u201d \u2013 \u201cAdevarat a \u00eenviat!\u201d \u2013 in rum\u00e4nischer Sprache.<\/p>\n<p>Und bei einem Besuch in Russland, als das Osterfest auf einen identischen Termin fiel, war ich nat\u00fcrlich erst nachts im orthodoxen Gottesdienst und hatte mit allen zusammen gesungen:<\/p>\n<p>\u00ab\u0425\u0440\u0438\u0441\u0442\u043e\u0441 \u0432\u043e\u0441\u043a\u0440\u0435\u0441\u0435!\u00bb \u2013 \u00ab\u0412\u043e\u0438\u0441\u0442\u0438\u043d\u0443 \u0432\u043e\u0441\u043a\u0440\u0435\u0441\u0435!\u00bb [\u201cChristos woskrese!\u201d \u2013 \u201cWoistinu woskrese!\u201d]<\/p>\n<p>Beide Gr\u00fc\u00dfe \u00fcbrigens in beiden Kirchen, in der Rum\u00e4nischen Orthodoxen Kirche und in der Russischen Orthodoxen Kirche, mit derselben Melodie! Denn diese Kirchen verdanken den Ostergru\u00df und seine Melodie der Griechischen Orthodoxen Kirche! Da orientieren sich also zwei Kirchen an einer dritten, die ihnen Erfahrungen f\u00fcr Heimat anbietet!<\/p>\n<p>War das ein Erlebnis f\u00fcr mich! Dass ich die Melodie in Russland schon kannte, obwohl ich dort fast zum ersten Mal die G\u00f6ttliche Liturgie zum Osterfest in der Gemeinde mitgefeiert hatte! Was war das f\u00fcr eine Erfahrung: \u201eChristus ist auferstanden!\u201c \u2013 \u201eEr ist wahrhaftig auferstanden!\u201c in solch verbindender Gemeinschaft!<\/p>\n<p>Da hatten sich die Kirchen gegenseitig anregen lassen, dorthin zu gehen, wohin die andere geht, dort zu bleiben, wo die andere bleibt, zu erkennen: Deine Gemeinschaft ist unsere Gemeinschaft! Dein Gott ist unser Gott! Jede Kirche mit Blick auf die andere Kirche \u2013 hatte das erkannt! So geheimnisvoll verk\u00fcndigt uns das Wort aus dem B\u00fcchlein Rut diese gro\u00dfe Wahrheit!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>\u201eUnd der Friede Gottes,<\/p>\n<p>der h\u00f6her ist als unsere Vernunft,<\/p>\n<p>bewahre Eure Herzen und Sinne bei Christus Jesus, unserem Herrn!\u201c<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Lied nach der Predigt: Evangelisches Gesangbuch 331: \u201eGro\u00dfer Gott, wir loben dich\u201c \u2013 Strophen 3-7, besonders Strophe 6:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eDu, des Vaters ewger Sohn,<\/p>\n<p>hast die Menschheit angenommen,<\/p>\n<p>bist vom hohen Himmelsthron<\/p>\n<p>zu uns auf die Welt gekommen,<\/p>\n<p>hast uns Gottes Gnad gebracht,<\/p>\n<p>von der S\u00fcnd uns frei gemacht.\u201c<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Dr. Rainer Stahl<\/p>\n<p>Erlangen<\/p>\n<p><a href=\"mailto:rainer.stahl.1@gmx.de\">rainer.stahl.1@gmx.de<\/a><\/p>\n<p>1951 geboren, Studium der Theologie in Jena, Assistent im Alten Testament, 1981 ordiniert, Pfarrer der Ev.-Luth. Kirche in Th\u00fcringen, zwei Jahre lang Einsatz beim Lutherischen Weltbund in Genf, dann Pfarrer in Altenburg, Alttestamentler an der Kirchlichen Hochschule in Leipzig, Referent des Th\u00fcringer Landesbischofs in Eisenach, seit 1998 Dienst f\u00fcr den Martin-Luther-Bund (das lutherische Diasporawerk) in Erlangen, seit 2016 im Ruhestand.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a>\u00a0\u00a0 Neben der Biblia Hebraica Stuttgartensia habe ich f\u00fcr die \u00dcbersetzung genutzt:<\/p>\n<ol start=\"33\">\n<li>Richter: Biblia Hebraica transcripta, BH<sup>t<\/sup>, Megilloth, Arbeiten zu Text und Sprache im Alten Testament, 33.13. Band, St. Ottilien 1993, S. 2-9, vor allem f\u00fcr Anregungen f\u00fcr die Satzaufteilungen. Hier ist richtig auffallend, dass die S\u00e4tze oft \u00fcber die Versaufteilung hinaus bestehen!<\/li>\n<\/ol>\n<p>H.W. Hoffmann: Alttestamentliche Texte der Predigtreihe II philologisch erschlossen, M\u00fcnchen 2020, S. 17-22.<\/p>\n<p>Martin Buber: Die Schriftwerke verdeutscht. Die Schrift 4, Stuttgart 1992, S. 361-362,<\/p>\n<p>und die \u00dcbersetzung des Buches Rut durch Renate Jost in: Bibel in gerechter Sprache, G\u00fctersloh 2006, S. 1313-1314.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a>\u00a0\u00a0 Als Einf\u00fchrung in die alttestamentlichen Probleme empfehle ich: Corinne Lanoir: Rut, in: Einleitung in das Alte Testament, hg. von Thomas R\u00f6mer, Jean-Daniel Macchi, Christoph Nihan, Z\u00fcrich 2013, S. 585-591.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a>\u00a0\u00a0 Vgl.: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Patrilinearit\u00e4t\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Patrilinearit\u00e4t<\/a> (Zugriff am 6.1.2021). Und vgl.: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wer_ist_Jude\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wer_ist_Jude<\/a>? (Zugriff am 9.1.2021). Hier gibt es Unterschiede zwischen der rabbinischen Praxis, die die matrilineare Abstammung festgelegt hat, und der karaitischen Praxis, nach der es ausreicht, dass ein Elternteil j\u00fcdisch ist, damit das Kind auch Jude werden kann.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a>\u00a0\u00a0 Vgl.: 3. Sonntag nach Epiphanias (Reihe III): Rut 1,1-19, in: Die neuen alttestamentlichen Perikopentexte. Exegetische und homiletisch-liturgische Zugange, hg. von A. Deeg und A. Sch\u00fcle, Leipzig <sup>2<\/sup>2018, S. 156-162, jetzt: S. 159.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wechselseitig &#8211; gemeinsam halten wir die Treue zum Glauben durch. | 3. Sonntag nach Epiphanias, 24.1.2021 | Rut 1,1-19a | von Rainer Stahl | \u201eDie Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!\u201c Liebe Leserin, lieber Leser! Liebe Schwestern und Br\u00fcder! Eine besonders reiche Erinnerung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4290,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,665,1,2,157,114,664,349,109,313],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-4292","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rut","category-3-so-n-epiphanias","category-aktuelle","category-at","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-01-chapter-01-rut","category-kasus","category-predigten","category-rainer-stahl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4292","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4292"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4292\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4295,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4292\/revisions\/4295"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4290"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4292"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=4292"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=4292"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=4292"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=4292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}